Christian Herrmann

Griechenland-Fachtag Inklusion: Den Wert von Vielfalt bewusst machen

Der deutsch-griechische Jugendaustausch ist in den letzten Jahren gestärkt worden. Dass neben der notwendigen Quantität die Qualität nicht zu kurz kommt, dafür sorgen von Bundesjugendministerium und IJAB veranstaltete Fachtage. Am 9. und 10. November haben sich Akteure des Jugendaustauschs zwischen Deutschland und Griechenland damit beschäftigt, wie Begegnung und Austausch für junge Menschen mit Behinderungen geöffnet werden können. Was haben sie über Inklusion herausgefunden?

BildImage: ijab | Christian Herrmann

Gute Nachrichten für alle, die im deutsch-griechischen Jugendaustausch aktiv sind! Dorothee Jäckering vom Bundesjugendministerium erinnerte in ihrer Begrüßung zu Beginn des Fachtags „Inklusion im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ an die große Bedeutung, die die Bundesregierung dem Jugendaustausch zwischen Deutschland und Griechenland beimisst. Mithilfe eines Sonderprogramms konnten seit 2016 etwa 200 Projekte gefördert werden, Jugendforen und Fachtage tragen zum Austausch der Fachkräfte bei und schließlich konnte im Juli eine Vereinbarung zwischen den Jugendministerien beider Länder unterzeichnet werden, die der Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks eine konkrete Perspektive gibt. Und was hat das mit Inklusion zu tun? „Die UN-Behindertenrechtskonvention, die auch von Deutschland unterzeichnet wurde, fordert die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Der 15. Kinder- und Jugendgericht definiert den Inklusionsanspruch als eine wichtige gesellschaftliche Herausforderung für die Kinder- und Jugendarbeit. Auch die Träger der Internationalen Jugendarbeit sind gefordert, sich hier zu positionieren“, sagte Jäckering Gerade im deutsch-griechischen Austausch ist das Interesse beider Seiten am Thema Inklusion groß. Davon zeugen beispielsweise die inklusiven Austausche, die der Bund Deutscher Pfadfinder_innen auf Korfu initiiert oder das inklusive Kunstprojekt „Die Maske“ des Vereins PERPATO aus Komotini.

Inklusive Kultur, Struktur und Praxis

Und warum ausgerechnet Bayreuth als Tagungsort? Gerhard Koller vom bayerischen Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks präsentierte stolz die erst im Sommer eröffnete barrierefreie Bayreuther Jugendherberge. Sie ist auch ein Beleg, dass Inklusion kein randständiges Thema ist. Mit hochwertiger Architektur und dem inklusiven Konzept konnte sich das Jugendherbergswerk gegen andere Bewerber durchsetzen, die das Gelände ebenfalls gerne bebaut hätten.

Ulrike Werner weiß um die Aktualität des Themas. Als Koordinatorin des IJAB-Projekts VISION:INKLUSION hat sie Träger der Internationalen Jugendarbeit dabei begleitet, eine Strategie für Inklusion im Arbeitsfeld zu entwickeln. Es beinhaltet ein Modell für Planungsprozesse, die zu inklusiver Kultur, Struktur und Praxis führen sollen. Es ist mit einem Prozess zur Qualitätsentwicklung vergleichbar, in dem anhand wiederkehrender Fragen Veränderungen herbeigeführt, überprüft und verbessert werden können. Die Strategie zur inklusiven Internationalen Jugendarbeit wird gegen Ende des Jahres veröffentlicht werden. Danach wird VISION:INKLUSION weiter Träger begleiten, unter anderem durch internationalen Austausch. „Perfekte Inklusion wird es nicht geben, denn dazu sind die Faktoren, die zu berücksichtigen sind, viel zu vielfältig“, sagte Ulrike Werner während ihrer Präsentation der Inklusionsstrategie, „was gebraucht wird ist ein permanenter Annährungsprozess“.

Unterschiedliche Diskurse in Deutschland, Griechenland und Europa

Auf europäischer Ebene ist Inklusion kein neues Thema. Christof Kriege, „inclusion officer“ bei JUGEND für Europa, erinnerte daran, dass „Inklusion so alt ist wie die 1989 begonnene europäische Jugendförderung“. Das europäische Verständnis von Inklusion ist weiter gefasst, als das in der deutschen Debatte übliche. Während der deutsche Inklusionsbegriff hauptsächlich auf junge Menschen mit Behinderungen fokussiert, spricht man in Europa seit 2006 von „jungen Menschen mit geringeren Möglichkeiten“ und meint damit eine größere Gruppe. Den Durchbruch für das Thema Inklusion sieht Kriege in der 2014 veröffentlichten „Inclusion and Diversity Strategie“.  Allerdings gäbe es auch hier Unterschiede im europäischen Diskurs, erklärte Kriege. Um die unterschiedlichen Zielgruppen von „jungen Menschen mit geringeren Möglichkeiten“ beschreiben zu können, nehme die EU-Kommission Kategorisierungen vor. „Wir wollen aber nicht mit positiver Diskriminierung arbeiten“, so Kriege, „wir wollen den Wert von Vielfalt bewusst machen“.

Aristoula Papadopoulou und Christian Papadopoulos gehören seit Jahren zu den Aktivist(inn)en im Bereich Inklusion und haben mit designbar Consulting auch die Entwicklung der Inklusionsstrategie von VISION:INKLUSION begleitet. Für den Fachtag bringen sie ein besonderes Plus mit: sie kennen die Verhältnisse in Deutschland und Griechenland aus erster Hand und beraten Organisationen in beiden Ländern. Ähnlichkeiten erkennen sie im Menschenbild der beiden Gesellschaften. Es ist ein langsamer Wandel vom „wer Erwartungen nicht erfüllt, wird passend gemacht“ hin zur Erkenntnis, dass man nicht behindert ist, sondern von der Gesellschaft behindert wird. Während Deutschland darauf mit einem differenzierten Sondersystem mit Ausgrenzungseffekten reagiert, ist die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen in Griechenland oft Sache der Familie – eine Unterstützung, die in Anbetracht der Krise für viele schwierig geworden ist. Vor zwei Jahren, im November 2015, demonstrierten in Athen 10.000 Menschen mit Behinderungen gegen die Lasten, die ihnen aufgebürdet werden. Hier zeigt sich eine Ähnlichkeit der Bedingungen in beiden Ländern. „In Deutschland und Griechenland gibt es starke Bewegungen gegen Ausgrenzung“, erklärte Christian Papadopoulos.

Inklusion ist auch eine Frage der Haltung

„Vor 15 Jahren wusste man in Komotini nicht, wie man mit Menschen mit Behinderungen leben soll“, erinnerte sich Alexandros Taxildaris. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründete er den Verein PERPATO. Seither ist einiges besser geworden, auch wenn „es nie fertig werden wird, die Stadt behindertengerecht zu machen“, wie Taxildaris meint. Was Taxildaris und seinen Mitstreiter(inne)n jedoch gelungen ist, ist für Aufklärung zu sorgen. Dazu gehört zum Beispiel ein Paralympics Tag an Schulen. Dabei erleben Schülerinnen und Schüler, was behinderte Sportler/-innen leisten, und treiben auch mit ihnen gemeinsam Sport. Vieles ist für Taxildaris eine Frage der Haltung und nicht der perfekten Bedingungen. „Für mich ist nicht wichtig, ob mein Hotelzimmer perfekt behindertengerecht ist“, sagte er, „für mich ist wichtig, ob ich Zugang zu gemeinsamen Aktivitäten mit behinderten und nicht-behinderten Freunden, beispielsweise in Museen, habe“.

Wer die Sportaktivitäten von PERPATO ausprobieren wollte, konnte es am folgenden Morgen tun. Paraolympische Disziplinen wie Sit-Boccia und Goalball, eine Ballsportart für Menschen mit Sehbehinderung, mit einem gesponsorten Klingelball der griechischen Organisation Youthorama (siehe dazu den Artikel im Griechenland-Special) oder psychomotorische Spiele anhand eines Regenbogentuchs für Menschen mit motorischen Einschränkungen konnten alle gemeinsam teilen und daran Spaß haben. Zeitgleich bot Elżbieta Kosek von der Kreisau-Initiative praktische Übungen zu inklusiver Sprachanimation an. Damit war der Workshop-Teil des Fachtags eröffnet. Wer wollte, konnte sich mit Ulrike Werner Gedanken zur Fachkräftequalifizierung im deutsch-griechischen Austausch machen, mit Gunnar Grüttner Erfahrungen zu inklusiven Kinder- und Jugendreisen teilen, mit Christof Kriege und Anja Hack inklusive Praxis planen oder mit Aristoula Papadopoulou und Christian Papadopoulos über das gesellschaftliche Bild von Behinderung nachdenken. In der großen Themenbreite und den vielfältigen Methoden lag eine der Stärken des Fachtags, die den Teilnehmer(inne)n allerdings auch einiges abverlangte. Die Ergebnisse werden als Dokumentation veröffentlicht und dann auch denen zur Verfügung stehen, die keine Möglichkeit hatten, nach Bayreuth zu kommen.

Und nach dem Fachtag? Wie geht es mit der Inklusion im deutsch-griechischen Jugendaustausch weiter? „Einfach anfangen und tun!“ rief Dorothee Jäckering vom Bundesjugendministerium zum Abschluss auf.



Fachtag "Inklusion im deutsch-griechischen Jugendaustausch", Bayreuth, 9.-10. November 2017

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