Tobias Wolfgarten

Deutsch-Griechische Kooperation in der Berufsbildung – Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Herausforderungen

Im Dezember 2012 schlossen die Bildungsministerien von Deutschland und Griechenland ein Abkommen zur Kooperation in der Berufsbildung. Gleichwohl es Unterschiede im Verständnis von betrieblicher Ausbildung gibt, lassen sich auch viele Gemeinsamkeiten feststellen. Außerdem gibt es ein gemeinsames Ziel – die Arbeitsmarktsituation der jungen Menschen in Griechenland zu verbessern. Zu diesem Zweck engagieren sich Deutsche und Griechen auf unterschiedlichen Ebenen und beweisen vor allem eines – die Partnerschaft zwischen Deutschland und Griechenland ist lebendig und ein erfolgreiches Beispiel europäischer Berufsbildungskooperation.

zwei Auszubildende und ein Meister in einer Kfz-Werkstatt
BildImage: © goodluz, Fotolia

Tobias Wolfgarten
Tobias Wolfgarten, Bild: privat

Tobias Wolfgarten ist Projektleiter für bilaterale Kooperationen bei der Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Drei Köche
Bild: Deutsch-Griechische Industrie-und Handelskammer

Good Practice: Die Deutsch-Griechische Industrie-und Handelskammer hat im Rahmen der Weiterentwicklung des dualen Ausbildungssystems in Griechenland die Initiative ergriffen, die rudimentär existierenden Berufsschulen in Griechenland nach deutschem Vorbild auszubauen. Zurzeit laufen zwei Projekte, die vom BMBF gefördert werden – es handelt sich um die Projekte Mendi und VETnet. Ziel dieser Pilotprojekte ist es, die duale Ausbildung nach deutschen Vorbild und Standards als eine Alternative zum bisher bevorzugten Universitätsstudium einzuführen und – langfristig – die hohe Jugendarbeitslosenquote in Griechenland zu bekämpfen.
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Bild: aktuelles forum

Good Practice: Eine Gruppe von 10 Auszubildenden, führte von Juli bis November 2013 ein Projekt des aktuellen forums in Ioannina, Griechenland durch. Sie führten Arbeiten für die jüdische Gemeinde aus, setzten sich mit viel Kreativität mit der Vergangenheit und Gegenwart Griechenlands auseinander und trafen sogar Bundespräsident Gauck. Verena Falterbaum und Miriam Jusuf berichten über Verlauf und Erfolg des Projektes.
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Straße mit Start-Markierung
Bild: © lassedesignen, Fotolia

Good Practice: MobiPro-EU-Projekt des CJD Bodensee-Oberschwaben in Kooperation mit Griechenland
Das Ausbildungsprojekt „Your German Path!“ startete dieses Jahr im Rahmen des Sonderprogramms MobiPro-EU in Kooperation mit dem griechischen Partner DIAN – Training and Management Activities. MobiPro-EU unterstützt ausbildungsinteressierte junge EU-Bürgerinnen und EU-Bürger bei der Aufnahme einer dualen Berufsausbildung und bietet gleichzeitig Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern in Deutschland die Möglichkeit, freie Ausbildungsplätze mit Ausbildungsinteressierten aus EU-Ländern zu besetzen.
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Griechenland-Special

eine deutsche und eine griechische Fahne

Fakten, Förderung, Kontakte

Berufliche Bildung und Jugendarbeitslosigkeit

Erinnerungsarbeit

Kulturelle Bildung

Politische Bildung

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Jugendforschung

Wenn ein Grieche einem Deutschen das griechische Berufsbildungssystem erklärt, so wird oft berichtet, dass die Griechen die duale Berufsbildung bereits 1952 eingeführt hätten. Dies wird verbunden mit dem freundlichen Zusatz, das habe man sich von Deutschland abgeschaut. Und in der Tat – seit mehr als 60 Jahren gibt es in den Ausbildungsgängen der griechischen Arbeitsagentur OAED Praxisphasen. Aber von Deutschland abgeschaut? Betrachtet man die Unterschiede zwischen beiden Ausbildungssystemen, so wird deutlich, dass Deutsche und Griechen durchaus etwas sehr Unterschiedliches meinen können, wenn sie den Begriff „duale Ausbildung“ verwenden. Damit gelangt man zu einem der Aspekte, der die Kooperation über Ländergrenzen hinweg gleichsam zu einer Herausforderung wie auch zu einer Bereicherung für beide Seiten macht. Es gilt, eine gemeinsame Sprache zu finden – im wortwörtlichen wie auch im fachsprachlichen Sinne.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der betrieblichen Ausbildung in Deutschland und Griechenland? Den Jugendlichen in Griechenland stehen nach Abschluss der neunjährigen Pflichtschule im berufsbildenden Bereich zwei Wege offen. Zum einen besteht die Möglichkeit des Besuchs eines dreijährigen berufsbildenden Gymnasiums (Epaggelmatiko Lykeio – EPAL), zum anderen bieten die der Arbeitsagentur OAED unterstellten Schulen (Scholi Epaggelmatikis Katartisis – SEK) eine ebenfalls dreijährige berufliche Ausbildung an. Im September 2013 wurde die Berufsbildung in Griechenland reformiert. Wichtige Neuerung der Gesetzesnovelle war die Einführung eines ergänzenden Praxisjahrs an berufsbildenden Schulen. Dies hat zu einer Ausweitung der praktischen Lernphasen im Betrieb geführt und kann als Annäherung an das deutsche System der betrieblichen Ausbildung angesehen werden. Das neue Praxisjahr lässt sich optional als viertes Jahr an den Abschluss eines EPAL anschließen, im Ausbildungsweg der von OAED geführten SEK ist dies obligatorisch und in den dreijährigen Ausbildungsgang integriert. Die SEK-Ausbildung mit ihrem verpflichtenden Praxisjahr löst die Vorgängerschulen, die EPAS-Schulen, die nur einen zweijährigen schulischen Ausbildungsgang anboten, ab. Das Praxisjahr ist kein reines Praktikum, sondern stellt eine Mischung aus Praxis (80 %) und einer begleitenden fachspezifischen Unterweisung in der Schule (20 %) dar. Es ist somit durchaus mit der in Deutschland verwirklichten Dualität aus Schule und Betrieb vergleichbar. (f-bb / KIT 2014)

Ein entscheidender Unterschied zwischen den Berufsbildungssystemen in Deutschland und Griechenland besteht jedoch im Umfang der Regulierung sowie in der Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Sozialpartnern. Während in Deutschland mit dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) ein ordnungspolitischer Rahmen vorgegeben wird, der durch die Ausbildungsordnungen (betriebliche Ausbildungsinhalte), die Rahmenlehrpläne (schulisch-fachliche Ausbildungsinhalte), die Ausbildereignungsverordnung (Berufsbildungspersonal in den Betrieben) sowie die Schulgesetze der Länder (allgemeinbildende Fächer an der Berufsschule und Berufsbildungspersonal in den Schulen) in zahlreichen Details ausgestaltet wird, gibt es in Griechenland vergleichsweise wenig Regulierung. Dies gilt insbesondere für die betrieblichen Ausbildungsinhalte sowie das mit der Ausbildung im Betrieb betraute Personal. In Deutschland funktionieren viele Aspekte des Berufsbildungssystems zwar aufgrund einer historisch gewachsenen vertrauensvollen Kooperation zwischen Staat und Sozialpartnern, allerdings gibt es auch dort zahlreiche Regelungen und Standards, die die Beziehungen der Akteure und die Durchführung der Berufsbildung regeln. Dieses Maß an Regulierung schafft Verbindlichkeit und liefert damit eine wichtige Grundlage für das vertrauensvolle Miteinander zwischen Staat und Sozialpartnern. In Griechenland dagegen fehlt es bislang an dieser engen Kooperation und einer konsensorientierten Gestaltung des Berufsbildungssystems. (Ioannidou/Stavrou 2013)

Verlässlichkeit und Vertrauen zwischen den am Berufsbildungssystem beteiligten Akteuren ist ein zentraler Erfolgsfaktor für die duale Berufsausbildung in Deutschland. Darüber hinaus ist es entscheidend, dass die beteiligten Unternehmen, Kammern, Verbände, Institutionen und Auszubildenden den Mehrwert für ein Engagement in der betrieblichen Ausbildung erkennen. Dieser Mehrwert ist den relevanten Akteuren in Deutschland bekannt und ist vielfach wissenschaftlich belegt. So weisen Kosten-Nutzen-Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung nach, dass die Ausbildung im Betrieb für das Unternehmen nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern einen hohen Nutzen bringt. Indem die Auszubildenden zur Produktivität beitragen, liegen die Nettokosten für das Unternehmen lediglich bei knapp 30 % der Bruttokosten für die Ausbildung (BIBB 2015). Dies überzeugt mehr als 20 % der Unternehmen in Deutschland, sich an Berufsausbildung zu beteiligen. Betrachtet man darüber hinaus die Tatsache, dass im Durchschnitt 59 % der Auszubildenden eines Betriebs weiter beschäftigt werden, so stellt die duale Ausbildung auch aus Sicht der jungen Menschen in Deutschland eine überzeugende Zukunftsperspektive dar (BIBB 2015). In Griechenland dagegen wird die betriebliche Berufsausbildung von verschiedenen Seiten kritisch gesehen. Während die Unternehmen – insbesondere die in Griechenland vorherrschenden kleinen Betriebe – den administrativen und finanziellen Aufwand scheuen und die Ausbildung nicht als lohnende Investition in die Wettbewerbsfähigkeit wahrnehmen, befürchten die Gewerkschaften die Ausnutzung junger Menschen als billige Arbeitskräfte (ZWH / TEI Kózani 2014). Auch in der Lehrerschaft trifft die betriebliche Ausbildung auf Skepsis. Die Lehrer/-innen fürchten, dass mit der Ausweitung des betrieblichen Lernens die Schule als Lernort an Bedeutung verlieren und somit die eigenen Arbeitsplätze in Gefahr sein könnten (Ioannidou/Stavrou 2013). Schließlich genießt die berufliche Ausbildung auch in der Gesellschaft ein geringes Ansehen und gilt als schlechtere Wahl im Vergleich zu einem Hochschulstudium (Cedefop 2014).

In Deutschland leisten das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie zahlreiche universitäre Forschungsinstitute einen Beitrag zur Erforschung und Entwicklung der Berufsbildung. Diese Forschung ist ein ausgesprochen wichtiger Beitrag, um den Mehrwert der betrieblichen Ausbildung zu verdeutlichen und kann damit helfen, Unternehmen, Kammern, Gewerkschaften, junge Menschen und weitere Beteiligte von einem Engagement in der betrieblichen Ausbildung zu überzeugen. In Griechenland ist die Erforschung der Berufsbildung und somit auch eine wissenschaftliche Fundierung der Berufsbildungsplanung bislang ein Mangel (Ioannidou/Stavrou 2013). Damit fehlen auch die wissenschaftlich fundierten Argumente, um Akteure zu einem Beitrag in der betrieblichen Berufsausbildung zu motivieren.

Im Bereich der wissenschaftlichen Unterstützung sowie der Entwicklung von neuen Formen von arbeitsplatzbasiertem Lernen in Griechenland vermag die deutsch-griechische Kooperation in der Berufsbildung einen wichtigen Beitrag zu leisten. Die deutsch-griechische Berufsbildungskooperation startete im Dezember 2012 mit der Unterzeichnung einer Absichtserklärung. Neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem griechischen Bildungsministerium unterzeichneten Vertreter/-innen aus fünf weiteren europäischen Staaten (Spanien, Italien, Lettland, Slowakei und Portugal) die Erklärung. Ein zentrales Ziel der Vereinbarung ist die Modernisierung der Berufsbildungssysteme, vor allem im Hinblick auf die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen und eine stärkere Berücksichtigung von arbeitsplatzbasiertem Lernen (Memorandum on Cooperation in VET 2012). Die Vereinbarung bildete den Auftakt für eine Reihe von Aktivitäten, die von zahlreichen deutschen und griechischen Partnern durchgeführt wurden und werden.

Die Bildungsministerien beider Länder richteten 2013 eine bilaterale Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Unternehmens- und Gewerkschaftsvertreter/-innen ein. Die Arbeitsgruppe wird durch die Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation (GOVET im BIBB) fachlich unterstützt, die mehrere Machbarkeitsstudien zur Umsetzung neuer Formen von betrieblicher Ausbildung begleitete. Durch die gemeinsam von je einem griechischen und einem deutschen Partner durchgeführten Machbarkeitsstudien konnten nicht nur Konzepte für die Erprobung neuer Formen betrieblicher Ausbildung in Griechenland erarbeitet werden, sondern auch ein Dialog zwischen vielen Akteuren – Unternehmen, staatliche Institutionen, Gewerkschaften, Kammern, Elternverbänden usw. – entwickelt werden. Daraus resultierten Netzwerke, die sich aktiv in die Gestaltung des griechischen Berufsbildungssystems einbringen wollen. Die Machbarkeitsstudien zeigten, dass allein durch die Schaffung von Räumen für Dialog und Informationsaustausch mit und zwischen den genannten Akteuren in Griechenland das Interesse und die Motivation zur Beteiligung an betrieblicher Berufsausbildung gesteigert werden konnten (Wolfgarten et al 2014).

Die Machbarkeitsstudien wurden bereits seit 2013 durch Aktivitäten ergänzt, die einzelnen Akteuren die Möglichkeit bieten, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Beispielsweise wurden durch die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Athen sowie den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Veranstaltungen durchgeführt, die es deutschen und griechischen Gewerkschafter/-innen ermöglichten, sich in einem geschützten Raum über betriebliche Ausbildung auszutauschen. Vergleichbares fand im Rahmen eines Unternehmerforums statt, das vom deutschen Generalkonsulat von Thessaloniki ausgerichtet wurde. Die deutsch-griechische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Athen leistet einen wichtigen Beitrag, um Informationen zur Berufsbildung unter Unternehmen, aber auch Eltern und Schülern/-innen zu verbreiten. Ebenfalls engagiert sind die Deutsch-Griechische Versammlung (DGV) und die Deutsche Schule Thessaloniki. Auch das im Aufbau befindliche Deutsch-Griechische Jugendwerk greift das Thema berufliche Bildung auf und bietet deutschen und griechischen Auszubildenden die Möglichkeit zur Begegnung. Schließlich werden im Rahmen eines vom BMBF finanzierten Pilotprojekts im Tourismus, das von der DEKRA Akademie, der AHK Athen sowie zahlreichen Unternehmen durchgeführt wird, Jugendliche betrieblich ausgebildet. Das Projekt macht deutlich, wie betriebliche Ausbildung in Griechenland ausgestaltet werden und funktionieren kann. Darüber hinaus zeigt sich, dass diese Ausbildung bei Unternehmen sowie bei Eltern und Jugendlichen auf zunehmende Akzeptanz stößt.

Das vielschichtige Netz aus Aktivtäten verbreitet Informationen, ermöglicht Dialog und Austausch und leistet einen Beitrag, um neue dualisierte Formen der Berufsbildung in Griechenland zu erproben. Mit der Erprobung wächst das Vertrauen – in das System sowie unter den an der Berufsbildung Beteiligten. Indem alle an einem Strang ziehen, kann es gelingen, die beruflichen Zukunftsperspektiven von Jugendlichen in Griechenland entscheidend zu verbessern. Das große Interesse deutscher und griechischer Akteure an diesem Ziel mitzuwirken zeigt: Die deutsch-griechische Partnerschaft ist lebendig, stark und von einem kooperativen europäischen Geist geprägt.

Literatur

Bundesinstitut für Berufsbildung (2015): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2015. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn.

Cedefop (2014): Vocational Education and Training in Greece. Short Description, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union Luxemburg.

Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) / Kavála Institute of Technology (KIT) (2014): Machbarkeitsstudie zur Untersuchung der Bedingungen für eine betriebsnahe Berufsausbildung in der Tourismus- und Hotelleriebranche in Griechenland, Nürnberg/Kavála.

Ioannidou, Alexandra / Stavrou, Stavros (2013): Reformperspektiven der Berufsbildung in Griechenland, Friedrich-Ebert-Stiftung Athen.

Memorandum on Cooperation in Vocational Education and Training in Europe (2012): Vocational Education and Training in Europe – Perspectives for the Young Generation, 10-11 December 2012, Berlin, www.bmbf.de/pubRD/memorandumvocational_education_and_training_2012.pdf, abgerufen am 20.08.2015.

Wolfgarten, Tobias / Le Mouillour, Isabelle / Grünewald, Volker Fotios / Medrikat, Ilona (2014): Betriebliche Ausbildung in Partnerschaft - Vorschläge für neue Ausbildungsformen in Griechenland. Zusammenfassung von fünf branchenspezifischen Machbarkeitsstudien, Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn.

Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH) / Technisches Institut von Westmakedonien (2014): THALES: Technologie-Handwerk-Ausbau-Lehre-Energie-Sanierung. Machbarkeitsstudie zur Etablierung der dualen beruflichen Erstausbildung in Schule und Betrieb in Griechenland, Düsseldorf/Kózani.



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