Natali Petala-Weber

Wenn Versöhnung gelingt – das Forum Erinnerung & Bildung

350 Gäste aus Deutschland und Griechenland kamen im Mai 2016 im kleinen Dorf Lechovo im westmakedonischen Griechenland zusammen, um sich darüber auszutauschen, wie die gemeinsame Erinnerungsarbeit in Zukunft aussehen kann.

Menschen sitzen auf Stühlen in einem Saal.
BildImage: Eleni Chontolidou


Natali Petala-Weber, Bild: Eleni Chontolidou

Natali Petala-Weber unterstützt als Referentin bei IJAB die jugendpolitische Zusammenarbeit mit Griechenland.

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Essay

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt es dem andern gestehn;
Sie sahen sich an so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sahn sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie waren längst gestorben,
Und wußten es selber kaum.
Heinrich Heine1

Vom 19. bis zum 23. Mai 2016 fand in einem kleinen nordgriechischen Dorf in Westmakedonien eine Begegnung statt, die es in dieser Form vorher noch nicht gegeben hat:

Der Kulturverein Προφήτης Ηλίας (dt. Prophet Elias) lud mit Unterstützung der in Berlin ansässigen Organisation polisis, geleitet von Babis Karpouchtsis, Vertreter/innen der Zivilgesellschaft und Experten aus Griechenland und Deutschland zum 4-tägigen Forum Erinnerung & Bildung nach Lechovo ein.

Ziel der Veranstaltung war es, unterschiedliche Akteure aus der deutschen und griechischen Zivilgesellschaft und der Wissenschaft zusammenzubringen, um den Weg der Aufarbeitung der Nazibesatzungszeit in Griechenland zukünftig gemeinsam zu beschreiten. 65 offiziell geladene Akteure aus Deutschland und Griechenland und insgesamt 350 Gäste nahmen am Programm des über den Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds finanzierten Forums teil – darunter zahlreiche Vertreter/innen des Netzwerks der Märtyrerdörfer und -städte Griechenlands – ein Zeichen dafür, wie groß das Interesse auf beiden Seiten ist, einander zu begegnen.
 
Das zentrale Thema der Erinnerung wurde im Forum anhand von unterschiedlichen Formaten sowohl auf Griechisch, als auch auf Deutsch behandelt: Unter anderem stellte Dr. Lutz, zuständig für das Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors, in seiner Präsentation Formen und Prozesse der Gedenkstättenarbeit aus deutscher Perspektive vor, um anschließend eine Diskussion über Möglichkeiten der Gedenkstättenarbeit für Bildung und Tourismus in Griechenland zu eröffnen. Zahlreiche Vertreter/innen der deutschen und griechischen Wissenschaftslandschaft beleuchteten das Thema der Erinnerungsarbeit aus diversen Perspektiven, so sprachen Dr. Leon Nar und Dr. Maria Kavala über die Erinnerungsarbeit der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki seit 1945, während Dr. Norman Paech die Frage der Reparationsanforderungen aus völkerrechtlicher Perspektive beleuchtete.

Gelingende Versöhnungsprozesse im deutsch-griechischen Kontext

Besonders innovativ für den deutsch-griechischen Kontext zeigte sich der Zugang von Dr. Martin Leiner, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Schiller Universität in Jena und Gründer des interdisziplinären Zentrums für Versöhnungsforschung dort: Der Jenaer Forschungsansatz basiert auf einem Zitat aus Hölderlins Roman Hyperion, das lautet „Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder“. Dr. Leiner sowie weitere internationale Wissenschaftler/innen am Zentrum für Versöhnungsforschung untersuchen auf dieser Grundlage Versöhnungsprozesse und Konstanten der gelingenden Versöhnung weltweit. Für Dr. Leiner sind die deutsch-griechischen Beziehungen von besonderem Interesse, denn „auch gesellschaftliche und ökonomische Krisen wie aktuell in Südeuropa verlangen nach Lösungen, in der gegnerische Parteien und ihre Positionen versöhnt werden".2
 
Am letzten Tag der Veranstaltung in Lechovo zeichnete Dr. Leiner ein positives Bild der deutsch-griechischen Beziehungen: Im Forum Erinnerung & Bildung habe er beobachten können, dass Versöhnung auf der Ebene der Menschen gelingt. Dass man sich begegnet, dass man die Wahrheit wissen will, dass man sich der Vergangenheit offen zuwendet, aber auch der Zukunft, dass man Jugendaustausche macht – das alles sind Zeichen für gelingende Versöhnung. Denn „Versöhnung muss ansetzen bei Einzelnen, die sich begegnen. Das ist oft das Tiefgehendste, dass Menschen sich begegnen und über die Vergangenheit hinwegkommen. Dass sie sagen, was sie erlebt haben, was ihnen Leid tut, wie sie die Zukunft gemeinsam gestalten können.“3

Der Beitrag des deutsch-griechischen Jugendaustausches

Der Veranstalter des Forums Erinnerung & Bildung hat alles richtig gemacht. Griechen und Deutsche, Griechendeutsche und Deutschgriechen zusammenzubringen war das Ziel. Aus diesem Grund war der deutsch-griechische Jugendaustausch ein zentrales Thema der Veranstaltung. Das Länderprogramm Griechenland im IJAB – zuständig für die Intensivierung des deutsch-griechischen Jugendaustausches – wurde eingeladen, um im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Aktivitäten zur Förderung des deutsch-griechischen Jugend-austausches vorzustellen. Gemeinsam mit Dr. Triarchi-Herrmann, Referentin im Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München und Vorsitzende der Stiftung Palladion zur Förderung der griechischen Sprache, Kunst und Kultur, mit Panos Poulos, Jugendsozialarbeiter und seit über 30 Jahren im Jugendaustausch und im Europäischen Freiwilligendienst aktiv, sowie mit Rolf Stöckel, dem Beauftragten zur Anbahnung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks, wurden die aktuellen Chancen und Herausforderungen im deutsch-griechischen Jugendaustausch diskutiert.

Die Podiumsdiskussion sowie die Workshops zu Best Practice-Projekten zeigten, dass der deutsch-griechische Jugendaustausch nachhaltig wirkt. Lechovo hat bereits vor Beginn der Gespräche über ein Deutsch-Griechisches Jugendwerk und vor der Einrichtung des Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds Jugendaustausche mit Berlin organisiert. Am Projekt Youth for Peace, das auch am Fachtag „Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch“ präsentiert wurde, nahmen viele junge Lechovitinnen und Lechoviten teil, die heute selbst Jugendaustausche mit Partnern in Deutschland konzipieren und durchführen. Auch Brigitte Spuller, die bereits in den 80ern die ersten Jugendaustausche zwischen Distomo und Nürnberg anleierte, hob im Forum Erinnerung & Bildung die Wirkung von Jugendaustausch für die Völkerverständigung hervor. Panajotis Zisis aus Distomo machte im Forum deutlich, welcher Mut und welches Engagement einer deutschen Frau habe abverlangt werden müssen, um vor 30 Jahren ein solches Projekt mit einem Dorf durchzuführen, das von den deutschen Nazis vernichtet worden war. Panajotis, der damals selbst Jugendlicher war, und auch Vertreter/innen anderer Dörfer und Städte der Region haben die Wirkungen der Jugendaustausche in ihrer Gemeinde beobachten können. Sie nutzten die zahlreichen Möglichkeiten rund um das Kernprogramm des Forums – die gemeinsamen Mittag- und Abendessen, die Führungen etc. – um Projektideen untereinander und mit deutschen Partnern zu besprechen. Fragen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Deutschland betrafen nicht nur Möglichkeiten der Finanzierung und der Partnerfindung, sondern auch inhaltliche und konzeptionelle Themen, wie beispielsweise Methodik der non-formalen und informellen Bildung, die Sprachverständigung und die Ausgestaltung gemeinsamer Aktivitäten.

73 Jahre vor dem Forum Erinnerung & Bildung, zwischen dem 23. und dem 26. Juli 1943, brannten Truppen der deutschen Wehrmacht das Dorf Lechovo nieder. Somit gehört das kleine Dorf mit seinen knapp 1000 Einwohnern zu den über hundert sog. griechischen Opferdörfern. 11 lechovitische Frauen besangen im Forum mit herzzerreißenden Klageliedern diese Vernichtung und diesen unerträglichen Verlust. Anschließend bereiteten sie als Ehrenamtler/innen das Abendessen für die deutschen und griechischen Gäste. Eine solche Offenheit von beiden Seiten – dem, was war, in die Augen zu schauen, um im nächsten Moment die weiteren Schritte für die Zukunft gemeinsam zu begehen – zeigt in der Praxis, dass auf der Ebene der Zivilgesellschaft Versöhnung bereits gelingt. Es ist nun an der Reihe der Medienlandschaft in Deutschland und in Griechenland, diese Entwicklungen an die breite Öffentlichkeit zu bringen.

Das Forum Erinnerung & Bildung mündete unter anderem in der Erkenntnis, dass der deutsch-griechische Dialog und das zivilgesellschaftliche Netzwerk Raum braucht in Zukunft weiterhin gestärkt und ausgebaut zu werden. Vertreter/innen der Gemeinden vor Ort verfassten gemeinsam ein Papier mit Vorschlägen zur Stärkung des deutsch-griechischen Austausches

1 Der Bürgermeister der Stadt Kalavryta und Vorsitzender des Netzwerkes der Märtyrerdörfer- und -städte in Griechenland, Georgios Lazouras, zitierte in seiner Begrüßungsrede beim Auftakt zum Forum Erinnerung & Bildung Heinrich Heine als Impuls zur Reflektion der deutsch-griechischen Beziehungen.

2 S. Mitteilungen des Zentrums für Versöhnungsforschung (letzter Zugriff: 17.06.2016).

3 Komplette Rede von Prof. Dr. Martin Leiner (letzter Zugriff: 17.06.2016).



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