Matteo Schürenberg

Fachtag Erinnerungsarbeit: Bilaterale Begegnungschancen für Fachkräfte-Qualifikationen in der deutsch-griechischen Erinnerungsarbeit

Je intensiver die Aktivitäten für die Zusammenarbeit in den deutsch-griechischen Beziehungen, desto mehr stellt sich die Frage, wer diese Programme in beiden Ländern konzipiert, organisiert und vernetzt. Denn so verständlich das erste Augenmerk auf die eigentlichen Ziele, Themen, Begegnungen eines Projekts auch ist – und so beachtlich sich die „wildwüchsige“ Ideen- und Schaffenskraft zivilgesellschaftlicher Engagierter ausnimmt, die oftmals notgedrungen einfach loslegen und dabei sehr viel bewegen: Sollen diese Impulse dauerhaft wie breitenwirksam sein, braucht es neben aller ehrenamtlichen Initiative immer auch Qualifikation und Professionalisierung.

Matteo Schürenberg
Matteo Schürenberg BildImage: Christian Herrmann

Matteo Schürenberg ist Mitglied im Vorstand von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Er studierte Politikwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf erinnerungspolitische Fragen in Freiburg und Berlin. Heute arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für einen Bundestagsabgeordneten und lebt pendelnd in Berlin und Schleswig-Holstein.

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Gerade Ehrenamtliche fordern Professionalisierung

Das zeigte sich in der zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe ebenso wie bei bilateralen Austauschvorhaben – und wird immer wieder gerade von jenen Pionieren erfolgreicher Projekte eingefordert, die oftmals als Autodidakten aus dem Stand heraus begannen, nun aber an ihre Grenzen von Ehrenamt und Improvisation stoßen, wo erfolgreiche Erstlingsarbeit verstetigt, vertieft oder ausgeweitet werden soll.

Daher diskutierten Praktiker und Multiplikatoren, Ehren- und Hauptamtliche aus ganz unterschiedlichen Feldern der Bildungs- und Begegnungsarbeit, welche Inhalte und Formen Fachkräftequalifikationen für Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit allgemein, insbesondere aber im deutsch-griechischen Jugendaustausch haben (sollten). Ausgehend von den eigenen Erfahrungen sammelten die Teilnehmer zunächst den bestehenden Qualifizierungsbedarf, um dann entsprechende Ansatz- und Schwerpunkte für konkrete Qualifizierungsmaßnahmen zu umreißen.

Starkes Engagement trotz wenig Professionalisierung

Panos Poulos, der mit seiner NGO Filoxenia im Bildungsbereich Pionierarbeit leistet – auch mit einem Fachkräfteseminar für den Jugendaustausch in der Erinnerungsarbeit – berichtete mit Nachdruck von seinen konkreten Erfahrungen in Griechenland: Demnach besteht im Bildungs- und Sozialbereich ein strukturelles Defizit an Aus- und Fortbildung sowie allgemein professionellen Standards, das zusätzlich durch ein vielfach eher antagonistisches Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft erschwert wird. Weil bereits im überakademisierten Universitätssystem praxisnahe Studiengänge wie Soziale Arbeit fehlen, mangelt es an anerkannten Abschlüssen und entsprechenden professionell ausgebildeten Fachkräften. Zudem gibt es universitär kaum Forschungs- und Beratungskapazitäten. Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Institutionen Deutschlands existieren auch im intermediären Bereich keine vergleichbaren Akademien, Kammern oder Servicestellen, so dass Ehrenamtliche oftmals von der Pike auf ihre Projekte „von unten“ vor Ort aufziehen müssen.

So kommt es auch kaum zu horizontaler Vernetzung, z.B. an der für die Erinnerungsarbeit wichtigen Schnittstelle von Bildungsarbeit, historischer Forschung, Opferverbänden und Politik. Panos Poulos fand dafür ein konkretes Beispiel: „Dass eine solche Konferenz eines Ministeriums mit so unterschiedlichen Akteuren just in einer Gedenkstätte mit ihrem Bildungs- und Gästehaus stattfinden konnte, sei für griechische Partner wohl etwas ganz Neues.

Dabei gibt es in der traditionell lebendigen Vereinskultur lokaler Kultur- und Folkloreassoziationen durchaus ein Potenzial an Engagement und Kontakten. Zu erfolgreicher Projektarbeit kommt es zumeist dort, wo auf kommunaler Ebene eine Kooperation zwischen örtlicher Zivilgesellschaft und aufgeschlossenen Kommunalverwaltung gelingt, wie auch die langjährig in Distomo engagierte Sozialarbeiterin Brigitte Spuller bestätigte. Dann organisieren Tanzverein und Heimatkundemuseum zusammen mit dem Bürgermeister ein Geschichtsprojekt zu einem NS-Massaker im eigenen Dorf. Aber auch innergesellschaftlich breit, zugleich international verankerte Organisationen wie die Pfadfinder-Bewegung eignen sich als etablierte Träger für Austauschvorhaben, was Magdalena Stefanska (Wilde Rose e.V.) anhand einer deutsch-griechischen Begegnungsstätte auf Kreta veranschaulichen konnte.

Bürgerschaftliche Eigeninitiative, persönliche Verbindungen und Ortskenntnis machen fehlende Mittel wett, ja ermöglichen in den historisch vielfach konfliktbelasteten Märtyrergemeinden mitunter überhaupt erst die Anfänge eines Aussöhnungsprozesses: Vertrauen in einen aufrichtigen Versuch der Aufarbeitung zu gewinnen, so dass es dann auch zu Begegnung und Zusammenarbeit kommen kann.

Doch so beachtlich diese ehrenamtliche Pionierarbeit im Einzelnen auch ist – um dieses Engagement zu verstetigen braucht es eher früher als später eine Professionalisierung. Zwar können EU-Fördertöpfe, -Bildungsprogramme und -Zertifikate immerhin zum Teil fehlende Strukturen im Land wettmachen. Allerdings sind diese EU-Angebote meist nur komplementär zu den nationalen Institutionen angelegt. Letztlich bedarf es in Griechenland mittelfristig entsprechender Strukturreformen und erheblich größerer Mittel.

Von Geschichtswerkstätten zu Institutionenlandschaft

Umgekehrt berichteten Dr. Denis Riffel (Gegen Vergessen/Für Demokratie), Ingolf Seidel (Agentur für Bildung) und Angelika Meyer (Gedenkstätte Ravensbrück) vom vergleichsweise ausdifferenzierten Bildungssektor in Deutschland mit zahlreichen Möglichkeiten zur Aus- und Fortbildung, Beratung und Vernetzung. Gerade auch im Erinnerungsfeld hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Professionalisierung stattgefunden. Aus den Anfängen lokaler Geschichtswerkstätten und Erinnerungsinitiativen der 1980er Jahre, die oft gegen erhebliche Widerstände anzukämpfen hatten, etablierte sich eine vielfältige Erinnerungslandschaft mit staatlichen oder zumindest stark öffentlich mitfinanzierten Gedenk- und Dokumentationsstätten, Stiftungen und Vereinen, Forschungs- und Fortbildungsstellen. Eine Teilnehmerin pointierte ironisch, es sei fast schon ein Zuviel und Nebeneinander an ausdifferenzierter Professionalisierung und Förderung.

Komplementäre Chancen zwischen Professionalisierung und do it yourself

Zugespitzt lassen sich Bedarf, Voraussetzungen und Anforderungen an deutsch-griechische Fachkräfte-Qualifikationen zwischen Do-it-yourself und Professionalisierung, Unterfinanzierung und Förder-Dschungel, zivilgesellschaftlicher Unabhängigkeit und Etatisierung verorten. So unterschiedlich also die Ausgangslage in beiden Ländern ist – umgekehrt erwächst just aus dieser strukturellen Asymmetrie ein komplementäres Potential für den bilateralen Austausch; gerade auch in gemeinsamen Qualifikationsprogrammen für entsprechende Fachkräfte. So gelang im deutsch-französischen oder auch –polnischen und -türkischen Verhältnis die bilaterale Zusammenarbeit nicht zuletzt in einem durchaus verbindend-dynamischen Spannungsverhältnis der gemeinsamen Geschichte von Zweitem Weltkrieg, NS-Besatzung aber auch wirtschaftlicher Verflechtung, Migration und Europäischer Einigung. Bilateralen Jugendwerke und Austauschprogramme wie der DAAD können als Best-Practice-Beispiele für deutsch-griechische Projekte dienen, gerade auch mit Blick auf erfolgreich überbrückten Unterschiede dieser in vielerlei Hinsicht ungleichen Länderpaare, betonte Christiane Reinholz-Asolli (IJAB).

Bilaterale Voraussetzungen und Anforderungen

Freilich müssen solche Programme dieser Vielfältigkeit gerecht werden. Für Träger und Trainer von Fortbildungen gilt es, interkulturell sensibel mit historischen Konfliktlagen aber auch sozio-professionellen Unterschieden umzugehen. Aufgrund des stark variierenden Entwicklungsstandes müssen die Programme thematisch möglichst breit und niedrigschwellig angelegt werden – fachliche, methodische Fragen wie auch Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit abdecken. Eine möglichst flexible Modularisierung und lebendig-aktivierende Formen des informellen und modellhaften Lernens bieten sich hierfür an. Neben Programmphasen des bilateralen Austauschs braucht es auch getrennte Einheiten, in denen die Ländergruppen in der Muttersprache eigene Erfahrung und neue Begegnung offen reflektieren und für sich annehmen können.
Damit Qualifikationsmaßnahmen von Teilnehmern tatsächlich angenommen und nachhaltig wirksam werden, sollte möglichst praxisnah fortgebildet werden, indem man konkrete Projekte und sozioökonomische Kontexte einbezieht: Interdisziplinär offen für Ehrenamtliche, Seiten- und Quereinsteiger, bedarfsorientiert für kleine Gedenkinitiativen aber auch den Sport- oder Folkloreverein. Möglichst direkte Partnerkooperationen z.B. zwischen Universitäten, Betrieben, Kirchen oder Kommunalverwaltungen. Sozioökonomisch sinnvoll durch professionelle Schlüsselqualifikationen und zertifizierte Abschlüsse für die Teilnehmenden bzw. einem konkreten Nutzen der angeschobenen Projekte vor Ort, z.B. durch die Verbindung von Erinnerungsarbeit und Tourismus oder Sozial- und Bildungsprojekten.



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