Regina Wiesinger

„Mit der Vergangenheit im Herzen und dem Blick nach vorn“

Hört die Schuld irgendwann auf? Kann es jemals Versöhnung geben? Werde ich als Deutscher in Distomo überhaupt willkommen geheißen? Warum ist Erinnerung wichtig? Sollten wir nicht besser die Vergangenheit hinter uns lassen? Jedes Jahr stellen sich die Schüler/-innen der 10. Klassen der Deutschen Schule Athen (DSA) in der Vorbereitung auf die Schülerbegegnung mit gleichaltrigen griechischen Schüler(inne)n des Lyzeums aus Distomo, eine der unzähligen sogenannten griechischen „Märtyrergemeinden“, diese und ähnliche Fragen.

Mahnmal in Distomo
Mahnmal in Distomo BildImage: Deutsche Schule Athen


Regina Wiesinger, Bild: privat

Regina Wiesinger ist Lehrerin für Geschichte, Sozialkunde und Religion an der Deutschen Schule Athen. Seit 2007 ist sie Verantwortliche für die Schülerbegegnungen mit Distomo und bis 2012 auch mit Kalavryta.

Griechenland-Special 2018

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„Gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten ist ein Wagnis, das sich lohnt, wenn man sich dabei näherkommt.“ (DSA Schülerzitat)

Seit mehr als 10 Jahren findet mindestens zwei Mal im Jahr eine Schülerbegegnung der 10. Klassen der DSA mit dem Lyzeum in  Distomo statt. Distomo ist jener Ort, der am 10. Juni 1944 von SS-Einheiten dem Erdboden gleich gemacht wurde  und in dem mehr als 200 unschuldige, hilflose Bewohner/-innen, Säuglinge, Kinder, Frauen, Männer und alte Menschen auf unbeschreiblich grausame Art und Weise von SS- Soldaten hingerichtet wurden.

Ganze Schülergenerationen der DSA und des Lyzeums Distomo stellten sich schon dieser Herausforderung, gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten und  dabei die Erfahrung zu machen, dass man sich trotz der schmerzhaften Vergangenheit, die zwischen einem steht,  näher kommen kann.  Ein mittlerweile ehemaliger Schüler der DSA beschreibt diese Herausforderung folgendermaßen: „Wir sind die neue Generation, der die Aufgabe zufällt, eine zukünftige Welt zu gestalten. Unsere Schule gab uns durch diese Initiative die Gelegenheit  zu verstehen, dass diese Zukunft nur durch gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit der einzelnen Völker gestaltet werden kann. (…) Es war eine Lebenserfahrung, die wohl nur wenigen jungen Leuten geboten wird, und wir haben sie, so glaube ich, produktiv genutzt.“ (Dimitris Drangiotis)

Wie vermittelt man historische Verantwortung, wie die Notwendigkeit des Gedenkens und der Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus und welches pädagogische Ziel verfolgt man dabei?

Grundsätzliches Ziel des Unterrichtsfachs Geschichte ist die Ausbildung und Förderung eines eigenständigen historischen Denkens. Der moderne Geschichtsunterricht ist gekennzeichnet durch seinen kommunikativen und handlungsorientierten Ansatz. Der Erwerb von Kompetenzen steht dabei im Mittelpunkt. Sie sollen der Schülerin/dem Schüler die Möglichkeit geben, sich umfassend mit historischen Sachverhalten oder Ereignissen auseinanderzusetzen und zwar nicht nur theoretisch, kognitiv, sondern auch praktisch. In unserem Fall erfolgt die Auseinandersetzung in der gelebten Begegnung mit den Nachkommen der Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen in Distomo.

Ein wichtiges didaktisches Prinzip stellt der Gegenwartsbezug des Geschichtsunterrichts dar, da historisches Denken immer gegenwartsgebunden ist. „Daraus leiten sich auch das Vermögen und das Ziel des Geschichtsunterrichts ab, die Lernenden in ihrer lebensweltlichen Orientierung zu unterstützen. Dies kann aber nur gelingen, wenn Geschichtsunterricht die Frage nach dem Sinn der Beschäftigung mit Geschichte beantwortet und der Schüler sich bewusst wird, welche Bedeutung das Nachdenken über die Vergangenheit für sein Leben in der Gegenwart und absehbaren Zukunft haben kann.“ (Lehrplan Geschichte Thüringen, Endfassung 2012 (LP_GY_Geschichte_Endfassung_150213 (2).pdf S.7ff))

Besonders die Themen 2. Weltkrieg, die Praxis der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland und deren Folgen, die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft liefern diese Gegenwartsbezüge, sie drängen sich uns förmlich auf. Die zahlreichen Märtyrergemeinden und  Erinnerungsorte, die noch lebende Zeitzeugengeneration, die Diskussionen um Wiedergutmachung und Entschädigung in den Medien und im öffentlichen Diskurs lassen erkennen, dass die Vergangenheit in Griechenland tiefe Wunden hinterlassen hat und die Nachkriegsgeschichte noch nicht abgeschlossen ist. Im Unterschied zu Frankreich gab es zwischen Griechenland und Deutschland nie eine offizielle Aussöhnung zwischen beiden Staaten.  Die Verbrechen der Nationalsozialisten in Griechenland wurden in Deutschland jahrzehntelang verschwiegen und verleugnet. Der Besuch Joachim Gaucks 2014 in Griechenland hat in dieser Hinsicht einiges bewegen können.

Das Besondere am Schülerbegegnungsprojekt ist nun, dass dieser Prozess der Aufarbeitung nicht isoliert im Klassenraum passiert, sondern gemeinsam geschieht und zwar mit den Nachkommen der Betroffenen und Zeitzeug(inn)en am historischen Ort. Im gemeinsamen Diskurs werden die Geschehnisse der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Den Schüler(inne)n wird auf diese Art und Weise die Multiperspektivität von Geschichte vermittelt. Sie erkennen, dass die historischen Ereignisse von den Betroffenen und Nachgeborenen unterschiedlich wahrgenommen, gedeutet und bewertet werden.

Diese Wahrnehmung, Deutung und Bewertung wiederum ist abhängig von einer Vielzahl von Faktoren, die mit den Lebensumständen, der Weltanschauung, der Bildung aber auch mit der nationalen Identität verknüpft ist. So werden die Schüler/-innen in den Schülerbegegnungsprojekten mit sehr kontroversen Deutungsmustern und Positionen konfrontiert, besonders was die Frage nach der historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Griechenland angeht bzw. wie ernsthaft Deutschland dieser Verantwortung in den 73 Jahren seit dem Ende des 2. Weltkriegs nachgekommen ist.

Wie schafft man Begegnung unter Jugendlichen an einem historisch so belasteten Ort? Über die inhaltliche und emotionale Vorbereitung der Schüler/-innen:

Viele Schüler/-innen der DSA aus dem deutschen Profil  kommen aus bikulturellen Ehen mit griechisch/deutschem Elternteil. Sie sehen diesen Teil der Vergangenheit vielfach multiperspektivisch, d.h. sowohl aus der griechischen als auch aus der deutschen Sicht. Daraus  entsteht bei vielen eine emotionelle Spannung, die eine Schülerin in der Beschäftigung mit dem Massaker in Distomo sehr treffend formulierte: „Wie begegne ich den Menschen in Distomo? Als Deutsche oder als Griechin? Als Griechin empfinde ich Trauer, als Deutsche fühle ich mich schuldig.“
Angesichts der Verbrechen der SS in Distomo kommt es unausweichlich zur Diskussion um die Schuldfrage, vor allem deshalb, weil im Fall Distomo die Schülerbegegnung am historischen Ort stattfindet und so die Vergangenheit für unsere Schüler/-innen dort in besonderer Weise lebendig wird. Hinzu kommt, dass  den Schüler(inne)n der Jahrgangsstufe 10 der Zusammenhang von nationaler Geschichte und persönlicher Identifikation sehr wohl bewusst ist und besonders von Kindern bikultureller Ehen stark reflektiert wird.

Die oben erwähnte Schüleraussage macht aber auch deutlich, dass während der inhaltlichen Vorbereitung die Schüler/-innen eine emotionale Vorbereitung benötigen. Diese Aussage steht beispielhaft für die Schwierigkeit, sich angesichts der Verbrechen der SS in Distomo auf einen Besuch einzustellen. Manche Schüler/-innen belastet die Ungewissheit, wenn sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Dies wird in vielen Diskussionen im Unterricht aufgearbeitet.

Dabei kristallisiert sich am Ende Folgendes heraus: Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit gleichaltrigen Schüler(inne)n in Distomo. Von keinem/r Teilnehmer/-in kann das Eingeständnis persönlicher Schuld verlangt werden, von niemandem wird erwartet, dass öffentlich Trauer und Reue gezeigt wird. Es wird keine Anschuldigungen geben. Im Gegenteil: Man wird uns willkommen heißen und unseren Besuch begrüßen. Die Geschehnisse der Vergangenheit werden nicht verdrängt. Sie sind im Gegenteil allen genau bewusst. Die Kenntnis der Vergangenheit und die Begegnung mit Menschen in Distomo sind die Basis normaler Beziehungen. Gäbe es beides nicht, würden die Verbrechen weiterhin (d.h. auch für die unschuldigen heutigen Schüler) ein unausgesprochenes Hemmnis für normale Kontakte und Dialoge bleiben.

Die Schüler/-innen aus Distomo beschrieben die Begegnung mit den Schüler(inne)n der DSA mit folgenden Worten:
„Ein Erlebnis war sicherlich, dass die Schüler der Deutschen Schule Athen konkret die Geschichte unseres Dorfes kennenlernten, ein Teil der modernen Geschichte, der beide Völker betrifft. Es wurde deutlich, dass sie diese Berührung mit der Geschichte besonders bewegte, sie zeigten uns, dass sie die Vergangenheit nicht vergessen und verdrängen, dass sie dieses historische Gedächtnis auf ihren Lebensweg mitnehmen und daraus lernen können.“

„Mit der Vergangenheit im Herzen und dem Blick nach vorn“ Wie sieht das praktisch aus?  Über die Aktivitäten der Schülerbegegnung

Begegnung findet nur dort statt, wo sie von beiden Seiten gewollt ist. In unserem Fall ist es das Lyzeum von Distomo, mit ihren engagierten Kolleg(inn)en (Frau Vasiliki Karanassou und Frau Eleni Koreli, die Schulleiterin des Lyzeums in Distomo) und deren Schüler/-innen, sowie deren Eltern als auch die ganze Gemeinde, die hinter der Schülerbegegnung und deren zahlreichen Aktivitäten stehen und diese seit 10 Jahren tatkräftig unterstützen. Sehr schnell haben sich im Laufe der Jahre tiefe und feste Freundschaften unter den Kolleg(inn)en und Schüler(inne)n beider Partnerschulen entwickelt, die es ermöglichen die Planung und Durchführung der dreimaligen Treffen im Jahr  in enger Abstimmung und Absprachen gemeinsam zu organisieren und zu koordinieren. Gemeinsam ist es unser Anliegen, dass die Blickrichtung der Schülerbegegnungsprojekte nicht bloß rückwärtsgewandt ist, sondern immer auch die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft miteinbezieht. In diesem Sinne ist die inhaltliche Ausrichtung der Schülerbegegnungsprojekte auf aktuelle gesellschaftliche oder politische Probleme bezogen. So zum Beispiel 2012 als es im Zuge der schweren Wirtschaftskrise in Griechenland um das angespannte, deutsch-griechische  Verhältnis und die oft sehr einseitige und unseriöse tendenziöse Darstellung beider Länder in den Medien ging. In gemeinsamen Workshops aus den Bereichen Kunst, Film und Theater haben sich die Schüler/-innen unter Beisein und Unterstützung der Experten und Filmemacher Fabian Eder und Katharina Stemberge mit dieser Thematik auseinandergesetzt.

Die Vereinigung gegen Vergessen für Demokratie hat der Schülerbegegnung 2013 aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements in einer Zeit, in der die deutsch-griechischen Beziehungen stark belastet waren, den Waltraud Netzer Jugendpreis verliehen. 2014 rückte die Flüchtlingskrise in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Diskurses.  In diesem Jahr entstand unter der Regie des österreichisch-griechischen Theaterregisseurs M. Scharnhorst ein bikulturelles Theaterprojekt, das in einer gemeinsamen Aufführung „Kinder des Krieges“ deutscher und griechischer Schüler/-innen am historischen Ort in Distomo gipfelte. Das Stück, von den Schüler(inne)n geschrieben, handelte von den Kindern des Krieges von damals als auch von den Kindern in aktuellen Kriegsschauplätzen. Ebenso wurden die Musik wie auch das Bühnenbild von den Schüler(inne)n selbst ausgewählt, einstudiert und entworfen. 2015 nahmen beide Schülergruppen an einer großen Tanzveranstaltung in Distomo im Rahmen der kulturellen Veranstaltungen rund um die Gedenkfeier des 10. Juni teil. Bei unseren dreimaligen Treffen wurden die Tänze gemeinsam einstudiert. 2017 stand „Europa“ im Zentrum des Interesses. „Creating Future“ war das gemeinsame Motto, dabei entstand ein großes Wandbild, ein Eurorap in fünf europäischen Sprachen, Interviews mit Jugendlichen aus Distomo über ihre Sicht auf das vereinte Europa sowie mit dem Vizebürgermeister aus Distomo. Diskussionen mit dem Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen, Herrn Katsioulis, wurden geführt als auch ein schriftliches Interview mit Herrn Roth, dem Staatsminister für Europa.

Darüber hinaus begleitet uns jedes Jahr eine Schülergruppe aus Distomo auf unsere Studienreise nach Berlin. Intention ist es, auch griechischen Schüler(inne)n aus strukturschwachen Regionen bei ihrer Berufs-und Studienwahl Orientierungshilfen zu geben. Die gemeinsame Reise nach Berlin hat, so wie die Schülerbegegnung, die deutsch-griechischen Beziehungen sehr vertieft und gehört mittlerweile zu den Höhepunkten der Schülerbegegnung, auf die man nicht mehr verzichten möchte. Die Berlinreise der Schülergruppe aus Distomo wird aus Fördermitteln der Deutschen Botschaft in Athen finanziert.

Neu in diesem Jahr ist die Erweiterung der Schülerbegegnung durch die Einbindung der Fritz Karsen Schule in Berlin in das gesamte Projekt der Schülerbegegnung. So trafen sich zwischen dem 10. und dem 12. 06.2018 ca. 65 Schüler/-innen aus drei verschiedenen Schulen, der DSA, des Lyzeums Distomo und der Fritz Karsen Schule zu einem Jugendtreffen in Distomo. In Workshops erkundeten die Schüler/-innen das alte und das moderne Distomo, nahmen an der Gedenkveranstaltung teil, besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, besuchten die Theateraufführung im Amphietheater des Mausoleums und trafen sich mit den Zeitzeug(inn)en, Herrn Sfountouris und Frau Manolopoulou.

Wir hoffen auch in Zukunft viele kreative und interessante Schülerbegegnungen initiieren zu können, daher sollen auch die Gedanken der Schüler/-innen den Epilog für diesen Artikel bilden:
„Es war ein sehr intensives Erlebnis mit der Geschichte, die uns sehr betroffen und nachdenkliche machte“ aber auch „eine enorme Bereicherung und Erfahrung, an die wir uns immer zurückerinnern werden“.



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