Gunnar Zamzow

Studienfahrt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. nach Kreta

Erstmalig fand im September 2015 eine Studienfahrt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. nach Kreta statt. Die jungen Teilnehmer/-innen besuchten die Städte Chania und Heraklion, entdeckten in zehn intensiven Projekttagen die vielseitige Insel und lernten eine Reihe von Personen und Projekten kennen.

mehrere junge Leute stehen zwischen Reihen von Grabsteinen.
Besuch des Alliierten Soldatenfriedhofs in der Souda-Bucht BildImage: Gunnar Zamzow

Sebastian Fehnl (32), Diplom-Pädagoge, Anne Schieferdecker M.A. (32), Erziehungswissenschaftlerin, und Gunnar Zamzow M.A. (35), Politikwissenschaftler, sind als Referent/innen im Bereich der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. tätig. Gunnar Zamzow ist in der Programmkoordination Fördermittel u.a. zuständig für die Entwicklung der Programme im Kontext deutsch-griechischer Begegnungsarbeit.

Griechenland-Special 2016

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Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. widmet sich heute 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten der Welt mit etwa 2,7 Millionen Kriegstoten. Auch in Griechenland wurden nach einem Abkommen mit dem griechischen Staat zwei solcher Sammelfriedhöfe errichtet. In Dionyssos-Rapendoza (in der Nähe von Athen) und Maleme auf Kreta sind fast 15.000 deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs begraben. Nun ist die Kriegsgräberfürsorge durch den deutschen Staat nicht nur mit dem Erhalt und der Pflege dieser Ruhestätten beauftragt, sondern verbindet dieses Aufgabe seit Mitte der 1950er Jahre mit der Organisation von Workcamps, Jugendbegegnungen und anderen Bildungsprojekten in ganz Europa. Die Kriegsgräberstätten als Orte der Erinnerung an Krieg, Verbrechen und massenhaftes Sterben sollen so auch zum Ausgangspunkt von Bildungs- und Lernprozessen werden. Solche Zusammenkünfte junger Menschen aus Europa und der ganzen Welt führten jedoch bislang kaum nach Griechenland – ein weißer Fleck auf der Landkarte könnte man meinen.

Das Ziel des Projektes war es, den 16 jungen Menschen aus Polen, Griechenland, Belarus und Deutschland einen Einblick in die Geschichte und Kultur Griechenlands zu ermöglichen und so für Kooperation und Interesse zu werben, statt Konfrontation zu befördern. Der Plan stand. Aber wo anfangen mit Unterkunft, Verpflegung, Gesprächspartner(inne)n usw.? Also mit allem, was man benötigt, für eine erfolgreiche Studienfahrt, wenn man eigentlich auf keine Erfahrungen zurückgreifen kann? Durch einen persönlichen Kontakt entstand die Kooperation mit dem Verein Young Citizens of the World aus Chania im Westen Kretas. Ein großes Glück, wie sich zeigte, denn nun konnten die Organisatoren auf einen schier unerschöpflichen Schatz an Kontakten, Ortskenntnissen und persönlichem Engagement der Mitglieder zurückgreifen, ohne den das Projekt kaum möglich gewesen wäre.

Gemeinsam mit den Young Citizens machte sich die Reisegruppe auf eine Spurensuche. Im Fokus standen verschiedene Erinnerungs- und Gedenkorte, die allesamt mit der blutigen Besetzung Kretas durch die nationalsozialistische Wehrmacht im Mai 1941 zusammen hängen. Sie dokumentieren die bis heute aktuellen Nachwirkungen des deutschen Angriffskrieges eindrucksvoll. Eine Seite dieser Kriegsrealitäten zeigt der Alliierte Soldatenfriedhof in der Souda-Bucht. Auch die deutsche Kriegsgräberstätte Maleme wurde während des Programms besucht. Hier sind neben „gewöhnlichen“ Soldaten – ob es diese allerdings überhaupt gab, war ein immer wieder neuer Anlass zur Diskussion in der Gruppe – auch offenkundige Kriegsverbrecher begraben. Die kretische Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Besuch zweier sogenannter Märtyrerorte deutlich. Verschiedene Gedenksteine und Mahnmale erinnern an den Widerstand der kretischen Bevölkerung und sollen heute zum Frieden mahnen. Kondomari und Kandanos sind nur einige dieser Orte, in welchen die Wehrmacht Kriegsverbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung begangen hat und die von den Teilnehmerinnen besucht wurden.

Spätestens die unmittelbare Konfrontation mit diesen in Deutschland wenig beachteten Verbrechen provozierte bei den Teilnehmenden eine intensive und vorerst nicht abzuschließende Debatte über Schuld und Mitschuld, Täter und Opfer, staatliche Reparationen und persönliche Wiedergutmachungen und die große „Grauzone“ dazwischen. Und nicht zuletzt darüber, wie sich junge Menschen heute angemessen mit Themen solcher Emotionalität und Fallhöhe auseinandersetzen können. Verschiedene Zeitzeugen schilderten den Teilnehmer(inne)n ihre Erlebnisse der Jahre 1941-1945. Dadurch war es möglich die kretische Sicht auf die sog. „Operation Merkur“ (dem deutschen Angriff auf Kreta 1941) besser kennen zu lernen.

Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für die Gruppe und das Organisationsteam war die mitunter emotionale Verquickung der deutsch-griechischen Geschichte einerseits und der deutsch-griechischen Gegenwart andererseits. Dabei fiel auf, dass der Begriff „Entschädigungen“ gerade in den aktuellen Diskussionen um die „Schuldenkrise“ so oft wie kein anderer Begriff erwähnt wurde, und dies ein ums andere Mal zu Missverständnissen führte. Bei aller Gastfreundschaft schwebt also die Frage nach möglichen Entschädigungszahlungen Deutschlands gegenüber Griechenland immer mit, wenn man sich mit der Vergangenheit, speziell mit dem Zweiten Weltkrieg, beschäftigt.

Selten konnte man in vergleichbaren Projekten aber so deutlich erleben, wie die Folgen des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart reichen und die Beziehungen zwischen Menschen und Ländern beeinflussen. In den folgenden Jahren plant der Volksbund deshalb weitere Projekte. Die Ideen reichen dabei von Bildungsfahrten bis hin zu Schüleraustauschprojekten und Jugendbegegnungen, die alle dem übergeordneten Ziel folgen: Erinnern für die Zukunft!



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