Maria Melina Laina

Sprachanimation als Treibstoff im deutsch-griechischen Jugendaustausch

Im September 2017 beteiligte sich die griechische Organisation Vision Network Athens am ersten Fachprogramm zu Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch. Seit 2018 wirkt die Vorsitzende des Vereins, Maria Melina Laina, in der Arbeitsgruppe Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch an der Entwicklung von Methoden für den deutsch-griechischen Jugendaustausch mit. Wie ein griechischer Träger Sprachanimation wahrnimmt, beschreibt Maria Melina Laina in den folgenden Zeilen.

Eine Person schreibt etwas auf einen Zettel auf der Brust einer anderen Person.
Workshop der AG Sprachanimation im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch, in der Jugendherberge Köln-Deutz, April 2018 BildImage: Maria Melina Laina


Maria Melina Laina, Bild: privat

Maria Melina Laina ist Deutschlehrerin im öffentlichen Dienst und promoviert zur Zeit an der Universität Athen. Sie ist Lizenzmediatorin des griechischen Ministeriums für Justiz, Transparenz und Menschenrechte und Vorsitzende des Vision Network Athens e.V.

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Sprachanimation ist wie ein Erfahrungssimulator: Menschen haben die Eigenschaft entwickelt, Erfahrungen erst im Kopf durchzuspielen, bevor sie diese im wirklichen Leben ausprobieren. Das Konzept der Sprachanimation ist eine sprachspielerische Methode, die zur Organisation und Unterstützung grenzüberschreitender Verständigung entwickelt wurde:  Sprachanimation schafft eine Gruppendynamik, die die zwischen Völkern existierenden Grenzen überschreitet. Das Potential, das sich hinter dieser Methode verbirgt, trägt dazu bei, die interkulturelle Botschaft zu präzisieren, den Sinn zu schärfen und unser Bild von der Welt zu verändern. Wie gelingt aber so was im deutsch-griechischen Jugendaustausch? Was brauchen eigentlich die deutsch-griechischen Beziehungen als Treibstoff?

Der deutsch-griechische Kontext, der auch die Ausrichtung der Sprachanimation für den deutsch-griechischen Jugendaustausch bestimmt, wird zusammengesetzt von Faktoren wie die Lebensweise im jeweiligen Land, vielfältige kulturelle Prägung, die gemeinsame Vergangenheit, aktuelle politische Verhältnisse in den beiden Ländern und vieles mehr; hier können Grenzen zwischen einzelnen Menschen, gesellschaftlichen Gruppen, unterschiedlichen Kulturkreisen entstehen. Dabei sollte Sprachanimation als Simulator in Aktion funktionieren.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Im deutsch-griechischen Austausch generell gibt es Bestrebungen, die von beiden Seiten erfolgen sollten: jede Seite muss sich mit den Elementen, Charakteristiken aber auch Vorurteilen beider Kulturen auseinandersetzen. Denn erst wenn man seine eigenen Vorurteile wahrnimmt und sich deren bewusst wird, kann man von einer Basis sprechen, die die Akzeptanz des Anderen als gleichberechtigten jungen Menschen anerkennt. Erst dann kann man anfangen miteinander zu arbeiten. Um die gegenüberstehende Kultur wahrzunehmen, ohne diese zu bewerten, die eigene Kultur zu reflektieren und zu hinterfragen, um einen Prozess der persönlichen Veränderung in Gang zu setzen, muss man grundlegende Elemente der Kultur des anderen „erkennen“ – und das geht nur über die Sprache! Wichtig dabei ist auch, die Fähigkeit  zu erwerben, Konflikte austragen zu können und Spannungen, die sich zwischen der deutschen und der griechischen Kultur ergeben können, aushalten und akzeptieren zu können und auf deren Basis ein nachhaltiges Konzept für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln bzw. mitzugestalten.

Im Mittelpunkt des deutsch-griechischen Jugendaustausches steht die Sprachanimation und zwar als Gemeinschaftsprojekt der beteiligten Länder. Im deutsch-griechischen Kontext ist es wichtig, die Methode gemeinsam zu entwickeln und unterschiedliche Stimmen auf das „deutsch-griechische Podium” zu holen. Wie kann man jedoch in heterogenen Teams eine Kooperation erreichen, in der sich alle Beteiligten sowohl von der griechischen als auch von der deutschen Seite gleichermaßen engagieren? Die Neugier für die Sprache und die Kultur des Gegenüber zu wecken, das pädagogische Potential der Methode zu nutzen, Kenntnisse zu erweitern, selbstentwickelte Tools und Ideen auszuprobieren und zu reflektieren, eigentlich ein gemeinsames Neuland zu entdecken und zwar im deutsch-griechischen Sinne, also, bei der Sache sein und zwar mit Begeisterung – das geschieht nur unter der Voraussetzung, dass beide Seiten am Gesamtgeschehen beteiligt werden, indem sie mitgestalten und mitwirken.

In der Gruppe liegt die Würze

Die Methode der Sprachanimation gilt nicht als Vermittler von Regeln im deutsch-griechischen Jugendbereich, sondern fokussiert vielmehr darauf, zu Formen praktischen Lernens („learning by doing”) im non-formalen Sinne anzuleiten. Man kann hierbei das vorhandene Wissen und die Ressourcen einer gesamten deutsch-griechischen Gruppe nutzen – darin liegt auch ihre Kraft. Durch sprachspielerische Aktivitäten, die im Deutsch-Französischen und im Deutsch-Polnischen Jugendwerk und ebenso im deutsch-tschechischen, deutsch-russischen Jugendaustausch etc. ausprobiert wurden, sowie weitere Aktivitäten, die speziell für den deutsch-griechischen Jugendaustausch in Berlin (September 2017) und in Köln (April 2018) in gemischten Gruppen von Teilnehmenden aus Griechenland und Deutschland neu- bzw. weiterentwickelt wurden, hat man schnell festgestellt, dass die Sprachanimation ihre eigentliche Kraft in der Gruppendynamik findet. Das gemeinsame Wirken und die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gruppe führen zu einem gruppendynamischen Prozess, der das einmalige Potential einer bilateralen Gruppe ans Licht bringt.

Der Mehrwert von Sprachanimation für die griechische Seite

Von griechischer Seite bedarf es einer speziellen und zertifizierten Ausbildung von Fachkräften bzw. Multiplikator(inn)en im Bereich der Sprachanimation mit einer Einführung in einem vorgegebenen und organisierten Rahmen, einer Verbreitung der Methode der Sprachanimation beispielsweise auch im griechischen Schulwesen, so dass beide Seiten, sowohl Sprachanimateure/Sprachanimateurinnen als auch die griechischen Jugendlichen, motiviert werden, aktiv daran teilzunehmen und neue Horizonte für eine gemeinsame deutsch-griechische Zukunft zu schaffen. Wenn Tools und Methoden der non-formalen Bildung (in diesem Fall die Methode der Sprachanimation) in der formalen Bildung (besonders im Schulbereich) eingesetzt werden, kann es dazu führen, dass von den Sprachanimateur(inn)en bewusst ausgewählte Methoden eingesetzt werden, die bei den Schüler(inn)en Lernprozesse anregen, die sie gar nicht mal als solche wahrnehmen – völlig anders also als im klassischen Sprachunterricht.  Erst dann könnte von einer Schule die Rede sein, die sich nach außen hin öffnet, von einer offenen Gesellschaft, die die Bedürfnisse der zukünftigen Bürger/-innen schon früh erkennt und sich darauf einrichtet.

Das ist auch die Philosophie bzw. der Ausgangspunkt des gemeinnützigen Vereins Vision Network Athens, dessen Einsicht es ist, dass internationale Gesinnung, Völkerverständigung, soziale Integration und Toleranz von existentieller Bedeutung sind, wobei die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins von größter Bedeutung ist.

So eine bilaterale Kooperation im Jugendbereich spricht für eine handfeste Agenda mit einem klaren Ziel innerhalb der  deutsch-griechischen Beziehungen, in denen Schwerpunkte von beiden Seiten gesetzt werden sollten, die das Potential der gemischten Gruppen in den jeweiligen thematischen Feldern der Jugendaustausche stärken sowie aktuelle Entwicklungen berücksichtigen und dementsprechend handeln. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt es eine nachhaltige Jugendpolitik für beide Länder zu sichern, klar geregelte Rahmenbedingungen für  den deutsch-griechischen Jugendaustausch zu setzen, die finanzielle Förderung zu sichern sowie sicherzustellen, dass eine Basis für verantwortungsvolles Projektmanagement gelegt wird – unentbehrliche Einheiten eines erfolgreichen Konzepts, nämlich auch das der Sprachanimation, woran beide Seiten als Vertreter deutscher und griechischer Jugendpolitik mitarbeiten und die gleiche Vision teilen.

Anschließend spielt die Publikationsarbeit eines solchen Konzepts eine große Rolle bei der Verbreitung und der Weiterentwicklung der Methode der Sprachanimation im deutsch-griechischen Kontext. Die Durchführungen von Tagungen, Workshops, Vorstellungsrunden, Stammtischen, Angebote zu Ausbildungsmöglichkeiten als Sprachanimateur/-in, offene Wettbewerbe mit angeschlossenen Preisverleihungen zur Bereicherung der Methode im deutsch-griechischen Kontext , Zusammenarbeit mit Bildungsinstituten, Ministerien sowohl in Deutschland als auch in Griechenland, Botschaften, Firmen und der engagierten Zivilgesellschaft in beiden Ländern im allgemeinen motivieren jede/n Einzelne/n, sich darüber zu informieren sowie zu reflektieren und eventuell sogar aktiv mitzumachen. All dies hat mit der Bildung einer aktiven Community innerhalb des Bereichs der Sprachanimation zu tun und deren Engagement für ihre gemeinsame Vision. Mit Sprachanimation als Brennstoff kann man Erstaunliches im deutsch-griechischen Jugendaustausch zu Wege bringen und viel mehr auf der bilateralen Ebene der “sanften Diplomatie”.



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