Christiane Reinholz-Asolli

Good Practice: „young workers for europe“ Ein Praxisprojekt für mehr Mobilität im Übergang Schule und Beruf

Eine Gruppe von 10 Auszubildenden, führte von Juli bis November 2013 ein Projekt des aktuellen forums in Ioannina, Griechenland durch. Sie führten Arbeiten für die jüdische Gemeinde aus, setzten sich mit viel Kreativität mit der Vergangenheit und Gegenwart Griechenlands auseinander und trafen sogar Bundespräsident Gauck. Verena Falterbaum und Miriam Jusuf berichten über Verlauf und Erfolg des Projektes.

Zwei junge Männer arbeiten auf einem Friedhof
BildImage: aktuelles forum

Griechenland-Special

eine deutsche und eine griechische Fahne

Fakten, Förderung, Kontakte

Berufliche Bildung und Jugendarbeitslosigkeit

Erinnerungsarbeit

Kulturelle Bildung

Politische Bildung

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Jugendforschung

Das aktuelle forum in Gelsenkirchen ist ein nach dem Weiterbildungsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen anerkannter Träger der demokratischen und politischen Erwachsenenbildung sowie anerkannter Träger der Jugendhilfe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG/SGB XIII). Seit über 45 Jahren veranstaltet es Seminare, Projekte, Tagungen und Bildungsurlaube zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Den Bildungsauftrag sieht das aktuelle forum darin, einen Beitrag für eine Gesellschaft zu leisten, die den demokratischen Grundwerten verpflichtet ist und nach sozialer Gerechtigkeit strebt.

Seit mehr als 15 Jahren ist das forum in der internationalen Projektarbeit aktiv (www.aktuelles-forum.de). Einen besonderen Schwerpunkt bilden europäische Handwerksprojekte mit jungen Menschen in der Berufsausbildung und Berufsvorbereitung aus NRW. Es wurden bisher zahlreiche Einsätze in Kooperation mit Jugendberufshilfen an unterschiedlichen Orten der Erinnerung und Gedenkstätten aber auch an sozialen Projekten durchgeführt. Durch kreative Formen der Weiterbildung erhielten Jugendliche Möglichkeiten, sich persönlich zu entwickeln. Gleichzeitig wurden sie zum gesellschaftlichen Handeln ermuntert.

Bei der jungen Zielgruppe handelt es sich um sogenannte bildungsbenachteiligte Jugendliche. Die Arbeit mit und für diese Jugendlichen ist ein besonderes Anliegen des aktuellen forums weil es dabei auch um Bildungsgerechtigkeit geht: Für Student/-innen und Gymnasiast/-innen, häufig auch Auszubildende mit Realschulabschluss, sind Auslandsaufenthalte als Teil der schulischen oder beruflichen Ausbildung selbstverständlich. Aber für die Jugendlichen, die in diesem Projekt mitgearbeitet haben, sind sie es nicht: Viele von ihnen waren noch nie im Ausland oder in einem Flugzeug - manche sind auch noch nie aus ihrer Heimatgemeinde in Nordrhein-Westfalen herausgekommen.

Das XENOS-Projekt young workers for europe zeigt, wie es gelingt, junge Menschen in der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen und Ausbildung als neue Zielgruppe für internationale Mobilitätsmaßnahmen zu gewinnen.

Das Projekt verbindet handwerkliche Qualifikationen und soziales Lernen mit Auslandserfahrungen und vermittelt den Teilnehmenden so wertvolle Qualifikationen für die künftige berufliche Entwicklung. Jedes der zwölf Teilprojekte bestand aus einer Vorbereitungs- und Nachbereitungsphase. Der 14-tätige Handwerkseinsatz im europäischen Ausland ist das Herzstück des Projektes young workers for europe. Das klingt nach einem kurzen Trip, ist für die Zielgruppe des Projektes oft eine besondere Herausforderung. Denn viele von ihnen waren noch nie außerhalb ihrer heimischen Stadtgrenzen unterwegs, waren in der Gruppe fort oder saßen im Flugzeug. Die Einsatzorte der young workers haben im Projektkonzept eine besondere Bedeutung. Denn als Träger der politischen Bildung verbindet das aktuelle forum in dem Projekt interkulturelles und soziales Lernen mit historisch-politischer Bildung.

Die gelungene Einbindung des Projektes in die Berufsausbildung und in andere Maßnahmen der Jobcenter und der Agenturen für Arbeit macht deutlich, dass internationale Mobilität als Baustein in die Regelförderung möglich sein kann.

Eine Gruppe von 10 Auszubildenden (2 weibliche/ 8 männliche), mit 2 Ausbildern und einer pädagogischen Begleitung des Kooperationspartners TÜV Nord Bildung Bergkamen, führten von Juli bis November 2013 das Teilprojekt Ioannina, Griechenland durch.

Sie haben sich in der ‚Qualifizierung 1‘ zwei Tage mit der deutschen und griechischen Geschichte, mit der griechischen Sprache und der Lage von Griechenland in Europa auseinandergesetzt. Sie lernten die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Ioannina kennen und erfuhren, welchen Arbeitsauftrag sie während des Auslandsaufenthalts haben würden.

Innerhalb der ‚Qualifizierung 2‘ beschäftigte sich die Gruppe mit dem Thema „Kreativität“. Sie entwickelten unter anderem eine gemeinsame Definition zur Kreativität „Kreativität ist, wenn Menschen Ideen und Vorschläge mit ausgefallenen, schönen Lösungen erfolgreich und einfallsreich in die Tat umsetzen um die gesetzten Ziele auf unkonventionelle Weise zu erreichen.“

In der ‚Qualifizierung 3‘ fuhr die Gruppe gemeinsam ins Weserbergland zum Teamtraining. In dem Teamtraining machten sie neue Erfahrungen, einige Teilnehmer/-innen fühlten sich im Vorfeld ignoriert, verletzt und allein gelassen, aber durch den starken Zusammenhalt innerhalb der Gruppe haben sie es geschafft, Gefühle des Vertrauens, Toleranz und Akzeptanz den anderen Teilnehmenden gegenüber entgegenzubringen. Dadurch wurde das Selbstwertgefühl aller Beteiligten unglaublich gesteigert und die Gruppe wurde noch weiter zusammengeschweißt.

In der ‚Qualifizierung 4‘ wurden gärtnerische Arbeiten am historischen Jüdischen Friedhof und der Synagoge der Stadt Ioannina in Griechenland durchgeführt.

Während der Auswertungs- und Präsentationsveranstaltung wurde ein Rap Song geschrieben und vor der Einrichtung, vor Vertretern des Jobcenter/ der Agentur für Arbeit, der Presse und der Öffentlichkeit während der Weihnachtsfeier bzw. des Weihnachtsmarktes präsentiert.

Rap Song “Schicksalsgemeinschaft”

Wir haben den Friedhof entdeckt und los gelegt,
Unkraut gejätet und Gräber freigelegt.  
Auf der Suche nach den Spuren der Geschichte,
ein ganzes Dorf durch die Wehrmacht vernichtet.

Vor uns die Grabsteine der jüdischen Gemeinde,
1944 waren die deutschen Ihre Feinde.
Doch wir sind heute als Freunde da
und halten mit der Arbeit die Erinnerung wach.

Wir haben Bäume beschnitten und Efeu entfernt
und in Teamarbeit  besser kennengelernt.
Wir waren kreativ und konstruierten zum Gedenken
Einen Pfahl  den wir vor Ort in der Erde versenkten.

Wir warn auf einmal ne Schicksalsgemeinschaft
Und haben gemerkt, dass jeder hier reinpasst.
Keine Außenseiter alle waren integriert
haben uns gefunden ein Team das harmoniert

Einige O-Töne von Auszubildenden

„Ich nehme für mich mit, die Erfahrung im Ausland zu sein. Also ich war zum ersten Mal im Ausland und fand gut, dass das Angeboten wurde.“
Heinrich

„Das ganze Projekt war ein Highlight. Die ganzen Aktivitäten in der Vorbereitung und in Griechenland, die Eindrücke und die ganze Gruppe in den 14 Tagen. Ich bin durchs Projekt gegenüber anderen Menschen offener geworden. Ich war vorher zurückhaltend, verschlossen und das hat sich verändert. Ein persönlicher Fortschritt für mich.“
Christian

„Ein Erfolg des Projektes lässt sich bei der ganzen Gruppe feststellen. Entscheidend ist, dass sich das persönliche Auftreten der Jugendlichen direkt verändert und es positiv messbar ist. Das wird sich niederschlagen in Vorstellungsgesprächen mit Arbeitgebern, in Bereichen in dem Teamarbeit gefordert wird.“
Bernd Flick, Standortleiter des TÜV Nord Bildungszentrums Bergkamen

Anerkannt wurde dieses Engagement, als Bundespräsident Gauck zum Staatsbesuch in Griechenland war. Seine Reise führte ihn auch an Orte, an denen die young workers aktiv waren. Zwei Jugendliche und ihr Ausbilder aus dem Teilprojekt Ioannina wurden vom Bundespräsidenten eingeladen, ihn bei diesem Besuch zu begleiten.

Von links: Marcel Ast (Auszubildender bei TÜV NORD Bildung), Bundespräsident Gauck, Hans Hitzler (Ausbilder bei TÜV NORD Bildung), Sigrid Skarpelis-Sperk (Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften), Denise Hirz (Auszubildende bei TÜV NORD Bildung), Karolos Papoulias (Staatspräsident von Griechenland)
Von links: Marcel Ast (Auszubildender bei TÜV NORD Bildung), Bundespräsident Gauck, Hans Hitzler (Ausbilder bei TÜV NORD Bildung), Sigrid Skarpelis-Sperk (Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften), Denise Hirz (Auszubildende bei TÜV NORD Bildung), Karolos Papoulias (Staatspräsident von Griechenland)
Bild: Bundesregierung / Steffen Kugler


Denise und Marcel waren menschlich sehr angenehm berührt vom Besuch des Bundespräsidenten. „Es war so aufregend! Unser Bundespräsident ist ein großartiger Mensch. Er hat sich sogar für unseren Einsatz bedankt. Das hat uns darin bestärkt, etwas Besonderes in Griechenland getan zu haben.“, erzählte Denise. „Das war ein Erlebnis, das so schnell nicht wieder kommt! Davon werde ich wohl noch meinen Kindern erzählen“, resümiert Marcel. Denise hat nun auch noch mehr Interesse an den politisch-historischen Themen und hat nach ihrem Projekt den Wunsch geäußert, auch eine KZ-Gedenkstätte in Deutschland zu besuchen. Dieses Anliegen hat das aktuelle forum zum Anlass genommen, eine Gedenkstättenfahrt nach Buchenwald mit Vor- und Nachbereitung für interessierte young workers wie Denise zu organisieren und im Sommer 2014 umzusetzen.

Im Forum Jugendarbeit International 2013-2015 ist eine umfangreiche Analyse des Projektes von Verena Falterbaum und Miriam Jusuf erschienen.
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