Katrin Schauer

Trilaterale Jugendbegegnungen zwischen Griechenland, Frankreich und Deutschland widmen sich dem Thema Flucht und Migration

Das Landesjugendwerk der AWO Berlin wird gemeinsam mit den Partnerorganisationen in Griechenland (United Societies of the Balkans) und in Frankreich (La Ligue de l´enseignement) internationale Jugendbegegnung mit jungen Geflüchteten und Teilnehmenden aus den drei Ländern veranstalten. Ziel ist es den jungen Menschen zu zeigen, „dass sie weit mehr haben, was sie verbindet als was sie von einander unterscheidet.“ Christopher Langen und Claudius Lehmann berichten von den Impulsen zur Entstehung der Projektidee, davon, wie die tragischen Ereignisse an der griechisch-mazedonischen Grenzen das Vorbereitungstreffen überschattet haben und wie das Projekt von den jungen Geflüchteten aufgenommen wurde.

BildImage: Tim Lüdemann


Christopher Langen, Bild: AWO Landesverband Berlin e.V.

Christopher Langen (31) leitet seit 2015 die Geschäftsstelle des Landesjugendwerkes der AWO Berlin. Idee und Konzept der trilateralen Jugendbegegnung zum Thema „Flucht und Migration“ sind Impulse, die er in den Verband getragen hat. Als ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Landesjugendrings Berlin e.V. ist er Ansprechpartner für Berliner Selbstorganisationen junger Migrant(inne)n.


Claudius Lehmann, Bild: privat

Claudius Lehmann (27) ist seit 2009 Vorsitzender des Landesjugendwerkes der AWO Berlin. Neben der Mitarbeit in Gremien sowie der Gestaltung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt er sich inhaltlich schwerpunktmäßig mit den Themen „Flucht und Migration“ sowie „Rechtsextremismus und -populismus“.

Griechenland-Special 2016

Fakten, Förderung, Kontakte

Inklusion

Flucht und Migration

Kulturelle Bildung

Sport

Zivilgesellschaft und Jugendarbeit

Politische Bildung

Erinnerungsarbeit

Essay

Wie entstand die Idee für das Projekt?

Griechenland ist seit 2008 gleichzeitig von verschiedenen Krisen betroffen. Und obwohl es sich hierbei um system-immanente Krisen handelte, die ihren Ursprung nicht auf nationaler Ebene haben können, wurde in der öffentlich-medialen Diskussion Griechenland häufig alleinig verantwortlich gemacht. Es wurde versucht Krisensymptome mittels absurder Klischees und Stereotype zu erklären, statt diese als Folgen von jahrzehntelang bekannten Umverteilungsprozessen von unten nach oben zu entlarven. Als Kur wurde eine weitere Verschärfung des Sozialabbaus verordnet, welche unter Federführung der Troika das Land faktisch ausbluten lassen hat und nahezu alle Infrastrukturbereiche und Sozialdienstleistungen betroffen hat. Für die zu diesem Zeitpunkt bereits in Griechenland lebenden Menschen aus sozial schwächeren Schichten war das Leben bereits massiv erschwert. Ein Kollaps der restlichen Infrastruktur auf Grund der rasant steigenden Zahlen von Geflüchteten mit dem Ziel Balkanroute war somit vorprogrammiert. Jedoch wurde auch diese Entwicklung auf die ‚griechische Inkompetenz‘ statt auf die ungleiche Lastenverteilung des Dublin-II-Abkommens geschoben. Als die Menschen in Griechenland sich dann mit legitimen Mitteln gegen diese Entwicklung zu Wehr setzten, wurde ihnen von Seiten der einflussreichen EU-Regierungen mit vollständiger Entsolidarisierung bis hin zur ‚Grexit‘-Forderung begegnet.

Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen dieser bereits länger bestehenden Entwicklungen, existiert in Griechenland eine Tradition der gegenseitigen Hilfe, mit der versucht wird, Versäumnisse in Aufgabenfeldern, die Menschen bspw. in Deutschland als klassische staatliche Aufgaben interpretieren würden, eigenständig zu lösen. Jugendarbeit und Geflüchtetenarbeit sind nur zwei dieser Felder, jedoch die Felder, in denen das Landesjugendwerk der AWO Berlin selbst aktiv ist. Und ebenso wie viele Menschen in Griechenland fordern wir statt einer technokratischen Bevormundung das Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit und ein würdiges Leben ohne Beschränkungen durch nationale, religiöse oder ideelle Barrieren. Mit dem Anspruch, dass Solidarität praktisch werden muss, hatten wir uns das Ziel gesetzt, mit Jugendorganisationen vor Ort in den Kontakt zu treten und der Jugend beider Länder zu zeigen, dass sie weit mehr haben, was sie verbindet als was sie von einander unterscheidet.

Wie sind Sie gerade auf diese Länderkombination (Deutschland-Griechenland-Frankreich) gekommen?

Der erste Impuls für diese Entscheidung hatte eine pragmatische Komponente, welche sich jedoch umgehend auch als inhaltlich wertvolle Dimension weiterentwickeln ließ. Obgleich es aktuell einen Sonderantragstopf für die internationale Jugendarbeit mit Griechenland gibt, bieten die der Förderung zugrunde liegenden Bedingungen des Kinder- und Jugendhilfeplans keine solide Grundlage, um für die angepeilten Zielgruppen eine Jugendbegegnung zu ermöglichen. Mit einer Jugendarbeitslosigkeit von nahezu 50% in Griechenland und dem Anspruch, den beteiligten Jugendlichen nicht nur eine kurze einmalige, sondern eine nachhaltige Begegnung mit mehreren Treffen zu ermöglichen, kann den Teilnehmenden keine Eigenbeteiligung abverlangt werden, welche sich im Bereich eines Monatseinkommens bewegt. In der Beratung mit Frau Lübbert, der Referentin für Europa und internationalen Jugendaustausch des AWO Bundesverbands e.V., eröffnete sich dann die Möglichkeit über die Schwerpunktsetzung ‚Mittelmeer und Südost-Europa‘ und deren Förderung für Jugendliche mit besonderem Bedarf das Projekt durch eine Förderung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes umzusetzen, sofern sich ein französischer Partner finden würde. Im September 2015 war das Thema Geflüchtete in allen Ländern so präsent, dass sich das Landesjugendwerk der AWO Berlin entschied, dies zum Kernanliegen der Jugendbegegnung zu machen. Bei der Sondierung möglicher Partner in Frankreich zeigte sich das Departement Nord-Pas-Calais von La Ligue de L’Enseignement sehr interessiert. Da sich mit Beteiligungen aus Thessaloniki, Berlin und Calais auch gleichzeitig die aktuelle Fluchtroute quer durch Europa abbildet, fiel die Entscheidung inhaltlich sehr leicht.

Wie verlief das Vorbereitungstreffen in Griechenland?

Im Dezember 2015 haben sich die beteiligten Organisationen für ein institutionelles Vorbereitungstreffen in Thessaloniki getroffen, an dem sowohl die verantwortlichen Koordinator(inn)en als auch Teile der Jugendgruppenleitung des Projekts teilgenommen haben. Der erste Tag war primär auf den Austausch der institutionellen Gegebenheiten und der aktuellen länderspezifischen Situation der Jugendarbeit von und mit jungen Geflüchteten ausgerichtet. Am zweiten Tag sollte der Grenzübergang Idomeni sowie das dortige Camp besucht werden, um die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenzen als Ort des inter-staatlichen Scheiterns im Umgang mit den Geflüchteten begreifen zu können. Auf Grund der Eskalationen nach dem Tod eines jungen Marokkaners an der Grenze mussten wir davon Abstand nehmen. Dieser tragische Moment überschattete die weiteren Gespräche und machte uns alle tief betroffen. Allerdings zeigte dieser Tod auch, wie aktuell, relevant und unausweichlich eine Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Flucht und Migration ist. Die Beteiligten vor Ort waren sich einig, dass es sich hierbei nicht um einen isolierten Einzelfall, sondern um eine durch systematische Verschärfung der Migrationsgesetzgebung hervorgerufene Eskalation handelt, welche den Tod nicht nur an EU-Außengrenzen sondern auch im Binnenraum in Kauf nimmt. Die Solidarität vor Ort hat uns das Treffen dennoch mit einem positiven Ausblick auf den Jugendaustausch abschließen lassen.

Was ist während der drei Jugendbegegnungen geplant?

Die Begegnungen beginnen mit einem auf Grundlagenwissen und Organizing-Fähigkeiten ausgelegten Austausch im Sommer 2016 in Berlin. In verschiedenen Workshops, Arbeitsphasen und Hospitationen werden sich die Jugendlichen einen Einblick in die Ursachen, Beweggründe und Hindernisse von Flucht und Migration erarbeiten. Im direkten Austausch mit einer Unterkunft für Geflüchtete soll es eine gemeinsame Veranstaltung geben, bspw. ein Hoffest. Im April 2017 findet die zweite Runde in Calais statt, bei der das Anwenden und Vertiefen der in Berlin erworbenen Fähigkeiten im Vordergrund stehen soll. Gemeinsam wollen wir den Partner vor Ort in der Durchführung seiner Hilfeleistungen für Geflüchtete vor Ort unterstützen. Ein Austausch zu den bis dahin nicht absehbaren Entwicklungen in diesem Bereich wird ebenso seinen Raum finden, wie eine Reflektion über die persönliche Dimension der Auseinandersetzung mit diesen Themen. Im September 2017 findet der Austauschrahmen seinen Abschluss in Griechenland, welcher noch deutlicher anwendungsorientiert sein wird.

Gab es bereits Kontakt zu jungen Geflüchteten? Wenn ja, wie wird Ihr Projekt von den jungen Geflüchteten angenommen?

Abgesehen davon, dass junge Geflüchtete ohne das ‚Privileg‘ eines sicheren Aufenthaltsstatus aus rechtlichen Gründen pauschal an der Teilnahme gehindert sein werden, haben wir hierzu sehr verhaltene Resonanz bekommen. Häufig sind die z. T. traumatischen Fluchterfahrungen noch viel zu frisch, als das sich die Jugendlichen vorstellen können, erneut mit den Krisenpunkten der innereuropäischen Fluchtroute konfrontiert zu werden. Jugendliche mit Migrationshintergrund – vor allem in der zweiten Generation – haben diese Idee bisher mit großem Interesse aufgenommen und können sich auch vorstellen, an einem solchen Austausch mitzuwirken. Hier freuen wir uns auf die Teilnahme, da deren interkulturelle und sprachliche Kompetenzen sowohl innerhalb der Begegnungsgruppe als auch bei der Arbeit vor Ort eine große Bereicherung sein wird.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von dem Projekt?

Die pädagogische Zielsetzung der trilateralen Begegnung differenziert sich in eine unmittelbare und eine mittelbare bzw. langfristige Absicht. Die unmittelbare und damit im Prozess erfahrbare Komponente stellt die Auslotung und das anschließende Füllen eines „common grounds“ sowie die Vermittlung von organisatorischen und konzeptionellen Fähigkeiten dar. Hierbei sollen durch die Erfahrung von transnationalen Berührungspunkten gemeinsame Handlungsfelder erschlossen werden und sich dann Kenntnisse und Fähigkeiten angeeignet werden, um in dem unübersichtlichen Feld „Flucht und Migration“ Initiative ergreifen zu können. Die mittelbare Komponente ist die (De)Konstruktion von Identitäten, nicht ausschließlich aber auch der eigenen. Was heißt es, einer bestimmten Religion anzugehören oder einen bestimmten Pass zu besitzen? Wie assoziiere ich mich mit den Eigen- bzw. Fremdzuschreibungen, die es zu meinen „imagined communities“ gibt? Mittels der täglichen Reflexionsphasen und der teambildenden Maßnahmen wird versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Auseinandersetzung mit dieser Dekonstruktion in einem geschützten Rahmen möglich ist.



Kommentare ( 0 )

Kommentare schreiben

Noch 1000 Zeichen

Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter