Natali Petala-Weber

Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch

Sprachanimation – was ist das? Und wie wird das überhaupt ins Griechische übersetzt? Welche Rolle haben Sprachanimateur/-innen in einer Jugendbegegnung und wie werden sie ausgebildet? Die Ergebnisse des deutsch-griechisch-tschechischen Fachprogramms von September 2017 werden nun in eine deutsch-griechische Arbeitsgruppe überführt.

Männer und Frauen sitzen auf dem Boden um kleine Zettel herum.
BildImage: Natali Petala-Weber

Sprachanimation hat inzwischen eine 20-jährige Tradition. 1996 hat das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) in der Broschüre „Das Projekt Bielefeld“ Beobachtungen festgehalten darüber, was eigentlich in deutsch-französischen Begegnungen kommunikativ zwischen Jugendlichen passiert – verbal und nonverbal1. Ausschlaggebend für die Untersuchung der bereits 1989 vom DFJW gegründeten Arbeitsgruppe Sprachanimation waren die Hypothesen, dass „nie nicht kommuniziert“ wird und dass jede/r Teilnehmer/-in „über die grundsätzliche Fähigkeit zu kommunizieren“ verfügt2. Ziel der Untersuchung war diese Kommunikationsstrategien der Teilnehmenden an deutsch-französischen Jugendbegegnungen zu systematisieren, um darauf aufbauend Methoden der Sprachanimation entwickeln zu können, die den Interessen und Bedürfnissen von Jugendlichen entsprechen.

Die vom DFJW entwickelte Sprachanimation haben seither verschiedene Akteure der Internationalen Jugendarbeit aufgegriffen und an die Bedarfe und Besonderheiten ihrer jeweiligen Zielgruppen angepasst – darunter das Deutsch-Polnische Jugendwerk (DPJW), Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch, die Deutsche Sportjugend mit der bewegten Sprachanimation, die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch. Wirft man einen ersten Blick in das heute bestehende Material der Jugendwerke, der Koordinierungszentren und der anderen Organisationen wird schnell klar: Die Sprachanimationsübungen und ihre Konzepte sind inzwischen so vielfältig wie die Anwendungsbereiche selbst. Der Methodenpool bietet Material für bi-, tri- oder multilaterale Jugendbegegnungen, für den Schul- und Vorschulbereich, in der Elternarbeit und für die Vorbereitung auf Praktika. Zahlreiche Übungen wurden bereits entwickelt für die unterschiedlichen Phasen einer Jugendbegegnung: zur Vorbereitung auf die neue Kultur, als Ice-Breaker beim allerersten Kontakt oder zur herzlichen Verabschiedung. IJAB hat sich zudem mit der Publikation „Sprachanimation – inklusiv gedacht“ gemeinsam mit Experten und Expertinnen im Rahmen des Innovationsforums Jugend global den Methoden der Sprachanimation auch von der inklusiven Perspektive aus gewidmet.

Was ist Sprachanimation?

Sprachanimation ist eine spielerische Methode, die im Kontext der non-formalen Bildung entwickelt wurde, um folgende Prozesse zu unterstützen: Interesse für und Lust auf die Kultur, die Sprache und die Individualität des Gegenüber, Abbau von Blockaden und Hemmnissen, Bewusstmachung der eigenen vielfältigen Kommunikationsfähigkeiten, Entdeckung neuer Kommunikationsstrategien und Motivation zu ihrer Anwendung. Was dann am Ende dabei vielleicht auch rauskommt, ist ein leichterer Zugang zur Sprache des Partnerlandes und neu gewonnene fremdsprachliche Kenntnisse – ohne Fremdsprachenunterricht.

Das tschechische Beispiel

Mit der Unterzeichnung der Ressortvereinbarung zwischen den beiden zuständigen Jugendministerien für die deutsch-griechische Zusammenarbeit im Jugendbereich am 26.07.2017 in Berlin wurde eine Grundlage für die bilaterale Weiterentwicklung des deutsch-griechischen Jugendaustausches geschaffen. Darin ist explizit auch die Förderung von Aktivitäten zum Erlernen und zur Vertiefung der Sprachkenntnisse des jeweils anderen Landes festgehalten. Dafür eignet sich insbesondere auf praktischer Ebene die Weiterentwicklung der Sprachanimation für den deutsch-griechischen Jugendaustausch. Bereits zwei Monate später –  im September 2017 – haben sich Vertreter/-innen der Ministerien und der Zivilgesellschaften in beiden Ländern mit dem Fachprogramm Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch eben diesem Ansatz gewidmet.

Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch hat das Anliegen der Partner in Deutschland und in Griechenland von Beginn an unterstützt. Mit einer Finanzierung über das Sonderprogramm zur Förderung des deutsch-griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und in Kooperation mit IJAB lud Tandem Vertreter/-innen aus Deutschland, Griechenland und Tschechien nach Berlin ein, um sie in einem dreitägigen Programm mit den Grundlagen und dem breiten Spektrum der Sprachanimation vertraut zu machen und mit ihnen gemeinsam darüber zu sprechen, wie eine Sprachanimation für den deutsch-griechischen Jugendaustausch ausgerichtet werden könnte.

Das Fachprogramm widmete sich inhaltlich zum einen dem Konzept der Sprachanimation bei Tandem, seinen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, die in den Besonderheiten der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit begründet sind, und  dem Ausbildungssystem von Sprachanimateur/-innen bei Tandem. Sprachanimation wird bei Tandem z.B. nicht nur in klassischen Jugendaustauschen angewendet, sondern auch zur Vorbereitung auf Praktika im Rahmen des Tandem-Programms „Freiwillige berufliche Praktika3, zur Unterstützung des Deutsch- und Tschechisch-Unterrichts an Schulen und im Vorschulbereich in beiden Ländern mit Kindern und deren Eltern. Mit praktischen Sprachanimationsübungen, angeleitet von erfahrenen Tandem-Sprachanimateur/-innen, konnten die Teilnehmer/-innen einen ersten Geschmack davon bekommen, wie erfolgreich Sprachanimation tatsächlich ist und wie viel Spaß sie auch Erwachsenen macht (sechs Monate später grüßen sich die Teilnehmer/-innen am Fachprogramm in verschiedenen Veranstaltungen immer noch auf Tschechisch mit „Jak se máš?“).

Zum anderen aber bot das Fachprogramm den Teilnehmenden auch Einblicke in die Gründungsgeschichte, die Struktur und die Sprachanimation des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW) vor Ort in Potsdam. Dies war für die Gruppe besonders interessant, da Parallelen zu den Entwicklungen hin zu einem zukünftigen Deutsch-Griechischen Jugendwerk gezogen werden und die Teilnehmenden individuelle Fragen diesbezüglich klären konnten, beispielsweise darüber, wie das Zentralstellenverfahren im Deutsch-Polnischen Jugendwerk funktioniert und wie das Tagesgeschäft der Mitarbeiter/-innen des DPJW in Deutschland und in Polen so aussieht.

Vielfältige Unterstützung

Freundlicherweise stellte das DPJW den Teilnehmenden am Fachprogramm auch seine Räumlichkeiten für den gesamten zweiten Tag  zur Verfügung. Dort stellte auch Isabelle Diabao-Dina von der Deutschen Sportjugend das Konzept der bewegten Sprachanimation vor, Elżbieta Kosek von der Kreisau-Initiative e.V. das Konzept der Sprachanimation in inklusiven Jugendbegegnungen auf Basis des Reverse-Engineering-Ansatzes. Die Teilnehmer/-innen wurden hier animiert, ausgewählte Sprachanimationsübungen anzupassen auf die Bedarfe einer Jugendbegegnung, an der auch Menschen mit Rollstuhl teilnehmen oder Menschen, die beispielsweise keine Nähe mögen. Besonders wertvoll für diesen Input ist die Tatsache, dass die Kreisau-Initiative e.V. sowohl am Expert(inn)en-Pool des IJAB-Projekts Vision:Inklusion beteiligt ist als auch selbst deutsch-griechisch-polnische Projekte umsetzt. Für die Weiterentwicklung des Deutsch-Griechischen Jugendaustausches ist es wichtig, von Beginn an einen inklusiven Ansatz zu fahren, der die Diversität im Jugendaustausch anerkennt und wertschätzt4.
 
Mit diesem theoretischen und praktischen Input konnten die Teilnehmenden am Fachprogramm anschließend übergehen in die Diskussion in Arbeitsgruppen anhand folgender Leitfragen:

  • Welche Besonderheiten weisen deutsch-griechische Jugendaustausche auf?
  • Wie kann Sprachanimation diese Besonderheiten aufgreifen?
  • Welche Rolle sollten in einer deutsch-griechischen Jugendbegegnung Sprachanimateure und Sprachanimateurinnen einnehmen?
  • Welche Kompetenzen und Fertigkeiten sollten sie mitbringen?
  • Was sind die nächsten Schritte für die Entwicklung einer Sprachanimation im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch?

Griechische Besonderheiten

Als eine Besonderheit des deutsch-griechischen Kontextes erwies sich im Laufe der Gespräche zum Beispiel, dass im Griechischen natürlich das griechische Alphabet verwendet wird, das den meisten deutschen Jugendlichen nicht bekannt ist, während der Großteil der griechischen Jugendlichen und Kinder das lateinische Alphabet kennt. Auch nimmt Deutsch in Griechenland die zweite Position im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts ein, während die wenigsten Jugendlichen in Deutschland Griechisch lernen. Als hilfreich wurde die Verwendung von Internationalismen, die nicht selten auch griechischen Ursprungs sind, diskutiert, wobei festgestellt wurde, dass in manchen Konzepten der Sprachanimation eher davon abgeraten wird, Internationalismen zu benutzen. Auch neuere Kommunikationsstrategien wurden in die Diskussion einbezogen, wie beispielsweise die Verwendung von Online-Tools zur Übersetzung und Nachrichten-Apps wie WhatsApp. Besonders heiß diskutiert wurde die Frage, inwieweit Sprachanimation als Methode zum Spracherwerb betrachtet werden darf.

Am dritten und letzten Tag wurde die Gruppe von Dr. Ingenlath – Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks – in den Räumen des DFJW in Berlin empfangen. Dr. Ingenlath führte in die Schwerpunkte und Aktivitäten des Deutsch-Französischen Jugendwerks ein, um darin schließlich die Geschichte und die Entwicklung von Sprachanimation seit den 90ern einzubetten. Anne Jardin, Leiterin des Sprachenbereichs, Karin Passebosc, zuständig für Sprachanimation im außerschulischen Austausch, und Sebastian Maas vom Interkulturellen Netzwerk e.V. und pädagogischer Mitarbeiter des DFJW begleiteten methodisch mit gezielt ausgewählten Sprachanimationsübungen die Auswertung und den Abschluss des Fachprogramms.

Kommunikation hat viele Formen

Die Teilnehmenden am Fachprogramm Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch haben ein Rund-um-Paket zur Einführung in die Konzepte der Sprachanimation erhalten. Sie wurden dafür sensibilisiert, dass Kommunikation viele Formen einnehmen kann,  dass sie nicht ausschließlich verbal abläuft, sondern oft auch Hände und Füße, Möbelstücke, unterschiedliche Farben und Formen und hochgezogene Augenbrauen herhalten müssen. Der Erfolg des Fachprogramms zeigte sich nicht nur in der besonders herzlichen Atmosphäre zwischen den Teilnehmenden (die sicherlich auch den motivierenden Sprachanimationsübungen zu verdanken ist). Sie zeigte sich vor allem auch in der Beteiligung und im regen Austausch in den Arbeitsgruppen sowie in den daraus hervorgehenden Ergebnissen bezüglich der Ausrichtung einer Sprachanimation für den deutsch-griechischen Jugendaustausch. Dies lag sicherlich auch an der gelungenen Zusammensetzung der Gruppe aus Expert(inn)en im Bereich der Sprachanimation, der Internationalen Jugendarbeit, Teamleiter(inn)en deutsch-griechischer Jugendbegegnungen und wissenschaftlich orientierter Vertreter/-innen sowie Lehrenden aus dem Schulbereich beider Länder.

Was nun?

Obwohl man sich am Ende nicht darauf einigen konnte, wie der Begriff Sprachanimation ins Griechische übertragen werden konnte (zur Diskussion stehen gr. γλωσσική εμψύχωση, γλωσσική ενθάρρυνση und γλωσσική διαμεσολάβηση), war sich die Gruppe darüber einig, dass die Ergebnisse des Fachprogramms bereits 2018 in eine deutsch-griechische Arbeitsgruppe überführt werden sollten. Diese soll erste Übungen konkret für den Deutsch-Griechischen Jugendaustausch entwickeln, anwenden und auswerten, um im nächsten Schritt auf die Entwicklung eines Konzepts mit Handreichung und Schulungsmaterial überzugehen. Im Anschluss an das Fachprogramm entwickelte zudem Sebastian Maas vom Interkulturellen Netzwerk e.V. in Zusammenarbeit mit seinem griechischen Partner Arpeggio und der Union Peuple et Culture in Paris ein Konzept für die erste trilaterale Sprachanimateur/-innen-Ausbildung Deutsch-Griechisch-Französisch. Die Ausbildung wird vom 08.-13.07.2018 im Sporthotel Neuruppin durchgeführt werden (nähere Infos auf der Seite des Interkulturellen Netzwerk e.V.). Die Basis für eine Sprachanimation im deutsch-griechischen Jugendaustausch ist gelegt und: es bleibt spannend!

Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten!


1 S. Deutsch-Französisches Jugendwerk (2013): Sprachanimation in deutsch-französischen Jugendbegegnungen, [online] https://www.ofaj.org/media/die-sprachanimation-in-deutsch-franzosischen-jugendbegegnungen.pdf [12.01.2018].

2 S. Deutsch-Französisches Jugendwerk (1999): Projekt Bielefeld. Natürliche Kommunikationssituationen in deutsch-französischen Jugendbegegnungen, S. 9.

3 Das Tandem-Programm „Freiwillige berufliche Praktika“ wird auch im Rahmen des Fachtags „Berufliche Orientierung im Deutsch-Griechischen Jugendaustausch“ am 22.03.2018 in Bonn vorgestellt.

4 S. auch die Publikation der Kreisau-Initiative e.V. (2017). Perspektive Inklusion. Sprache und Kommunikation in der internationalen inklusiven Bildungsarbeit. Methoden, Leitlinien, Impulse. [online] https://www.kreisau.de/projekte/inklusion/publikation-perspektive-inklusion/ [14.01.2018].



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