Dora Giannaki

Politische Bildung und Partizipation: Instrumente zur Absicherung der Demokratie und zur Vorbeugung der gewaltsamen Radikalisierung von Jugendlichen

Die politischen Entwicklungen europaweit drängen die Rolle der politischen Jugendbildung immer stärker in den Vordergrund der öffentlichen Debatte. Dora Giannaki beschreibt den Rahmen und die Hintergründe der politischen Jugendbildung in Griechenland.

Brennende Abfälle nach einer Straßenschlacht
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Dora Giannaki
Dora Giannaki, Bild: privat

Dora Giannaki ist Politikwissenschaftlerin. Sie studierte Politikwissenschaften und Geschichte an der Pantion-Universität in Athen und absolvierte einen Master in Politische Theorie an der Universität von Essex sowie in Themen der Sicherheit und Gerechtigkeit an der Universität von Leeds. Sie fungierte als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Generalsekretariat für Jugend im griechischen Bildungsministerium und am griechischen Nationalen Akkreditierungszentrum für Weiterbildung (Ε.ΚΕ.PΙS.) sowie als Expertin und nationale Vertreterin im Europäischen Wissenszentrum für Jugendpolitik (EKCYP) der Europäischen Kommission und des Europarats (Youth Partnership). Seit März 2015 ist sie Mitglied des Vorstands des Zentrums für Sicherheitsfragen (KEMEA), eines Trägers, der das Ziel verfolgt, Studien zur Sicherheitspolitik durchzuführen.

Griechenland-Special 2016

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Der Rahmen

Im letzten Jahrzehnt beobachten wir ein verstärktes Interesse der Wissenschaftswelt hinsichtlich der Erforschung der Radikalisierung von Jugendlichen mit einem Schwerpunkt vor allem auf den religiösen und rechtsextremen Aspekten dieses Phänomens. Insbesondere seit 2011 mit der aufkommenden Terrorgefahr durch den Islamischen Staat sowie den aktuellen Terroranschlägen in Europa steht die Radikalisierung von Jugendlichen nun endgültig auch für die europäischen Regierungen im Mittelpunkt, dadurch dass diese Thema nicht mehr nur die Experten beschäftigt, sondern auch einen Großteil der öffentlichen Meinung, einschließlich aller Akteure im Bereich Bildung und Jugend.

Anhand der verfügbaren Daten wird deutlich, dass obwohl jede Altersgruppe von Radikalisierung betroffen ist, Jugendliche mit Abstand den ersten Platz im Maß des Radikalisierungspotenzials belegen.1 Trotz der Tatsache, dass die Radikalisierung ein komplexes und vielseitiges Phänomen ist, das nicht nur anhand eines Faktors oder einer Ursache analysiert werden kann, kann man feststellen, dass das Alter, und konkret die Pubertät und die Jugend, eine Rolle im Radikalisierungsprozess spielen, da während dieses besonders sensiblen Lebensabschnitts die Jugendlichen noch in ihrer Persönlichkeits- und Identitätsfindung sind. Daher sind sie besonders anfällig für radikale Ideen, aber auch extremistische Organisationen, die sie auszunutzen suchen (Euer u.a., 2014: 30).2 

Auf europäischer Ebene geht man davon aus, dass Bildung – formell und informell – eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung und insbesondere bei der Vorbeugung von Radikalisierung. Das Argument, das hier verwendet wird, ist, dass die Kultivierung einer demokratischen Einstellung, d.h. die Erziehung zum demokratischen Bürger, den Jugendlichen erforderliche Instrumente bieten kann, um ihre Vulnerabilität zu verringern und ihre Widerstandsfähigkeit gegen extreme und antidemokratische Ideologien zu stärken. Auf diese Weise könnte das Radikalisierungspotential der Jugendlichen in Richtung eines gewaltsamen Extremismus und Terrorismus vermindert werden.

In diesem Rahmen haben sich die Bildungsminister der EU verpflichtet, ihr Engagement zur Absicherung der durch Bildung erworbenen sozialen, politischen und kulturellen Fertigkeiten zu intensivieren, um das kritische Denken von jungen Menschen zu fördern (European Commission, 2015: online). Die Generaldirektorin für Demokratie des Europarates, Snežana Samardžić-Marković, äußerte im Mai 2015, dass die Erziehung eine Schlüsselrolle zur Vorbeugung von Radikalisierung spielt, und dass „die Bildungs[…]systeme sicherstellen sollten, dass die Jugendlichen verantwortungsbewusste Bürger werden, die Teil einer multikulturellen und demokratischen Gesellschaft sein wollen und können…[und]...imstande sind, ihre Rechte auszuüben, die Rechte anderer zu respektieren und Verschiedenheit zu schätzen“ (Samardžić-Marković, 2015: online).

Politische Bildung: Aufgabe und Zielsetzung

Es steht außer Zweifel, dass politische Bildung3 in unmittelbarem Zusammenhang zu dem jeweiligen sozial-ideologischen und politischen Rahmen einer Gesellschaft steht – insbesondere mit der Definition, die eine Gesellschaft dem Bürger-Begriff zuweist. Folglich gestaltet sich der Inhalt von politischer Bildung von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Zeit zu Zeit unterschiedlich. In den heutigen liberalen Demokratien scheint Aufgabe der politischen Bildung zu sein, verantwortungs-bewusste, aktive demokratische Bürger hervorzubringen, die zum Fortschritt und zum Wohlstand ihrer Gesellschaft beitragen (EURYDICE, 2012: 17).

Politische Bildung verfolgt vier Hauptziele:

  • Eines dieser Ziele ist es, das soziale und moralische Verantwortungs-bewusstsein der Jugendlichen zu kultivieren, um ihr Interesse für die Politik zu wecken und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst als aktive Bürger zu betrachten (Crick, 1998: 7).
  • Als Zweites beabsichtigt politische Bildung Jugendlichen Eigenantrieb, Fähigkeiten und Grundlagen zu vermitteln, um sie zur gesellschaftlichen Partizipation zu befähigen.4 Zu diesen Grundlagen gehört auch die politische Grundlagenbildung (political literacy), die aus dem Erwerb von Kenntnissen und dem Verständnis von Grundbegriffen und Ereignissen hinsichtlich der sozialen, politischen und staatlichen Strukturen, der Rechte und Pflichten der Bürger, der Menschenrechte usw. besteht  (Crick, 1998: 7; EURYDICE, 2012: 27).
  • Drittens ist ein Ziel, bei den Jugendlichen kritisches Denken zu forcieren, um die verfügbaren Informationen im sozialen und politischen Bereich analysieren und bewerten zu können, bevor sie praktisch und sprachlich aktiv werden (Crick, 1998: 7; EURYDICE, 2012: 27).
  • Viertes Ziel ist, den Jugendlichen ein System von Prinzipien, Werten, Einstellungen und Verhaltensformen zu vermitteln, das mit der Natur und den Merkmalen der Demokratie konform ist, wie z.B. Akzeptanz von Verschiedenheit, interkulturelles Verständnis, Bewahrung der Menschen-rechte, Vertrauen in die Chancengleichheit und Gleichbehandlung, der gesellschaftliche Zusammenhalt usw. (EURYDICE, 2012: 28).

Die oben genannten Ziele werden schrittweise von der Kindheit an bis zur Volljährigkeit erreicht und zwar nicht nur in der formellen Bildung (Schule), sondern auch durch informelle und nicht-formelle Bildungsformate (außerschulische Lernerlebnisse). Erlebnispädagogisch ausgerichtete politische Bildung wird als besonders wichtig erachtet, insbesondere wenn dies im Rahmen der Beteiligung von Jugendlichen an partizipativen Strukturen in der Schule geschieht, z.B. Schülervertretungen, oder durch außerschulische Aktivitäten im Bereich des lokalen Engagements. Es wird davon ausgegangen, dass Jugendliche durch Partizipation ein Selbstverständnis als politisch aktiv beteiligte Bürger entwickeln (Τsilikidis, 2016: 83), ihre in der formellen Bildung erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten anwenden und sich besser auf ihre aktive Präsenz am gesellschaftlich-politischen Leben als künftige Erwachsene vorbereiten (EURYDICE, 2012: 28).

Die politische Bildung in Griechenland

Was die politische Bildung im Rahmen der formellen Bildung betrifft, hat die europaweit angelegte Forschung des Netzwerkes EURYDICE gezeigt, dass die politische Bildung Teil des Lehrplans in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist. Ihre Einbindung in den Lehrplan erfolgt auf dreierlei Weise: als eigeständiges Unterrichtfach, als Teil eines erweiterten Fach- bzw. Studiengebiets oder als übergreifendes Thema im gesamten Lehrplan (EURYDICE, 2012: 13).

In Griechenland wird politische Bildung sowohl in der Verfassung verankert, als auch in der Gesetzgebung zu Bildungsinhalte5 festgeschrieben, und ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts Bestandteil des Curriculums an griechischen Schulen.6 Bis vor kurzem war die wissenschaftliche Diskussion rundum die Didaktik der Bürgerkunde beschränkt, was sich auch in der spärlichen Fachliteratur widerspiegelt. Nichtsdestotrotz stieg das Interesse an politischer Bildung nach 2012 enorm aufgrund der Zunahme der Anhänger der nationalsozialistischen Partei Goldene Morgenröte und des Anstiegs an rassistischen und homophobischen Attacken in großen Ballungsgebieten. Unruhe erzeugte auch der Einfluss der nationalsozialistischen Formation auf einen Teil der Wählerschaft insbesondere auf junge Männer,7 ebenso wie die intensive Präsenz von Neonazis in den griechischen Schulen zwecks Anwerbung neuer Anhänger.8 

Politische Bildung wird heute sowohl in der Primarstufe als auch in der Sekundarstufe als ein eigenständiges Unterrichtsfach umgesetzt (mit dem Titel „Gesellschaftliche und Politische Bildung“ bzw. „Politische Bildung“), wobei Elemente auch indirekt im gesamten Lehrplan und insbesondere bestimmte Unterrichtsfächer wie Literatur, Geschichte, Umwelt- und Gesundheitserziehung usw.9 zu finden sind. Während der zehnjährigen Pflichtschulzeit, die als der fruchtbarste Zeitraum zur Ausreifung eines politischen Subjekts gilt, wird das Unterrichtsfach Soziale und Politische Erziehung in folgenden drei Jahrgängen unterrichtet: im 5. und 6. Jahrgang der Grundschule und in der 9. in der Sekundarstufe auf wöchentlicher Basis während des gesamten Schuljahres (das griechische Schulsystem besteht aus der Grundschule 1.-6. Jahrgang, Gymnasium 7.-9. Jahrgang, Lyzeum 10.-12. Jahrgang, Anm. d. Red.).

Trotz des aktuell verstärkt aufkommenden Interesses für die Bedeutung der politischen Bildung nimmt dieses Unterrichtsfach eher eine zweitrangige Position im Lehrplan ein, zumal es als Nebenfach bezeichnet wird und es darüber hinaus „…weiterhin in der Grundschule nur eine Unterrichtsstunde und in der weiterführenden Schule zwei Unterrichtsstunden unterrichtet [wird], meist in den letzten Stunden des Schultags, wenn die Schüler bereits ermüdet sind, und in den ersten beiden Schulklassen der weiterführenden Schule gar nicht unterrichtet wird.“ (Τsilikidis, 2016: 24).10 Diese schwache Präsenz des Unterrichtfachs Gesellschaftliche und Politische Bildung im Lehrplan verhindert in der Praxis die Planung und Umsetzung von erlebnispädagogischen und partizipativen Aktivitäten der Schüler/-innen, da diese zeitaufwendig sind und nur schwer in die wenigen vorgesehenen Unterrichtsstunden dieses Schulfachs während des Schuljahres integriert werden können.11 Darüber hinaus sind die bestehenden Strukturen nur bedingt aktiv an der Förderung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an außerschulischen Programmen und Projekten wie das Jugendparlament und die lokalen Jugendräte und somit ist zweifelhaft, inwiefern diese tatsächlich von den Schülern positiv gesehen werden und zu ihrer politischen Emanzipation effektiv beitragen können. Schließlich wird eine allgemeine Kritik geäußert, die sich darauf bezieht, dass Schüler/innen an der Planung und Umsetzung des Faches Politische Bildung an keiner Stelle einbezogen werden. Dies zeigt, dass sie eher als passive Empfänger von Wissen betrachtet werden, denn als aktive Mitgestalter von Begriffen, von Wissen oder als Schöpfer ihrer eigenen Bildung (Ausschuss zum Nationalen Dialog zur Bildung, 2016: 4).

Auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Bürgerschaft

Wie oben dargestellt wurde, spielt in der Erziehung zum demokratischen Bürger die Beteiligung der Schüler/innen an Entscheidungsprozessen, die das Schulleben betreffen, eine bedeutende Rolle, sowie auch die Beteiligung an außerschulischen Aktivitäten für die lokale Gemeinschaft, in der sie leben. Nichtsdestotrotz sollte an dieser Stelle deutlich gemacht werden, dass – obwohl Partizipation ein (Bildungs-) Instrument darstellt, um die Eigenverantwortung junger Menschen zu stärken, und Ziel der politischen Bildung ist (im Sinne der Förderung des aktiven Bürgerdaseins) –nicht alle Arten der Partizipation mit demokratischen Prinzipien konform sind. Hoskins u.a. heben hervor, dass in Demokratien die Grenzen der aktiven Bürgerschaft durch ethische Kriterien bestimmt werden: „Menschliche Handlungen sollten die Gemeinde unterstützen und sich nicht den Prinzipien der Menschenrechte und dem Rechtsstaat widersetzen» (Hoskins u.a., 2006: 11).  Unter diesem Gesichtspunkt kann die Beteiligung an extremistischen Organisationen, die Intoleranz und Gewalt hervorbringen, nicht als aktives Bürgerdasein betrachtet werden (ebd.). Um dies aus einer anderen Richtung mit Hilfe eines konkreteren Beispiels aus der griechischen Realität zu beleuchten, kann die Integration eines griechischen Jugendlichen in die Reihen der neonazistischen Gruppierung Goldene Morgenröte und seine Teilnahme an sozialen Aktionen mit dem Motto „nur für Griechen“, wie z.B. die Verteilung von Mahlzeiten bzw. Lebensmitteln und das Blutspenden, nicht als aktives Bürgerengagement betrachtet werden, da die Aktionen von rassistischen Motiven geleitet werden.12 Westheimer und Kahne führen auf, dass Patriotismus und Engagement in der Gemeinde häufig als selbstverständliche „Demokratiebeispiele“ dargestellt werden (Westheimer und Kahne, 2013: 10).13  Tatsächlich aber können diese beiden Elemente auch für antidemokratische Zwecke genutzt werden (ebd.: 12). Dies ist auch der Grund, weshalb man diese beiden Aspekt in den Lehrplänen nicht nur demokratischer Länder, sondern auch in autoritären Regimes vorfindet.   

Demzufolge muss die Philosophie der politischen Bildung noch etwas anderes aufweisen, um ihre demokratische Ausrichtung gewährleisten zu können. Dieser Zusatz könnte möglicherweise das Wesen eines „agonistischen Pluralismus“ (agonistic pluralism) sein, so wie dieser von Chantal Mouffe beschrieben wurde: „Ziel demokratischer Politik ist es, den Antagonismus [antagonism] in einen Agonismus umzuwandeln [agonism] [...] für den agonistischen Pluralismus ist eine der Hauptaufgaben einer demokratischen Politik nicht die, Leiden aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, um eine rationale Übereineinkunft zu erlangen, sondern die Mobilisierung dieser, um demokratische Ziele erreichen zu können“ (Mouffe, 2004: 188). Aus diesem Blickwinkel heraus wird Konfrontation anerkannt und gerechtfertigt, während gleichzeitig der politische Gegner nicht länger als Feind (enemy) gesehen wird, sondern als Gegenspieler (adversary) (Mouffe, 2004: 188-189). Ein solcher Ansatz birgt nicht nur keine Gefahren für die Demokratie, sondern bildet sogar tatsächlich die Voraussetzung für ihre Existenz, denn wie Mouffe bemerkt, „[das] übertriebene Drängen auf Konsens und die Verweigerung der Κonfrontation führen zu Apathie und Enttäuschung an der Beteiligung an der Politik“ (Mouffe, 2004: 190). Aus diesem Grund muss die Didaktik der politischen Bildung so konzipiert werden, dass sie sich nicht nur auf die „Logik einer strukturell-funktionalen Auffassung und reproduktiven Zielsetzung“ (Τsilikidis, 2016: 23) beschränkt,14 die die Jugendlichen in vordefinierte und somit kontrollierbare soziale und politische Rollen treibt, sondern die Möglichkeit des gesellschaftlichen Wandels aufzeigt und das Recht der Jugendlichen unterstreicht, zu urteilen, zu demonstrieren und schlechte Gesetze und ungerechte Politiken anzuzweifeln (Pechtelidis und Giannaki, 2014: 473), indem sei gleichzeitig auffordert werden, die konstante Notwendigkeit zu verstehen, rohen Wettbewerb in eine agonistische demokratische Koexistenz zu transformieren. 

Schlussfolgerung: Partizipation als dauerhafte Zielsetzung

Wenn wir davon ausgehen, dass Jugendliche im Rahmen der formellen und informellen Bildung alles Notwendige zur politischen Bildung mit den entsprechenden Kenntnissen und Fertigkeiten, die aktive Bürgerschaft erfordert – von der politischen Grundbildung bis hin zur politischen Ausgereiftheit (political sophistication) –  erreicht haben, bleibt doch alles nur in der Theorie, sofern man ihnen nicht die Möglichkeiten bieten kann, sich auch im Erwachsenenalter am politischen Leben zu beteiligen. Partizipation besitzt die Kraft ein soziales Kapital zu erschaffen, denn die Zusammenarbeit zur Erreichung gemeinsamer Ziele weckt in den Menschen das Gefühl der Gegenseitigkeit, die die Schaffung sozialer Netzwerke mit gemeinsamen Werten fördert (Hoskins κ.α. 2006: 9).  Zu dem Grad, in dem die Jugendlichen die Chance haben, sich für ihre Gemeinde zu engagieren, entwickeln sie nicht nur positive soziale Bindungen (positive bonding) mit ihrem Umfeld, sondern sie erleben auch ein Gefühl der Zugehörigkeit in der politischen Gemeinschaft. Es ist offensichtlich, wenn man im Rahmen der demokratischen Gesellschaften, die Möglichkeit geboten bekommt, solche Gefühle zu entwickeln, dass kein Grund besteht diese in alternativer, antidemokratischer politischer Rhetorik und in extremen politischen Gemeinschaften zu suchen. In der Praxis also kann man mit der Schaffung von positiven sozialen Bindungen, die durch Partizipation erreicht werden, die Wahrscheinlichkeit des Auftritts von unsozialen, sträflichen und antidemokratischen Verhaltensformen mindern (Hoskins κ.α. 2006: 9; Dunne κ.α, 2014: 140-141). Solange jedoch nicht befriedigende Möglichkeiten der Partizipation geboten werden und sich ein Großteil der Jugend in Europa weiterhin sozial ausgegrenzt fühlt (aus dem Arbeitsmarkt, der Ausbildung, dem politischen Leben usw.), erscheint die Akzeptanz von antidemokratischen, antipluralistischen und autoritären Ideologien und Praktiken als ein effizienter und attraktiver – vielleicht sogar, als der einzige – Ausweg zur Bewältigung der Probleme.

Lilteraturverzeichnis

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Fußnoten

1 Laut Christmann [besteht]„ [d]ie Mehrheit der radikalisierten Menschen im Westen […] aus Jugendlichen und Männern“. Ihr Alter bewegt sich zwischen Mitte der Pubertät bis zur Mitte des dritten Lebensjahrzehnts (Christmann, 2012: 23).

2 Zu den Gründen der Radikalisierung von Jugendlichen werden aufgeführt: finanzielle Probleme, politische Unterdrückung, verschiedene Formen von Frustration, die Politik der westlichen Demokratien ob im Inland oder Ausland, Diskriminierungs- und Stigmatisierungsphänomene usw.

3 An dieser Stelle gibt die Autorin Hinweise auf die unterschiedlichen Bezeichnungen des griechischen Pendants des Begriffs „politische Bildung“, die sie selbst in ihrem griechischen Originalbeitrag „η εκπαίδευση για την ιδιότητα που πολίτη“ (dt. die Erziehung zum demokratischen Bürger) bezeichnet. Weitere Begriffe aus der Literatur, die sie aufführt, sind: „πολιτειακή παιδεία/εκπαίδευση“ (engl. citizenship education) „πολιτική παιδεία/εκπαίδευση (engl. political education) (Hinweis der Redaktion).

4 In diesem Fall beschränkt sich der Begriff „Partizipation“ nicht auf die traditionelle politische Definition, sondern schließt auch weitere Bedeutungen ein, z.B. das Engagement in Organisationen der Zivilgesellschaft, wie beispielsweise religiöse, sportliche, umweltbezogene, kulturelle Organisationen usw. (Hoskins et al, 2006: 10-11).

5 In der griechischen Verfassung gibt es den entsprechenden Bezug in Artikel 16, wo u.a. erwähnt wird: „2. Bildung ist eine der Hauptaufgaben des Staates und hat als Ziel die moralische, geistige, berufliche und sportliche Erziehung der Griechen, die Entwicklung eines nationalen und religiösen Bewusstseins und die Reifung zu freien und verantwortungsbewussten Bürgern“.

6 Als Unterrichtsfach zum ersten Mal unterrichtet im Jahr 1929, in der 6. Gymnasialklasse (Jahrgangsstufe 12, Anm. d. Red.) mit Titel „Elemente der Bürgerkunde“ (Τsilikidis, 2016: 11).

7 Siehe entsprechend Georgiadou, 2009; Public Issue, 2012; Stavropoulos, 2014.

8 In Bezug auf dieses Phänomen s. auch Papadopoulos, 2012.

9 Dennoch, wie Tsilikidis anmerkt, ist das Fach Gesellschaftliche und Politische Bildung „…auf der Grundlage seines Titels und [seines] Zwecks ... das einzige Schulfach ..., das politische Bildung umfasst, im Sinne einer strukturierten Maßnahme mit dem Ziel konkrete Lernergebnisse zu erzielen„ (Τsilikidis, 2016: 19).

10 In der Sekundarstufe (Allgemeinbildendes Lyzeum, Technisches Lyzeum) lautet der vollständige Titel des Fachs „Politische Bildung (Wirtschaft, politische Strukturen & Prinzipien des Rechtstaates, Soziologie)“ und die Unterrichtsdauer beträgt (je nach Schultyp und Jahrgang) zwischen zwei und drei Unterrichtsstunden wöchentlich.

11 In der Grundschule werden nur 28 bis 35 Stunden jährlich für den Unterricht mit dem Schulbuch für „Soziale und Politische Bildung“ eingeplant ohne Berücksichtigung der Feiertage, Ausflüge etc., (Τsilikidis, 2016: 21).

12 Die Goldene Morgenröte verteilte über einen längeren Zeitraum Lebensmittel bzw. Mahlzeiten und rief zu Blutspenden auf, mit dem Motto „nur für Griechen“. Seit Dezember 2015 mit  der Einführung des Gesetzes 4356/2015 und der damit einhergehenden neuen Verordnung des Strafrechts werden rassistisch motivierte Ausgrenzungen von der Gewährung bzw. dem Angebot von Leistungen bzw. Waren als Verbrechen angesehen und als ziviles Vergehen bestraft. Für weitere Informationen s. Artikel 29 Ges. Ν.4356/2015.

13 Patriotismus ist auch ein Bestandteil des Inhalts politischen Erziehung in Griechenland. Wie Tsilikidis bemerkt: „die Stärkung der nationalen Identität, die verbunden ist mit dem traditionellen Erbe und dem religiösen Bewusstsein, stellt weiterhin die bedeutendste ideologische Ausrichtung dar...[obgleich]...sie nunmehr koexistiert mit der Zielsetzung der Kultivierung der europäischen Identität“ (Τsilikidis, 2016: 22).

14 Die politische Bildung in Griechenland scheint eine derartige Logik zu fördern. Siehe auch: Pechtelidis und Giannaki, 2014; Τsilikidis, 2016; Pechtelidis, 2016; Makrinioti, 2012.



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