Natali Petala-Weber

Zwischen Staat und Gesellschaft – Jugendorganisationen in Griechenland

Um die Rolle der Jugendorganisationen der Zivilgesellschaft in Griechenland beleuchten zu können, ist es notwendig ihre Position in der gesamten Gemengelage im Bereich Jugend zu skizzieren. Dabei kommt man in der aktuellen Situation schnell zur folgenden Erkenntnis: Trotz einer fehlenden integrierten und kohärenten Jugendpolitik gibt es in Griechenland eine Reihe an Körperschaften, die die griechische Jugend repräsentieren, die sich aber voneinander im Grad ihrer Institutionalisierung und auch im Maße der Anerkennung durch die Zivilgesellschaft unterscheiden.

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Der Nationale Jugendrat

Der Nationale Jugendrat in Griechenland (eng. Hellenic National Youth Council; gr.  Εθνικό Συμβούλιο Νεολαίας; ESYN) beispielsweise ist eine solche Institution, die sich als Verband in der Rolle des Mittlers zwischen Jugendorganisationen und Regierung sieht und als offizielles Sprachrohr der griechischen Jugend gegenüber Gremien im  Ausland (Europäisches Jugendforum, Unesco-Jugendforum usw.) fungiert. Längst aber sehen sich nicht – oder nicht ausreichend – alle Jugendorganisationen in Griechenland durch den ESYN vertreten (vgl. auch Petkovic/Williamson 2015:65). Dies mag zum einen an den Statuten des ESYN liegen, die die meisten Jugendorganisationen der Zivilgesellschaft von einer Mitgliedschaft ausschließen: Mitgliedsorganisationen des ESYN müssen mindestens 200 Mitglieder zählen können und in mindestens zwei bzw. drei Regionen1 (je nach Einwohnerzahl) vertreten sein. In ihrem jährlichen Bericht zur Jugend in Griechenland zum Jahr 2011 bemängeln die Mitglieder der NGO Youthnet Hellas, dass die Zusammensetzung der Mitgliedsorganisationen des ESYN nicht transparent ist:  Bei 59 aufgelisteten Mitgliedsorganisationen sind sechs Parteijugenden vertreten, während einige Organisationen kaum und andere gar nicht mehr aktiv sind (s. 2012:69).  Damit der ESYN die Interessen griechischer Jugendorganisationen effektiv vertreten kann, schlagen sie eine Neustrukturierung des Nationalen Jugendrates vor verbunden unter anderem mit einer offenen Einladung zum Beitritt an alle Jugendorganisationen in Griechenland.

Bei einer genaueren Beobachtung könnte man sogar meinen, dass der Grad der Institutionalisierung von Organisationen, die die Jugend repräsentieren, dem Maß an Akzeptanz durch die Zivilgesellschaft analog entgegenwirkt. Dies könnte unter anderem darauf zurückzuführen zu sein, dass traditionelle Formen der politischen und sozialen Partizipation – wie politische Jugendparteien und gewerkschaftliche Organisationen – ihre Attraktivität verloren haben (Giannaki 2012:33). Die politische Instabilität, die Offenlegung der verheerenden Lage, in der sich die griechische Wirtschaft befindet, sowie eine fehlende Modernisierung im Verwaltungsapparat (s. Kýrtsis 2015:54f.) haben das Misstrauen gegenüber staatlichen und regierungsnahen Mechanismen genährt (vgl. Giannaki 2012:33; Vogt 2013:2f.)

Das Generalsekretariat für Jugend

Selbst eine der wichtigsten Entwicklungen in der Geschichte der Jugend Griechenlands, nämlich die Gründung des Generalsekretariats für Jugend im Jahr 1983 durch das frisch gewählte PASOK (Panhellenische Sozialistische Bewegung), scheint aus Sicht der Zivilgesellschaft – und in Vergleich zu anderen Institutionen – unter den heutigen Umständen seine hervorragende Rolle für den Bereich Jugend – zumindest für zivilgesellschaftliche Jugendinitiativen – zu verlieren. Denn obwohl das General-sekretariat für Jugend in der ersten Periode seiner Existenz (von 1983 bis 1990) viele entscheidende Programme zur Stärkung und Partizipation der griechischen Jugend einführte, schätzen Pechtelidis/Giannaki  die Jahre nach 1990 als eine Phase des Abbaus, die zu einer zunehmenden Entmachtung des Generalsekretariats als exekutive Stelle für eine die Jugend stärkende Politik führten. Diese äußert sich nicht zuletzt in der Kürzung des Gesamtbudgets sowie in der seit August 2014 per Gesetz beschlossenen Auflösung des Generalsekretariats für Jugend und des Generalsekretariats für Lebenslanges Lernen und ihre Zusammenführung in eine einzelne Struktur, in der allerdings die Strukturen und Verantwortlichkeiten bis heute nicht klar sind (vgl. Pechtelidis/Giannaki 2014:264). Die Gründe für diese Entwicklung sehen sie in einer nur teilweise gelungenen Implementierung des eigenen nationalen Jugendaktionsplans sowie in der fehlenden Durchsetzung von jugendpolitischen Maßnahmen in anderen politischen Handlungsfeldern.

Die lokalen Jugendräte

Bezeichnend für die oben dargestellte Entwicklung ist  die problembehaftete Umsetzung einiger Programme – teilweise sogar ihr abrupter Abbruch. Die Institutionalisierung der Lokalen Jugendräte (Τοπικά Συμβούλια Νεολαίας, TOSYN) als der wichtigste Mechanismus zur Ermöglichung der Jugendpartizipation auf lokaler Ebene schlechthin dauerte beispielsweise ganze zehn Jahre. Die Verabschiedung des Gesetzes 3443/2006 regelte erstmalig die Gründung und Funktion der lokalen Jugendräte, von denen auf Initiative des Generalsekretariats für Jugend einige allerdings bereits seit 1997 aktiv waren. Erst 2008 konnte die eigentliche Umsetzung des Gesetzes durch die Einrichtung von Jugendregistern in den Kommunen und mit den ersten Jugendratswahlen stattfinden. Anders als erhofft konnte allerdings nur wenige Jugendräte seitdem eine gewisse Aktivität aufzeigen (s. General Secretariat of Youth 2012:20).2 Auch hier spielt das Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen eine gewisse Rolle sowie eine fehlende öffentlichkeitswirksamen Kampagne durch das Generalsekretariat und fehlenden Maßnahmen zur Vorbeugung ihrer politischen Lenkung  (vgl. Pechtelidis/Giannaki: 2014:463).
 
Wie viel kann man aber erwarten? Fünf Regierungswechsel seit Beginn der Krise und die damit zusammenhängenden Neu- und Umstrukturierungen innerhalb der die Jugend betreffenden Institutionen sind keine gute Voraussetzung, um die nötige Kontinuität jugendpolitischer Maßnahmen  aufrecht zu erhalten. Hinzu kommt eines der wesentlichsten Probleme in der Jugendpolitik Griechenlands: Das Fehlen eines Wissensmanagements für den Bereich Jugend, das dazu führt, „dass Reformstrategien in Griechenland keine stabile Beweisgrundlage haben, durch die effiziente und effektive politische Entscheidungen unterstützt werden könnten“ (Petkovic/Williamson 2014:65).

IKY und Stiftung für Jugend und Lebenslanges Lernen

Welche Folgen die politische und wirtschaftliche Situation in Griechenland für den Bereich Jugend hat, zeigt auch die aktuelle Lage der griechischen Nationalagentur für den Bereich Jugend: Bis vor kurzem hatte die Nationalagentur für das Programm Erasmus+ Jugend in AKtion ihren Sitz in der Stiftung für Jugend und Lebenslanges Lernen (INEDIVIM). Bereits Ende 2014 haben allerdings auch an die Öffentlichkeit getragene Auseinandersetzungen mit dem griechischen Bildungsministerium gefolgt von gegenseitigen Schuldzuweisungen für die vorübergehende Einstellung der Fördermittel für das Programm Erasmus+ Jugend begonnen.3 Mit dem Ministerialerlass Nr. 105131/Η1/01-07-2015 wurde schließlich die Versetzung der Nationalagentur aus dem INEDIVIM in das Institut für Nationale Stipendien (IKY) und somit die Zusammenführung der beiden Nationalagenturen beschlossen.4 Bis zur abschließenden Übertragung der Zuständigkeiten sind die Fördermittel allerdings weiterhin eingestellt und ein Antrag kann für Runde 3 aller Leitaktionen des Programms Erasmus+ Jugend in Aktion nicht gestellt werden. Das bedeutet für viele Jugendorganisationen eine problematische Abwicklung bereits begonnener Projekte und Teilnehmer- sowie Reisekosten-rückerstattungsprozesse (zusätzlich erschwert durch die Komplikationen, die die Kapitalverkehrskontrollen mit sich bringen); nicht wenige Jugendorganisationen sind dabei auf Kosten sitzen geblieben.  

Das oben Dargestellte lässt vielleicht bereits erahnen: Das Bedürfnis nach einem Instrument, das die griechische Jugend in ihrer ganzen Breite und Vielfalt stärkt, fördert und vernetzt, ist nicht befriedigt. Aber ist es denn überhaupt vorhanden?

Die These der „schwachen Zivilgesellschaft“

Das Selbstverständnis griechischer Jugendorganisationen spiegelt vielleicht den allgemeinen Status zivilgesellschaftlicher Organisationen wider. Hüttemann/Sahl haben hiervon nur einen faden Eindruck: „368 Jahre osmanische Besatzung, Klientelismus und Korruption in der öffentlichen Verwaltung sowie die zunehmende Zentralisierung ohne gleichzeitigen Abbau von Bürokratie und den Aufbau klarer Entscheidungs- und Kompetenzstrukturen […] . Nach ausbeuterischer deutscher Besatzung im 2. Weltkrieg und anschließendem Bürgerkrieg (1946-1949) sowie der Obristenherrschaft (1967-74) blieb der nachhaltige Aufbau einer organisierten Zivilgesellschaft aus.“ (s. 2013:4). Was die historischen Bedingungen für die zähen Strukturen im öffentlichen Verwaltungs-apparat betrifft, mögen Hüttemann/Sahl Recht haben. Auch Kýrtsis erinnert daran, dass das enorme Wachstum in den Jahren 1950 bis 1970 sowie von 1985 bis 2008 und die damit einhergehende Modernisierung des Lebensstils sowie die Entwicklung einer Mobilitäts- und Konsumgesellschaft auf keinen Fall das Ergebnis einer Modernisierung des Systems waren (s. 2015:56).  Das Versagen, von dem Hüttemahn/Sahl sprechen, kann sich aber lediglich auf die fehlende Einbeziehung der Zivilgesellschaft im gesamten Reformprozedere beziehen – nicht auf  fehlende Traditionen, was zivilgesellschaftliche Selbstorganisation betrifft. Denn während sich die griechischen Parteien und Regierungen in Sisyphus-Art immer wieder neu suchen, finden und auflösen, fängt die griechische Zivilgesellschaft – ohne staatliche Unterstützung und ohne dass sie in Reformentscheide berücksichtigt wird – die sozialen Probleme en masse auf (vgl. hier auch Garefi/Kalemaki 2013:8): NGOs wie die internationale Medecins du Monde, die griechischen Praksis, Arsis, Klimaka – nur  um einige Großen unter den zahlreichen anderen zu nennen – unterstützen unmittelbar die vielen Notleidenden unter der Wirtschaftskrise:  darunter beispielsweise 20.000 Obdachlose in Athen, Menschen, die ohne Krankenversicherung nicht mehr an medizinische Versorgung kommen, Familien, die ihre Kinder nicht mit den Grundnahrungsmitteln versorgen können usw. usw. Junge Ehrenamtliche finden sich auch in den kirchlichen Trägern organisiert: In der Apostoli, dem Freiwilligendienst der orthodoxen Kirche, oder im griechischen Ableger der YMCA (gr. Χριστιανική Αδελφότητα Νέων/ Χριστιανική Ένωση Νεανίδων; XAN bzw. XEN) engagieren sich Jugendliche und junge Erwachsene mithilfe professionalisierter Strukturen zur Bekämpfung der derzeitigen humanitären Notlage. Die griechische YMCA kann als zweitälteste Jugendorganisation – nach dem Verband griechischer Pfadfinder (gr. Σώμα Ελλήνων Προσκόπων; SEP)  – mit einer Gründung im Jahr 1921 sogar auf eine lange Tradition  zurückschauen. 

Feuer und Flamme: Die griechischen Jugendorganisationen

Auf der Suche nach einer Zivilgesellschaft in Griechenland wird nicht selten darauf hingewiesen, dass die Folgen der wirtschaftlichen und sozialen Krise in Griechenland an jeder Ecke der Nation, im Norden wie im Süden, Jugendinitiativen, Jugend-NGOs sowie Netzwerke ehrenamtlich aktiver junger – und nicht nur – Menschen nahezu aus dem Boden haben sprießen lassen. Dabei wird aber vielleicht zu viel über einen Kamm geschert: Man kann vielleicht darüber nachdenken, dass diese Graswurzel-erscheinungen  nicht nur aus der Not heraus, die eine Jugendarbeitslosenquote von zwischenzeitlich über 60 % erzeugt, entstanden sind. Klar geht es in vielen Initiativen um Wege aus der Krise, um Perspektiven für die Zukunft und um berufliche Qualifizierung. Aber auch etwas anderes wird deutlich: Dass das Konzept der Zivilgesellschaft in Griechenland nun angekommen ist.
 
Junge Griechinnen und Griechen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, in längst fällige Reformbemühungen bzgl. der Migrationspolitik (bspw. Generation 2.0 Red), sie vertreten  endlich in der Öffentlichkeit ihre Rechte auf eine freie sexuelle Orientierung (bspw. Colour Youth), erkennen  den Wert der kulturellen Vielfalt national, in der Balkanregion und international (bspw. United Societies of Balkans und Unesco-Jugend Griechenland), wissen, dass Jugendinformation ein wichtiger Bestandteil für die Vertretung ihrer Interessen ist (bspw. Youthnet Hellas) und beteiligen sich aktiv in der Bewältigung von Umwelt- und Tierschutzproblemen.  Diese Initiativen basieren in der Regel auf ehrenamtliches Engagement und soziale Solidarität (s. Petkovic/Williamson 2015:3).
Es scheint viele Gründe für diese Entwicklung zu geben: Zum einen hat die Wirtschaftskrise die Landschaft der Nichtregierungsorganisationen notgedrungener maßen befreit von den sog. GONGOs (governmental organized non-governmental organisations), d.h. NGOs, die im Grunde parteipolitischen Interessen dienten (s. Drossou 2013:2). In Zeiten eines ausgetrockneten Staates, in denen selbst europäische Programme eingestellt werden (Erasmus+ Jugend in Aktion), weiß auch der letzte Interessierte: als ehrenamtlicher (und als Jugendarbeiter) wird man in Griechenland nicht reich. Die Früchte, die die oben genannten und andere Initiativen inzwischen getragen haben, haben sicherlich dazu beigetragen, dass das Vertrauen gegenüber NGOs wiederhergestellt wurde. Zum andern hat die europäische Jugendpolitik einen großen Teil dazu beigetragen, dass die Wirkungskraft zivilgesellschaftlicher Strukturen erkannt wurde. Austauschprojekte, Jugendbegegnungen, Freiwilligendienste und Jugendkonferenzen können tatsächlich zu einem wachsenden Bewusstsein für die eigene Mitgestaltung führen. Und nicht zuletzt tragen die neuen Medien zur Festigung zivilgesellschaftlicher Strukturen bei:  der direkte Austausch, die schnelle Verbreitung von Informationen, schnelle informelle Vernetzungen werden mittelbar und ohne großen Aufwand möglich. 

Best Practice: Thessaloniki Europäische Jugendhauptstadt 2014

Wie erfolgreich sich die Kooperation und die Vernetzung von Jugend-NGOs untereinander gestalten kann und dass auch ihre Verzahnung mit lokalen Strukturen möglich ist, zeigt das Beispiel der Europäischen Jugendhauptstadt 2014:  Thessaloniki. Während der Bewerbungs- und Implementierungsphase wurde ein neuartiger Mechanismus ins Leben gerufen, eine Plattform für kooperative strategische Planung für den Bereich Jugend auf lokaler Ebene (vgl. Petkovic/Williamson 2015:3).  Die Bündelung von Kompetenz und Erfahrung lokaler Jugendorganisationen, die Aktivierung neuer Initiativen und neuer Ideen der Stadtentwicklung mit einem  auf die Jugend gerichteten Blick hatte auch einen Einfluss auf internationale Kooperationen unter Nutzung international bewährter Strukturen.

„Hier Polytechneion...!“ -  Ein Aufstand der Studenten

Man muss also nicht weit suchen, um den griechischen Bürgersinn, nach dem Hüttemann/Sahl trachten, zu finden. Und auch ist die griechische Zivilgesellschaft nicht ein neues Phänomen: Erste zivilgesellschaftliche Maßnahmen, die mit der Zeit staatlich unterstützt wurden, gab es bereits  in den Anfängen des griechischen Staates nach 1830. Sie sahen sich in einem Hauptanliegen vereint: Die Waisen des Unabhängigkeitskrieges, der zwischen 1821 und 1830 gegen das Osmanische Reich geführt wurde, mit den wichtigsten Lebensgrundlagen, wie Nahrung und Kleidung, und mit Perspektiven für die Zukunft durch Bildung zu versorgen. In diesem Kontext wurde bereits 1837 die erste berufsbildende, die technische Schule Athens, das „Polytechniko Scholeion“ gegründet Dieses sollte 140 Jahre später unter dem Namen „Polytechneion“ in die politische Geschichte Griechenlands eingehen: als zivilgesellschaftlicher Aufstand gegen das siebenjährige Obristenregime von Papadopoulos und Ioannidis, die griechische Junta. 1500 Studierende beschlossen am Abend des 14. November 1973 das Polytechneion nicht mehr zu verlassen. Ihr Motto: „Brot, Bildung, Freiheit und Nationale Unabhängigkeit“. Um die Polytechnische Universität versammelten sich daraufhin  Zahntausende von Griechen, ein großer Teil Schülerinnen und Schüler, die nach Ende der Schule die Studierenden mit Nahrung und Medizin versorgten. Zum ersten Mal nach 7 Jahren hörten die Griechen im November 1973 freie Meinungsäußerungen im Piratensender der Polytechneion-Bewegung.

Das Deutsch-Griechische Jugendwerk

Die Gespräche um die Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks sind in der griechischen Zivilgesellschaft auf fruchtbaren Boden gestoßen. Der deutsche Delegationsbesuch im Juni 2015 in Athen und in Thessaloniki weitete die Vernetzung griechischer Träger der Jugendarbeit und griechischer Jugend-NGOs untereinander aus. Gemeinsam möchten sie sich um aktuelle Belange der Jugend kümmern, wie beispielsweise die Frage nach dem Mehrwert einer solchen Institution wie dem Deutsch-Griechischen Jugendwerk. Der Blick richtet sich auch auf die beiden anderen Institutionen, dem Deutsch-Polnischen sowie dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, und ein gegenseitiger Informationsaustausch auf europäischer Ebene wird angestrebt. Im Zuge dessen wird erneut die Notwendigkeit einer Koordinierung der Akteure aus dem Jugendbereich hervorgehoben  – die Kräfte bündeln sich, in der Hoffnung, dass die Dinge vorankommen.

Griechische Jugendorganisationen haben keine Lust, die mangelnde Flexibilität staatlicher Institutionen als stetige Entschuldigung für Stagnation ihrerseits anzubringen.  Sie verlangen jetzt nach einer Kultur der Chancengleichheit für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, nach einer vollständigen und qualitativen Implementierung europäischer und anderer Maßnahmen zur Jugendmobilität und -partizipation. Sie streben die Anerkennung der nicht-formalen sowie der informellen Bildung als notwendige Bestandteile der Persönlichkeitsentwicklung und nach einer Anerkennung von Jugendorganisationen als  Anbieter solcher Leistungen. Dazu gehört unter anderem auch, dass der Beruf des Jugendarbeiters formal anerkannt und arbeitsrechtlich vertreten werden kann.

 Die „Herausbildung einer europäischen Zivilgesellschaft“ als „eine essentielle Voraussetzung für eine lebendige europäische Demokratie“ wird im Koalitionsvertrag 2013 hervorgehoben und in Verbindung gebracht mit der Absicht der Errichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks  (s. auch Skarpelis-Sperk 2015:33). Bereits die ersten Schritte in diese Richtung haben ihren Teil dazu beigetragen, dass griechische Jugendorganisationen neue Impulse und auch neuen Zuspruch für die Zukunft erhalten. Es dauert sicherlich auch nicht mehr lang, bis diese Impulse, der große Erfahrungsschatz und die gebündelten Kompetenzen Strukturen annehmen, die ihre Stimme im In- und Ausland hörbar machen.

Literatur

Drossou, Olga (2013). Griechische Zivilgesellschaft. In: Newsletter für Engagement und Partizipation 4/2013. Zugriff unter:
http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2013/06/enl04_gastbeitrag_drossou.pdf (letzter Zugriff: 07.10.2015).

Garefi, Ioanna/Kalemaki, Eirini (2013). Informal Citizen Networks. The case of Greece. A deliverable of the project: „The theoretical, empirical and policy foundations for building social innovation in Europe“ (TEPSIE), European Commission - 7th Framework Programme. Brussels: European Commission, DG Research.

General Secretariat for Youth (2012). National Report for Youth. Zugriff unter: http://www.neagenia.gr/appdata/documents/book-eng.pdf (letzter Zugriff: 07.10.2015).

Giannaki , Dora (2012). Jugend in Alarmbereitschaft. Eine Deutung der Jugendrevolten. In: Jugendpolitik. Jugendzeitschrift des Deutschen Bundesjugendringes, 2/2012. S. 30-34.  

Hüttemann, Bernd/ Sahl, Daniel (2013). Griechische Transformationstragödie. Von Stolz, Sündenböcken und technokratischer Blindheit. In: BBE Europa-Newsletter 4/2013. Zugriff unter: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2013/06/en0l4_gastbeitrag_huettemann%20und%20sahl.pdf (letzter Zugriff: 07.10.2015).

Kýrtsis, Aléxandros-Andréas (2015). Die griechische Gesellschaft unter dem Druck der Krise. In: Klemm, Ulf-Dieter/Schultheiß, Wolfgang (Hgg.) (2015). Die Krise in Griechenland. Ursprünge, Verlauf, Folgen. S. 54-69.

Pechtelidis, Yannis/Giannaki, Dora (2014). Youth Policy in Greece and the current economic and political crisis. In: Journal Autonomie locali e servizi sociali 3/2014. S. 461-478.

Petkovic/Williamson (2014). Youth Policy in Greece. Council of Europe. International Review. Strasbourg, Council of Europe Publishing.

Petkovic/Williamson (2015). Youth policy in Greece. Council of Europe. International Review.

Skarpelis-Sperk, Sigrid (2014). In: Vereinigung der deutsch-griechischen Gesellschaften (Hg.) (2014). Hellenika. Jahrbuch für griechische Kultur und deutsch-griechische Beziehungen. Münster: Lit. S. 26-36.

Vogt, Susanna (2013). Auf der Suche nach der Zivilgesellschaft in Griechenland. In: BBE Europa-Newsletter 4/2013. Internetquelle: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2013/06/enl04_gastbeitrag_vogt.pdf (letzter Zugriff: 07.10.2015).

Youthnet Hellas (2012). Η Ετήσια Αναφορά 2011 του Youthnet Hellas Τομέας της Νεολαίας στην Ελλάδα.

Weitere Quellen:
Griechisches Ministerium für Bildung, Forschung und Religiöse Angelegenheiten: http://www.minedu.gov.gr/grafeio-typoy-kai-dimosion-sxeseon/deltia-typoy/14130-25-09-15-erasmus-2 (letzter Zugriff: 05.10.2015).

Fußnoten

1 Der Begriff Region ist etwas ungenau: Seit der Umsetzung des sog. Kallikratis-Gesetzes ab dem 1. Januar 2011 kann in der Regel mit dem Begriff Region auch eine der neuen 13 Peripherien bezeichnet. Hier sind die alten Verwaltungsbezirke (gr. νομός, dt. nomos) gemeint.

2 Petkovic/Williamson erwähnen, dass mit Verabschiedung des Kallikrates-Gesetzes  das Generalsekretariat für Jugend auch eine Reformierung und Reaktivierung der lokalen Jugendräte auf der Ebene der Peripherien vorsieht (vgl. 2015: ).

3 Vgl. hierzu u.a. die Pressemitteilungen des gr. Bildungsministeriums vom 25.09.2015 und des INEDIVIM vom 28.08.2015, 27.08.2015, die schriftliche Antwort von Filippos Lentzas an die Ankündigung des Generalsekretärs für Jugend zum Wechsel der Leitung  des INEDIVIM.

4 Pressemeldung des griechischen Ministeriums für Bildung, Forschung und Religiöse Angelegenheiten vom 25.09.2015: http://www.minedu.gov.gr/grafeio-typoy-kai-dimosion-sxeseon/deltia-typoy/14130-25-09-15-erasmus-2.



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