Matthias Matthias

Fachtag Erinnerungsarbeit: Konfliktpotential und Dynamik in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen

In dem Workshop ging es ganz wesentlich darum, Konfliktpotentiale in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen zu markieren und den Umgang mit ihnen zu diskutieren. Dabei scheint die zuweilen wahrgenommene Asymmetrie verfügbarer öffentlicher Ressourcen und bürgerschaftlicher Strukturen im Bereich der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit zwischen Deutschland und Griechenland nicht unproblematisch zu sein. Interkulturelle Begegnungen wissen aber mit derlei Unterschieden umzugehen, oder sie lernen es besser.

Matthias Heyl
Matthias Heyl BildImage: Christian Herrmann


Matthias Heyl, Bild: Marieke Anne Heyl

Der Historiker und Erziehungswissenschaftler Matthias Heyl ist seit 2002 Leiter der Pädagogischen Dienste der Gedenkstätte Ravensbrück.

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Wir haben über die Risiken gesprochen, die darin liegen, Differenzen einseitig als Defizite zu deuten, da dies einer partnerschaftlichen Begegnung auf Augenhöhe geradezu widerspräche. Strukturelle Unterschiede etwa zwischen deutschem Föderalismus und griechischen Zentralismus haben zwar ihre Folgen für schulische und außerschulische Bildung, stehen aber einer Zusammenarbeit nicht notwendigerweise und unüberbrückbar im Wege.

Aus beiden Ländern gibt es Stimmen, die eine Entwicklung beschreiben, in der außerschulische Aktivitäten immer schwieriger zu realisieren sind, und sowohl in Deutschland, als auch in Griechenland, dürfte das Wissen über die historischen Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs unter den Erwachsenen, also auch unter den Lehrerinnen und Lehrern, eher begrenzt sein. Im deutschen Erinnerungsdiskurs dominante Begriffe wie »historisch-politische Bildung« oder »Erinnerungskultur« haben im Griechischen keine einfachen Entsprechungen.

Gelegentlich wird der Eindruck formuliert, dass Jugendbegegnungen mit Erwartungen überfrachtet werden. Die Auseinandersetzung mit Geschichte gilt darin oft als wesentlicher Schlüssel für die Formulierung einer eigenen Identität, die die Übernahme eigener und kollektiver historischer Verantwortung aushält. Erwartete Sinnstiftungen und selbstkritische Reflexion stehen einander in der Aufarbeitung der Geschichte zuweilen feindlich gegenüber.

In der Diskussion wurde deutlich, dass Jugendbegegnungen Vorurteile und Stereotypen fokussieren müssen, um ihnen nicht nur zu begegnen, sondern auch etwas entgegenzusetzen. Jugendbegegnungen finden nicht im gesellschaftlichen Vakuum statt, sondern immer auch im Kontext gesellschaftlicher Konflikte und Verhandlungsprozesse. Es nimmt also kaum wunder, dass wiederholt darauf verwiesen wurde, wie wichtig es ist, gerade unter erschwerten Rahmenbedingungen den Dialog zu suchen und Verschränkungen in Fremd- und Eigenbildern im gegenseitigen Respekt in den Blick zu nehmen.

Gesellschaftliche Konflikte, die in Jugendbegegnungen zur Sprache kommen, stellen eine Herausforderung dar; sie dann auch zu besprechen, erschien in dem Workshop als echte Chance, ihnen die Spitze zu nehmen.

Als Moderator ist mir selber im Gespräch undeutlich geblieben, wo genau die spezifischen historischen Konfliktpotentiale gerade für  deutsch-griechische Jugendbegegnungen liegen. Es wurde von verschiedenen Praktiker/innen aus dem Feld der Jugendbegegnungsarbeit immer wieder wahrgenommen und vorgetragen, dass die gemeinsame Auseinandersetzung mit konfliktreicher Geschichte überall dort gut gelingt, wo die dabei eingangs gewählte Haltung gegenseitigen Respekt dokumentiert und Begegnung in Augenhöhe ermöglicht. Für deutsch-griechische Jugendbegegnungen haben wir darüber diskutiert, welche Rolle die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen im besetzten Griechenland einnehmen kann und soll. Jugendbegegnungen sind sicherlich ein überaus geeignetes Feld, sich gemeinsam mit – im doppelten Wortsinne – geteilter Erinnerung auseinanderzusetzen. Jugendbegegnungen sind dann nicht nur Ergebnis etablierter Erinnerungskulturen, sondern auch ihr Ausdruck und – im besten Falle – werden die daran Beteiligten zu Akteuren einer gesellschaftlichen Entwicklung, die historische Konflikte in den Blick nimmt und zu verstehen und zu entschärfen hilft.

Ausgesprochen wichtig erschien mir am Ende des Arbeitstages, dass sich jetzt nicht Erwachsene Begegnungsprogramme für deutsche und griechische Jugendliche ausdenken, sondern mit ihnen. Paternalistisch, nicht partnerschaftlich organisierte Begegnungen haben es von Anfang an »vergeigt«.

Eine besondere Erfahrung in den deutsch-griechischen Gesprächen war, dass es doch eine ganze Reihe von Akteuren gibt, die ganz selbstverständlich in »beiden Welten« zuhause sind. Sie können vielleicht in besonderer Weise als »Brückenbauer/-innen« dienen. Von ihnen kamen auch Hinweise auf »positive Stereotypen« die im Selbstbild von griechischen und deutschen Jugendlichen existieren.

Aus schon länger bestehenden bi-nationalen Jugendwerken kam der Hinweis, dass historische begründete Konfliktpotentiale in Jugendbegegnungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel seien; schließlich seien das Deutsch-Französische- und das Deutsch-Polnische Jugendwerk ja gerade in der Wahrnehmung der und als Antwort auf die einstigen historischen Konflikte gegründet worden und haben – so wie auch »Tandem«, das Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch – Formen geeigneter Fachkräftequalifikation entwickelt.

Schließlich zeigen Jugendbegegnungen immer wieder die Heterogenität der daran beteiligten Individuen. In der Regel sind die daran beteiligten Gruppen eben selber nicht nur homogen – in unserem Beispiel deutsch oder griechisch… Beide Gruppen zerfallen bei näherer Betrachtung in die Heterogenität ihrer Mitglieder, die es möglich macht, dass wir uns entgegen aller nationalen Zuschreibungen manchmal da und dort ähnlicher oder unähnlicher sind, als wir dachten. Das festzustellen und damit den Horizont zu weiten, helfen professionell begleitete Jugendbegegnungen.

Dass die Arbeitsgruppe ihrer Präsentation den Titel »Konflikt als Chance« gab, stimmt auch für deutsch-griechische Jugendbegegnungen hoffnungsfroh. Ein Kreis war in vier Segmente geteilt, die den Hauptthemen der Diskussion im Rahmen des Workshops entsprachen:

  • gesellschaftliche Rahmenbedingungen deutsch-griechischer Jugendbegegnungen,
  • organisatorische Rahmenbedingungen deutsch-griechischer Jugendbegegnungen,
  • Vorurteile & Stereotype in deutsch-griechischen Jugendbegegnungen,
  • Formen der Erinnerungskultur.


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