Katharina Wuropulos und Thea Gutschke

Friedensförderung durch deutsch-griechische Jugendbildungsarbeit – Eine friedens- und konfliktwissenschaftliche Perspektive auf die europäische Friedensarbeit

Dieser Artikel behandelt die Rolle des „Positiven Friedens“ für die Friedensförderung im europäischen Kontext sowie Formen von Jugendbildungsarbeit als Teil dieser Friedensförderung: Es wird eine Kategorisierung der vielfältigen Initiativen vorgenommen und deren Bündelung unter dem Konzept der „Friedensbildung“ oder „Friedenserziehung“ vorgeschlagen. Das Anliegen dieses Konzeptentwurfes geht über eine analytische Fingerübung hinaus und stellt ein Plädoyer an Jugendbildungs-Akteure dar, ihre europäischen Aktivitäten als Formen der Friedensbildung mit dem Ziel einer höheren Wirkungskraft und Kohärenz zu begreifen.

Hände formen einen Stern
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Katharina Wuropulos, Bild: Krystal Renschler

Katharina Wuropulos promoviert in München zu Friedenstechnologien. Sie hat einen interdisziplinären Hintergrund in Friedens-und Konfliktforschung, Soziologie und Politikwissenschaft und Abschlüsse aus Uppsala, Heidelberg und Bologna. Katharina forschte u.a. in Chile und Schweden zu gewaltsamen Jugendprotesten und Policy Innovation sowie für das Friedensinnovationslabor der Stanford Universität. Sie spricht acht europäische Sprachen, und organisiert seit 2014 deutsch-griechische Friedensbegegnungen für Jugendliche.


Thea Gutschke, Bild: privat

Thea Gutschke ist Politikwissenschaftlerin mit einem Schwerpunkt in Friedens-und Konfliktforschung. Sie ist in Spanien, Deutschland und Südafrika aufgewachsen und kürzlich aus Kolumbien zurückgekehrt, wo sie zur Partizipation im Friedens- und Reparationsprozess geforscht und gearbeitet hat. Vor zwei Jahren gründete sie den Verein „Youth Association for Peace“, mit dem sie internationale Jugenddelegationen zu den jährlich stattfindenden Treffen der Friedens-Nobel-Preisträger organisiert und begleitet.

Beide Autorinnen haben einen Hintergrund in Friedens- und Konfliktforschung und organisierten in den letzten Jahren europäische und deutsch-griechische Jugendbegegnungen, die sich thematisch mit Antidiskriminierung, Demokratiebildung/Politische Bildung, Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit und Friedensförderung auseinandersetzten. Besonders vor dem Hintergrund der politisch und medial angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland sehen sie einen großen Mehrwert von Jugendbildungsprojekten für die zivilgesellschaftlichen Beziehungen und die Völkerverständigung der beiden Länder. Auszüge des unten dargelegten Konzeptentwurfes wurden im Workshop I beim Fachtag Politische Bildung im deutsch-griechischen Jugendaustausch im November 2016 vorgestellt.

Griechenland-Special 2017

Fakten, Förderung, Kontakte

Deutsch-Griechisches Jugendforum

Fachtag Politische Bildung

Griechische Jugend

Kirchliche Jugendarbeit

Schulischer Austausch

Friedensbegriff und Jugendbildung

Ein Handschlag zwischen Freunden zur Überwindung eines Streits, ein Vertrag zwischen Staaten zur Überwindung eines Kriegs – Frieden hat viele Facetten, Friedensschlüsse erleben wir im Privaten wie in der Politik. So sind im Laufe der Geschichte sehr unterschiedliche Friedenskonzepte entwickelt worden. Unter den Bekanntesten sind die von Thomas von Aquin im 13. Jh., über Immanuel Kant im 18. Jh. bis zu Johan Galtung in den 70er Jahren.

Die grundlegende Eigenschaft von Frieden, die Minimalbedingung, die all seine verschiedenen Formen und heutigen Definitionsversuche gemeinsam haben, ist die Abwesenheit von Gewalt. Galtung differenziert dabei zwischen „Positivem“ und „Negativem Frieden“: Während der Negative Friede sich in der herkömmlichen Bedeutung auf die Abwesenheit von Krieg (personelle Gewalt) beschränkt, also die gewaltlose Konfliktaustragung und Sicherheit der Bevölkerung zum Ziel hat, ist das Konzept des Positiven Friedens noch weitreichender, indem es neben der personellen auch strukturelle und kulturelle Gewalt ausschließt. Der Positive Friede beschreibt damit ein Ideal, das gekennzeichnet ist durch Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Toleranz und Dialogfähigkeit.

Dem Konzept des „Positiven Friedens“ liegt die Auffassung zugrunde, dass ein langfristiger Frieden mehr als einen Friedensschluss erfordert. Die neuere Friedens- und Konfliktforschung versteht Frieden in diesem Sinne nicht als Zustand, sondern als einen Prozess, der durch individuelle, gesellschaftliche und systemische Bedingungen charakterisiert ist: Gewaltfreies Handeln, Demokratisierung und eine Transformation und Verrechtlichung des internationalen Kontextes ermöglichen Frieden im Sinne einer Konflikttransformation auf verschiedenen Ebenen.

Auf dieser Annahme fußt auch die Idee der Europäischen Union als „Gemeinschaft im Dienste des Friedens“: Durch wirtschaftliche Verflechtung, Demokratisierung und internationale Verrechtlichung, aber auch durch Grenzöffnungen, Reisen, das Erlernen von Fremdsprachen, gemeinsame Projekte über nationale Grenzen hinweg sowie die Begegnung zwischen Politiker(inne)n und zwischen den Bürger(inne)n verschiedener Länder sollte eine so starke Verbundenheit entstehen, dass Kriege in Europa nicht mehr möglich sind. Ein besseres Kennenlernen und gegenseitiges Vertrauen sind also wesentliche Erfolgsfaktoren für dieses Friedensprojekt.

Damit geht der Anspruch der Europäischen Union weit über das Konzept des Negativen Friedens hinaus. Der Positive Frieden eignet sich insofern bestens als ein Friedensbegriff für die Friedensarbeit im derzeitigen europäischen Kontext. Für diese Friedensarbeit bestehen, obwohl es seit über 70 Jahren Frieden zwischen EU-Staaten gibt und ein Krieg kaum vorstellbar ist, wichtige Gründe: Zum einen sind, wie beispielsweise durch Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit manifestiert, manche Bedingungen des Positiven Friedens, die über die Abwesenheit von Krieg hinausgehen, nicht gewährleistet. Zum anderen ist die Unvorstellbarkeit eines Krieges zwischen EU-Staaten kein Garant für Frieden, mit dem man sich begnügen darf - vor allem nicht, wenn Frieden als Prozess verstanden wird und auch die Abwesenheit innerstaatlich gewaltsam ausgetragener Konflikte einschließt. Dies müssen wir uns vor dem Hintergrund eines erstarkten Nationalismus, wachsender EU-Skepsis und zunehmend unverhohlener Ausländerfeindlichkeit bewusstmachen. Es macht die Notwendigkeit eines Bemühens um die Wahrung des Negativen Friedens und eine weitere Annäherung an das Ideal eines Positiven Friedens nach Galtung offensichtlich.

Nach Gandhis Prämisse „Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen“, trägt die Jugend der Gegenwart die Verantwortung für eine friedliche Zukunft. Dass diese die Werte der gemeinsamen Verantwortung, Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, sozialen Gerechtigkeit und kulturellen Vielfalt schätzt und lebt, ist für ein friedliches demokratisches Zusammenleben unabdingbar. Unsere heutige Verantwortung besteht damit darin, den nächsten Generationen ein möglichst leichtes Erbe zu hinterlassen und sie durch entsprechende Jugendbildungsarbeit für ein friedliches Zusammenleben und dessen Voraussetzungen zu sensibilisieren. Dies ist nicht nur im Hinblick auf zunehmenden Nationalismus, Populismus und Ausländerfeindlichkeit von wesentlicher Bedeutung, sondern auch gerade angesichts des großen Erfolgs des „Friedensprojekts Europa“: Nicht mehr lange wird es die letzten Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges geben, der für die Prägung der europäischen und nationalen Identitäten so entscheidend war. Damit hat die jüngere europäische Generation mit Ausnahme einiger zugezogener Neu-Europäer/-innen und den Bewohner(inne)n des ehemaligen Jugoslawiens nie Krieg zwischen den europäischen Staaten erlebt. Dieser Frieden, der auf jahrzehntelangen vielseitigen Bemühungen der Vertrauensbildung und Völkerverständigung basiert, kann heute leicht als Selbstverständlichkeit empfunden werden. Darum ist gerade die Sozialisierung junger Menschen im Sinne des positiven Friedens, nämlich Friedensbildung oder Friedenserziehung (englisch: peace education), so unabdingbar. [1] Eine solche Jugendbildungsarbeit mit dem Ziel der friedlichen Lösung von Konflikten, der internationalen Begegnung und des gegenseitigen Verständnisses ist Friedensförderung und Völkerverständigung im Sinne der Grundidee der Europäischen Union.

„Im Frieden leben erfordert nicht große Worte, sondern viele kleine Schritte.“ – sagte Egon Bahr 1975. Viele Menschen in Europa sind bereit, diese Schritte zu gehen und setzen sich mit Leidenschaft für ein friedliches gemeinsames Zusammenleben über nationale Grenzen hinweg ein. Die Inhalte und Formen der Friedensbildungsinitiativen der europäischen Jugendbildungsarbeit sind vielfältig und umfassen die Bereiche: der (1) Antidiskriminierungspädagogik, (2) Demokratiebildung und Politische Bildung und (3) Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit.

(1) Antidiskriminierungspädagogik

Viele pädagogische Herangehensweisen der Jugendbildungsarbeit werden unter dem Begriff Antidiskriminierungspädagogik zusammengefasst. Die Antidiskriminierungspädagogik als Disziplin hat vor allem zum Ziel über Formen der gesellschaftlichen strukturellen Gewalt aufzuklären und basierend auf einem besseren Verständnis von Diskriminierung Missstände anzuprangern und Techniken zu entwickeln, um bestehende Strukturen zu ändern.

Wie können Jugendliche Sexismus und Rassismus erkennen und damit umgehen bzw. diese Formen der Gewalt in ihre Schranken weisen? Wie können Jugendliche für unterschiedliche Lebensweisen und Inklusion sowie Vorurteile und Diskriminierung sensibilisiert werden? Wie können sie eigenständig Gegenstrategien entwickeln, um sich und andere vor Diskriminierung und ihren Auswirkungen zu schützen?

Eine übersichtliche Einordnung des Feldes in Interkulturelle Pädagogik, Antirassistische Pädagogik [2], Geschlechterbewusste Pädagogik, Lebensweisenpädagogik, Integrative Pädagogik, Inklusionspädagogik, Menschenrechtsbildung, Diversitypädagogik sowie den Anti-Bias-Approach (Vorurteilsbewusste Bildung) bietet das Buch Antidiskriminierungspädagogik von Liebscher und Fritzsche (2010), das das Konzept vorurteils- und diversitätsbewusster Bildung sowie möglicher Gegenstrategien mit dem Ziel der Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit in heterogenen Gesellschaften anschaulich vermittelt.

Der Antidiskriminierungspädagogik lässt sich darüber hinaus auch die Gewaltprävention zuordnen. Gewaltprävention gilt als die große Schwester der Antidiskriminierungspädagogik und behandelt schon dem Namen nach die wohl stärkste Form der Diskriminierung, die physische Gewalt, und ihre Vermeidung. Hier werden vor allem die Grundlagen des friedlichen Miteinanders und das Prinzip des gewaltlosen Handelns vermittelt, wobei sich Inhalte oft mit den oben genannten einzelnen Teilbereichen der Antidiskriminierungspädagogik überschneiden.

Ausgewählte Literaturtipps zum Themenfeld:
Liebscher, Doris, and Heike Fritzsche. 2010. Antidiskriminierungspädagogik. Edited by Rebecca Pates, Daniel Schmidt, and Susanne Karawanskij. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Gugel, Günther, ed. 2010. Für die Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen. Handbuch Gewaltprävention 2. Tübingen: Institut für Friedenspädagogik e.V./WSD Pro Child e.V.
Praktische Eindrücke und Lehrmaterialien zu den verschiedenen Kategorien der Antidiskriminierungspädagogik bietet die Stiftung EVZ auf ihrer Website.

(2) Demokratiebildung/Politische Bildung

Dieser Ansatz behandelt im Unterschied zur Antidiskriminierungspädagogik das politische System und soll ein demokratisches Bewusstsein vermitteln sowie zum/zur mündigen Bürger/-in erziehen. Gesellschaftliche Partizipation und das Gewicht der eigenen Stimme und des eigenen Handelns werden hierbei hervorgehoben: Wieso ist Partizipation von Jugendlichen bzw. Bürger(inne)n jeden Alters wichtig? Was bedeutet die einzelne Stimme? Wie können Jugendliche etwas verändern und sich für ihre Anliegen einsetzen?

Darüber hinaus werden in der Demokratiebildung/Politischen Bildung die inhaltlichen Themen Europa, Europapolitik und der Mehrwert der Europäischen Union behandelt. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen gehört allerdings auch zum Gegenstand der Politischen Bildung. Schließlich können sowohl die Vermittlung von Wissen über die Genese und Geschichte des demokratischen und pluralistischen Europas als auch europäische Freundschaften über Landesgrenzen hinweg zu einem europäischen Identitätsbewusstsein der an der europäischen Friedensarbeit beteiligten Jugendlichen führen.

Ausgewählte Literaturtipps zum Themenfeld:
Generell ist im deutschsprachigen Raum die Artikel- und Materialiensammlung für Demokratiebildung/ Politische Bildung der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) zu empfehlen.

(3) Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit

Elementarer Bestandteil der Friedensbildung sind im deutschen sowie im europäischen Kontext die Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit. Diese Kategorie kann sich insbesondere mit der Menschenrechtsbildung, jedoch auch mit der Antidiskriminierungspädagogik insgesamt und der Demokratiebildung/Politischen Bildung überschneiden. Definierende Eigenheit der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit ist die Fokussierung auf historisches Geschehen, die Bewahrung geschichtlichen Wissens und das Lernen aus der Vergangenheit. Das Erinnern vergangener Unrechtstaten ist für die Anerkennung von Menschenrechtsverletzungen von zentraler Bedeutung. Und nur durch ein besseres Verständnis der Vergangenheit kann aus dieser gelernt und die Wiederholung solcher Taten verhindert werden. Damit eine einst von Grausamkeit und Feindseligkeit geprägte Gesellschaft friedlich und versöhnt zusammenleben kann, muss diese sich also kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

Die europäische Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit mit Jugendlichen verschiedener Nationalitäten und Hintergründe zielt in manchen Fällen auf die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen zum besseren Verständnis der Komplexität der Geschichte ab, beispielsweise durch Zeitzeugeninterviews und Methoden der oral history. Versöhnungsarbeit kann sich jedoch auch auf menschliche Begegnungen in nicht-politischen Belangen ohne Thematisierung der Vergangenheit konzentrieren und dadurch Verständigung zwischen diversen sozialen Gruppen erreichen.

Akteure und Umsetzungsformen der Friedensbildung und -erziehung

Die europäischen Jugendbildungsmaßnahmen werden auf vielfältige Weise innerhalb der drei skizzierten Bereiche der Friedensbildung und -erziehung umgesetzt. Formate der Antidiskriminierungspädagogik, Demokratiebildung/ Politischen Bildung und der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit reichen von europäischen Jugendaustauschprogrammen und -begegnungen, Sport- und Musikveranstaltungen über Workcamps bis zu Dialog- und Streit-/ Rhetorik-Seminaren, die Jugendliche verschiedener Nationalitäten einbeziehen und miteinander in Kontakt bringen. Jugendparlamente, Planspiele und Simulationen gehören dazu wie Sommeruniversitäten und -schulen.

In der Umsetzung der Friedensarbeit sind neben den schulischen Ausbildungsstätten in vielen Fällen Stiftungen, Museen, Gedenkstätten, Kommunen und Zivilgesellschaft als Einzelakteure und im Zusammenspiel involviert. Auch Vereine, Verbände und Kirchen spielen eine wichtige Rolle in der Organisation und Finanzierung vieler Initiativen. Programme wie Europeans for Peace von der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ) finanzieren europäische Projekte zu Themen der Antidiskriminierungs-, Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit. In Schweden, Dänemark und Norwegen gehören bildungspolitische Europareisen für die Mitglieder der dortigen Jugendparteien zur Normalität. Ähnliche Programme bieten die europaweiten Projekte der belgischen und französischen Pfadfinder.  Institutionen, wie das Deutsch-Polnische und das Deutsch-Französische Jugendwerk haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass Generationen deutscher Jugendlicher die Länder Frankreich und Polen und vice-versa kennen lernten, und genießen die Reputation, erheblich zur Völkerverständigung beigetragen zu haben. In das kommende Deutsch-Griechische Jugendwerk, dessen Gründungsvorhaben für 2019 am 26. Juli 2017 unterzeichnet wurde, werden entsprechende Hoffnungen gelegt. Jugendliche in ganz Europa werden also dank vielfältiger Akteure und Kooperationen in diesen und ähnlichen Projekten europäisch sozialisiert und erlangen somit ein Grundverständnis für die Relevanz internationaler Verständigung.

Das Beispiel der deutsch-griechischen Beziehungen

Die deutsch-griechischen Beziehungen haben in den letzten Jahren unter dem scharfen Ton der politischen und medialen Auseinandersetzungen gelitten und währenddessen wurden die Bilder der beiden Länder oftmals auf negative Stereotypen reduziert. Allerdings haben zivilgesellschaftliche Beziehungen und Jugendbildungsprojekte zwischen den beiden Ländern, wenn auch in begrenztem Umfang, eine lange Tradition. Die Zahl dieser deutsch-griechischen Jugendbildungsprojekte stieg vor allem in den letzten drei Jahren dank der Förderprogramme für deutsch-griechische Begegnungen und des aus der Krise hervorgegangenen intensiven zivilgesellschaftlichen Engagements.

Ein sehr erfolgreiches Beispiel solchen Engagements stellen die Jugendaustausche zwischen der Evangelischen Friedensgemeinde Charlottenburg und der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums auf der einen Seite und dem Kulturverein des nordgriechischen Bergdorfes Lechovo auf der anderen Seite dar. Die Austausche in den Jahren 2014 und 2015 leisteten ein inhaltlich aufeinander aufbauendes Friedensbildungsprogramm und eine Verinnerlichung der vermittelten Werte und Themen: Zwischen jenen Jugendlichen aus dem griechischen Bergdorf, die an der ersten internationalen Jugendbegegnung im Jahr 2014 teilnahmen, und jenen, die sich erst im Jahr 2015 beteiligten, fand entsprechend dem lokal traditionell engem Austausch ein Wissenstransfer statt. So verfügten letztere zum Zeitpunkt des zweiten internationalen Austausches im Jahr 2015 bereits über ein Grundverständnis im Hinblick auf Antidiskriminierung, Erinnerung und Versöhnung, auf welchem während des Austauschprogramms aufgebaut werden konnte. Solch langfristige Partnerschaften und über Jahre hinweg inhaltlich aufeinander aufbauende Bildungsprogramme in eng vernetzten gesellschaftlichen Kontexten bieten damit den großen Vorteil, auf indirektem Wege auch Familienmitgliedern und Bekannten der Teilnehmer die behandelten Themen, Debatten und Diskurse nahezubringen. Bei allen direkten jugendlichen Teilnehmern war zum Ende der Projekte eine starke soziale Kohäsion beobachtbar und in ihren Werdegängen seitdem eine deutliche Affinität zu Aufenthalten in anderen europäischen Ländern.

Eine fortdauernde Intensivierung der deutsch-griechischen zivilgesellschaftlichen Beziehungen, beispielsweise durch das Deutsch-Griechische Jugendwerk, ermöglicht jungen Europäern durch die Krise verschärfte Vorurteile zu überwinden, und zur europäischen Friedensförderung im Sinne des positiven Friedens beizutragen.

Fazit: So what?

Ein wichtiger Bestandteil der Friedensförderung im europäischen Kontext, für die sich der Ziel-Begriff des Positiven Friedens nach Galtung eignet, besteht in der Sozialisierung junger Menschen über nationale Grenzen hinweg, durch die gegenseitiges Verständnis und Vertrauen und ein Verbundenheitsgefühl geschaffen werden soll. Diese Jugendbildungsmaßnahmen mit dem Ziel der internationalen Begegnung und des gegenseitigen Verständnisses werden auf vielfältige Weise umgesetzt und lassen sich in drei Kategorien einteilen und unter dem Dach der Friedensbildung oder Friedenserziehung bündeln. Diese Auffassung erhebt die einzelnen Jugendbildungsmaßnahmen der Antidiskriminierungspädagogik, der Demokratiebildung und der Politischen Bildung sowie der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit zu einem ganzheitlichen Konzept, deren Elemente das Anliegen der europäischen Friedensförderung gemein haben. Eine so verstandene Friedensbildung oder Friedenserziehung allein mag keine Garantie für Frieden bieten. Doch sie leistet eine wichtige Grundvoraussetzung: Sie erzieht die Generationen, in deren Händen einmal die Zukunft Europas liegen wird, zu demokratischen europäischen Bürgern mit einem gemeinsamen Verantwortungsbewusstsein und befähigt sie zu friedlicher Konfliktlösung und einem toleranten Zusammenleben.


[1] Eine Übersicht zur Einführungslektüre in Friedenserziehung, Friedenspädagogik und den Diskussionen um Begrifflichkeiten ist außerdem unter http://friedensbildung-schule.de/friedenspaedagogik zu finden. Materialien gezielt für die Friedenspädagogik unter http://www.friedensbildung-bw.de/uebersicht_materialien.html.
[2] Der Antirassistischen Pädagogik kann zudem die Anti-Ziganismuspädagogik untergeordnet werden.



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