Stefan Metzdorf

In der Ausbildung nach Griechenland – Berufliche Lernaufenthalte stärken Jugendliche und vertiefen vielfältige Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, IJAB und die Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung (IBS) luden im März 2018 zum Fachtag „Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch“ ein. Stefan Metzdorf, Leiter des Projekts, präsentierte im Rahmen des Fachtags die Aktivitäten des IBS sowie die Kooperationen der Berufskollegien und anderer Einrichtungen mit ihren griechischen Partnern im Bereich der beruflichen Bildung.

Fünf junge Menschen stehen vor einem Gebäude
Angehende Hotelfachkräfte und Köche aus Hagen vor ihrem Gastbetrieb auf der Halbinsel Chalkidiki BildImage: Vivienne Boyd-Deák


Stefan Metzdorf, Bild: privat

Stefan Metzdorf leitet seit 2014 die Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung (IBS) beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Er verfügt über Erfahrung in der praktischen Ausgestaltung von Aus- und Weiterbildungsaufenthalten mit europäischen und außereuropäischen Partnern. Im Rahmen von Ausbildung und Studium im Agrarbereich hat er Aufenthalte in Russland, in der Schweiz und in den USA absolviert. Für ihn gehören Lernaufenthalte im Ausland zu einer zukunftsfähigen Berufsausbildung.

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Im März 2018 beteiligte sich die Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung (IBS) als Partnerin beim IJAB-Fachtag „Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch“. Als zentrale Servicestelle unterstützt die IBS bei Planung und Durchführung von Ausbildungs- und Qualifizierungszeiten am „Lernort Ausland“, indem sie Jugendliche, Berufsbildungseinrichtungen und Multiplikator(inn)en neutral berät und auch Kooperationspartner oder Expert(inn)enkontakte vermittelt. Über die so entstehenden - teilweise länderspezifischen - Netzwerke können zudem Anfragen aus dem Ausland zielsicher weitergeleitet werden. Die auf der Website integrierte IBS-Datenbank mit Programmen und Finanzierungsmöglichkeiten bietet Überblickswissen an einem Ort.

Soviel vorweg: Interesse an berufsbildenden Austauschprogrammen ist bei den deutsch-griechischen Verbänden aus den Bereichen Jugendarbeit, Bildung und Wirtschaft deutlich ausgeprägt. Das ist eine gute Voraussetzung, um bestehende Projekte zur Berufsorientierung und Ausbildung zu erweitern oder neue deutsch-griechische Partnerschaften an den Start zu bringen.

Internationale Jugendarbeit und internationale Ausbildungsmaßnahmen ergänzen sich

Es gibt gute Gründe für eine Zusammenarbeit zwischen internationaler Jugendarbeit und den internationalen Strukturen der formalen Berufsausbildung: Beide Arbeitsfelder richten sich an die gleiche jugendliche Zielgruppe und für die Umsetzung internationaler Bildungsmaßnahmen braucht es stabile Partnerschaften und eine internationale Kooperationskultur, welche die Anliegen beider Seiten berücksichtigt. Nicht selten nutzen berufsbildende Austausche Partnerorganisationen und Expertise, die aus Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit hervorgegangen sind, und vice versa. Die Netzwerke der Internationalen Jugendarbeit verfügen zudem über eigene Zugänge, um das „Internationale“ in Schulen und Jugendzentren, in Unternehmen, Vereinen und Kommunen sichtbar zu machen.

Gerade die Informationsversorgung der Jugendlichen ist ein wichtiger Aspekt, denn nicht alle Bundesländer haben die Schaffung internationaler Ausbildungsmaßnahmen auf ihre politische Agenden gesetzt. Im Gegensatz zur Situation Studierender im Hochschulbereich treffen Auszubildende und Berufsfachschüler/-innen an ihren Berufsschulen und in ihren Ausbildungsbetrieben meistens keine „Auslandsberater/-innen“ an. Und nicht zuletzt öffnen Programme der Internationalen Jugendarbeit junge Menschen für Auslandsaufenthalte im Rahmen einer späteren Berufsausbildung oder eines Studiums. Konkrete Überscheidungen gibt es in der Jugendberufshilfe: Berufsbildende Auslandsaufenthalte könnten künftig in noch größerem Umfang in außerbetriebliche Ausbildungen oder in Maßnahmen der Berufsausbildungsvorbereitung integriert werden.

Vielfältige Möglichkeiten für Aus- und Weiterbildungszeiten in Griechenland

Für Lernaufenthalte in Griechenland gibt es in der IBS-Datenbank derzeit Programme für Auszubildende und junge Fachkräfte im Handwerk, in der Industrie, in Gesundheitsfachberufen und im Berufsfeld Erziehung und Soziales. Hinzu kommen Angebote für den Erwerb internationaler Zusatzqualifikationen (z. B. „Internationales Wirtschaftsmanagement“), die auch Qualifizierungszeiten in Griechenland vorsehen. Auch Jungunternehmer/-innen finden geeignete Trainingsangebote in der Datenbank.

Vor allem mit Erasmus+: Den eigenen Beruf im Ausland neu entdecken

Etwa 31.000 Jugendliche des Abschlussjahrgangs 2017 verbrachten einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland. Das entspricht einer Quote von 5,3 Prozent. Darunter waren etwa 180 Auszubildende, die einen mehrwöchigen berufsbezogenen Aufenthalt in Griechenland absolvierten.

Rund die Hälfte aller Auslandsaufenthalte fand im Rahmen von Erasmus+ statt. Erfreulicherweise ist die Zahl der bewilligten Teilnehmenden für Griechenland im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen. Ansonsten werden Auslandszeiten auch direkt von den ausbildenden Betrieben oder privat finanziert. Gut ausgestaltete Lernaufenthalte bewirken einen Sprung in der Persönlichkeitsentwicklung: Die meisten Jugendlichen kehren mit einem gestärkten (beruflichen) Selbstbewusstsein zurück. Die Erfahrung, verschiedene Arbeitssituationen im Ausland bewältigt zu haben, wirkt sich positiv auf das Selbstwertgefühl aus. „Nebenbei“ verbessern die Azubis aber auch ihre beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten durch z. B. hinzugewonnene interkulturelle Kompetenz, Fremdsprachenkenntnis, neue Arbeitsmethoden oder internationales Branchenwissen.

Horizonterweiterung in Griechenland für viele Berufsfelder

Im Rahmen von Erasmus+ sind es berufliche Schulen, Ausbildungsunternehmen und Branchenverbände, die Projekte mit griechischen Partnerorganisationen initiieren. Aktuell zieht es Azubis aus Industrie, Hotelgewerbe, Gartenbau, Werbebranche und Erziehung nach Griechenland. Angebote für Azubis aus dem Handwerk befinden sich noch in Vorbereitung.

Das Käthe-Kollwitz-Berufskolleg Hagen entsendete in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Westfalen e. V. angehende Köche und Hotelfachkräfte in das „Alexander the Great Beach Hotel“ auf die Chalkidiki-Halbinsel. „Meine Erfahrungen waren vielfältig. Gelernt habe ich den Umgang mit internationalen Gästen, die Zubereitung frischer Fische und landestypischer Gerichte wie Moussaka. Meiner Meinung nach ist so eine Erfahrung für jeden angehenden Koch, der beruflich viel erreichen möchte, ein absolutes "must have"!“, konstatiert Pascal Gerhardt, der mittlerweile seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen hat.  Lida Koutsoumi, Koordinatorin für die internationale Zusammenarbeit bei der P.A.P Corporation in Thessaloniki, äußert sich hierzu auch: „Unsere Zusammenarbeit mit dem Käthe-Kollwitz Berufskolleg Hagen ist eine Erfolgsgeschichte. Die jungen Fachkräfte aus Deutschland bereichern mit ihrer Professionalität und Motivation unsere Teams. Wir bieten ihnen die Gelegenheit, unser unternehmerisches Modell und echte griechische Gastfreundschaft an den besten Standorten von Thessaloniki und Halkidiki kennenzulernen. Viele unserer Stammgäste kommen aus Deutschland und Österreich.“

Leonie Kolender macht eine Ausbildung an der Elisabeth-von-Rantzau-Schule in Hildesheim. Die angehende Erzieherin betreute 9 Wochen lang eine Vorschulgruppe an der Deutschen Schule in Athen. „Ich habe das pädagogische Team unterstützt und dabei Angebote für Kinder gestaltet, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hatten. Mit Spielen und Reimen habe ich Ihnen Freude am Erlernen der Sprache vermittelt.“, berichtet Leonie und ergänzt, dass sie durch die Zeit in Griechenland viel selbstbewusster geworden sei.

Im vergangenen Jahr reisten auch Ausbildungsverantwortliche aus dem Handwerk, der Industrie und dem Gesundheitswesen im Rahmen von Erasmus+ zur Weiterbildung nach Griechenland. Die Teilnehmenden loben die hochmotivierten griechischen Jugendlichen, die sie in den Berufsbildungseinrichtungen antrafen. Und Klaus Krauth von der BBS II Gifhorn (Niedersachsen) hebt hervor, dass es auf griechischer Seite eine Menge engagierter Pädagogen gebe, die Interesse an einer Partnerschaft haben.

Lehrkräfte und Ausbilder/-innen spielen die Schlüsselrolle

„Einmal über den eigenen Tellerrand hinausschauen, selbst erleben wie Bildung in den anderen europäischen Staaten funktioniert, Vorurteile und eingefahrene Meinungen überdenken und gegebenenfalls korrigieren, eben im Bildungsfluss bleiben, das macht diese Fortbildungen aus.“, fasst Nikolaus Pladwig von der BBS 2 Wolfenbüttel seinen Erfahrungsaustausch mit griechischen Kolleginnen und Kollegen in Athen zusammen. Der Aufenthalt wurde ihm durch das Projekt „Inklusion und Berufsorientierung in Europa“ im Rahmen von Erasmus+ ermöglicht.

Berufe und die dafür benötigten Kompetenzen unterliegen einem ständigen Wandel, der auch Europa insgesamt betrifft. Das Ausbildungspersonal in Berufsschulen und Betrieben kann eine Hospitation im Ausland für einen Austausch auf Augenhöhe nutzen und z. B. mit griechischen Kolleginnen und Kollegen Ausbildungsprogramme gemeinsam entwickeln.

So berichtet Holger Zientek aus Goslar vom Besuch der Marmorbrüche auf Tinos und den fachlichen Impulsen, die er in der traditionsreichen Steinmetzschule des Ortes Panormos erhielt: „Interessant war auch zu hören, dass es für die Ausbildung der Steinmetze kein starres Curriculum gibt, sondern dass man kompetenzorientiert die aufgenommenen „Steinmetzschüler“ da abholt, wo sie künstlerisch und kreativ Eigenschaften mitbringen, um diese in ihre weitere Ausbildung einfließen zu lassen. Ein toller Ansatz, den ich mir für meinen Kunstunterricht, andere Kreativität fordernde Fächer und meine Lehrvorgaben in Deutschland wünschen würde.“

Das Ausbildungspersonal spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung und Umsetzung internationaler Aus- und Weiterbildungsaktivitäten. Wünschenswert wäre, dass Fachlehrkräfte und Ausbilder/-innen die Internationalisierung künftig noch stärker in Berufsschulen, Betriebe und weitere Einrichtungen der Berufsbildung hineintragen und Jugendliche zu einem Lernaufenthalt in Griechenland ermutigen.

Azubi-Austausch mit Griechenland braucht praktische und politische Unterstützung

Aus den Teilnehmerberichten der deutschen Pädagog(inn)en lässt sich auch herauslesen, dass die Entwicklung der Berufsbildung nicht im Fokus der griechischen Politik stehe, was sich auch in der Ausstattung der Berufsbildungseinrichtungen niederschlage. Auch sprachliche Barrieren bremsten teilweise die Zusammenarbeit, heißt es. Hinzu komme, dass momentan die Kontaktpersonen an griechischen Berufsfachschulen aufgrund ihrer befristeten Verträge häufig wechselten.

Für berufliche Schulen und auch für kleinere Ausbildungsbetriebe ist es kaum leistbar, geeignete Partnerorganisationen in Griechenland zu finden, eine Ausbildungskooperation aus eigener Kraft aufzubauen und diese am Laufen zu halten. In dualen Ausbildungsgängen kommt es nicht selten vor, dass Ausbildungsbetriebe ihre Azubis für den Auslandsaufenthalt nicht freistellen möchten.

Unterstützend könnten beispielsweise bestehende Städte- und Regionalpartnerschaften sowie deutsch-griechische Verbände wirken, indem sie internationale Ausbildungsmaßnahmen in ihre Aktivitäten einbetten, Qualitätssicherung einfordern und für politische Rückendeckung sorgen.

Ein offizieller Rahmen, eine gute Lernsituation in Griechenland und die Wertschätzung der kooperierenden Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen sind Gelingensbedingungen für eine internationale Öffnung der Berufsausbildung.

Finanzierungsmöglichkeiten sind vorhanden: Fördermittel stehen im Rahmen von Erasmus+ zur Verfügung!



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