Carolin

Fachtag Erinnerungsarbeit: Chancen multilateraler Jugendbegegnungen zur Erinnerungsarbeit

Die Teilnehmer/innen des Workshops „Chancen multilateraler Jugendbegegnungen zur Erinnerungsarbeit“ setzten sich mit den vielfältigen Aspekten multilateraler Jugendbegegnungen im Allgemeinen und im Speziellen zur Erinnerungsarbeit auseinander. Dabei wurde insbesondere auf den Ansatz der Verflechtungsgeschichte („Histoire croisée“) als Perspektive für die non-formale Bildungsarbeit mit Jugendlichen eingegangen und Methoden, die diesen Ansatz berücksichtigen, vorgestellt. Darüber hinaus wurden Fragen über den Mehrwert multilateraler Jugendbegegnungen zur Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte im Vergleich zu bilateralen Begegnungen, deren Dynamiken und was bei der Planung und Durchführung zu beachten ist, thematisiert.

Carolin Wenzel
Carolin Wenzel BildImage: Christian Herrmann


Carolin Wenzel, Bild: privat

Carolin Wenzel ist Projektkoordinatorin im Bereich Zeitgeschichte und Menschenrechte bei der Kreisau-Initiative e.V. in Berlin.

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Mehr als nur eine Perspektive

Zunächst fand eine Klärung des Begriffs „Multilateralität“ statt, der  „Vielseitigkeit“ bedeutet und im Kontext internationaler Jugendbegegnungen die Teilnahme von mehr als drei Gruppen aus unterschiedlichen Ländern voraussetzt.

Die Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Verflechtungsgeschichte und Methoden, die diesen Ansatz berücksichtigen, können dabei helfen Verständigung und Toleranz von Jugendbegegnungen zur Erinnerungsarbeit, die ein Zusammentreffen vieler verschiedener Perspektiven darstellen, zu fördern und einen größtmöglichen Mehrwert aus solchen Begegnungen zu ziehen.  Darüber hinaus bietet der Ansatz der Verflechtungsgeschichte die Möglichkeit auf die Herausforderungen immer komplexer werdender Gesellschaften zu reagieren. Globalgeschichte, Verflechtungsgeschichte, Transnationalität und Migration stehen dabei im Fokus, genauso wie die Frage, wie Geschichte in einem interkulturellen und/oder -religiösen Kontext in einer Weise vermittelt werden kann, die unterschiedliche Narrative und Perspektiven berücksichtigt.

Verflechtungsgeschichte

Verflechtungsgeschichte („Histoire croisée“) ist ein geschichtswissenschaftlicher Ansatz für eine multiperspektivische Geschichtsschreibung transnationaler Geschichte. Mitte der 1990er Jahre wurde der Ansatz von den französischen Sozialwissenschaflter/-innen Bénédicte Zimmermann und Michael Werner als Antwort auf vergleichs- und transferwissenschaftliche Ansätze verfasst und etabliert. Ziel dieses Ansatzes ist die Überwindung des Eurozentrismus und einer Begrenzung durch nationalstaatlich geprägte Perspektiven. Die Verflechtungsgeschichte fordert bei der Analyse eines historischen Ereignisses die Berücksichtigung möglichst vieler Perspektiven (nationale, individuelle, wissenschaftliche, historische, zeitgenössische etc.) und ständige Reflexion des eigenen Standpunktes. Darüber hinaus soll die Wechselwirkung mit anderen historischen Ereignissen nicht außer Acht gelassen werden. Dieser Ansatz befördert sowohl eine miteinander verflochtene, über nationalstaatliche Grenzen hinausgehende Geschichtsschreibung als auch eine größtmögliche Neutralität und Empathie durch die Berücksichtigung möglichst zahlreicher Perspektiven1.

Verflechtungsgeschichte als Perspektive für multilaterale Jugendbegegnungen in der non-formalen Bildung

Sich mit Geschichte in internationalen Jugendbegegnungen zu beschäftigen heißt schon lange nicht mehr jungen Menschen aus unterschiedlichen Ländern ausschließlich Faktenwissen zu präsentieren. Von größtmöglicher Bedeutung ist dabei, Geschichte die Abstraktheit und das Theoretische zu nehmen. Die Herausforderung besteht darin, eine Verbindung zwischen der „großen Geschichtserzählung“, den dominanten Narrativen und den individuellen Geschichten der Teilnehmer/-innen herzustellen. Eine Möglichkeit kann dabei die Methode „Same event, different stories“ darstellen, bei der sich Teilnehmer/innen aus verschiedenen Ländern im Rahmen eines Workshops mit den unterschiedlichen (zumeist nationalen) Narrativen eines historischen Ereignisses auseinandersetzen, sich diese gegenseitig erzählen und vergleichen. Zum einen wählen die Teilnehmer/innen dabei Ereignisse aus, die für sie persönlich, die Geschichte ihrer Familien oder der Städte, in denen sie leben, von Bedeutung sind und betrachten diese zum anderen durch die unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmer/innen aus den anderen Partnergruppen2.  

Bei der Umsetzung  von Methoden, die den Ansatz der Verflechtungsgeschichte berücksichtigen, bezieht sich die Pluralität der Beobachtungspunkte keineswegs nur auf die Nationalität der  Teilnehmer/innen, sondern auch auf Religion, Geschlecht, Kultur und/oder den sozialen Hintergrund. Die Ziele, die dabei erreicht werden sollen, sind Empathiefähigkeit, Selbstreflexion, Verständigung und Toleranz.

Chancen und Herausforderungen multilateraler Jugendbegegnungen

Multilaterale wie bilaterale Jugendbegegnungen bedürfen einer gründlichen Vorbereitung des Leitungsteams sowie der Teilnehmer/-innen, wohingegen bei multilateralen Jugendbegegnungen auf vielfältigere kulturelle Eigenheiten geachtet werden muss. Dies beginnt schon bei der Verwendung von bestimmten Begrifflichkeiten, wie beispielsweise „Holocaust“ und „Shoa“, die in verschiedenen kulturellen Kontexten unterschiedlich konnotiert sind. Daher bietet es sich an, ein multilaterales Leitungsteam zu bilden, das die Unterschiedlichkeiten der Gruppen abbildet und bei der interkulturellen Verständigung hilft. Auch können so Sprachbarrieren, die in der Gruppe existieren, leichter überwunden werden. Kreative Methoden wie Kunst, Musik oder Tanz können ebenfalls helfen Hemmungen bei der Kommunikation abzubauen.

Wie die Beschreibung des Ansatzes der Verflechtungsgeschichte verdeutlicht, kann die Pluralität von Perspektiven zu mehr Verständigung der verschiedenen Partnergruppen untereinander führen. Mit der richtigen Methodik trägt diese Pluralität zur Entspannung bei Diskussionen bei. Bei einer bilateralen Jugendbegegnung kann die Beschäftigung mit der Erinnerung hingegen schnell zu einer Polarität beider Gruppen führen, die nur schwer zu entspannen ist. Dennoch sollte bei multilateralen Begegnungen darauf geachtet werden, dass unterschiedliche Perspektiven gleichberechtigt zu Wort kommen und nicht ein oder zwei Gruppen mit ihren Themen dominieren. Deshalb spielt die Auswahl der jeweiligen Gruppen in Bezug auf das zu behandelnde Thema eine große Rolle. Wenn das Thema Holocaust behandelt werden soll und Jugendliche aus Deutschland, Griechenland, Israel und Polen eingeladen werden, kann es leicht passieren, dass der deutsch-israelische Diskurs die Begegnung dominieren wird und die anderen Gruppen weniger zu Wort zu kommen.  Genauso können aktuelle politische Ereignisse dazu führen, dass die Auseinandersetzung zweier Gruppen zum vorherrschenden Thema der Begegnung wird (wie beispielsweise die Finanzkrise in Griechenland). In solch einem Fall ist es bei der Planung wichtig darauf zu achten, dass Methoden gewählt werden, die alle Perspektiven zu Wort kommen lassen und als gleich bedeutsam von allen wahrgenommen werden können. Auch wenn hier der Einfachheit halber Beispiele von nationalen Gruppen gewählt wurden, muss selbstverständlich stets berücksichtig werden, dass jede Gruppe an sich Teilnehmer/innen mit diversen sozialen, religiösen, kulturellen etc. Hintergründen mitbringen, die ebenfalls ihre eigenen Konflikte beinhalten.
 
Genauso bedeutsam wie die Auswahl der Methodik zur Bearbeitung von Inhalten sind kleinere Zwischenauswertungen während der Begegnung sowie eine gründliche Nachbereitung. Die Zwischenauswertungen dienen dazu, Stimmungen in der Gruppe zu erkunden, um bei Spannungen die Möglichkeit zu haben rechtzeitig darauf einwirken zu können. Ansonsten kann es sehr leicht passieren, dass sich einzelne Gruppen zurückgesetzt fühlen und gegenüber den anderen verschließen. Eine ausführliche Nachbereitung dient der vertieften Auseinandersetzung mit dem neu Erlernten und Erlebten. Darüber hinaus ist Flexibilität ein Schlüsselwort, denn, wo viele verschiedene Menschen zusammen kommen, kann immer etwas Unvorhersehbares passieren. Wer dies jedoch eher  als Chance denn als Herausforderung betrachtet, gewinnt viel bei der Umsetzung einer multilateralen Jugendbegegnung.

1 Vgl.: Werner, Zimmermann: Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen. In: Geschichte und Gesellschaft. 28. Jahrgang 2002.

2 Eine ausführliche Beschreibung dieser und weiterer Methoden sind in dem Methodenhandbuch „Histoire Croisée as a perspective for non-formal education, a methodological handbook“ zu finden. Download: http://www.once-upon-today.org/wordpress/wp-content/uploads/2014/09/160511_KI_Histoire_Croisee_Handbuch_INTERNET.pdf (zuletzt geprüft am 27.5.2016)



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