Dorothea Wünsch

Fachaustausch mit Japan zur Integration junger Menschen

Im Mittelpunkt des diesjährigen Austausches stand das Thema „Integration junger Menschen in die Gesellschaft“ mit Fokus auf den Übergang von der Schule in den Beruf. „Jedes Kind ist eine schöne Blume, wir gießen diese Blumen.“ Diese Beschreibung eines japanischen Kollegen der wichtigen und wertschätzenden Arbeit der Fachkräfte hat die deutschen Teilnehmenden tief beeindruckt.

Fachaustausch in Japan
BildImage: Dorothea Wünsch

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über die gelingende Gestaltung von Übergängen in Arbeit sowie die Unterstützung von benachteiligten Jugendlichen und deren berufliche Integration wurde dieses Fachprogramm seitens der beiden verantwortlichen Ministerien in Japan (MEXT) und in Deutschland (BMFSFJ) vereinbart. Die Thematik ermöglicht zudem eine Verbindung mit dem multilateralen Kooperationsprojekt transitions und erweitert die europäische Diskussion des Projektes um eine außereuropäische Perspektive.

Ziel des Austausches ist es, die aktuellen Entwicklungen zum Thema zu erschließen sowie den Teilnehmenden zu ermöglichen, andere Sichtweisen und Lösungsansätze für gemeinsame Probleme zu erkennen sowie den eigenen Arbeitskontext zu reflektieren. Gleichzeitig fördert der Austausch die Vertiefung der Länderbeziehungen und den Ausbau des gegenseitigen kulturellen Verständnisses.

Acht Fachkräfte reisten vom 11. bis zum 25. Mai 2013 in Begleitung von IJAB nach Japan. Für den fachlichen Erfahrungsaustausch standen sowohl Vorträge von Fachexperten, Besuche in Facheinrichtungen, Begegnungen mit jungen Menschen sowie Workshops mit japanischen Kolleg(inn)en zur Vertiefung des Themas in Tokio und der Präfektur Nara auf dem Programm.

>> Abschlussbericht des Fachaustauschs zum Download

Auch wenn sich das Bildungssystem und die Arbeitswelt strukturell sehr unterscheiden, so stehen Japan und Deutschland vor ähnlichen Herausforderungen, was den Austausch so wichtig macht. Durch die Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen, den verschärften Konkurrenzkamp um Ausbildungs- bzw. Kernarbeitsplätze und die steigende Zahl an Jugendlichen mit Schwierigkeiten auf dem Weg in die Arbeitswelt, ist die Unterstützung von jungen Menschen im Übergang in beiden Ländern von großer Bedeutung.

In Japan besuchen etwa 98 % der Schüler(innen) die Oberschule bis zur 12. Klasse, was auf wenig Variation unter Gleichaltrigen hindeutet. Die Schulen haben gute Kontakte zu Unternehmen und übernehmen eine wichtige Rolle in der Arbeitsvermittlung. Zudem wird in den Schulen das Konzept von „Career Education“ umgesetzt, das auf die Lebenswegplanung und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt abzielt. Im Vordergrund steht dabei, den Kontakt von jungen Menschen mit der Erwachsenenwelt zu fördern und so möglichst allen Schüler(inne)n einen sanften Übergang in die Gesellschaft zu ermöglichen. Der Einstieg ins Arbeitsleben erfolgt relativ einheitlich zum 1. April, da an den meisten Schulen und Universitäten der Abschluss Ende März ist.

Im japanischen Kontext wird von einer „Bildungsganggesellschaft“ (GAKUREKI SHAKAI) gesprochen, was auf eine enge Verbindung zwischen Bildungserfolg, beruflicher Karriere und gesellschaftlichem Status hinweist. So ist der Abschluss an einer renommierten Schule bzw. Universität von besonderer Bedeutung. Der Abschluss an einer in der Hierarchie höher stehenden Bildungsinstitution bedeutet bessere Einstiegsmöglichkeiten in den Großunternehmen sowie ein höheres Einkommen und bessere Sozialleistungen. Dadurch entsteht im Bildungssystem ein Wettbewerb, der sich nicht nur auf den Zugang zu besseren Bildungsinstitutionen, sondern auch auf die Sicherung einer Stelle in einem der größeren Unternehmen richtet.

Unterschiede zwischen Großunternehmen und Klein- und Mittelunternehmen werden auch bei der Ausbildung deutlich. Eine Berufsausbildung im deutschen Sinne gibt es in Japan nicht. Die Ausbildung erfolgt zumeist on-the-job in den Unternehmen nach betrieblichen Erfordernissen. Da es keine einheitlichen Standards für die betriebliche Ausbildung gibt, sind Qualifikationen extern wenig transferierbar. Für spezifische Fachbereiche gibt es Berufsschulen. Ebenso gibt es Berufsschulzentren, die Qualifikationskurse anbieten. Diese ermöglichen auch einen späteren Einstieg in den kleineren und mittleren Unternehmen, die nicht im gleichen Umfang wie Großunternehmen on-the-job ausbilden.

Die Übergangsthematik gewinnt an Relevanz sobald Schwierigkeit bzw. Abweichungen vom normalen Weg auftreten. Während in der deutschen Diskussion die soziale Benachteiligung im Vordergrund steht, wird in Japan von Jugendlichen mit Schwierigkeiten gesprochen und die persönliche Perspektive fokussiert. Zielgruppe der Angebote sind u.a. schulabsente Kinder und Jugendliche, sozial zurückgezogene Jugendliche (HIKIKOMORI) und NEET (Not in Employment, Education or Training). Sobald junge Menschen von der Hauptlaufbahn abrutschten, sind die Korrektur bzw. der Widereinstieg in die Gesellschaft sehr schwierig. Verschiedene Projekte und flexible Maßnahmen als Alternative zu bzw. im Anschluss an Schule versuchen diese jungen Menschen aufzufangen, damit sie wieder den Weg in die Gesellschaft finden. Die Angebote gibt es allerdings bislang nicht flächendeckend. An vielen Stellen fehlt ein Ort zwischen Schule und Unternehmen, so ein betroffener Jugendlicher. Die Bekanntmachung der vorhandenen Angebote und die kontinuierliche Vernetzung unter den beteiligten Akteuren sind von großer Bedeutung. Im Gesetz zur „Förderung der Kinder- und Jugendhilfe“ von 2009 ist die Schaffung von Regionalräten vorgesehen. Durch den Aufbau von Regionalräten unter Beteiligung aller für Kinder und Jugendliche relevanten Akteure soll die Zusammenarbeit über Kompetenzbereich hinaus gefördert und die Vernetzung vor Ort gestärkt werden. Die Einrichtung der Regionalräte ist jedoch gesetzlich nicht verpflichtend, so dass die Umsetzung bislang nur in einigen Städten initiiert wurde.

Der Unterschied zwischen einer eher individualistisch geprägten Gesellschaft wie in Deutschland und einer kollektivistisch geprägten Gesellschaft wie in Japan wird u.a. auch beim Thema Übergang deutlich. Der Übergang nach der Schule ist im japanischen Verständnis nicht nur ein Übergang in die Arbeitswelt sondern auch ein Übergang in die Gesellschaft. Das wird durch den Ausdruck SHAKAIJIN NI NARU deutlich. „Mitglied der Gesellschaft werden“ beinhaltet sowohl dass junge Menschen Erwachsenen werden und auf eigenen Beinen stehen als auch dass Schulabgänger(innen) und Absolvent(inn)en eine Arbeit beginnen und Arbeitskraft für die Gemeinschaft werden. Die Gesellschaft bemüht sich möglichst allen diesen Übergang problemlos zu ermöglichen. Die Gespräche mit jungen Menschen haben verdeutlicht, dass sich viele mehr Individualität und weniger Zwang, alles in der Gruppe machen zu müssen, wünschen.

Trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Rahmenbedingungen haben die deutschen Teilnehmenden interessante Impulse für die deutsche Diskussion identifizieren können:

  • Langfristige pädagogische Prozesse in der Begleitung des Übergangs: Wertschätzende Haltung und auf den Einzelnen abgestellte Methodik, die personale Kompetenzen und insbesondere die Kommunikationsfähigkeit stärken will.

  • Angebote für Zielgruppen mit Schwierigkeiten: „Career Education“ als präventives Angebot der Lebensplanung im schulischen Kontext; flexible Maßnahmen im Anschluss an Schule; Heranführung an die Gemeinschaft ‚in Stufen‘; vielfältige Möglichkeiten und Anlaufstationen, einen zertifizierten Schulabschluss zu erwerben.

  • Das Konzept der „Challenge School“ als offenes und die individuellen Neigungen akzeptierendes Angebot.

  • Das erlebnispädagogische Angebot „Challenge Camp“ und die Bedeutung des „Erlebens“ von Gemeinschaft und Natur.

  • Die Verknüpfung von beruflicher Erstqualifizierung und Weiterbildung in beruflichen Bildungsstätten (Lebenslanges Lernen).

Besonders beeindruckend war das vom Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Arbeit initiierte Konzept der „Support Stations“. In Japan gibt es bislang 116„Support Stations“, die von NPOs und Verbände im Auftrag der öffentlichen Seite betrieben werden. Der weitere Ausbau ist geplant. Die
„Support Stations“ sind die ersten Anlaufstellen (SHIEN NO IRIGUCHI) für junge Menschen und deren Familien, wenn sie den Schritt in die Erwachsenenwelt bzw. Arbeitswelt nicht schaffen. Als offene, diskrete und niedrigschwellige Anlaufstelle außerhalb von Schule bieten die „Support Stations“ eine sehr individuelle und Bedarfsgerechte Begleitung an. Die Zusammenarbeit der "Support Stations“ mit Schulen soll weiter gestärkt werden, um möglichst frühzeitig mit der Unterstützung ansetzen zu können.

Die Ergebnisse und Erfahrungen des Studienprogramms wurden am Ende des Aufenthaltes den beteiligten Ministerien und einem breiten Interessentenkreis in Zusammenarbeit mit der zeitgleich in Japan anwesenden Fachgruppe des JDZB in Tokio vorgestellt (Download der Präsentation). Vertiefend werden die Facherfahrungen in einem Bericht vor dem Hintergrund der aktuellen deutschen Diskussionen und des eigenen Arbeitskontextes reflektiert und u.a. in die Abschlusskonferenz des Projektes „transitions“ im Herbst 2014 einfließen.

Am 24. Mai haben die ersten bilateralen Fachgespräche für das Jahr 2013 zwischen dem japanischen Bildungsministerium (MEXT) und dem Bundesjugendministerium (BMFSFJ) in Tokio stattgefunden. Die Verbindung von bilateraler Zusammenarbeit und multilateralen Kooperationsprojekten (MKPs) bietet eine Perspektive für die jugendpolitische Zusammenarbeit mit Japan, so ein Ergebnis der Gespräche.

>> Abschlusspräsentation des Fachaustauschs zum Download



Kommentare ( 1 )

sabine


"Der Unterschied zwischen einer eher individualistisch geprägten Gesellschaft wie in Deutschland und einer kollektivistisch geprägten Gesellschaft wie in Japan" - hübsches wie unsinniges Stereotyp. Im weiteren Text wird von Wertschätzung des Einzelnen, von individualisierter "Career Education" geschrieben, und so der Eingangssatz ad absurdum geführt. Klischees nicht immer wieder nachbeten, sondern die Entwicklungen innerhalb der Gesellschaften zur Kenntnis nehmen! Nach 10 Jahren Aufenthalt in Japan habe ich es satt, die immer gleichen Vorurteile zu lesen, die so schön bequem die Unterschiede markieren.

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