Anja Hack

Sport und Beteiligung für Alle – Deutsch-Griechisches Inklusionscamp

Der inklusive deutsch-griechische Jugendaustausch entwickelt sich fort. Ende Mai/Anfang Juni 2016 kamen deutsche und griechische Jugendliche erstmalig auf der Insel Thasos zusammen, um die Themen Inklusionspädagogik und autonome Lebensgestaltung gemeinsam zu bearbeiten.

Behinderte und nicht-behinderte Jugendliche sitzen in einem Kreis.
BildImage: Natassa Vafeiadou


Anja Hack, Bild: privat

Als freiberufliche Wirtschaftsjuristin organisiert Anja Hack Know-how-Transfer und nachhaltigen Austausch zwischen Griechenland und Deutschland auf vielfältiger Ebene. Nebenberuflich und ehrenamtlich vermittelt sie durch erlebnispädagogische Outdoor-Aktivitäten einzigartige Erlebnisse an deutsche und griechische Kinder und Jugendliche.

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Für die meisten Menschen sind sportliche Betätigungen selbstverständlich –  für jede Vorliebe gibt es die passende Sportart. Doch wie sieht das bei Menschen mit körperlichen Behinderungen aus? Auch sie müssen nicht auf Sport verzichten. Wie man richtig auf die Bedürfnisse von gehandicapten Menschen eingeht, hat das Deutsch-Griechische Inklusionscamp vermittelt. Vom 27. Mai bis zum 03. Juni 2016 fand zum ersten Mal ein Inklusionscamp mit sport- und inklusionspädagogischem Schwerpunkt unter deutscher Beteiligung in Griechenland statt. Deutsche Physiotherapie-Schüler/-innen mit Begleitern trafen sich mit Mitgliedern des griechischen Vereins PERPATO. Sechs Tage lang waren die Teilnehmer/-innen zusammen auf Thasos und in Komotini unterwegs. Und sie lernten voneinander vor allem eines: Barrieren in unseren Köpfen frei zu machen.

Konkrete Ziele verfolgen, Vorhaben umsetzen, im eigenen Land etwas bewegen: Diese Motivation führt jährlich griechische Jugendliche mit und ohne Behinderung auf dem Inklusionscamp auf der Insel Thasos zusammen, 2016 zum vierten Mal. Soziale Toleranz, das Recht von Jugendlichen mit Behinderung auf Teilnahme an Freizeitbeschäftigungen, sporttherapeutische Anregungen für interessierte Studentinnen und Studenten sowie Schüler/-innen der Fachrichtung Sozialarbeit, Sport, Physiotherapie und Medizin und eine allgemeine Inklusion in die Gesellschaft sind Eckpunkte des Seminars.

Es war die erste Begegnung deutscher und griechischer Jugendlicher zum Thema Inklusionspädagogik und autonome Lebensgestaltung. 23 Schüler/-innen der Akademie der Physiotherapie, St. Elisabeth Gruppe, Katholische Kliniken Rhein-Ruhr waren zu Gast im Inklusionscamp und betrieben einen aktiven und praktischen Austausch. „Das Camp richtete sich an junge Menschen, die in der Ausbildung oder im Studium mit körperlich eingeschränkten Menschen zu tun haben“, so Beate Stock-Wagner, Leiterin der Akademie der Physiotherapie. Eine ganze Klasse der Akademie der Physiotherapie nahm an dem Austausch teil und arbeitete vor Ort mit Menschen mit Handicap. Für sie bot sich durch die Teilnahme eine ideale Plattform, Gemeinsamkeiten zu erkennen und Horizonte zu erweitern.

Neben Vorträgen von einschlägigen Experten (u.a. Rückenmarksverletzungen und Neurourologie, Dekubitus und Autonome Dysreflexie, Verwendung von Rollstühlen: Struktur, Betrieb und Pflege, Amputation und Stand der Entwicklung Prothesentechnik, Spiele & Sport: Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen) wurde im Rahmen von Praxisworkshops der Gebrauch von Mobilitätsausrüstung und Rollstühlen im Alltag vermittelt. Des Weiteren nahmen die Jugendlichen an diversen Sport- und Physioangeboten teil. Rollstuhltanz, Kunsttherapie, Einsatz von Diensthunden, Therapeutisches Reiten, Tauchen für körperlich eingeschränkte Mitmenschen und Begleiter, Hydrotherapie, Boccia, Rollbasket und andere inklusive Freizeitbeschäftigungen rundeten das Programm ab.

Viele kommunikative Ansätze zu autonomem und selbstbestimmtem Leben wurden in informellen Gesprächen während der Pausen und am Abend mit Referentinnen und Referenten und Teilnehmerinnen und Teilnehmern fortgesetzt. Rehabilitation, pädagogische und medizinische Betreuung, Coaching und Wiedereingliederung, Sexualität, all diese Punkte konnten offen und ohne Barrieren mit den behinderten Referenten und Teilnehmern diskutiert werden.

Sich von Barrieren frei machen

In Komotini lernten die deutschen Jugendlichen die Stadt und ihre Kultur kennen und organisierten mit den griechischen Teilnehmenden einen physio- und hydrotherapeutischen Workshop. Der fachliche Inhalt wurde durch ein kulturelles und erlebnispädagogisches Rahmenprogramm ergänzt. Das inklusive Outdoorprogramm mit Kanufahren, Flying Fox und barrierefreies Baden beseitigte auch die letzte Zurückhaltung. Junge Menschen mit und ohne Behinderung erfuhren nicht nur gemeinsam neue Wege und Perspektiven der Inklusionsentwicklung, sondern erlebten zusammen ganz neue und praktische Lösungen. „Die Auszubildenden und Studenten haben während des Camps gelernt, Menschen mit Behinderungen zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen und so ihre Lebensqualität zu verbessern“, fasst Sokratis Tsitselis, Physiotherapeut im Zentrum für Prävention, Therapie, Rehabilitation und sportmedizinische Diagnostik der St. Elisabeth Gruppe und Begleiter des Camps, das Programm zusammen.

Träger der inklusiven Jugendbegegnung waren auf griechischer Seite die Vereine PERPATO, der Inklusionsverein IRODIKOS und das behindertentherapeutische Ausbildungszentrum Autonomes Leben KEADA. Die deutsch-griechische Kooperation ist durch den PERPATO-Initiator Alexander Taxildaris entstanden, der Kontakte in das Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der St. Elisabeth Gruppe pflegt. Taxildaris ist selbst querschnittsgelähmt, nahm  regelmäßig an den paralympischen Spielen teil und konnte sich paralympische Medaillen sichern. Das Inklusionscamp stand unter der Schirmherrschaft der Hellenischen Paraolympischen Kommission, des griechischen Behindertensportverbandes und der Sporthochschulen Komotini und Serres. Der seit 2002 bestehende Verein PERPATO und die angegliederten Vereine KEADA und IRODIKOS arbeiten mit vielen staatlichen Stellen und Vereinen landesweit sehr gut zusammen. Ihnen ist es gelungen, die Stadt Komotini zu einem Good Practice Beispiel hinsichtlich sozialer Inklusion und räumlicher Barrierefreiheit zu etablieren. Der Besuch in Komotini gab den Fachkräften einen guten Überblick über die Infrastruktur der griechischen Vereine und die barrierefreien Örtlichkeiten

Parallel zum Jugendaustausch fand ein Arbeitstreffen von Fachkräften statt, die sich mit dem Thema Inklusionspädagogik und Inklusionskultur für zukünftige deutsch-griechische Jugendbegegnungen im Bereich Sport und Kultur austauschten. Hierbei wurde sowohl methodisches Vorgehen als auch soziologisches Hintergrundwissen vorgestellt. Das Ziel der Maßnahme war ein nachhaltiger Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Deutschland und Griechenland, um psychosoziale Rehabilitation und eigenständiges Leben in einer gleichgestellten Gesellschaft für junge Menschen mit Behinderung und jungen Familien in beiden Ländern weiterzuentwickeln. Inhaltlich haben sich die Fachkräfte zu grundsätzlichen Fragestellungen der Jugendprojektarbeit auseinandergesetzt mit der zentralen Aufgabe, wie man die Partizipation von Kindern und Jugendlichen unter den Aspekten der Inklusion und Migration fördern kann.

Der deutsch-griechische Austausch wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über das Sonderprogramm für Förderung des deutsch-griechischen Jugendaustauschs im Kinder- und Jugendplan des Bundes gefördert. Damit die Fördergelder entgegengenommen werden konnten, hat sich der Verein PEV - Progressiver Eltern- und Erzieherverband e.V. Gelsenkirchen – über Klaus Amoneit bereit erklärt, als gemeinnütziger Verein diesen Austausch mit der Akademie der Physiotherapie verwirklichen zu können. Weil das Camp so gut angekommen ist, soll sich nun ein regelmäßiger Austausch zwischen den Kooperationspartnern entwickeln. Auch die Akademie der Ergotherapie der St. Elisabeth Gruppe wird dann Teil des Austausches sein. Geplant ist, dass Physio- und Ergotherapieschüler /innen sowie Sportstudentinnen und -studenten aus Griechenland nach Deutschland kommen, um auch hier an Workshops und inklusiven Begegnungen teilzunehmen.

Programmverantwortliche:
Dieter Heinrich, PEV e.V / Mixalis Ragousis und Anja Hack, PERPATO

Weiterführende Links:
>> PERPATO - Verein für körperlich eigenschränkte Mitmenschen und Freunde
>> PEV - Progressiver Eltern- und Erzieherverband e.V. Gelsenkirchen
>> Akademie der Physiotherapie, St. Elisabeth Gruppe

Fotos: (Natassa Bafeiadou und Dj-Lagos Gamos Vaftisi), Impressionen zum Inklusionscamp und Informationen über die Referenten: www.facebook.com/2oCamp/?pnref=story

Video: Nestos river Kano Riverwalk 2016, Vistonis Outdoor Activities: www.facebook.com/140129099384013/videos/1151926988204214/



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