Beate Stock-Wagner MSc.

Von- und miteinander lernen: Deutsch-griechisches Inklusionscamp geht in die dritte Runde

Tanzen, Basketball spielen, Tennis und vieles mehr – das alles geht auch im Rollstuhl. Bereits zum dritten Mal reisten unsere Studenten und Studentinnen der Akademie der Physio- und Ergotherapie der St. Elisabeth Gruppe – Katholische Kliniken Rhein-Ruhr auf die griechische Insel Thasos, um an einem deutsch-griechischen Inklusionscamp teilzunehmen. Hier fand ein praxisorientierter Austausch mit Barrierefreiheit für eine inklusions- und sportpädagogische Jugendbegegnung statt.

Eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung posiert vor der Kamera.
BildImage: Akademie der Physio- und Ergotherapie


Beate Stock-Wagner, Bild: privat

Beate Stock-Wagner ist Leiterin der Akademie der Physio- und Ergotherapie der St. Elisabeth Gruppe – Katholische Kliniken Rhein-Ruhr.

Griechenland-Special 2018

Fakten, Förderung, Kontakte

Inklusion

Berufliche Bildung und Orientierung

Flucht und Migration

Sprachanimation

Erinnerungsarbeit

Kirchliche Jugendarbeit

Schule

„Besonders toll an dem Projekt finde ich, dass durch den Austausch deutsche und griechische Student(inn)en der Ergo- und Physiotherapie zusammen mit gehandicapten Teilnehmer(inne)n so viel voneinander lernen können. So erwerben die angehenden Physio- und Ergotherapeuten viele neue Fähigkeiten in einer kurzen Zeit und können diese sofort in die Praxis umsetzen. Die Rollstuhlfahrer lernen wiederum von ihnen, wie sie ihren Alltag gestalten und besser bewältigen können“, meine ich, Beate Stock-Wagner, Leiterin der Akademie der Physio- und Ergotherapie. Das Camp wurde wie in den beiden Vorjahren gemeinsam mit dem griechischen Verein „Perpato – für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Freunde“ organisiert.

Inklusiv denken und leben heißt ohne Ausgrenzung und Barrieren zugehörig miteinander unbeschwert leben zu können. Das kann überall sein zum Beispiel  in der Schule, am Arbeitsplatz in der eigenen wohnlichen Umgebung und in der Freizeit. Davon profitieren wir alle: Wir wollen die Barrieren im Kopf abbauen und den Abbau der Hürden im alltäglichen Leben in die Tat umsetzen. So kann jede/r mit und ohne Behinderung selbstbestimmt ihr/sein Leben führen, mit Toleranz, Offenheit und mit einem selbstverständlicheren Miteinander.

23 Herner Studenten und Studentinnen waren in diesem Jahr dabei. Auf dem Programm standen zahlreiche Aktivitäten. Doch zu Beginn heißt es erst einmal sich kennenzulernen. So viele sympathische, interessante, offene und aufgeschlossene junge Menschen kamen sich bei Bewegungsspielen im traumhaft gelegenen Pitsas Camp schnell näher und der Bann war schnell gebrochen. Perpato, der Verein, der sich speziell für körperlich gehandicapte Menschen  und deren selbstgeführtes Leben im Vordergrund steht, hatte ein abwechslungsreiches aktives Programm für das Inklusionscamp des deutsch-griechischen Austausches bestens vorbereitet. So konnten sechs Tage lang körperlich behinderte mit nichtbehinderten Teilnehmer(inne)n durch verschiedenste Theorie- und Praxisangebote voneinander lernen. Das Angebot, paralympische Sportarten auszuprobieren, berichtet ein Student der Akademie der Ergo- und Physiotherapie der St. Elisabeth Gruppe, war ein riesige Chance für ihn und seinen Kollegen(inn)en und wurde mit hoher Begeisterung angenommen.

Wie fühlt es sich an, als Nichtbehinderte/r in einem Rollstuhl zu sitzen und sich mit diesem eigenständig fortzubewegen, das Fahren zu erlernen genauso aber auch die Nutzung der Rollis bei Steigungen oder Stufen, um diese selbstständig zu überwinden – das war eine ganz besondere Erfahrung, erzählt der Campteilnehmer.

Von Paartanz über Trampolin bis hin zum Rugby

Zum Programm zählte auch der Rollstuhltanz. Ein Paar, bestehend aus Rollstuhlfahrer/-in und nichtbehinderter/m Tänzer/-in, lernte bei der  Bewegungs- und Tanztherapie Gefühle auszudrücken oder Geschichten mit den eigenen Körpern inklusive Rollstuhl darzustellen, was für viele sehr berührend und überwältigend war. Sportlich ging es mit dem Rollstuhlbasketball weiter: Wie im Spiel lernten alle Rollstuhlfahranfänger/-innen ambitioniert mit diesem umzugehen, um gleichzeitig den Ball in das Netz zu werfen, damit das eigene Team im Wettbewerb gewinnen konnte. Ein weiterer interessanter Programmpunkt war die Prothesenversorgung nach einer Amputation. Welche Prothetik gibt es und wie lernt man wieder laufen? Gibt es Prothesen, mit denen man schwimmen kann? Was ist ein Phantomschmerz und welche wirksamen Therapien gibt es? Diese und andere Fragen wurde von Betroffenen und Orthopädiemechanikern eindrucksvoll thematisiert und authentisch vermittelt.

Schwer betroffene Behinderte werden beim Sport integriert zum Beispiel durch das Boccia Spiel. Rollhilfs-Vorrichtungen und persönliche Assistent(inn)en können zu Hilfe genommen werden, um möglichst nahe mit den eigenen Kugeln an die kleine weiße Kugel heranzukommen und die Gegner/-innen in spannenden Matches zu besiegen. Hingegen ist das Rollstuhlrugby eine Sportart, wo Rollstühle mit Fahrern sich besondere kontaktfreudige sportliche Begegnungen liefern. Alle haben nur ein Ziel, den Ball mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, aber unter Beachtung der Spielregeln, hinter die Ziellinie zu bringen um einen Punkt für die eigene Mannschaft zu erwirken. Mit dieser kontaktfreudigen Sportart erfahren alle Student(inn)en ein sehr aktives Leben, auch in einem Leben mit Rollstuhl.
 
Auf dem Trampolin mit einem Rollstuhl, geht das? Auch das hatten sich viele der Angereisten nicht vorstellen können. Wider Erwarten konnten sich die Student(inn)en davon überzeugen, dass ein Trampolin keine Hürde ist, sondern nun erst recht ein Mittel zur Bewegung, selbstverständlich auch mit einem Rolli. Innerhalb der Theaterpädagogik konnten Stimme und Körperausdruck in besondere Momente umgewandelt werden, in denen sämtliche Hürden, die vorher noch unüberwindbar hoch erschienen, auf einmal nicht mehr existent sind. Yoga mit dem Hilfsmittel, dem großen Tuch, bot jeder/m eine sportliche Herausforderung und eine eigene besondere körperliche Erfahrung, die für jeden gehandicapten und nicht gehandicapten Teilnehmenden viele sehr persönliche und unvergessene Eindrücke bescherte.

In Griechenland spielen das Wasser und das Schwimmen im Meer eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund ist die Möglichkeit der Bewegung im Wasser für Behinderte eine der wichtigsten Partizipationsmöglichkeiten am normalen Leben. Baderollstühle, die den direkten Zugang ins Meer ermöglichen, oder aber die individuelle Schwimmtherapie, in der mit Hilfe von Auftriebskörpern oder einer Assistenz der gehandicapte Mensch sich im Gleichgewicht im Wasser bewegen und schwimmen kann.

Perspektiven eröffnen – Perspektiven einnehmen – Perspektiven ändern

Resümierend ermöglicht das Inklusionscamp den Student(inn)en und Gehandicapten ganz neue Perspektiven einzunehmen, das finde ich, Beate Stock-Wagner, sehr besonders.                   
„Natürlich probieren die Auszubildenden auch selbst aus, wie es ist, beispielsweise Tennis oder Basketball im Rollstuhl zu spielen. Für die meisten ist dies eine ganz neue und für ihren Berufsweg sehr wertvolle Erfahrung.“

Ziel des deutsch-griechischen Programms zwischen dem Verein Perpato und der Akademie der Physiotherapie der St. Elisabeth Gruppe Herne ist es, den gleichberechtigten Umgang miteinander zu fördern und gemeinsame Erfahrungs- und Lernanlässe zu schaffen. 2016 fand zum ersten Inklusionscamp unter deutscher Beteiligung in Griechenland statt und bot für die Partner eine Plattform, Gemeinsamkeiten zu erkennen, Horizonte zu erweitern und vor allem voneinander zu lernen. Die zweite Begegnung 2017 deutscher und griechischer Jugendlicher zu dem Thema Inklusionspädagogik und autonome Lebensgestaltung hat die nachhaltige Partnerschaft weiterausgebaut. Diese gesammelten Erfahrungen des  diesjährigen Inklusionscamps fließen nun als Vorbereitung in das Jugendaustauschprojekt „Beruf.Kennen.Lernen – Ergo-Physiotherapie Griechenland und Deutschland“ im Oktober 2018 in Deutschland mit ein. Deutsche Student(inn)en freuen sich nun erstmals auch griechischen Student(inn)en das Leben innerhalb der  Ausbildung in der St. Elisabeth Gruppe zeigen zu können. Von der Teilnahme am Unterricht bis zur Hospitation in Kleingruppen mit realen Patient(inn)en in den Kliniken der Gruppe zu arbeiten sowie durch verschiedene inklusive Sportangebote werden die griechischen Gäste einen umfassenden praxisorientierten Einblick erhalten.

Denn eines ist jetzt schon klar: Freundschaften sind entstanden und werden in dem nächsten Treffen weiter vertieft.

Wir freuen uns auf unser nächstes Treffen in Herne!



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