Babis Karpouchtsis

Fachtag Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch: Politische Bildung in Griechenland - Geschichte, Strukturen, Themen

Wie funktioniert politische (Jugend-)Bildung in Deutschland und in Griechenland? Während es hierzulande ein breit gefächertes Angebot an Stiftungen und NGOs gibt, ist politische Bildung in Griechenland Aufgabe des Staates, erläutert der Politikwissenschaftler Charalampos Karpouchtsis. In seinem Vortrag erklärt Karpouchtsis die Strukturen politischer Bildung in Griechenland und berichtet vom "Park der Versöhnung" und der Bedeutung der Feier- und Gedenktage.

ein kahler Berggipfel
Im Grammos-Gebirge fanden die letzten Schlachten des griechischen Bürgerkriegs statt. Am Fuß des Gebirges befindet sich heute der "Park für nationale Versöhnung", eine Bildungseinrichtung." BildImage: Kkostagiannis   Lizenz: DE 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Charalampos (Babis) Karpouchtsis, Bild: Christian Herrmann

Charalampos (Babis) Karpouchtsis ist zwischen Griechenland und Deutschland aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft an der FU-Berlin und absolvierte seinen Master in Europäischer Politik an der University of Bath (UK). Seit 2015 ist er als freier Politikberater mit polisis.eu selbständig und konzentriert sich auf deutsch-griechische Beziehungen. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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„Politische Bildung soll Menschen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erziehen, sie dazu befähigen Politik zu verstehen, diese mitzugestalten und letztlich die Demokratie zu unterstützen“, so Charalampos Karpouchtsis, Politikwissenschaftler aus Berlin. In seinem Vortrag geht es um politische Bildung und politische Jugendbildung in Griechenland. Doch bevor man sich Griechenland anschaut, ist es wichtig, sich im Klaren zu sein, mit welcher Brille man auf das Land im Süden blickt.

Schaut man sich politische Bildung in Deutschland an, so kann man sagen, dass sehr viel getan wird. Über die Bundeszentrale für politische Bildung, über die politischen Stiftungen bis zu NGOs und weiteren Organisationen, ist das Angebot an politischer Bildung in Deutschland breit. Für viele Bürger/-innen Deutschlands ist das selbstverständlich, doch das ist nicht das Maß für den Rest der EU-Mitgliedsstaaten und auch nicht das für Griechenland. Deutschland ist ein besonderer Fall und der hohe Stellenwert der politischen Bildung hängt auch mit der jüngeren Geschichte des Zweiten Weltkriegs zusammen. Betrachtet man Hellas mit einer „deutschen Brille“, so entsteht leicht der Eindruck, dass es in Griechenland fast keine politische Bildung gibt. Doch dem ist nicht so, denn politische Bildung in Griechenland ist anders als in Deutschland organisiert.

Politische Bildung ist Teil des griechischen Schulunterrichts

Politische Bildung ist in der Verfassung Griechenlands verankert und die Inhalte werden durch die Gesetzgebung festgelegt. Damit gehört politische Bildung zu den Aufgaben des Staates und fängt bereits in der 5. Klasse in der Schule an. Das Fach heißt „Politische Bildung“ und wird in der 5. und 6. Klasse, dann noch ein Jahr lang im Gymnasium (7. bis 9. Klasse im griechischen Schulsystem) und noch ein Jahr lang im Lyzeum (10. bis 12. Klasse im griechischen Schulsystem) unterrichtet. Ob das genug ist, zu viel oder zu wenig, sei dahingestellt.

Für die Inhalte des Schulfachs ist das Institut für Politische Bildung zuständig, welches das Ministerium für Bildung in Griechenland berät. Es forscht, stellt Inhalte und Methoden zusammen, hat aber keinen eigenen Bildungsauftrag. Das heißt, das Institut beschäftigt sich mit dem Fach Politische Bildung, bietet aber keine Seminare für die breite Öffentlichkeit.

Politische Stiftungen und Think Tanks in Griechenland

Schon anfangs stellt Karpouchtsis in der Präsentation fest: es gibt in Griechenland keine Institutionen, z.B. Stiftungen, die einen klaren Auftrag zur politischen Jugendbildung oder politischen Bildung im allgemeinen Sinne haben. Der junge Politologe zählt unterschiedliche griechische Stiftungen und Think Tanks auf, darunter ELIAMEP (Hellenische Stiftung für Europa- und Außenpolitik). Diese beraten die Regierung in einigen Angelegenheiten, organisieren auch Tagungen und Seminare und haben in ihren Satzungen politische Bildung als Ziel festgelegt. Jedoch beschäftigt sich keiner dieser Träger ausschließlich mit politischer Bildung. Auch Tagungs- und Bildungsstätten, wie man sie in Deutschland kennt, findet man in Griechenland nicht. Keiner dieser Think Tanks hat ein klares Mandat, um hauptsächlich politische Bildung für Bürger und Bürgerinnen anzubieten. Dazu fehlt nicht nur das Mandat, sondern auch die Ressourcen.

Karpouchtsis erzählt auch von den parteinahen politischen Stiftungen Griechenlands. Er betrachtet diese sehr kritisch und sieht darin keine Ähnlichkeiten zu den deutschen politischen Stiftungen. Die griechischen politischen Stiftungen leiden nicht nur an mangelnden Ressourcen wegen der strikten Austeritätspolitik, sondern auch an der eigenen Identität, meint Karpouchtsis. Sie fungieren weitestgehend als Parteiableger und bieten Veranstaltungen nur für die eigenen Parteimitglieder, Parteifreunde und für die Parteiführung. Das Angebot richtet sich nicht an die breite Öffentlichkeit und der Charakter der Seminare und Tagungen folgt der Parteilinie.

Park für nationale Versöhnung

Doch nicht alles sei so negativ und schlecht, wie es sich anhört. „Politische Bildung ist ein Emanzipationsprozess. Er ist langwierig und schwer und nimmt viel Kraft in Anspruch“, betont Karpouchtsis und stellt ein positives Beispiel der politischen Bildung in Hellas vor: den Park für nationale Versöhnung. Diese Bildungsstätte wurde von der Stiftung für Parlamentarismus und Demokratie des Hellenischen Parlaments gegründet. Im Grammos-Gebirge von Westmakedonien befindet sich ein geschütztes Gebiet, der genannte Park, der mit Restaurant, Bibliothek, Seminarräumen und 60 Zimmern ausgestattet ist. Das ist eine für Hellas einzigartige Bildungsstätte. Diese beschäftigt sich mit dem griechischen Bürgerkrieg, der zwischen 1946 und 1949 das Land und die Bürger/-innen tief spaltete. Die letzten Schlachten fanden im Grammos-Gebirge statt. Deshalb befindet sich auch dort die Bildungsstätte und deshalb heißt der Park auch „Park für nationale Versöhnung“.

Diese Bildungsstätte hat ein klares Bildungsmandat und wird von Schulen und Universitäten besucht. Sie stößt damit einen Emanzipationsprozess an, indem dort die traumatische Vergangenheit thematisiert wird. Die Bildungsstätte, die seit 2011 existiert, mag für manche zu spät gekommen sein. Doch allein die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt, ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Zusammenarbeit mit deutschen Bildungsstätten könnte sich Karpouchtsis gut vorstellen.

Gedenktage prägen die politische Bildung

Schließlich geht Karpouchtsis auf die politische Kultur in Griechenland ein. Diese wird von den zwei Nationalfeiertagen und dem Gedenktag geprägt. Der 25. März signalisiert Griechenlands Unabhängigkeitskampf gegen das Osmanische Reich. Der 28. Oktober wird als der „Ochi-Tag“ der "Nein-Tag" Griechenlands zu den Axis-Mächten und als Eintritt in den Zweiten Weltkrieg gefeiert. Der 17. November gilt als Gedenktag für die blutige Zerschlagung des Studentenaufstands gegen die Militärjunta Griechenlands. Diese Tage und die Geschichte sowie die Mythen, die sie begleiten, prägen nicht nur die politische Bildung in der Schule, sondern auch außerhalb. Das ist wichtig, wenn man mit Hellas im Rahmen politischer Bildung zusammenarbeiten möchte. Denn diese Tage prägen zum einen die nationale Identität der Bürger/-innen, zum anderen weisen sie auf die jüngere Vergangenheit des Landes hin. Die Inhalte dieser Feiertage bieten sich für politische Bildung an, denn darüber diskutiert die breite Öffentlichkeit. Was früher als ein "Ochi-Tag" gegenüber den Italienern oder Deutschen galt, gilt heute als ein „Nein“ zum Faschismus. Ähnlich der "Polytechnion-Tag", der sich als ein Aufruf gegen Unterdrückung und für Bildung und Freiheit versteht.

Politische Bildung wird durch die Feier- und Gedenktage weitgehend geprägt und diese Tage fungieren sehr gut als Anknüpfungspunkte für politische Bildungsthemen in Griechenland. Materialien dazu gibt es im formalen und non-formalen System in großen Mengen: Fotos, Filme, Dokumentarsendungen, Bücher aus dem In- und Ausland und auch Zeitzeugen. Diese Tage sind für alle Bürgerinnen und Bürger bedeutend und können damit eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Daher sind sie auch gut für politische Bildungsprojekte nutzbar, meint Karpouchtsis.
 
Zusammenfassend betont Karpouchtsis, dass Griechenland eine andere Art von politischer Bildung als Deutschland hat mit anderen Strukturen, die, obwohl man es nicht merkt, gut zu funktionieren scheinen. Diese Unterschiede sollte man in der Zusammenarbeit kennen, um Hindernissen auszuweichen und Chancen in der Jugendbildung zu erkennen.



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