Gunnar Zamzow

Fachtag: Erinnerungsarbeit: Gedenkstättenkultur in Deutschland und Griechenland – Perspektiven für deutsch-griechische Jugendbegegnungen

Mit der schwierigen Bestandsaufnahme zur pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland und Griechenland beschäftigte sich ein Workshop während des Fachtags „Erinnerungsarbeit“ in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Im engagierten Gespräch setzten sich die anwesenden Fachkräfte, Ehrenamtlichen und Interessierten mit den folgenden Fragen auseinander: Was zeichnet eine Gedenkstätte aus? Welche Unterschiede gibt es im Bereich der Gedenkstättenarbeit zwischen Deutschland und Griechenland? Und was bedeutet all dies für die Durchführung von Jugendbegegnungen zu historischen Themen mit deutsch-griechischen Gruppen?

Ein Mann spricht vor Publikum.
Gunnar Zamzow spricht beim Fachtag Erinnerungsarbeit BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Gunnar Zamzow, Bild: privat

Gunnar Zamzow M.A. ist Politikwissenschaftler und als Referent im Bereich der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. tätig. Er ist in der Programmkoordination Fördermittel u.a. zuständig für die Entwicklung der Programme im Kontext deutsch-griechischer Begegnungsarbeit.
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Schnell stellte sich heraus, dass die Fallhöhe historischer Themen – und hier insbesondere der inhaltliche Bezug auf den Nationalsozialismus – für Jugendbegegnungen nicht unterschätzt werden sollte. Solche Veranstaltungen und Seminare bestehen in der Regel nicht allein aus der inhaltlichen und wissensbasierten Auseinandersetzung mit längst Vergangenem, sondern fördern die Auseinandersetzung junger Menschen mit den eigenen Werten und den Erwartungen an sich und andere. Bei der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus passiert dies zudem in einem Feld, das moralisch und politisch überformt ist. Einfache Antworten oder sogar inhaltlich festgelegte „Gebrauchsanweisungen“ seien hier – so waren sich alle Beteiligten einig – fehl am Platze.

Möglichkeiten und Ziele der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten – nur auf den ersten Blick eindeutig und klar

Der Workshop war von einem dynamischen Wechsel zwischen inhaltlichen Inputs des Moderators und daran anschließenden Diskussionen der Teilnehmenden geprägt. Verschiedene deutsch-griechische Grenzgänger*innen sorgten dafür, dass eine einseitig deutsche Sichtweise vermieden werden konnte. Mit bemerkenswerter Vehemenz und inhaltlicher Klarheit versuchten alle Redner*innen einen interkulturellen Blick in ihre Beiträge einfließen zu lassen und den eigenen Stadtpunkt zu reflektieren.

In der einleitenden Phase des Workshops wurde deutlich, dass die Anwesenden eine recht einheitliche und klare Vorstellung von Gedenkstätten und deren pädagogischem Auftrag hatten – sie identifizierten vor allem KZ-Gedenkstätten und andere Orte, an denen Bildungs- und Erinnerungsarbeit an die Opfer und Verbrechen des Nationalsozialismus betrieben wird. Als „griechische“ Beispiele wurden die sog. Märtyrerdörfer – Orte also, an denen deutsche Truppen während des Zweiten Weltkriegs Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hatten – genannt, bspw. Distomo oder Kalavryta. Hier wäre es möglich, Geschichte erfahrbar und begreifbar zu machen, den Blick auf das individuelle Schicksal in den Vordergrund zu stellen und einen persönlichen Zugang zum Thema zu finden. Die Beteiligten berichteten von sehr lehrreichen und inhaltlich wertvollen Programmen, die sie persönlich oder Gruppen mit denen sie in Kontakt ständen an solchen Orten erlebt hätten. Besonders hervorgehoben wurde der enge Kontakt zwischen einem ortskundigen Gedenkstättenpädagogen/einer Gedenkstättenpädagogin und der Gruppe. Auch die Vorbereitung der Gruppe im Vorhinein wurde erwähnt. Hier ging es neben Vorbesprechungen mit der jeweiligen Kontaktperson in der Gedenkstätte auch um die gezielte Einbettung eines Besuchs in die schulische Aufarbeitung des Nationalsozialismus, bspw. im Geschichts- oder Politikunterricht. Diese ganz unterschiedlichen Erwartungen und Standards waren in der Gruppe auch als Maßstäbe einer qualifizierten Jugend- und Bildungsarbeit unumstritten. Ergänzend – und auch deswegen fand dieser Fachtag ja in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück statt – würden sich vor Ort regelmäßig Möglichkeiten bieten, um bspw. die Herkunft oder das besondere inhaltliche Interesse einer Besucher*innengruppe mit dem Schicksal ehemals inhaftierter oder ermordeter Personen zusammenzubringen. KZ-Gedenkstätten mit einer pädagogischen Abteilung hätten den Anspruch Besuche unterschiedlichster Gruppen angemessen inhaltlich und methodisch vorzubereiten und auf spezifische Wünsche und Bedürfnisse kompetent eingehen zu können. Diese inhaltlichen Standards würden in Deutschland durch eine fest Verankerung des Themas in schulischen Lehrplänen, ein hohes öffentliches Interesse an der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und nicht zuletzt eine gute Finanzierungssituation flankiert.

Ein Wort – viele Ansprüche! Gedenkstätten im deutsch-griechischen Vergleich

Im Verlauf des Workshops wurde allerdings deutlich, dass die oben beschriebenen und in der Gruppe allgemein anerkannten Standards – wenn überhaupt – nur für die größeren deutschen KZ-Gedenkstätten gelten. Sie sind das Ergebnis eines langen Professionalisierungsprozesses, der schon seit Jahrzehnten läuft. In dieser Dynamik wurden nicht nur die inhaltlichen und institutionalisierten Grundlagen der deutschen Gedenkstättenpädagogik geschaffen, sondern eben auch der gut begründete Bedarf nach qualifizierter Bildungsarbeit an den Stätten der Verbrechen des Nationalsozialismus hervorgebracht. Wenn man diese Standards aber aus deutscher Perspektive einseitig auf Griechenland und die dortige erinnerungskulturelle Landschaft überträgt, wird man wohlmöglich überhaupt keine adäquaten Pendants finden. Eine vergleichbare Infrastruktur (inkl. geeigneter Räumlichkeiten und ausgebildetem Personal) von Gedenkstätten, nach dem weiter oben definierten Bild, wird man in Griechenland (noch) nicht finden. Im Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden wurde deutlich, dass die dortige Erinnerungslandschaft bisher ohne einen breiten gesellschaftlichen Konsens über den Charakter der nationalsozialistischen Verbrechen auskommen muss – verwiesen wurde hier bspw. auf die Folgen des griechischen Bürgerkriegs im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, der die Bewertung der zeitlich vorher gegangenen Ereignisse 1) fast vollständig überformt hätte und 2) in Deutschland beinahe komplett unbekannt sei –, sie muss auf staatliche Finanzierung weitestgehend verzichten und ist in elementarer Weise auf private und lokale Initiativen angewiesen.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass in Griechenland nicht an die Opfer von nationalsozialistischen Massenverbrechen gedacht würde oder es keine Bemühungen, um eine angemessene Aufarbeitung und Dokumentation dieser Verbrechen gäbe. Es wurde allerdings deutlich, dass die national kodierten Erwartungshaltungen von Teilnehmenden an Gedenkveranstaltungen und Besucher*innen von Gedenkstätten nicht immer kompatibel miteinander waren und sind. Während in Griechenland einzelne Opfergruppen noch immer um die Anerkennung ihres Leids kämpfen müssten und somit ganz grundsätzlich auf der Suche nach Gehör und Akzeptanz seien, scheine diese Phase aus deutscher Perspektive schon lange abgeschlossen. Hier werde vermeintlich souverän zwischen parteilicher Anteilnahme und Zeichen der Anteilnahme auf der einen Seite und zukunftszugewandter, aber auch distanzierterer Bildungsarbeit zu den Verbrechen des Nationalsozialismus auf der anderen Seite unterschieden.

Der anfänglich noch etwas ungewohnte Begriff der „Gedenkstättenkultur“ stellte sich deswegen im Verlauf des Workshops als glückliche Wortschöpfung heraus, unterstreicht er doch, dass eine akademische und zudem spezifisch deutsche Definition von dem was eine Gedenkstätte sein sollte, unvollständig bleibt, weil sie die mit dem Ort verbundene Wirkung auf die Anwesenden nicht erfasst. Genauso wenig erfasst sie in was für eine gesellschaftliche Dynamik die Gedenkstätten eingebettet sind oder mit welchen politischen und kulturellen Erwartungen auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene die Arbeit vor Ort konfrontiert ist. Die Erweiterung um die „Kultur“ versteht Gedenkstätten als gesellschaftliche, soziale und kulturelle Orte. Gedenkstätten sind nicht irgendwann einfach da, sondern sind das Ergebnis vielfältiger Prozesse. Der Begriff der Gedenkstättenkultur kann dabei helfen, dies zu verstehen und kategorisch zu erfassen.

Der sog. authentische Ort ist in Deutschland und Griechenland der Ausgangspunkt für vielfältige Bemühungen, dass dort Geschehene so aufzubereiten, um es heutzutage für Jugendliche und anderen Interessierte wahrnehmbar zu machen. Nicht nur die jeweils individuelle Motivation vor Ort, sondern auch die Umsetzung und die Ausstattung solcher Ort unterscheidet sich jedoch oft erheblich. Es sei deswegen bei der Konzeption von Bildungsprogrammen immer mitzudenken – so eine ganz grundsätzliche Wortmeldung aus den Reihen der Teilnehmenden – mit welcher Gruppe, man wohin fahre und was man dort zu erreichen suche!

Jugendliche und Gedenkstätten – Praktische Gedanken zur Planung einer deutsch-griechischen Begegnung

In einer lebhaften Diskussion ging es in der Gruppe schließlich darum, welche Rolle für die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in Jugendbegegnungen angemessen ist? Und noch spezifischer: Welchen Ort können oder sollen bspw. deutsche KZ-Gedenkstätten oder griechische sog. Märtyrerdörfer in Jugendbegegnungen mit Teilnehmenden aus den beiden Ländern einnehmen? Die wohl wichtigste Erkenntnis der Gruppe war, dass man in einer deutsch-griechischen Jugendbegegnung, ob des historischen Zugriffs, nicht von sich auf die anderen schließen sollte. Historische Themen laden in vielerlei Hinsicht zum Lernen, Diskutieren und Mitfühlen ein, die Festlegung der Teilnehmenden auf bestimmte Aussagen oder historische Wahrheiten, würde dieses Potential jedoch entscheidend begrenzen. Jugendliche müssten nicht zwanghaft von Irgendetwas überzeugt werden, sondern sollten sich – gerade an den historischen Orten – als aktive und fähige junge Menschen erleben, wenn sie sich empathisch mit der Geschichte von sich und anderen auseinandersetzen. Die Thematisierung von persönlicher Verwicklung in die Geschichte macht die Jugendlichen zu Akteur*innen in eigener Sache und konfrontiert sie nicht mit dem Minderwertigkeitsgefühl, das sich bei Ihnen aus der Nichterfüllung erwachsener Mindestansprüche ergeben könnte.

Gedenkstätten können eine wichtige Ressource für Jugendbegegnungen sein, da sie ein breites inhaltliches Angebot bereithalten, und bei der Suche nach geeigneten Zugängen und Methoden zur Geschichte des Nationalsozialismus jederzeit beratend tätig werden können. Gerade im deutsch-griechischen Kontext sei es aber auch nicht nötig, Geschichte oder „den Nationalsozialismus“ als einziges Thema einer Jugendbegegnung festzulegen. Um die historische Tragweite klar zu machen, reiche – so einzelne Teilnehmende – auch eine einzelne und konzentrierte Einheit. Überdies kann die Geschichte des Nationalsozialismus auch zum Thema einer Jugendbegegnung werden, ohne dass dies überall dran steht oder in den Vordergrund geschoben wird. Beispielsweise wenn sich die Jugendlichen intensiv mit verschiedenen Biographien oder Familiengeschichten beschäftigen. Das Thema deutsch-griechische Beziehungen vorschnell auf eine politische oder symbolische Ebene zu hieven, da waren sich alle Anwesenden einig, wirke sich bremsend auf die Eigeninitiative der beteiligten Jugendlichen aus und würde Gefühlen von Überforderung und Frust Vorschub leisten.



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