Natali Petala-Weber

Neue Perspektiven durch Kulturmanager: START – Create Cultural Change

Die Robert Bosch Stiftung bot 30 griechischen Stipendiaten die Möglichkeit soziokulturelle Zentren und ihre Arbeit in Deutschland kennen zu lernen. 12 daraus entstandene Projektideen wurden in Griechenland in der zweiten Projektphase umgesetzt – für viele ist bereits eine Fortsetzung geplant. Wir haben mit Christian Strob über das Programm „START – Create Cultural Change“ gesprochen.

Eine junge Frau steht vor einer Wand mit Grafittis
Vivian Doumpa BildImage: Eva Karagkiozidou


Christian Strob, Bild: privat

Christian Strob ist Projektleiter für das Thema Internationaler Kulturaustausch im Bereich 'Völkerverständigung - Europa und seine Nachbarn' der Robert Bosch Stiftung.

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Herr Strob, warum engagiert sich die Robert Bosch Stiftung in Griechenland?

Christian Strob: Die Wirtschaftskrise hat in vielen Ländern Europas zu einer hohen Jugendarbeitslosigkeit geführt. Besonders schwer betroffen sind davon die südeuropäischen Länder, in denen man auch deutliche Auswirkungen auf das kulturelle Gefüge spürt. Viele etablierte Kultureinrichtungen sind nicht in der Lage, junge kreative Köpfe zu binden und ihnen eine berufliche Perspektive zu bieten. Das gilt vor allem für Griechenland, wo die staatliche Kulturförderung in den vergangenen Jahren auf ein Minimum reduziert worden ist. Hier setzen wir mit dem Fortbildungs- und Stipendienprogramm „START – Create Cultural Change“ an. Engagierte Kulturmanager können mit unserer Unterstützung eigene Initiativen etablieren, die den sozialen Zusammenhalt vor Ort stärken. Das Programm soll den Teilnehmern neue Perspektiven bieten und auf diese Weise der Arbeitslosigkeit und dem Brain Drain der jungen Kreativen in Griechenland entgegenwirken. Darüber hinaus möchten wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern, dem Goethe-Institut Thessaloniki und der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., die deutsch-griechischen Beziehungen stärken und zu gegenseitiger Verständigung beitragen.  

Die ersten Hospitationen in Deutschland sind bereits abgeschlossen. Gibt es hierzu erste Feedbacks seitens der Stipendiat(inn)en?
 
Christian Strob: Für die 30 Stipendiaten hat der Aufenthalt an den deutschen Kultureinrichtungen eine wichtige Schlüsselrolle gespielt. Während der einmonatigen Hospitation lernten sie neue Arbeitsweisen kennen, erprobten ihre Ideen und Management-Fähigkeiten in kleinen Projekten und erhielten praktische Beratung bei der Konzeptentwicklung für ihre Kulturinitiativen in Griechenland. Das ist ein zentrales Anliegen des Programms. Mit START wollen wir die methodischen und praktischen Fähigkeiten der Stipendiaten stärken und sie dabei unterstützen, aus ihrer Ideenskizze ein tragfähiges Projektdesign für ihre Kulturinitiative zu entwickeln. Vivian Doumpa hospitierte beispielsweise im Kulturzentrum Lagerhaus Bremen e.V. Dort lernte sie das Thema Stadtentwicklung und insbesondere die Rolle der Jugend darin durch eine neue, soziokulturelle Brille zu sehen. Das heißt, offener gegenüber Vielfalt zu sein, mehr Partner und Stakeholder einzubinden und die Entscheidungshoheit über die Umsetzung der einzelnen Ideen in die Hand der Akteure zu geben, während sie selbst als Moderator und Manager den Prozess unterstützt. All das konnte sie erfolgreich in ihrem partizipativen Stadtviertelprojekt „Topio“ in Thessaloniki umsetzen.

Was war ausschlaggebend für die letzte Auswahl der zu realisierenden Kulturprojekte in der 2. Phase?

Christian Strob: Die Qualität der Bewerbungen, die wir im Anschluss an die Hospitationen in Deutschland für die sechsmonatige Projektphase in Griechenland erhalten haben, war sehr hoch. Alle 12 ausgewählten Projekte sind inzwischen erfolgreich umgesetzt worden, für viele ist eine Fortsetzung geplant. In ihrem Urteil hat sich die Fachjury von drei zentralen Kriterien leiten lassen: Ist das Gesamtkonzept realisierbar? Werden zusätzliche Potenziale im kulturellen Umfeld des Projekts aktiviert? Und gelingt es den Akteuren lokale, insbesondere junge Zielgruppen nachhaltig einzubinden? Einen besonders innovativen Ansatz verfolgte etwa Thalia Rizou mit ihrem Projekt „Youthnest“. Das kulturelle Beratungsprojekt bringt junge Menschen mit Experten aus Museen, Stiftungen und NGOs zusammen. In gemeinsamen Workshops beschäftigen sie sich mit Themen wie Markenbildung für Kultureinrichtungen oder entwickeln Kommunikationsstrategien in den sozialen Medien. Ziel ist es, die kollektive Intelligenz zu nutzen und die Perspektive der jungen Engagierten auf aktuelle Herausforderungen in die Entscheidungsprozesse etablierter Institutionen einzubinden.

Welche Erfahrungen sind in die zweite Ausschreibung eingeflossen?

Christian Strob: Das außergewöhnliche Engagement aller Teilnehmer und das positive Feedback auf die 12 START Projekte haben die zentrale Bedeutung unterstrichen, die dem Kultursektor in Griechenland zukommt. Er leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Krise, sondern hat auch eine wichtige wirtschaftliche Dimension für die beteiligten Akteure. Diese Einschätzung bestätigte uns auch ein hochrangig besetzter Beraterkreis zum Thema „Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa“, der auf Einladung der Robert Bosch Stiftung im Januar 2016 zusammentrat. Den Empfehlungen der unabhängigen Experten folgend, werden wir START mit dem nächsten Jahrgang weiter ausbauen. So wird die Hospitationsphase in Deutschland auf 1,5 Monate verlängert und die Anzahl der Stipendien für die Projektphase in Griechenland auf 15 erhöht. Darüber hinaus werden wir zukünftig im Anschluss an die Projektphase in Griechenland bis zu drei Preise in Höhe von 5.000 Euro an herausragende START Projekte verleihen, die sich durch ihre positive soziale Wirkung auszeichnen und das Potential haben, sich dauerhaft zu etablieren. Die mit 225 Einreichungen sehr hohe Bewerberzahl für den zweiten Jahrgang zeigt, dass wir mit dem Programm ein attraktives Angebot für eine steigende Zahl neuer Kulturakteure schaffen, die jenseits der ausgetretenen Pfade staatlicher Förderung alternative Wege der Kulturarbeit suchen. Wir freuen uns auf viele neue kreative Kulturunternehmungen und die öffentliche Auftaktveranstaltung der zweiten Projektrunde am 29. September 2016 in Berlin.

Was kann der Jugendaustausch im Bereich Kulturtransfer leisten?
 
Christian Strob: Im Pilotjahrgang hat sich gezeigt, dass der Austausch während der Hospitation nicht nur für die Stipendiaten aus Griechenland, sondern auch für die deutschen Kultureinrichtungen sehr bereichernd ist. Für einige von ihnen war es das erste Austauschprogramm auf europäischer Ebene, für andere eine gute Gelegenheit, um an frühere Aktivitäten anzuknüpfen. So haben etwa Marc Wohlrabe von der „Clubcommission“ und der Stipendiat Alexandros Marantelos, der das „Street Art Festival Thessaloniki“ initiiert hat, die Kulturbeziehungen zwischen Berlin und Thessaloniki wiederbelebt. Gemeinsam planen sie einen langfristigen Austausch zu etablieren. Das Beispiel zeigt, dass persönliche Erfahrungen und Netzwerke entscheidend dazu beitragen können, ein Zeichen gelebter Solidarität in Europa zu setzen und neue Initiativen zu starten, die jungen Menschen eine aktive Teilhabe am kulturellen Leben ermöglichen. In den Projekten, die unsere Kulturmanager initiieren, können griechische Jugendliche wieder aktiv werden, etwas Neues ausprobieren und ihre Persönlichkeit entwickeln. Die Robert Bosch Stiftung möchte mit START dazu beitragen, dass sie zu Motoren der Transformation der griechischen Gesellschaft werden – gerade in der Krise.

Weitere Informationen

Eine Übersicht über das Programm und alle START Projekte finden Sie online unter:
www.bosch-stiftung.de/start



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