Friedrich Kersting

Fachtag Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch: Erinnerungsarbeit

Vor dem Hintergrund der aktuellen deutsch-griechischen Beziehungen setzt sich der Workshop „Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ mit der Erinnerungskultur beider Länder auseinander. Dabei erkundeten die Teilnehmenden des Workshops den Mehrwert deutsch-griechischer Jugendaustauschprojekte zur Erinnerungsarbeit und fragten nach den Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung.

Friedrich Kersting
Friedrich Kersting BildImage: privat

Friedrich Kersting ist Politikwissenschaftler und ehemaliger Freiwilliger im Projekt ElanDe der Evangelischen Freiwilligendienste, der Evangelischen Kirche Deutscher Sprache in Athen und der Apostoli (dem Hilfswerk der griechisch-orthodoxen Kirche). Er engagiert sich seit 2013 im deutsch-griechischen Jugendaustausch und im Bereich der Erinnerungsarbeit.

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Neben Informationen zu Strukturen politischer Bildung in Griechenland und spannenden Einblicken in ein aktuelles Format des deutsch-griechischen Jugendaustauschs durch die beiden Fachvorträge zu Beginn des Fachtags „Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ am 16.11.2016 lag der Fokus der Veranstaltung auf dem Austausch und der Zusammenarbeit der Teilnehmenden in den Workshops zu vier verschiedenen Themen der Politischen Bildung. Einer dieser Workshops beschäftigte sich mit dem Thema der Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch als Teil der historisch politischen Bildungsarbeit. Durch zwei Leitfragen strukturiert bestand die Möglichkeit, sich über den Mehrwert und die Gelingensbedingungen von Jugendprojekten zur Erinnerungsarbeit auszutauschen. Nach fast zwei Stunden angeregter Diskussion der Teilnehmenden konnten Ergebnisse und Forderungen zur Verbesserung der Voraussetzungen von Jugendprojekten formuliert und vorgestellt werden.

Erinnerungsarbeit hat einen hohen Stellenwert im deutsch-griechischen Jugendaustausch

Deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte zum Thema Erinnerungsarbeit haben einen hohen Stellenwert innerhalb des Kontextes der Bemühungen um eine Vertiefung der deutsch-griechischen Jugendarbeit. Das lässt sich an verschiedenen Punkten festmachen. So wurden seit dem ersten deutsch-griechischen Jugendforum im Herbst 2014 in Bad Honnef mehrere Fachprogramme mit Teilnehmenden beider Länder an unterschiedlichen Orten durchgeführt. Im April 2016 fand ein gesonderter Fachtag zur Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück statt. Zu diesen fachlichen Austauschen und Förderungen kommen noch die „Umsetzungen in der Praxis“: Mit der finanziellen Unterstützung des Sonderförderungsprogramms wurden schon mehrere deutsch-griechische Jugendbegegnungen und Fachkräftequalifikationen durchgeführt, weitere werden zudem geplant. Diese steigende Zahl von Projekten zur Erinnerungsarbeit macht die Bedeutung und Verbreitung dieses Themas im deutsch-griechischen Jugendaustausch erkenntlich.

Unkenntnis über die NS-Besatzung Griechenlands existiert in beiden Ländern

Im Zusammenhang der Erinnerungsarbeit spielt Griechenland eine spezielle Rolle. Das liegt an den besonderen Gegebenheiten der griechischen Erinnerungskultur und deren Verbindungen zu Deutschland. So ist die Zeit der NS-Besatzung Griechenlands von 1941 bis 1944 mit ihren grausamen Wehrmachtsverbrechen und Deportationen zentraler Erinnerungsgegenstand. Diese Zeit wird innerhalb des griechischen Gedächtnisraums allerdings von dem anschließendem Bürgerkrieg (1946-1949) und der später folgenden Militärjunta (1967-1974) überlagert und vermischt, was ein Faktor dafür ist, dass das Ausmaß und die Details der Verbrechen der NS-Besatzung bis heute selbst in Griechenland nicht sehr bekannt sind. Diese Unkenntnis lässt sich ebenso in Deutschland feststellen: Während viele Aspekte der Zeit des Nationalsozialismus, des 2. Weltkriegs und der Shoa mittlerweile nicht nur wissenschaftlich aufgearbeitet wurden, sondern in der breiten Öffentlichkeit bekannt sind, gehören die Besatzung Griechenlands und die dort ausgeübten Verbrechen nicht dazu.

Jugendbegegnungen helfen, Vorurteile im angespannten deutsch-griechischen Verhältnis abzubauen

Zur Ausgangslage für bilaterale Jugendprojekte zur Erinnerungsarbeit gehören auch die aktuelle Situation der beiden Länder und ihre Beziehung zueinander. Schlagwörter wie „Finanzhilfen“, „Eurokrise“, „Reparationsforderungen“, „Spar-Diktat“ und „Flüchtlingskrise“ charakterisieren ein angespanntes Verhältnis, das mediale Zuspitzungen auf beiden Seiten gewöhnt ist.
Offensichtlich erschwert diese konfliktbehaftete Ausgangssituation auf den ersten Blick bilaterale Jugendprojekte zur Erinnerungsarbeit. Doch scheinen insbesondere Jugendprojekte sehr geeignet dafür zu sein, Vorurteile abzubauen und gute Beziehungen als europäische Partner untereinander aufzubauen. Die Schwierigkeiten, die wie Hindernisse wirken, können als Chancen wahrgenommen werden, Jugendliche für die Thematik zu interessieren, gemeinsam Erinnerung wiederaufleben zu lassen und die Erinnerungskultur auf beiden Seiten zu verändern.

Mehrwert deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte zur Erinnerungsarbeit

Während des Erfahrungsaustausches der Teilnehmenden des Workshops über Aspekte des Mehrwerts von deutsch-griechischen Jugendaustauschprojekten zur Erinnerungsarbeit wurde deutlich, dass sich die verschiedenen Antworten und Bemerkungen zu dieser Leitfrage in mehreren Kategorien zusammenfassen lassen.

Manche Überlegungen zielten auf den positiven Einfluss auf die Projekteilnehmenden selbst ab. Die teilnehmenden ehren- oder hauptamtlichen Expert(inn)en aus der Praxis waren sich über die Bedeutung von Jugendaustauschprojekten in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen einig, besonders bei Projekten der Erinnerungsarbeit kennzeichnet dieser positive Effekt den Austausch. So bieten kritische und offene Dialoge zu verschiedenen, auch aktuellen, Konfliktfeldern den Jugendlichen die Möglichkeit, an ihnen zu wachsen. Durch die Begegnung mit den Jugendlichen aus dem jeweils anderen Land wird ein Austausch der beiden Lebenswirklichkeiten ermöglicht, der mit Blick auf die Erinnerungsthematik ein Bewusstsein für unterschiedliche historische Narrative schafft und die Reflexion über kontroverse Standpunkte fördert. Die Teilnehmenden des Workshops berichteten von den verschiedenen Perspektiven auf die gemeinsame Geschichte und die dadurch gegebene Möglichkeit, den eigenen Blickwinkel zu verändern und die Themen der Erinnerungsarbeit unterschiedlich zu beleuchten.

Daran anknüpfend lassen sich andere Antworten zum Mehrwert von Jugendaustauschprojekten zur Erinnerungsarbeit in der Kategorie „Verbesserung und Herausbildung von deutsch-griechischen zwischenjugendlichen Beziehungen“ zusammenfassen. Die Workshopteilnehmenden stimmten überein, dass die bilateralen Projekte zu einer Verbesserung der deutsch-griechischen Beziehungen führen und zwar dadurch, dass sich die Jugendlichen beider Länder kennenlernen, miteinander und voneinander lernen. Den Jugendlichen bietet sich in den Projekten die Chance auf persönliche Begegnungen mit Gleichaltrigen aus dem jeweils anderen Land und die Möglichkeit, sich mit ihnen über das Projektthema, aber auch über Alltägliches, Hobbys, Interessen und die jeweils eigene „Lebenswelt“ auszutauschen. Sie arbeiten gemeinschaftlich in verschiedenen Projekten im Zusammenhang mit Erinnerungsarbeit: vom gemeinsamen Theater- oder Orchesterauftritt, über Kunstprojekte, bis zu Outdooraktivitäten. Der übereinstimmende Punkt und damit auch Mehrwert all dieser Projekte zur Erinnerungsarbeit ist neben der gemeinsamen Aufarbeitung und „Spurensuche“ der deutsch-griechischen Vergangenheit während der NS-Besatzungszeit in Griechenland und deren Folgen bis heute, auch der Abbau von gegenseitigen Vorurteilen und die Entstehung von freundschaftlichen deutsch-griechischen Verhältnissen.

Als dritten Aspekt des Mehrwerts der Jugendaustauschprojekte im Kontext der Erinnerungsarbeit machte die Workshopgruppe deren langfristigen Effekte aus: die Bekanntmachung und Verbreitung des europäischen Gedankens und demokratischer Werte. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen wurde in der Diskussion ein solcher Entwicklungsverlauf skizziert: Angefangen beim gegenseitigen Kennenlernen der Jugendlichen und dem beginnenden gegenseitigem Vertrauen werden Vorurteile abgebaut. Im gemeinsamen Austausch und urteilsfähig durch differenziertes Betrachten entwickelt sich ein politisches Interesse, bspw. zu aktuellen, beide Gruppen betreffende Themen wie die Flüchtlingssituation. Dank dieser Auseinandersetzung werden gemeinsame und europäische Werte deutlich, die die Jugendlichen beider Länder auch nach den Projekten begleiten. Auf die beschriebene langfristige Wirkung des Abbaus gegenseitiger Vorurteile hin zu einer Stärkung des europäischen Gedankens und dauerhaftem, nachhaltigen Zusammenarbeitens konnten sich alle im Workshop einigen und sie betonten diesen besonderen Mehrwert von den deutsch-griechischen Jugendaustauschprojekten.

Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung deutsch-griechischer Jugendaustauschprojekte zur Erinnerungsarbeit

In der zweiten Hälfte des Workshops widmeten sich die Teilnehmenden den Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung der Projekte. Gerade bei diesem Thema waren die Inputs aus dem Erfahrungsschatz der verschiedenen Praktiker/-innen hilf- und aufschlussreich. Unterschiedliche Aspekte wurden diskutiert und bei dieser zweiten Leitfrage bietet es sich wieder an, die Ergebnisse zu ordnen.

Es wurde für alle deutlich, dass sich die Bedingungen auf die deutschen und griechischen Partner/-innen verteilen und zeitlich unterschiedlich wichtig sind: vor, während und nach der Durchführung des Jugendaustauschs. Allgemein lässt sich sagen, dass die zentralen Grundlagen für erfolgreiche deutsch-griechische politische Jugendbildungsprojekte die möglichst langfristig sichere Finanzierung, die gleichberechtigte Kooperation auf Augenhöhe und die adäquat richtige Vor- und Nachbereitung, sowohl von den Fachkräften, als auch von den Jugendlichen sind. Die Bedeutung der Vor- und Nachbereitung betonten alle Workshopteilnehmenden. Besonders bei diesen deutsch-griechischen Austauschprojekten sei es wichtig, sich vorher auf die jeweils andere Kultur und den fremden Kontext vorzubereiten. Außerdem sei es hilfreich, sich mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen, um die Jugendlichen für die Situation und Lebenswirklichkeit der Jugend im Projektland zu sensibilisieren. Von dem positiven Einfluss persönlicher Kontakte zu den Partner(inne)n im Vorfeld des Jugendaustauschs berichteten die Praktiker/-innen des Workshops und zeigten auf, dass zusammenhängend mit der personellen Kontinuität auf beiden Seiten diese Kontakte oft den Anstoß zu Projekten geben und ein Faktor für ihre Langfristigkeit sind.

Außerdem wurden im Workshop Grundlagen für die erfolgreiche Umsetzung von deutsch-griechischen Austauschprojekten zur politischen Jugendbildung auf der deutschen Seite diskutiert. Gerade hier sei der Wille zur Selbstkritik notwendig und einzufordern, um eine offene Kooperation mit den griechischen Partner(inne)n auf „Augenhöhe“ zu gewährleisten. Es dürfe sich keine paternalistische Haltung gegenüber der griechischen Erinnerungsarbeit einschleichen. Um eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zu erreichen, sei es notwendig sich mit der überspitzen Formulierung der „Erinnerungskolonisation“ auseinanderzusetzen. Zu dieser Zusammenarbeit zählen die gemeinsame Klärung und Konkretisierung der geplanten Ziele und der ständige Austausch miteinander. Ausgehend von den eigenen praktischen Erfahrungen wurde der positive, sich-gegenseitig-ergänzende Effekt der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Partner(inne)n gewürdigt. Ganz ohne Vorurteile bedienen zu wollen, betonte die Workshopgruppe, dass sich eine eher „typisch-deutsche“ Strukturierung und ein eher „typisch-griechisches“ Improvisationstalent gut zu erfolgreichen Projektplanungen ergänzen.

Wenn es um die Gelingensbedingungen für deutsch-griechische Jugendaustauschprojekte geht, stellt sich auch die Frage nach Verbesserungen des Status Quo. In diesem Sinne wurde die Forderung nach besserer Vernetzung zwischen den Schnittstellen von Kommunen, Partnerschaftsvereinen, Projektträgern, der Gesellschaft, der Politik und den Schulen formuliert. Auf beiden Seiten, Deutschland und Griechenland, würde ein präsentes Netzwerk mit offener Kommunikation die Grundlage und „Infrastruktur“ für Jugendprojekte verbessern. Hierbei bereits hilfreiche und informative Instrumente wie das Webblog „agorayouth.com“ von BMFSFJ und IJAB leisten dabei schon gute Arbeit.

Als gute Grundlage und wichtige Gelingensbedingung haben sich Kenntnisse von Sprache, Mentalität, Landeskunde und Kultur erwiesen. Die Arbeit von sogenannten „Kuluturmittler(inne)n“, also Personen, die im deutschen und im griechischen Kontext zuhause sind, erfuhren im Workshop besondere Wertschätzung. So verbessern gerade diese Brückenbauer/-innen die bilateralen Jugendbegegnungen und vereinfachen die Kommunikation und das Verständnis. Sowohl die Sensibilisierung von Projektpartner(inne)n für diese Institution und ihre Möglichkeiten als auch die Verbreitung und Akzeptanz der Kulturvermittler/-innen scheinen eine nachvollziehbare Forderung zu sein.

Neben den gemeinsamen Gelingensbedingungen, denen auf deutscher Seite, denen auf griechischer Seite, solchen, die vor oder nach den Austauschen beachtet werden sollten, waren Grundlagen für gelingende Projekte während der Begegnungszeit selbst Thema im Workshop. So war es Konsens, dass die konkreten Formen, Inhalte und Intensitäten der Jugendaustauschbegegnungen je nach Zielgruppe oder Teilnehmenden unterschiedlich ausgerichtet sein müssen. Als Methode, die sich in allen Kontexten bewährt habe, ist der „peer to peer“-Ansatz grundlegend. Den jugendlichen Teilnehmenden als Gleichberechtigte die Chance zu geben, voneinander und miteinander zu lernen, bildet die Grundlage von erfolgreichen Projekten.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass man den Eindruck gewinnen kann, Interesse und Know-How zur Durchführung von bilateralen Jugendaustauschprojekten mit dem Thema bzw. Teilaspekt Erinnerungsarbeit sind in der deutschen Trägerlandschaft vorhanden. Mit Blick auf die oben beschriebene Ausgangslage ist das Engagement der Ehren- und Hauptamtlichen an der Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Vergangenheit von Deutschland und Griechenland beeindruckend. Mit Hilfe von politischer und gesellschaftlicher Unterstützung und den dargestellten Gelingensbedingungen sind die Jugendprojekte ein wichtiger Teil bei der Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen.



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