Christian Herrmann

„Die Täter verschwinden und die Überlebenden bleiben“

Jürgen Rompf engagiert sich seit Jahren für die Entschädigung von Familien, deren Angehörige im Ort Distomo von deutschen Soldaten ermordet wurden. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Besatzungszeit für das deutsch-griechische Verhältnis und über die Chancen von Jugendaustausch für die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Theateraufführung in Distomo
Theateraufführung in Distomo BildImage: Jürgen Rompf


Mahnmal für das Massaker in Distomo, Bild: Jürgen Rompf

Beim Massaker von Distomo, einer Ortschaft in Mittelgriechenland, am Fuße des Parnass-Gebirges, töteten am 10. Juni 1944 Angehörige eines Regimentes der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division im Zuge einer „Vergeltungsaktion“ 218 der – an Partisanenkämpfen unbeteiligten – ca. 1800 Dorfbewohner der Ortschaft Distomo und brannten das Dorf nieder. Opfer waren vor allem alte Menschen und Frauen sowie 34 Kinder und vier Säuglinge.
Quelle: Wikipedia

Jürgen Rompf
Jürgen Rompf, Bild: privat

Jürgen Rompf betreibt ein umfangreiches Blog über Distomo. Es umfasst den aktuellen Forschungsstand zum Hergang des Massakers an Zivilisten in dem kleinen zentralgriechischen Ort, Berichte über das heutige Leben in Distomo und Aktuelles über den Stand der Entschädigungsforderungen. Jürgen Rompf ist Mitglied der Initiativgruppe griechische Kultur in der BRD e.V. (POP), die Initiative ist Mitgliedsorganisation der Versammlung der Deutsch-Griechischen-Gesellschaften.

Jugendliche des Berufsbildungszentrums Kleve arbeiten in Ano Viannos auf Kreta
Bild: Berufsbildungszentrum Kleve

Good Practice: Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) führt seit 2008 das Programm „Jugend gestaltet Zukunft – Internationale Jugendarbeit an Orten der Erinnerung in Europa“ durch. Ano Viannos, ein Dorf auf Kreta, in dem auf Befehl der deutschen Wehrmacht 358 Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, ist seit 2010 Partnerort. Das Theodor-Brauer-Haus aus Kleve und die Akademie Klausenhof aus Dingden sind die deutschen Jugendhilfepartner und führen seit September 2010 Friedenscamps in Ano Viannos durch. Gemeinsam mit der Schülerschaft ansässiger Schulen wurden bei den bisherigen Begegnungen hauptsächlich handwerkliche Projekte durchgeführt.
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Herr Rompf, Sie engagieren sich seit Jahren für eine Entschädigung der Familien, deren Angehörige in Distomo während des Krieges von Deutschen ermordet wurden. Wie sind Sie dazu gekommen und was genau tun Sie?

Jürgen Rompf: Ich war 1986 zum ersten Mal in Distomo. Damals befand ich mich auf den Spuren von Erhard Kästner, einem ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, der im Krieg auf Anweisung des deutschen Oberkommandos ein Buch "Griechenland" schrieb, das an die Soldaten der deutschen Besatzungsmacht verteilt wurde, um "ihnen Griechenland näher zu bringen". Es strotzte nur so von nationalsozialistischem Gedankengut. Nach dem Krieg wurde dieses Buch in einer entnazifizieren Fassung unter dem Titel "Ölberge Weinberge" neu veröffentlicht. Es erschien 1952 im Insel Verlag und wurde zur Pflichtlektüre einer ganzen Generation von Griechenlandfreunden.

Erhard Kästner beschrieb in der überarbeiteten Fassung, wie er auf seiner Wanderung zum Kloster Osios Loukas den Ort Distomo meiden wollte: „Wenn ich so ging, konnte ich das Dorf Distomo meiden, das vor acht Jahren, im Krieg, der Schauplatz eines ungeheuerlichen Blutbades war: Der Pappas des Dorfes, mit oder ohne Willen, hatte zwei Lastwagen voller Soldaten in den Hinterhalt von Stiri geschickt, darauf folgte eine planvolle Rache, sinnloses Morden an Frauen Kindern und Bauern, wie es ein Land noch nach hundert Jahren im Gedächtnis behält“.

Meine Fragestellung 1986 war relativ einfach. Ich wollte nur wissen, wie es 40 Jahre nach dem Massaker in Distomo aussah. Ich war damals nur knapp einen halben Tag in Distomo. Losgelassen hat es mich nicht mehr. Es bedurfte dann noch zwei weiterer Besuche in Distomo bis ich 1995 zum ersten Mal am 10. Juni zum Gedenktag nach Distomo fuhr.

Was ich damals sah hatte mit sehr beindruckt. Es waren vor allem die zahlreichen Veranstaltungen, die in der Woche vor dem Gedenktag in Distomo stattfanden. Tanzgruppen, der Gesangsverein aus Distomo mit Klageliedern, die vor allem von älteren Sängern und Sängerinnen aus Distomo vorgetragen wurden. Ebenso gab es eine Theatergruppe mit jungen Leuten aus Distomo.

Mir war sofort klar welche Aufgabe die Mörder von Distomo den Überlebenden aufgeladen hatten. Man kann das kurz mit einem Satz umschreiben: Die Täter verschwinden und die Überlebenden bleiben. Ich beschloss damals spontan in irgendeiner Weise für Distomo zu arbeiten. Wie genau sie aussehen konnte wusste ich nicht, mir war nur klar, dass es nur sehr wenige Informationen dazu gab.

Meine Hauptaufgabe sah und sehe ich darin in Deutschland über das Massaker von Distomo zu informieren. Es gab damals nur sehr wenig Quellenmaterial, das mir als Nichthistoriker zur Verfügung stand. In Deutschland gab es nur zwei Historiker, die zu dem Thema arbeiteten. Dieter Begemann aus Herford betrieb eine erste Sub-Webseite auf seiner Homepage zum Thema Distomo und stellte als Historiker eigene Recherchen an. Neben der Geschichte des Massakers ging es mir aber von Anfang an um das Distomo der Gegenwart, die Gedenkveranstaltungen und die Menschen, denen man diese Arbeit aufgebürdet hatte. Ich stellte eine eigene Webseite zu Distomo ins Netz und versuchte die Informationen zu sammeln. Bei meinen jährlichen Aufenthalten in Distomo lernte ich dann auch Leute aus anderen Gemeinden kennen und bekam Einladungen nach Komeno, Chortiatis und Kalavryta. Die ganze Dimension der deutschen Besatzungszeit von 1941 bis 1944 wurde mir erst nach und nach bewusst. Es folgten Briefe an den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog mit der Bitte um einen Besuch in Distomo. Ebenso an Außenminister Kinkel.

Spätestens 1997 war deutlich, dass diese Arbeit nicht von einem Einzelnen zu bewältigen war und ich suchte Unterstützung in Deutschland. Hier vor allem bei der Initiativgruppe griechische Kultur in der BRD e.V. (POP). Die POP hatte sich schon sehr früh um die Vermittlung der griechischen Kultur der Gegenwart bemüht. Durch die enge Anbindung an den Romiosini Verlag in Köln und mit Unterstützung des Deutsch-Griechischen Vereins Mülheim an der Ruhr e.V. erschien schon 1995 (1998 in zweiter Auflage) ein Augenzeugenbericht von Franzeska Nika „Kalavryta 1943“. Ich wurde 1998 Mitglied der POP. In Distomo bekam ich immer wieder Manuskripte und Bücher, die das Massaker zum Thema haben. Seien es Zeitzeugenberichte, Gedichte oder Erzählungen – so gut wie gar nichts ist davon bis heute ins Deutsche übersetzt worden. Im Prinzip wäre dies neben dem deutsch-griechischen Jugendwerk die vordringlichste Aufgabe für die nahe Zukunft.

Trotz aller gerichtlichen Auseinandersetzungen um Entschädigung sind immer wieder deutsche Jugendgruppen – vor allem aus Nürnberg – nach Distomo gefahren. Können Sie uns etwas darüber erzählen?
 
Jürgen Rompf: 1995 lernte ich auch Brigitte Spuller, Migrationsberaterin bei der Evangelischen Jugend Nürnberg, kennen. Sie war 1980 zum ersten Mal nach Distomo gekommen. Von 1989 bis 2005 führte sie Jugendbegegnungen mit jungen Leuten aus Distomo und Nürnberg durch. Das hört sich vielleicht recht lapidar an, aber in den 80er-Jahren bis Mitte der 90er Jahre war das echte Pionierarbeit. Zumal damals von Deutschland aus keine Hilfestellung zu erwarten war. Das Gegenteil war eher der Fall. Erst nach 1995, spätestens 1997, änderte sich die Situation. In Livadia begannen die Gerichtsverhandlungen wegen der Entschädigungen für die Überlebenden des Massakers von Distomo. Ein Prozess, den der Rechtsanwalt Joannis Stamoulis auch auf Grundlage des 2+4-Abkommens mit Hilfe einer Sammelklage von 255 Überlebenden aus Distomo angestrengt hatte, der dann mit dem bekannten „Urteil von Livadia“ endete, in dem den Überlebenden von Distomo 56 Millionen DM Entschädigung zugesprochen wurden.

Die Jugendbegegnungen von Frau Brigitte Spuller kamen allerdings schon Mitte der 90er Jahre ins Stocken. 2006 wurden sie gänzlich eingestellt. Zum Teil weil das Interesse in Distomo selbst nachließ, aber auch wegen mangelnder Finanzierunghilfen. Schon damals hätte ein deutsch-griechisches Jugendwerk gut getan und die Arbeit von Fau Spuller hätte auf eine breitere Basis gestellt werden können. Wenn ich heute mit den inzwischen sich im Erwachsenenalter befindlichen Leuten spreche, dann wird deutlich wie stark sie diese Erfahrung des Jugendaustausches geprägt hat. Nebenbei bemerkt, weiß ich von wenigsten einer deutsch-griechischen Ehe, die aus diesen Begegnungen hervorgegangen ist.

1996 nahm zum ersten Mal auch eine Schulklasse der Deutschen Schule aus Athen (DSA) am Gedenktag in Distomo teil. Vorausgegangen war ein Besuch von Argiris Sfountouris in der DSA. Begleitet wurden die Schüler von dem Lehrer Reinhard Schabbon. Ähnliche Begegnungen fanden auch mit Jugendlichen in Kalavryta statt. Später war es dann Frau Irene Vasos, die die Schüler begleitete. Von Anfang an kamen die Schüler auch mit Schülern der jeweiligen Gemeinden ins Gespräch und es entwickelten sich daraus auch unter schwierigen Bedingungen verschiedene Projekte, die sowohl für die Schüler, als auch für sie Lehrer der Schulen eine Herausforderung waren.

2014 kam es in Distomo zu einer vielbeachteten szenischen Lesung „Kinder im Krieg“ von Schülern des Lyzeums Distomo und der DSA. Alleine die Absprachen zwischen den beiden Schulen und die Vorbereitungen der Proben erfordern einen immensen Aufwand. Das inzwischen auch von der Deutschen Botschaft unterstützte Projekt findet sehr viel Anerkennung und Beachtung sowohl in Griechenland als auch in Deutschland.

Aber es gibt auch weniger beachtete Initiativen, die meistens von deutscher Seite ausgehen. So besuchten 2012 Jugendliche eines Sport- und Jugendclubs aus NRW Distomo und Kalavryta. Es kam zu Freundschaftsspielen in beiden Orten. Auch an anderen Orten, wie in Komeno oder Viannos, kommt es immer wieder zu Begegnungen, manchmal auch zu konkrete Aufbauleistungen oder Instantsetzung von Wanderwegen wie in Viannos auf Kreta oder in Komeno sogar zur Errichtung eines Denkmals. Die Begegnungen in Komeno entstanden durch das Projekt „Young Workers for Europe“. In Viannos handelt es sich um das schon seit 2010 durchgeführte Projekt "Jugend gestaltet Zukunft" des Theodor-Brauer-Hauses in Kleve. Manches scheitert dabei wegen mangelnder Finanzierung oder inzwischen leider auch an der derzeitigen politischen Situation.

Man kann auf Distomo bezogen auch von einer Desillusion Deutschland gegenüber sprechen. Nach dem Besuch von Bundespräsident Richard von Weizäcker 1987 und von seinem Nachfolger Johannes Rau in Kalavryta und dem zunehmenden Engagement der Deutschen Botschaft in den Märtyrerorten in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre schien es dann doch so, als würden sich die Dinge trotz einer verhärteten Haltung der jeweiligen Bundesregierungen ändern. Auch die medienwirksame eingeleitete Zwangsvollstreckung deutscher Liegenschaften, wie des Goetheinstituts in Athen, änderte daran nichts.

Was können junge Deutsche und junge Griech(inn)en im Jugendaustausch lernen, wenn sie sich mit der Vergangenheit beschäftigen?

Jürgen Rompf: Die deutschen Jugendlichen werden sich immer mit ihrer Herkunft aus einem Tätervolk beschäftigen müssen und können lernen eine Position zu ihrem Erbe einzunehmen, die jenseits der Schuld, aber nicht außerhalb der Verantwortung für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands steht.

Wenn man erst in der zweiten und dritten Generation nach dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland geboren ist, ist es leicht, sich von den allgemeinen Zielen, Morden und der Schuld des Nationalsozialismus frei zu sprechen. Aber das Erstarken nationalistischer und faschistischer Parteien und Organisationen in ganz Europa – und leider auch in Griechenland – sowie die Flüchtlingsbewegungen zeigen, dass das Thema aktueller denn je ist.

Bei vielen jungen Menschen in Griechenland, vor allem in den Opfergemeinden, war als 2012 die Chrysi Avgi in das hellenische Parlament einzog der Schock groß und man konnte in Distomo, auf das Thema angesprochen, weinende Menschen in die Kamera blicken sehen.

Es geht um die Gewaltbereitschaft gegen Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion und politischer Einstellung. Es geht um das Lebens- und Überlebensrecht in der europäischen Gemeinschaft, die nicht zuletzt durch die europäische Wirtschaftskrise von der Griechenland am meisten betroffen ist, ein Denken und Handeln in nationalen Grenzen als opportun erscheinen lässt. Er geht um Solidarität und um die Erkenntnis dass diese Probleme nur in einem solidarischen Miteinander in Europa zu lösen sind.
 
Ein Teil griechischer Politik und Öffentlichkeit betrachtet den Wunsch nach einem deutsch-griechischen Jugendwerk skeptisch bis ablehnend, weil man das für einen Brotkrumen hält und überzeugt ist, dass man Anspruch auf viel größere Leistungen aus Deutschland hat. Halten Sie es für richtig, diese Verbindung so herzustellen und damit ein deutsch-griechische Jugendwerk zu blockieren?

Jürgen Rompf: Das muss nach dem, was ich weiter oben bereits skizziert habe, nicht verwundern. Ein deutsch-griechisches Jugendwerk, das stellvertretend für Verhandlungen über Reparations- und Entschädigungszahlungen stehen soll, ist absoluter Humbug. Über die Höhe dieser Forderungen, kann ich mich nicht äußern, das ist fast eine Glaubensfrage. Die einzigen konkreten Zahlen, die ich habe, sind die heute 28 Millionen, die den Distomiten 1997 von dem griechischen Gericht in Livadia zu gesprochen worden waren. Ich persönlich halte diese Forderung nicht für übertrieben hoch. Leider lassen sie sich nach dem 2012 ergangenen Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag für Menschenrechte so nicht eintreiben. Das bedeutet aber keinen Freibrief für Deutschland, sondern es erging eindeutig auch die Aufforderung an die deutsche und griechische Regierung, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Weder von der griechischen – auch von der aktuellen nicht – und schon gar nicht von der deutschen Regierung wurden bisher irgendwelche Anstrengungen dazu unternommen.

Dass es überhaupt zu dieser unglückseligen Vermischung von Reparations- bzw. Entschädigungszahlungen gekommen ist, haben wir zum Teil auch unserem Bundespräsidenten Joachim Gauck zu verdanken, der bei einem Bankett anlässlich seines Staatsbesuches 2014 auf Anfrage des griechischen Präsidenten Karolus Papoulias das deutsch-griechische Jugendwerk ins Gespräch brachte, dessen Entstehung erst wenige Monate zuvor im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung festgeschrieben worden war. Ich sage deshalb zum Teil, weil sicher irgendwer irgendwann eine solche Milchmädchenrechnung aufgemacht hätte. Damit wird ein deutsch-griechisches Jugendwerk, solange in diesen Fragen nicht ernsthaft verhandelt und eine Lösung herbeigeführt wird, wohl leben müssen.

Dies gilt auch für die 115 Millionen DM die in den frühen 60er Jahren nach dem Abschluss des deutsch-griechischen Abkommens in zwei oder drei Raten an Griechenland gezahlt worden waren. Abgesehen davon, das von diesem Geld kaum etwas in den Opfergemeinden angekommen ist, was man der damaligen griechischen Regierung anlasten muss, hat die deutsche Regierung dies gerne als eine abschließende Regelung betrachtet. Aber in einer Note brachte die griechische Regierung Folgendes zum Ausdruck: „Die griechische Regierung behält sich jedoch vor, mit dem Verlangen nach Regelung weiterer Forderungen die aus nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen während Krieg- und Besatzungszeit herrühren, bei einer allgemeinen Prüfung gemäß Artikel 5 Abs. 2 des Abkommens über deutsche Auslandschulden vom 27. Februar 1953 heranzutreten.“ Das ist natürlich ein Hinweis auf die Londoner Schuldenkonferenz, auf der die Verhandlung über eventuelle Reparationszahlungen bis zur Wiedervereinigung Deutschlands gestundet wurden. Es muss also nicht wundern, wenn sich die griechische Regierung 1998 unter dem damaligen Ministerpräsident Kostas Simitis ¬ wenn auch halbherzig und nur aufgrund des zunehmenden Drucks des „Nationalen Rates zur Forderung deutscher Kriegsschulden“ unter dem Vorsitz von Manolis Glezos – zu einer Anfrage in Bonn bequemte und die Forderungen nach Verhandlungen geltend machte. Dies wurde zwar erwartungsgemäß von dem amtierenden Bundeskanzler Schröder abschlägig beschieden, aber bis heute ist keine griechische Regierung von dieser Forderung zurückgetreten.

Ich halte es allerdings nicht für richtig, deshalb die Entstehung des deutsch-griechischen Jugendwerkes zu blockieren. Das deutsch-griechische Jugendwerk ist trotz der düsteren Zeiten auf die Zukunft ausgerichtet und es zu blockieren würde auch bedeuten, nicht mehr an eine bessere Zukunft für Europa zu glauben – was bei aller Komplexität des Themas einer Kapitulation vor den anstehenden Problemen bedeuten würde.

Es gibt viele engagierte Befürworter eines deutsch-griechischen Jugendwerkes, sei es in deutsch-griechischen Vereinen und Initiativen, die mit ihren Ideen in den Startlöchern stehen. So hat sich die Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften mit ihrer Präsidentin, der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sigrid Skarpelis-Sperk, zur Aufgabe gemacht die Entstehung des deutsch-griechischen Jugendwerks nach allen Kräften zu unterstützen und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Gründung des Jugendwerks in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde. Der Bürgermeister von Thessaloniki, Ioannis Boutaris, hat unlängst während des Besuches einer deutschen Delegation sein Interesse und den Wunsch bekundet, dass Thessaloniki Sitz des griechischen Büros des Jugendwerks wird.

Die Gründung eines deutsch-griechischen Jugendwerks steht heute gleichwohl unter einem anderen Stern, als die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks 1963 oder auch noch des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes 1991. Beide Gründungen waren von einer Aufbruchsstimmung begleitet. Ich persönlich kann mich noch sehr gut an den enthusiastisch gefeierten Besuch des französischen Präsidenten und Konrad Adenauers in Trier erinnern. Von solcher Begeisterung kann man heute nicht sprechen. Heute kämpfen wir um das Selbstverständnis Europas. Und historische Vergleiche hinken immer.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für Distomo und für den Austausch zwischen jungen Griech(inn)en aus „Opfergemeinden“ und jungen Deutschen wünschen?

Jürgen Rompf: Ich halte wenig davon, den Jugendlichen aus den Opfergemeinden eine Sonderrolle im Jugendwerk zuzuweisen, die auch dort nicht gewünscht ist. Sie erscheint mir übertrieben und es entsteht hier tatsächlich der Verdacht einer Anbiederung. In Sachen Erinnerungsarbeit erscheint es mir aber wichtig, die jugendliche Tanzgruppe oder auch das hervorragende Theater von Distomo das Theatrofrenia nach Deutschland einzuladen. Distomo selbst bietet sehr viel Potential für eine touristische Infrastruktur, die sich allerdings erst allmählich entwickelt. Als Standort für Jugendgruppen und Ausgangspunkt für Wanderungen sowie Besuche des nahe gelegenen Delphi und des Klosters Osios Loukas ist es mit Sicherheit hervorragend geeignet.

Drei Wünsche: ΕΙΡΙΝΙ – Frieden, ΕΛΠΙΔA – Hoffnung, ΜΕΛΛΟΝ – Zukunft!



Kommentare ( 1 )

Brigitte Spuller

Im Beitrag sind Informationen enthalten, die aus meiner Sicht einer Ergänzung bzw. einer Korrektur bedürfen:

Für JugendarbeiterInnen, die professionell Jugendaustausch machen, liegt es auf der Hand, dass eine solche Arbeit bestimmten Schwankungen in der Intensität der Zusammenarbeit immer unterworfen sein wird, bedingt durch die wechselnden politischen, personellen und finanztechnischen Rahmenbedingungen. Es kann als außergewöhnlicher Erfolg verstanden werden, dass die Jugendbegegnungsarbeit mit Distomo seit 1989 über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren Bestand hatte.

Es stimmt auch nicht ganz, dass in den 80er und 90er-Jahren keine Hilfe aus Deutschland zu erwarten war. Alle von mir mitverantworteten Begegnungsmaßnahmen zwischen 1989 und 2005 wurden neben kirchlichen und kommunalen Zuschüssen auch aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans (KJP) des Bundes über die AEJ (Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland) finanziert.

Dass die Jugendbegegnungen der Evang. Jugend Nürnberg mit Distomo ab 2006 gänzlich eingestellt wurden, wie im o.g. Beitrag steht, ist ebenfalls nicht richtig. Es fanden 2009 und 2010 weitere Jugendbegegnungen statt, geleitet durch jüngere Kolleginnen. Nach den Kommunalwahlen 2011 sah sich Distomo, aufgrund personeller und finanzieller Bedingungen, nicht imstande eine Gruppe zu entsenden. Noch im Juni 2014 nahm ich ALS VERTRETERIN der Evang. Jugend Nürnberg an den Gedenkveranstaltungen in Distomo teil und legte dort einen Kranz nieder. Laut eigener Auskunft ist die Evang. Jugend Nürnberg nach wie vor prinzipiell an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Distomo interessiert. Eine Mitarbeiterin schreibt dazu: „wir haben die Partnerschaft nie (…) aus den Augen und aus dem Herzen gelassen!“
Wer über die Zusammenarbeit mit Distomo redet oder schreibt, sollte allerdings auch folgende Tatsache nicht unerwähnt lassen: die Beschlusslage der Stadt Distomo bezüglich einer Nicht-Beteiligung am Deutsch-griechischen Zukunftsfond. Die Vertreter der Stadt Distomo haben beschlossen, sich am Zukunftsfond nicht zu beteiligen, solange die im Raum stehenden Forderungen nach Entschädigung nicht erfüllt sind. Ein Teil der Opfergemeinden teilt diese Haltung, ein anderer Teil nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass sich diese Nichtbeteiligung auch auf andere Finanzierungen aus deutschen öffentlichen Mitteln bezieht. Man kann dazu persönlich stehen, wie man will, kommt aber bei künftigen Planungen und Kooperationsvorhaben an dieser Beschlusslage wohl kaum vorbei.

Wenn in dem o.g. Beitrag das geplante Deutsch-griechische Jugendwerk in der Form in die Diskussion gebracht wird, dass es eine Alibifunktion für nicht erfüllte Entschädigungsforderungen haben könnte, dann sollte auch nachvollziehbar begründet werden, worauf sich diese Annahme stützt.

Wenn man etwa die Erfahrungen mit dem Deutsch-französischen Jugendwerk heranzieht, könnte eine solche Einrichtung eine große Chance bieten, von der Generationen von deutschen und griechischen Jugendlichen profitieren würden. Es könnte nicht nur dazu beitragen, die jüngere deutsch-griechische Geschichte der Besatzung Griechenlands durch deutsche faschistische Nazitruppen (1941 – 1944) aufzuarbeiten, sondern auch neu entstandene gegenseitige Ressentiments und Vorurteile aufgrund von Politiker-Statements und Berichten einiger Massenmedien im Zusammenhang mit der Finanzkrise.

Aus meiner Sicht wäre auch aus diesem Grund zu wünschen, dass das Deutsch-griechische Jugendwerk nun schließlich doch auf den Weg kommt, indem die entsprechende Vertragsgrundlage bilateral unterzeichnet und mit Leben gefüllt wird. Damit würden die finanziellen Rahmenbedingungen für künftige Jugendbegegnungen verbessert und deren Durchführung erleichtert. Es wäre zu wünschen, dass auch in Zukunft verstärkt Jugendbegegnungsarbeit mit Distomo und den anderen Märtyerorten durchgeführt werden kann und ideell, aber auch konzeptionell gestärkt wird.

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