Dorothea Wünsch

Fachkräfteaustausch mit Japan über zivilgesellschaftliches Engagement und Umsetzung einer regionalen "Cohesive Society"

Auf Einladung des japanischen Cabinet Office besuchte im Rahmen des „Community Core Leaders Development Program“ vom 13. bis zum 28. Februar 2017 eine deutsche Fachkräftegruppe Japan. Im Fokus des Programms stand die Qualifizierung und Vernetzung von Vertreter(inne)n zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie die Förderung des gesellschaftlichen Engagements in der Community, hier insbesondere bei sozialen Aktivitäten für die Zielgruppen Ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und Jugendliche. Damit soll ein Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes im Sinne einer „Cohesive Society“ geleistet werden.

BildImage: Christian Jungk

Das Konzept der „Cohesive Society“

Mit diesen Zielsetzungen knüpft das Programm an zwei zentrale Strategien der japanischen Regierung an: Die „Japan Revitalization Strategy“  und die „Japan’s Plan for Dynamic Engagement of All Citizens“. Beide Strategien zielen darauf ab, die Ressourcen in der Community angepasst an die spezifischen Rahmenbedingungen vor Ort zu nutzen und das Potenzial aller im Sinne der Gesellschaft bzw. einer „Cohesive Society“ zur Entfaltung zu bringen. Durch verbesserte Kinderbetreuung und durch die Förderung der Work-Life-Balance soll im Sinne einer inklusiven Gesellschaft insbesondere auch die Beschäftigung von Frauen, älteren Menschen und Menschen mit Behinderung gefördert werden und das harmonische Miteinander in sozialer Sicherheit als Basis für ein gesundes Wirtschaftswachstum gestärkt werden. Für die Umsetzung und Gestaltung der Politik der „Cohesive Society“ ist ein Generaldirektorat im Cabinet Office verantwortlich. Das Konzept der „Cohesive Society“ basiert dabei auf den drei Säulen „Raising Next-Generation of Children and Young People“, „Promotion of Social Inclusion“ und „Protection of Peaceful Existence“.

Das Konzept der „Cohesive Society“ und die beiden Strategien sind als Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen im sozialen Bereich - wie demographischer Wandel bzw. alternde Gesellschaft und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel  sowie zunehmende soziale Ungleichheiten, Landflucht, Jugendprobleme und Individualisierungstendenzen - zu verstehen. Die Strategien machen zugleich auch eine Verschiebung bei der Verantwortung für gesellschaftliche Fürsorge zwischen Staat, Unternehmen, Familie und Zivilgesellschaft deutlich.

Entwicklungen und Herausforderungen im sozialen Bereich in Japan

Gemäß konfuzianischer Tradition ist die Familie die Keimzelle der Gesellschaft und traditionell für die Versorgung und Unterstützung von (Pflege)bedürftigen Familienmitgliedern verantwortlich. Die Erziehung der Kinder und die Pflege der älteren Generation ist entsprechend des frauenzentrierten Familienmodells insbesondere Aufgabe der Frauen gewesen. Die Inanspruchnahme von externer Unterstützung ist traditionell nicht so verankert.

Im Zuge des starken Wirtschaftswachstums zu Beginn der 1960er Jahre wurde die soziale Fürsorge im Sinne eines betriebszentrierten Modells weiterentwickelt. Insbesondere in den Großunternehmen wurde dem lebenslang Beschäftigten ein umfassendes Fürsorgeangebot (für die ganze Familie) garantiert. Der Staat hat sich bei der sozialen Sicherung in diesen Zeiten zunehmend auf marktorientierte Kräfte verlassen.

Unter dem Eindruck der Ölkrise stand dieses Konzept auf wackeligen Beinen und der Staat sah sich zum Handeln genötigt. Der damalige Ministerpräsident Tanaka erkannte 1973 die Notwendigkeit wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen und erklärte das Jahr zum „Ersten Jahr der Wohlfahrtsära“. In Folge wurden ergänzend zu den bisherigen Fürsorgeangeboten in den Kommunen Wohlfahrtsämter etabliert, deren Mitarbeiter(innen) u.a. ehrenamtliche Wohlfahrtsbeauftragte in den Nachbarschaftsvierteln koordinierten.

Durch das Wegbrechen der Großfamilienstrukturen und der Möglichkeit der familieninternen Pflege und Betreuung, mit der Zunahme von atypischen Beschäftigungen ohne soziale Sicherung und unter dem Druck des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels bzw. der Erfordernis der Förderung der Frauenbeschäftigung etc. haben sich vielfältige gesellschaftliche Aufgaben ergeben, die der Staat allein nicht übernehmen kann. Um dem Wandel gerecht zu werden, beschäftigt sich Japan mit weitereichenden sozialen und politischen Reformen. So hat die japanische Regierung u. a. auch das Potenzial von zivilgesellschaftlichen Akteuren und Non-Profit-Organisationen (NPOs) ebenso wie die Ressourcen der lokalen Gesellschaft im sozialen Bereich zunehmend in den Blick genommen.

Förderung von zivilgesellschaftlichen Strukturen zur Begegnung der gesellschaftlichen Herausforderungen

Das Bürgerrecht als Voraussetzung für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft (bzw. von Vereins- und Verbandsstrukturen) wurde zwar mit der neuen Meiji-Verfassung 1889 festgeschrieben, ist jedoch gesellschaftlich in Japan nicht so verankert. Auch wenn in diesen Zeitraum die durch internationale Kontakte initiierte Gründung von einigen großen gemeinnützigen Verbänden (wie bspw. das Rote Kreuz) fällt, erfolgte die Selbstorganisation und Beteiligung insbesondere vor Ort in sogenannten Stadtviertelvereinigungen. Ein Impuls für zivilgesellschaftliches Engagement (im Sinne des überörtlichen Engagements für andere) war das schwere Erdbeben in Kobe im Jahr 1995.

Seither ist ein deutlicher Trend zur Bereitschaft zum gesellschaftlichen Engagement sowie zur Vereinfachung der Etablierung und des Agierens von NPOs zu erkennen: Das 1998 verabschiedete NPO-Gesetz enthielt eine neue Rechtsform für zivilgesellschaftliches Engagement; 2008 wurde eine weitere Rechtsform mit Steuervergünstigungen eingeführt. Die traditionellen Akteure aus dem Wohlfahrtsbereich werden durch neue zivilgesellschaftliche Kräfte ergänzt. Das 2010 veröffentlichte Konzept der „New Public Commons“ befördert die Vergabe von Aufgaben im sozialen Bereich und somit die Verantwortungsübernahme für soziale Belange durch zivilgesellschaftliche Akteure.

Qualifizierung und Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteure durch das „Community Core Leaders Development Program“

Um diese zivilgesellschaftlichen Akteure zu qualifizieren, wurde das „Young Core Leaders of Civil Society Groups Development Program“ (seit 2016: Community Core Leaders Development Program) initiiert. Durch den Austausch und durch die Vernetzung mit Fachkolleg(inn)en aus dem In- und Ausland sollen Impulse für die Umsetzung von sozialen Aktivitäten im Sinne einer „Cohesive Society“ vor Ort in der Community gewonnen werden. So wird nicht nur zivilgesellschaftlichen Akteuren zunehmend soziale Verantwortung zugeschrieben; auch die Fachkräfte (und somit das Individuum) werden im Sinne von „Empowerment“ in ihrer Rolle gestärkt.

Die aktuellen Entwicklungen haben auch Auswirkungen auf den Kinder- und Jugendbereich. Die bisherigen Strukturen der (außerschulischen) Bildung des japanischen Bildungsministeriums und der Wohlfahrtsstrukturen des japanischen Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt werden durch neue (sozialraumorientierte) Angebote für Kinder und Jugendliche sowohl im präventiven als auch im intervenierenden Bereich ergänzt. Die Grundlage bildet dabei die 2010 verabschiedete „Vision for Children and Young People 2010“.

In einer alternden Gesellschaft gilt es die junge Generation nicht aus dem Blick zu verlieren. Wohlstand und Wirtschaftswachstum konzentrieren sich auf die Großstädte an der Küste. Die Jugend findet hier eher Unterstützung und Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auf dem Land gibt es weniger Kinder und Jugendliche und auch weniger Angebote für die junge Generation. Mangels Fachkräfte und aufgrund der Altersstruktur gewinnen generationsübergreifende Aktivitäten zur Förderung von Kindern und Jugendlichen und zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen an Bedeutung.

Erfahrungen aus den deutsch-japanischen Austauschaktivitäten

Vor diesem Hintergrund besuchte im Oktober 2016 eine japanische Fachkräftedelegation zum Thema „Development of Human Resource to Support Growth of Children and Young People“ Deutschland. Weitere Informationen zum Aufenthalt der japanischen Fachkräfte in Deutschland sind im Newsletter von Horizont e.V. zu finden. Der Dank gilt allen beteiligten Fachkräften und gastgebenden Einrichtungen: tjfbg gGmbH, Carl-von-Ossiezky Schule, Jugendrotkreuz Berlin, Landratsamt Landkreis Nordhausen, Jobcenter Landkreis Nordhausen, Hochschule Nordhausen, JugendSozialwerk Nordhausen e.V., Gedenkstätte Mittelbau Dora sowie beim Partner für das Regionalprogramm in Nordhausen, dem Horizont e.V. mit der lift gGmbH und dem Kochhaus.

Zur weiteren Vernetzung waren im Februar 2017 bereichsübergreifende Delegationen aus Deutschland, Finnland und Großbritannien nach Japan eingeladen.

>> Bericht von Ellen Herzog aus dem Regionalprogramm „Soziale Aktivitäten für Jugendliche“ in der Präfektur Kagoshima (PDF-Download)

>> Bericht von Ulrike Werner aus dem Regionalprogramm „Soziale Aktivitäten für Menschen mit Behinderung in der Präfektur Oita zum Thema“

>> Bericht von Sabine Landau aus dem Regionalprogramm „Soziale Aktivitäten für Ältere Menschen“ in der Präfektur Tottori (PDF-Download)

>> Weitere Informationen zum „Community Core Leaders Development Program“ sind auf der Webseite des Cabinet Office zu finden.



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