Babis Papaioannou

Formen der Jugendarbeit und die Förderung von Jugendstrukturen in Griechenland

Jugendarbeit ist in Griechenland in vielen Bereichen lückenhaft, klagt Babis Papaioannou. Gemeinsam mit anderen Jugendarbeiter(inne)n möchte er eine Gewerkschaft gründen, die vor allem die Aufgaben eines Fachverbandes erfüllen soll.

Kegel stehen in einem Kreis
BildImage: © Bauer Alex - Fotolia


Babis Papaioannou, Bild: Christos Pashoudis

Babis Papaioannou hat unter anderem ein Masterstudium zur Europäischen Jugendpolitik abgeschlossen und ist in der griechischen UNESCO-Jugend in Thessaloniki aktiv. Als Mitglied des Komitees zur Vorbereitung der Griechischen Vereinigung der Jugendarbeiter
(Greek Youth Worker Association) und als erster Grieche im Europäischen Jugendforum ist er ein Fachmann im Bereich griechische Jugendarbeit und Jugendpolitik.

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Die Arbeit im Bereich der Jugendorganisationen und anderer Formen der Jugendarbeit (youth working) weist in Griechenland eine relativ kurze Geschichte auf. Rückwirkend betrachtet verfügten nur die großen Jugendorganisationen wie die Pfadfinder/-innen, die XAN (gr. Ableger des YMCA) und entsprechend die XEN (YWCA) über ein Ausbildungssystem für Fachkräfte, die dann auch in diesen Organisationen selbst tätig wurden oder neue Formate schufen, in denen sie die erworbenen Methoden anwandten.

Dies änderte sich ein für alle Mal im Jahr 1982, als die PASOK-Regierung (dt. Panhellenische Sozialistische Bewegung) zum ersten Mal eine Behörde für Jugendthemen ins Leben rief: das Staatssekretariat für Jugend, das  ab 1985 seine Arbeit als Generalsekretariat für Jugend fortsetzte. Ziel dieser neuen Behörde war die Koordination von Regierungsaufgaben in Bezug auf Themen, die die Jugend betreffen, sowie die Zusammenarbeit mit Trägern der Kinder- und Jugendarbeit. Anhand der Initiativen, die in dieser Phase entwickelt wurden, wurde sehr schnell deutlich, dass ausgebildete und durch fundierte Kenntnisse ausgewiesene Fachkräfte fehlten, die in der Lage sind, zugleich:

  • Jugendliche über nationale, aber auch europäische Initiativen aus dem Jugendbereich zu informieren,
  • kommunale, regionale und nationale Initiativen zu übernehmen und Jugendliche zu mobilisieren,
  • Jugendliche auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene zu stärken
  • Kenntnisse über die Prinzipien der nicht-formellen Bildung aufzuzeigen,
  • landes- und europaweite Netzwerke zu schaffen.

Dieser „Lücke“ nahm sich zunächst das Generalsekretariat für Jugend selbst an mithilfe ausgebildeter Fachkräfte und durch Initiativen, die es in ganz Griechenland durchführte, sowie durch die Inbetriebnahme zweier Informationszentren für Jugendliche in Athen und in Thessaloniki.

Seit den 90er Jahren entstand zunehmend die Notwendigkeit nach einer neuen beruflichen Fachrichtung: einer Fachrichtung, die die Jugend und Initiativen für die Jugend überprüft, begleitet und fördert. Mit der Umsetzung der ersten europäischen Programme für Jugendliche in Griechenland (JUGEND in Aktion) und mit der Entwicklung der ersten kommunalen und regionalen Jugendräte in den meisten Städten des Landes entstand eine hohe Anzahl an Jugendorganisationen und -initiativen, die hauptsächlich an dem Programm der Nationalagentur teilnahmen und mit der kommunalen Selbstverwaltung kooperierten.

Zeitgleich führte die für Jugendthemen positive Ausrichtung der Europäischen Kommission unter dem Vorsitz von Prodi (1999-2004) mit der erstmaligen Ernennung eines Jugendkommissariats und mit der Ernennung der Luxemburgischen Vertreterin, Viviane Reding, als erster Jugendkommissarin zu europaweiten strukturellen Veränderungen. Die Veröffentlichung des „Weißbuchs Jugend“, des ersten Textes zu Jugendpolitik, das sehr deutlich die Ausbildung von Fachkräften der Jugendarbeit als Instrument für die Umsetzung der europäischen Jugendpolitik ansetzte, verhalf zu einem Fortschritt in diesem Bereich.

Im gleichen Zeitraum beobachten wir auch in Griechenland die ersten Aktivitäten zur Gründung eines organisierten Formats seitens derjenigen, die im Bereich Jugend tätig sind, hauptsächlich verbunden mit der Forderung nach staatlicher Anerkennung der Tätigkeit als eigenständigen Beruf sowie den Abschluss eines Tarifvertrages. Dieser erste Versuch wurde von etwa 200 Personen unterstützt, von denen die meisten Mitarbeiter/-innen der Jugendinformationszentren sind, einer dynamischen neuen Institution, die im Jahr 2000 entstand und dezentrale Strukturen der Information und der Förderung von Jugendlichen und Jugendorganisationen in 120 Kommunen des Landes schuf; eine Institution, die um 2007 herum sukzessive schwächer wird, gefolgt von einer Abschwächung dieser ersten Initiative zur Schaffung eines gewerkschaftlich organisierten Verbundes der Jugendarbeiter.  

Die Entwicklungen im Bereich der ehrenamtlichen Jugendorganisationen, die Vernetzung und die Ansprüche des neuen Programms „JUGEND in Aktion“ in der Periode 2007-2013 sowie der Vorrang der Ausbildung und der Spezialisierung  von Fachkräften in der Jugendarbeit erzeugen neue, aber auch paradoxe Standards: Während das Generalsekretariat für Jugend zu Beginn und in der Folge auch die Stiftung für Jugend und Lebenslanges Lernen Fachkräfte weiterhin fördern und ausbilden, und während es weiterhin eine große Aktivität im Jugendbereich gibt, mit Initiativen, Organisationen und informellen Gruppierungen von Jugendlichen, die es schaffen, sehr gute Beispiele der Beteiligung zugunsten der Jugendlichen in ganz Griechenland zustande zu bringen sowie Fachkräfte, Organisationen und Initiativen als europäische Innovationen in den Vordergrund zu stellen, verstummen der Kern des Verbundes sowie die Aktivitäten für eine gewerkschaftliche Struktur der Fachkräfte aus dem Bereich der Jugendarbeit immer mehr. Das Thema tritt sporadisch nur in einzelnen Veranstaltungen auf, und obwohl sich alle Interessenten über die Notwendigkeit einig sind, übernimmt keiner die Initiative für den ersten Schritt.  

Aktuell hat sich die Situation dramatisch geändert, da die Finanzkrise neue Bedingungen geschaffen hat, sodass diese noch offenen Themen unbedingt  angegangen werden müssen. Es gibt eine intensive und förderliche Mobilisierung in der Zielrichtung der gewerkschaftlichen Organisation der Jugendarbeiter mit folgenden Eigenschaften:

  • Die Finanzkrise hat die griechische Jugend zu derjenigen sozialen Gruppe verdammt, die die größten und schlimmsten ihrer Folgen erleiden muss. In einem Land mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 60%, in dem die Strukturen der Sozialhilfe zerstört sind, führt die Abwesenheit einer organisierten politischen Einmischung für die Interessen der Jugendlichen zu einer Verschlimmerung dieser Folgen.
  • Zeitgleich ist aufgrund der Wirtschaftskrise ein großer Teil der Stellen im Bereich der gemeinnützigen Organisationen und anderer Formate der Zivilgesellschaft abgeschafft worden, sodass ein großer Teil der aktiven, ausgebildeten und spezialisierten Fachkräfte inzwischen arbeitslos ist.
  • Die Anfragen für eine Teilnahme an Maßnahmen und Kooperationen im Jugendbereich werden immer anspruchsvoller. Von einer anfänglichen Suche nach Partnern auf der Basis von guten Vorsätzen und gemeinsamen Kontakten sind wir übergegangen zur Gestaltung strategischer Planungen, zu komplexeren Kooperationsstrukturen, aber auch zu Anforderungen nach besonderen Fachkenntnissen in Themen wie Personal- und Haushaltsmanagement, nach einer Verbesserung der Methoden zur gesellschaftlichen Teilhabe, nach direkten und personalisierten Kommunikationsmöglichkeiten sowie nach einer ausgezeichneten Kenntnis und Nutzung der neuen Technologien und insbesondere der sozialen Netzwerke.
  • Gefordert werden auch Informationen über Tendenzen, neue Kooperationen und Angebote sowohl seitens der internationalen Organisationen, als auch seitens der großen Stiftungen, der Förderer sowie der Regierungen und kommunalen Strukturen und all derer, die eine wichtige Rolle in der Gestaltung der Jugendpolitik einnehmen können.

Das Nichtvorhandensein einer gewerkschaftlichen Vertretung in diesem Bereich hat negative Konsequenzen auf drei Ebenen:

Α. Für die Jugendlichen
Die Entwicklung im Bereich der Jugendinitiativen, -aktivitäten und -maßnahmen setzt außer Innovation und Kreativität eine gewisse Unterstützung voraus. Das Nichtvorhandensein einer gewerkschaftlichen Vertretung dieses Fachbereichs hinterlässt die Jugendlichen ohne eine solche Unterstützung: Ohne Beratung und ohne Möglichkeit, eine Perspektive und eine Entwicklung ihrer Initiative zu sehen, schränkt dies ihre Aktivitäten auf lokaler Ebene ein und verhindert ihre Nachhaltigkeit.

Β. Für die Jugendorganisationen
Für den Bereich der ehrenamtlichen Organisationen und der Jugendorganisationen besteht aktuell mehr denn je die Notwendigkeit ausgebildeter, spezialisierter und effizienter Fachkräfte, die in der Lage sind, die nationalen und internationalen Entwicklungen im Jugendbereich zu begleiten.

C. Für den Staat
Sowohl was die Vertretung von Griechenland im Ausland und in internationalen Foren und Konferenzen betrifft, als auch und vor allem was die Teilnahme am Strukturierten Dialog zu Jugendthemen anbelangt, zu denen die griechische Regierung verpflichtet ist, durchzuführen, darf eine organisierte Vertretung derjenigen, die im Bereich Jugend aktiv sind, nicht fehlen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Demokratie und insbesondere ihrer Qualität, die im Jugendbereich kritisch ist. In Griechenland haben wir ein Regierungsmodell akzeptiert, in dem die jeweiligen Regierenden in der Lage sind, alleine und ohne jegliche öffentliche Anhörung über die Zukunft der Politik, die sie umsetzen werden, zu bestimmen. Wir haben akzeptiert, dass unsere Politiker gerademal alle vier Jahre während der Wahlen kontrolliert und bestätigt oder abgelehnt werden. Dass die Strukturen der Zivilgesellschaft zwar ergänzend, aber nur am Rande eine Rolle spielen und eventuell dazu eingeladen werden, ihre Meinung kundzutun, aber auch nichts darüber hinaus. Im Jugendbereich bestehen verschiedene Ebenen der Wechselwirkung, von der Kommune über die Peripherie bis hin zur zentralen Regierung und den Trägern, die Jugendpolitik ausführen. Und die Abwesenheit der Jugendlichen und der Jugendorganisationen in den Mitbestimmungsverfahren wird stets auf eine Hauptursache zurückgeführt: das Nichtvorhandensein einer Formation, die in der Position ist, die Fachkräfte aus dem Bereich der Jugendarbeit und der Jugendpolitik zu vertreten.

Die griechische Abwesenheit in den entsprechenden Netzwerken für Jugendarbeiter in Europa sowie weltweit, unsere Abwesenheit von den entsprechenden Gesprächen in den Institutionen der Europäischen Union, des Europarats und der UNO bzgl. der Gegenwart, der Zukunft und der Probleme im Jugendbereich schafft (noch) eine Lücke. Kooperationen innerhalb der europäischen Strukturen wirkend gleichzeitig fördernd auf Kooperationen für zukünftige Projekte, für Übertragungen von Good-Practice-Beispielen, aber auch von Gesamtplanungen und -maßnahmen, von denen Griechenland ausgeschlossen bleibt. So wird die Notwendigkeit einer gewerkschaftlichen Strukturierung der Jugendarbeit immer dringender.

Auf diese Weise erkennen wir die Initiative für ein Deutsch-Griechisches Jugendwerk als positiv an. Die Errichtung des Jugendwerks kann sowohl die Fachkräfteaus- und fortbildung im Bereich der Jugendarbeit aufgrund des großen Erfahrungsschatzes auf deutscher Seite unterstützen, als auch zur Übertragung von Good-Practice-Beispielen beitragen, die auf der einen Seite unsere beruflichen Pflichten, hauptsächlich die Etablierung des Berufsbildes in Griechenland, betreffen, auf der anderen Seite die Beibehaltung eines Klimas der Kooperation zwischen den Trägern der Zivilgesellschaft beider Länder.

Betont werden muss natürlich, dass eine neue Institution für Jugendliche, der sich jetzt als internationale Organisation geplant ist, von Anfang an Verfahren der Mitbestimmung und der Transparenz mit den Trägern der Jugendarbeit integrieren muss, sodass wir nicht erneut die Erfahrung bürokratischer Träger und Organisationen, die nur auf dem Papier existieren, machen müssen.

In einem Land wie Griechenland, in dem die Themen der Einbeziehung und der Förderung von Jugendlichen an Hochschulen nicht gelehrt werden, in dem die Jugendpolitik, wenn sie umgesetzt wird, dann nur nationalen, aber nicht europäischen Charakter hat, und in dem die Finanzkrise einen großen Teil der Jugendlichen betrifft, der beschließt das Land zu verlassen, werden die Strukturierung und die gewerkschaftliche Organisation der Jugendarbeit zum einzig richtigen Weg. Aus diesem Grund birg die derzeitige Initiative gute Chancen für die Schaffung einer stabilen, demokratischen Institution, die die Bedürfnisse der Zeit zur Unterstützung der Jugend und der Jugendorganisationen in Angriff nimmt.



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