Anita Demuth

Empowerment der deutschen und japanischen Jugend

Seit 2002 führt das Büro des japanischen Ministerpräsidenten (Cabinet Office) ein multilaterales Qualifizierungsprogramm unter dem Titel „Young Core Leaders of Civil Society Groups Development Program“ in Japan und verschiedenen Partnerländern durch. In diesem Rahmen gestaltete IJAB im Auftrag des BMFSFJ vom 12. bis 21. Oktober ein Programm für junge japanische Fach- und Leitungskräfte in Berlin und Koblenz.

Die japanische Delegation mit der Koblenzer Bürgermeisterin Marie-Theres Hammes-Rosenstein
Die japanische Delegation mit der Koblenzer Bürgermeisterin Marie-Theres Hammes-Rosenstein BildImage: Anita Demuth   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Im Fokus der japanischen Delegation standen Qualifizierungskonzepte für Fachkräfte der Jugendarbeit ebenso wie Ansätze zur Förderung der außerschulischen Jugendarbeit und zur Stärkung von nichtstaatlichen Akteuren im Jugendbereich. Bei den Besuchen in Koblenz interessierten sich die Gäste aus Japan insbesondere für Bemühungen um das Empowerment junger Menschen. Der Austausch wird im kommenden Frühjahr fortgesetzt: Vom 23. Februar bis 10. März sind Fachkräfte aus Deutschland, Dänemark und Großbritannien seitens des Cabinet Office nach Japan eingeladen.

Kensuke Harada macht den Eindruck, als ob er schon länger in Deutschland wohnt. Der junge Japaner sagt „Prost“, wenn die Delegation mit Saftschorlen zum Mittagessen anstößt und weiß, dass der Fußballklub TuS Koblenz in der vierten Liga spielt. Derweil ist er erst vor sechs Tagen mit der Delegation angereist. Der 27-Jährige hat die Nichtregierungsorganisation „YouthCreate“ gegründet, mit der er junge Leute in Japan motivieren möchte, wählen zu gehen und sich aktiv an der Politik des Landes zu beteiligen. Laut einer Umfrage des japanischen Jugendforschungsinstituts glauben ca. 68% der japanischen Schüler nicht, dass sie an der Gesellschaft etwas ändern könnten.

Ganz anders sieht es Kensuke Harada: „Ich glaube an die Innovationskraft der jungen Leute. Es ist schwer, die Stimme der Jugend in Japan zu erhöhen, aber ich möchte es versuchen“, sagt er darüber, was ihn in seiner Arbeit antreibt und wozu ihn das Fachkräfteprogramm in Deutschland noch mehr animiert hat. Denn im Rahmen des Programms ist die neunköpfige Gruppe mit verschiedenen Instrumenten der Partizipation von Kindern- und Jugendlichen in Berührung gekommen. Sie lernen in diesen neun Tagen, dass Partizipation neben der freiwilligen Teilnahme, der Selbstorganisation der Gruppen und der mehrheitlich ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Grundprinzip der verbandlichen Jugendarbeit in Deutschland ist. In die Praxis umgesetzt würde das Prinzip erstens durch formalisierte Mitbestimmungsgremien in einzelnen Einrichtungen sowie in der Politik. In Koblenz erfährt die Delegation einiges über den Jugendhilfeausschuss, in dem neben Vertreter(inne)n des Jugendamtes auch Verantwortliche von freien Trägern wie beispielsweise des Stadtjugendringes und des Jugendrates sitzen.

Mehr Power durch Mitsprache und Beteiligung

Der Jugendrat ist quasi ein städtisches Jugendparlament für die 10- bis 17-Jährigen. Es werden wie bei den „Großen“ öffentliche Sitzungen, Projekte und Wahlen durchgeführt. Die jungen Abgeordneten vertreten dann tatsächlich in mehreren städtischen Gremien die Interessen der minderjährigen Einwohner/-innen gegenüber Politik und Verwaltung. Der Austausch über den Jugendrat in Koblenz ebenso wie das Gespräch mit Verantwortlichen des Kinder- und Jugendparlaments in Berlin Tempelhof-Schöneberg sind bei den Gäste aus Japan  sehr gut angekommen: Sie haben den festen Vorsatz in Japan vergleichbare Projekte zu initiieren und so den Stimmen von jungen Menschen mehr Gehör zu verschaffen.

Die Jugendringe, Dachverbände von Jugendverbänden und -vereinen, sehen sich auch als Sprecher der Kinder- und Jugendlichen. Die jungen Leitungskräfte aus Japan, die an diesem Fachkräfteprogramm teilnehmen, besuchen sowohl den Bundesjugendring in Berlin als auch den Stadtjugendring von Koblenz. Letzteren fragen sie nach ihrer politischen Legitimation. „Wir vom Stadtjugendring sorgen eher für ein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Jugendarbeit und dass günstige Rahmenbedingungen geschaffen werden – vor allem dass ausreichend finanzielle Mittel für Projekte und Personal bereitgestellt werden“ antwortet Magret Sundermann von der Fachstelle Plus für Kinder- und Jugendpastoral Koblenz. Diese politische Arbeit hat Madoka Moriyama besonders interessiert. Die 25-Jährige ist bei der NRO „Teach For Japan“ in der Region Kyushu für die Öffentlichkeitsarbeit und Verhandlungen mit lokalen Regierungsvertreter(inne)n und Firmen verantwortlich.  „Ich habe vorher gehört, dass es in Deutschland viele Sozialarbeiter/-innen gibt. Deshalb interessiert mich, wie diese ihre Jugendarbeit in der Öffentlichkeit verfechten und mit der Verwaltung kooperieren.“ Maiko Komi, Initiatorin und Präsidentin der Nichtregierungsorganisation „MIRAIS Work“, ist von den Dachverbandsstrukturen in Deutschland sehr angetan. Sie hat sich vorgenommen, innerhalb der kommenden zwei Jahre vergleichbare Strukturen in ihrer ländlich geprägten Heimat in Niigata aufzubauen. „Durch gemeinschaftliches Auftreten und unterstützende Strukturen können wir in Zukunft noch mehr erreichen.“

Auch im Jugendamt Koblenz wird Partizipation ganz groß geschrieben. „Partizipation ist ein hochgehangenes Schlagwort bei uns. Kinder werden auch außerhalb der formalen Gremien einbezogen“, sagt Herr Muth, vom Jugendamt der Stadt Koblenz. Die japanischen Besucher/-innen wollen genau wissen, wie und wo die Kinder ihre Meinung äußern können. In Japan hätte man Briefkästen an manchen Stellen aufgestellt, wo die Kinder Zettel mit Kommentaren hineinwerfen könnten. Man suche aber nach besseren Möglichkeiten zum Meinungsaustausch. Sie erfahren, dass in den Koblenzer Kinder- und Jugendeinrichtungen gern die Methode der Zukunftswerkstatt genutzt wird. Dies ist ein Beteiligungsverfahren, mit dem auf kreative Weise eine kollektive Entscheidung gesucht wird.

Wenn die Angebote sich stärker an den Bedürfnissen der Kinder- und Jugendlichen orientieren, würden sich vielleicht auch in Japan mehr junge Leute ehrenamtlich in diesem Bereich engagieren. Die Delegation ist beim Jugendrotkreuz Koblenz beeindruckt, wie viele Jugendliche und junge Erwachsenen sich für Menschen in Not einsetzen. „Wie schaffen Sie das?“ fragen sie die Leiterin Heike Nick. Manche Kinder und Jugendliche finden den Weg zum Roten Kreuz über den Schulsanitätsdienst oder einen Erste-Hilfe-Kurs. So zum Beispiel Rebekka, die mit 14 Jahren an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnahm, als Freiwillige einstieg und das Hobby nun zum Beruf macht: zurzeit absolviert sie eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Manche kommen dagegen als Söhne oder Töchter von Rot-Kreuz-Freiwilligen dazu, wie das auch bei ihr selbst der Fall ist: die ganze Familie Nick ist involviert. Tochter Sophie leitet zusammen mit Rebekka die Gruppe der jüngsten Mitglieder. Damit die Ehrengäste einen Eindruck davon bekommen, was in den wöchentlichen Treffen passiert, präsentieren Rebekka, Sophie und ihre Schützlinge ein Ratespiel und ein Rollenspiel mit Verletzten und Rettern.

Nachhaltige Wirkung

Der Delegationsleiter Hiroyuki Sakai ist zufrieden mit dem Erkenntniszuwachs durch das Fachkräfteprogramm in Deutschland. Er ist Leiter einer Einrichtung, die mit Hilfe von Outdoor-Aktivitäten Umweltbildung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen fördert, und war schon einmal vor 47 Jahren mit einem IJAB-Programm in Deutschland. Jene Reise hätte sein Berufsleben stark geprägt, weil er im Anschluss richtig in die Jugendarbeit eingestiegen sei und mehrere Organisationen im Laufe der Zeit gegründet hat. Der Delegationsleiter ist beeindruckt von den vielfältigen Angeboten und der Eigenständigkeit der deutschen Kinder- und Jugendhilfe. „In Japan ist die Jugendarbeit zerklüftet. 2009 wurde das Gesetz zur Förderung der Kinder-und Jugendhilfe verabschiedet und seitdem bemühen sich die verschiedenen beteiligten Ministerien, miteinander zu kooperieren“, sagt Sakai. Mit der Verabschiedung des Gesetzes sei ein Rahmen für den Jugendbereich in Japan geschaffen worden, aber es sei bislang nur bedingt im Bewusstsein der Akteure verankert und würde noch zu wenig in die Umsetzung von Aktivitäten und Angeboten für junge Menschen einfließen. In welchem Maß die außerschulische Jugendarbeit in Japan gestärkt und professionalisiert werden kann, hängt maßgeblich von den jungen Fach- und Leitungskräften und ihr Engagement für junge Menschen in Japan ab.“, so der Delegationsleiter. „Umso wichtiger sind Qualifizierungsmaßnahmen wie das Young Core Leaders of Civil Society Groups Development Program.” Das Programm gibt den Teilnehmer(inne)n die Möglichkeit, in den Austausch mit internationalen Kolleg(inn)en zu treten und Best-Practice-Beispiele kennenzulernen, um diese dann für den japanischen Kontext weiterzuentwickeln.

Qualifizierung für eine stärkere außerschulische Jugendarbeit

Für die Weiterentwicklung der außerschulischen Jugendarbeit ist, die Qualifizierung von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter(inne)n von besonderer Bedeutung, neben der Stärkung nichtstaatlicher Akteure durch den Aufbau von Dachverbandsstrukturen. An der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und der Hochschule Koblenz gewannen die Gäste aus Japan einen Einblick in Ausbildungs- und Fortbildungskonzepte der sozialen Arbeit und Jugendarbeit in Deutschland. Sie wurden sehr aufmerksam, als sie hörten, dass im Zuge der Akademisierung  in den letzten 40 Jahren die Berufe der „Sozialen Arbeit“ stark an Ansehen in der deutschen Gesellschaft gewonnen haben. Sie stellten daraufhin zahlreiche spezifische Fragen, die ihnen beim Ausbau des eigenen Qualifizierungssystems weiterhelfen könnten: Was ist für die Hochschule bei der Entwicklung neuer Studiengänge wichtig? Welche Inhalte und Module kann man einbauen? Wie werden Kooperationspartner ausgewählt? Wie werden  Themen für Weiterbildungskurse identifiziert?

Beide Hochschulen stellten außerdem Kooperationsprojekte mit Organisationen aus der Praxis vor. Beeindruckt war die Delegation von der Kooperation der Katholischen Hochschule Berlin mit dem Institut Vorstieg der Stiftung SozDia Berlin und der Jugend- und Begegnungsstätte „Alte Schmiede“, die vielfältige Angebote für Familien unter einem Dach anbietet. Herausgekommen ist dabei ein Konzept zur Förderung der Managementkompetenzen für Mitarbeiter(innen) von offenen Jugendeinrichtungen.

Austausch fachlich und interkulturell

Neben dem fachlichen Austausch fand ein interkultureller Austausch statt. Für den letzten Teil des Programms hatte IJAB Gastfamilien gefunden, welche die Japaner und Japanerinnen für einen Tag bei sich aufnahmen. „Beim Kennenlernen waren beide Seiten noch sehr zurückhaltend und wussten nicht, wie sie sich verständigen können. Aber am nächsten Tag kamen alle mit strahlenden Gesichtern zum gemeinsamen Abendessen auf der Festung Ehrenbreitstein wieder und verständigten sich mit Händen und Füßen“, berichtet Arshaluys Noramiryan, die die Delegation in Koblenz betreute.

Kensuke Harada erlebte das deutsche Studentenleben in einer Koblenzer Wohngemeinschaft von drei Studenten der Sozialarbeit. Sie hätten viel über das Bildungssystem und Jugendpolitik geredet. Sein Fazit: „In beiden Ländern sollte der Jugend mehr Macht verliehen werden. Ich habe mir selbst geschworen, mir mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten zu verschaffen.“ Das klingt nach einem, der den Willen und die Kraft hat, die Jugend in seinem Land anzuführen. Fast 3300 Leute verfolgen den Weg des energischen jungen Mannes aus Tokyo bereits auf Facebook.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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