Christian Herrmann

„Wir sind für solche Bemühungen offen“

Der Jugendaustausch zwischen Griechenland und Deutschland lässt sich nicht von der deutsch-griechischen Geschichte und der während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg begangenen Verbrechen trennen. Dazu gehören die jüdischen Gemeinden in Griechenland, die fast vollständig vernichtet wurden. Dennoch existieren heute in 9 Städten Griechenlands jüdische Gemeinden, Jugendliche sind in einem Jugendverband organisiert. Wir haben mit Isaak Eliezer vom Vorstand der Jüdischen Jugend von Athen über die Perspektiven des Austauschs mit Deutschland gesprochen.

Beth-Schalom-Synagoge in Athen
Die Beth-Schalom-Synagoge in Athen BildImage: Courtesy of Arie Darzi to memorialize the Jewish community in Greece

Isaak Eliezer
Isaak Eliezer, Bild: privat

Isaak Eliezer ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Jugend von Athen.


Thessaloniki: Wehrmachtsangehörige schickanieren jüdische Bürger, Bild: Bundesarchiv, Bild 101I-168-0894-23A / Dick / CC-BY-SA 3.0

Thessaloniki, das „Jerusalem des Balkans“

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Thessaloniki Sitz von etwa 40 Synagogen und hatte eine jüdische Bevölkerung von etwa 56.000 Personen. Sie galt damit als größte sephardische Gemeinde Europas. Von April 1941 bis Herbst 1944 war Thessaloniki infolge des Balkanfeldzugs von deutschen Truppen besetzt. Ab März 1943 wurden von den deutschen Besatzern nahezu alle thessalonischen Juden ins KZ Auschwitz deportiert; dort wurden sie ermordet. Nur etwa 2000 Juden überlebten.
Quelle: Wikipedia

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Herr Eliezer, in Deutschland weiß man wenig über die jüdischen Gemeinden in Griechenland. Können Sie uns etwas über das jüdische Gemeindeleben und die Rolle der Jugend in ihm erzählen?

Isaak Eliezer: In Griechenland gibt es zurzeit 9 jüdische Gemeinden – in Athen, Larisa, Rhodos, Chalkis, Korfu, Trikala, Ioannina und natürlich die historische jüdische Gemeinde von Thessaloniki. Gegenwärtig leben etwa 5.500 Juden in Griechenland, davon 3.000 in Athen, während es vor dem 2. Weltkrieg 75.000 waren, davon 60.000 in Thessaloniki. Es ist wichtig zu wissen, dass vor dem 2. Weltkrieg die Mehrheit der Bevölkerung in Thessaloniki Juden waren. Die meisten griechischen Juden sind Sepharden und Romanioten (Nachkommen der 1492 aus Spanien vertriebenen und der seit der hellenistischen Epoche in Griechenland ansässigen Juden, Anmerkung des Übersetzers). Jede dieser Gemeinden hat eine Synagoge – mit Ausnahme von Athen und Thessaloniki, wo es jeweils zwei Synagogen gibt. Es gibt eine weitere Synagoge in Chania auf Kreta, aber sie ist nicht aktiv. Es gibt drei jüdische Grundschulen, je eine in Athen, Thessaloniki und Larissa. Die letztere tut sich schwer, seit einigen Jahren gibt es kaum noch Schüler, manchmal nur einen pro Klasse.

Wir haben 3 wesentliche jüdische Jugendorganisationen. Die Jüdische Jugend Griechenlands ist die wichtigste, unter ihrem Dach befinden sich die Jüdische Jugend von Athen und die Jüdische Jugend von Thessaloniki. Diese Organisationen spielen eine wichtige Rolle in den jüdischen Gemeinden, nicht so sehr im religiösen Sinne, sondern in der Stärkung der sozialen Bindungen. Wie ich schon sagte sind die jüdischen Schulen Grundschulen und die Jugendlichen neigen später dazu, sich aus den Augen zu verlieren. Unsere Aufgabe ist es Beziehungen aufrechtzuerhalten, sie daran zu erinnern, wie wichtig es ist, diejenigen nicht zu vergessen, mit denen man aufgewachsen ist und letztlich den gemeinsamen Fortbestand der jüdischen Gemeinden in Griechenland zu sichern.

In Deutschland haben wir in den vergangenen Monaten viel über Forderungen nach Entschädigungen für deutsche Kriegsverbrechen während der Besatzung im 2. Weltkrieg gehört. In der anhaltenden Debatte wurden die jüdischen Gemeinden nie erwähnt. Gibt es keine Forderungen der griechischen jüdischen Gemeinden?

Isaak Eliezer: Natürlich hat es Forderungen der griechischen Juden gegeben, aber all diese Forderungen wurden durch internationale jüdische Organisationen erhoben und zum Ziel geführt.

Die deutsche Regierung hat ein Deutsch-Griechisches Jugendwerk vorgeschlagen. Es ist nicht die Entschädigung für deutsche Kriegsverbrechen, auf die viele in Griechenland hoffen, aber immerhin eine Chance, dass junge Leute aus beiden Ländern etwas über die gemeinsame Geschichte lernen können, wenn sie im Jugendaustausch thematisiert wird. Wäre ein solches gemeinsames Lernen – selbst wenn kein Jugendwerk zustande kommt – interessant für junge Leute aus den jüdischen Gemeinden in Griechenland?

Isaak Eliezer: Die Zusammenarbeit zwischen der Jugend auf internationaler Ebene ist immer nützlich. Die jüdische Jugend Griechenlands ist für solche Bemühungen offen. Bisher hatten wir keine Möglichkeit Beziehungen mit der Jugend anderer Länder aufzubauen. Ich bin davon überzeugt, dass es ein großer erster Schritt für uns wäre, an einem solchen Versuch teilzuhaben – nicht nur wegen der großartigen Erfahrung in Sachen Lernen und des Austauschs von Kultur und Tradition, sondern auch, weil wir sehen können, wie andere Jugendorganisationen funktionieren und wir uns selbst verbessern können, was Organisation und Reichweite von Aktivitäten betrifft.

Gibt es bereits Erfahrungen mit dem Jugendaustausch zwischen jungen Leuten aus den griechischen jüdischen Gemeinden und jungen Leuten aus Deutschland und falls ja, wie sehen sie aus? Gibt es einen organisierten Rahmen für den Austausch oder sind es eher individuelle Erfahrungen?

Meines Wissens hat es bisher keinen Jugendaustausch zwischen Deutschland und den griechischen jüdischen Gemeinden gegeben, dass trifft auch auf Einzelpersonen zu. Aber, wie ich schon sagte, es wäre ziemlich hilfreich, wenn mit solchen Aktivitäten begonnen würde.

Wenn Sie an die Deutsch-Griechischen Beziehungen im Jugendbereich denken, was würden Sie sich wünschen und was sind wichtige Punkte, die man berücksichtigen muss? Was sind aus Ihrer Sicht wichtige Themen für den Austausch?

Isaak Eliezer: Mein Wunsch ist kein anderer, als eine feste Beziehung zwischen der deutschen und griechisch-jüdischen Jugend zu etablieren. Es gibt eine Menge Themen für den Austausch, aber ich glaube, eine gute Grundlage sollte sein, was die Jugend in ihren jeweiligen Ländern über den Holocaust lernt. Wie können wir, die Jugend, das Erziehungssystem in diesem Feld verbessern und bereichern? Ein anderes Thema könnte die Entwicklung des Antisemitismus sein. Welche Form hat Antisemitismus heute? Ist Antizionismus der neue Antisemitismus? Solche Themen könnten eine gute Grundlage für künftige Diskussionen und Themen sein und wären sehr nützlich im Sinne des Austauschs von Ansichten und Meinungen. Selbst wenn die deutsche und griechisch-jüdische Jugend durch eine dunkle Vergangenheit miteinander verbunden ist, bin ich davon überzeugt, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist.



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