Ulrike Werner

Inklusion in Japan und Europa: Verschiedene gesellschaftliche Hintergründe – ähnliche Herausforderungen

Es gibt verschiedene Rahmenbedingungen was die Gesetzgebung, die Infrastruktur oder auch gesellschaftliche und kulturelle Werte und Visionen angeht, aber ähnliche Herausforderungen. Das war eine zentrale Erkenntnis des Regionalprogramms in Oita/Japan im Rahmen des Fachaustausches des japanischen Cabinet Office vom 14. bis 28. Februar 2017.

eine Gruppe japanischer Kinder in traditionellen Kostümen
BildImage: Ulrike Werner

Gemeinsam mit Fachkräften aus Japan, Finnland, Großbritannien und Deutschland wurden an vier Tagen verschiedene Einrichtungen besucht, Fachthemen in Kleingruppen vertieft und die Eindrücke bei einem abschließenden Studientag mit der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Auf dem Programm standen Besuche der Präfektur mit Darstellung der Policy-Ansätze bezüglich Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, bei zwei Eltern-Selbsthilfeorganisationen „Oita Prefecture Down Syndrome Liaison Council Himawarikai“ und „Oita Prefecture Autism Society“, im zentralen Gesundheitszentrum, im sozialen Wohlfahrtsunternehmen Tonton mit einem Förderzentrum für Kinder mit Entwicklungsstörungen sowie im Zentrum für Kurzzeitpflege und Nachmittagsbetreuung „Nanairo“ für Kinder und Jugendliche mit leichten Entwicklungsstörungen.

UN-Konvention gibt Rahmen vor

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) wurde von Japan im Jahr 2014 ratifiziert (Deutschland: 2009). Die Ratifizierung erfolgte dort erst nach einer ganzen Reihe von Änderungen in der Gesetzgebung, z.B. der Schaffung des "Gesetzes über die Beseitigung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen" sowie anderer vorbereitender Maßnahmen.

Obwohl die UN-BRK im internationalen Vergleich also relativ spät ratifiziert wurde, ist die Umsetzung in verschiedenen Bereichen schon weit fortgeschritten. Insbesondere im Bereich der Barrierefreiheit von Gebäuden und Infrastruktur und vor allem des universellen Designs war das sehr deutlich zu bemerken.  Grundlegend für die Umsetzung von Inklusion ist in Japan das Konzept einer „Cohesive Society“, welches auf die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zielt. Die Verantwortung für die Gestaltung der Politik der „Cohesive Society“ liegt zentral bei einem speziellen Generaldirektorat im Cabinet Office, also dem Büro des Premierminsters. Es handelt sich um einen umfassenden Ansatz, der einerseits auf traditionelle japanische Werte und Vorstellungen zurückgreift und gleichzeitig durch die Fokussierung auf gesellschaftliche Bedingungen sehr gut das Inklusionsverständnis der UN-CRPD widerspiegelt. Dieses Konzept ist mittlerweile ein zentrales Ziel des politischen Handelns.

Inklusive Gesellschaft: Eine andere Einstellung ist nötig

Trotzdem ist die Bewusstseinsbildung immer noch eine der größten Herausforderungen in Japan (aber auch in den anderen teilnehmenden Ländern Großbritannien, Finnland und Deutschland bei weitem nicht abgeschlossen). Es wurde sehr deutlich, dass eine inklusive Gesellschaft mehr erfordert als Barrierefreiheit und Zugänglichkeit und eine Veränderung der Einstellung jedes und jeder Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt notwendig ist. Um dies zu erreichen, ist es beispielsweise wichtig, die Sichtbarkeit von Menschen mit einer Behinderung im öffentlichen Leben zu erhöhen. Rollenmodelle in Führungspositionen können dabei ein wichtiges Element sein. So kann gezeigt werden, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen gibt sowie ein positives und aktives Bild von behinderten Menschen vermittelt werden.

Es wurden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben erhöht werden kann. Eines der Beispiele war eine Fernsehsendung im japanischen öffentlichen Kanal NHK, die auf humorvolle Weise das alltägliche Leben von Menschen mit Behinderungen zeigt. Sie wird schon seit einigen Jahren wöchentlich ausgestrahlt und macht deutlich, dass das Leben mit einer Behinderung nicht so verschieden ist. Damit trägt sie zu einer neuen Wahrnehmung von "Normalität" bei. Besonders hervorgehoben wurden zum einen die Bedeutung der Medien in der Bewusstseinsbildung und zum anderen die eines humoristischen, natürlichen Ansatzes. Die wichtige Rolle der Medien und Sozialen Netzwerke wurde auch durch einen britischen Videoclip über die Erfahrungswelt eines Jungen mit Autismus unterstrichen.

Informationen müssen leicht zugänglich sein

In dem Video wird ein weiterer Aspekt deutlich, der immer wieder in den Diskussionen auftauchte. Es sollten detaillierte Informationen über spezielle Bedürfnisse verfügbar und leicht zugänglich sein, z.B. für Eltern, Mitschüler/-innen, Lehrer/-innen oder Gruppenleiter/-innen von nicht-formalen Bildungsaktivitäten. Das Ziel sollte es sein, die Merkmale einer Behinderung zu verstehen, um nicht die entsprechende Person für bestimmte Verhaltensweisen verantwortlich zu machen. In Finnland geben einige Non-Profit-Organisationen (NPOs) Trainings für Lehrer/-innen und Schüler/-innen über verschiedene Arten von Behinderungen. In Großbritannien finden verschiedene Peer-Bildungsaktivitäten und Sensibilisierungen in den Schulen statt.

Weitere zentrale Aspekte, die im Rahmen des Regionalprogramms diskutiert wurden, waren die Bedeutung der Einbeziehung der Eltern, die Möglichkeiten der Peer-Unterstützung, der zentrale Stellenwert der Selbstbestimmung und des Empowerments sowie die Fokussierung auf die Bedarfe der einzelnen Personen und nicht auf die Diagnose. Gerade was den letzten Punkt angeht ist, ist die reale Situation allerdings in allen beteiligten Ländern eine andere.

Diskutiert wurde außerdem ein interessanter Ansatz in der japanischen Schulbildung. In einigen Regelschulen gibt es Förderklassen, die sich stärker an den individuellen Bedarfen der dort unterrichteten Kinder mit einer Behinderung orientieren können. Nachmittagsaktivitäten außerhalb des Unterrichts und das sonstige schulische Leben finden aber gemeinsam statt. Auch wenn es für die inklusive Nachmittagsbetreuung derzeit kein spezielles Budget gibt, können auf diese Weise sowohl eine spezifische Unterstützung im Unterricht als auch die Teilnahme am Gemeinschaftsleben erreicht werden.

Die Rolle der Zivilgesellschaft

Non-Profit Organisationen (NPOs) kommt sowohl in Japan als auch in Europa eine wichtige Rolle auf dem Weg zur einer „cohesive society“ zu,  vor allem im Rahmen der Lobby- bzw. Advocacyarbeit, der Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung sowie der Politikberatung, z.B. durch Konsultationen.
Die Idee der NPO-Arbeit ist in Japan allerdings noch sehr jung. Die Zahl der NPOs ist erst vor ca. 20 Jahren, nach dem großen Erdbeben von Kobe, deutlich gestiegen. Eine der Konsequenzen ist, dass die große Mehrheit der NPOs eher klein ist und die Arbeit ausschließlich von Ehrenamtlichen bewältigt wird. Der Mangel an professionellen Mitarbeitenden führt dazu, dass die Arbeit sich eher auf kleine, lokale Projekte beschränkt, aber weniger Auswirkungen auf regionaler und nationaler Ebene hat, vor allem was politische oder Konsultationsprozesse angeht. Um dieser Arbeit ein größeres Gewicht zu verleihen und die Chancen für die Gesellschaft deutlich zu machen, wären eine professionellere Öffentlichkeitsarbeit sowie eine effizientere Vernetzung und die Schaffung von Dachorganisationen hilfreich.

Eine konkrete Idee war das Organisieren von Kontakttagen, an denen junge Menschen mit und ohne Behinderung sowie die NPOs selbst mit Unternehmen oder anderen gesellschaftlichen Akteuren in Kontakt kommen, um die Vorteile einer Zusammenarbeit deutlich zu machen sowie Vorurteile und Hemmschwellen abzubauen.

Darüber hinaus sollten mehr leitende Positionen in NPOs und Projekten von behinderten Menschen übernommen werden. Sie würden nicht nur ihr Wissen und ihre vielen Erfahrungen einbringen, sondern könnten auch als Vorbilder dienen und damit entscheidend zur Bewusstseinsbildung bei allen gesellschaftlichen Beteiligten, mit und ohne Behinderung, beitragen. In Japan gibt es diesbezüglich noch einen sehr großen Nachholbedarf, behinderte Menschen waren als handelnde Akteure nicht sichtbar, aber auch in Deutschland ist die Situation noch ausbaufähig. Im Allgemeinen zeigte sich der Peer-Support als ein sehr wichtiges Thema, das weiter verfolgt werden sollte.

Erkenntnisse fließen in Strategieentwicklung ein

Während des gesamten Programms wurde immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, sich genügend Zeit für die Klärung von Begriffen zu nehmen, auch wenn diese auf den ersten Blick offensichtlich scheinen. Nur so kann eine gemeinsame Basis für die weitere Diskussion geschaffen werden, da Konzepte wie „Inklusion“, „Diversität“, „various persons“ oder „normalization“ oft mit ganz verschiedenen Vorstellungen und Bildern verbunden werden, ohne dass dies den Einzelnen in der Regel bewusst ist. Hier zeigten sich erhebliche Abweichungen zu den japanischen aber auch zwischen den europäischen Fachkräften.

Die vielfältigen Ideen und Erkenntnisse aus den Diskussionen und Projektbesuchen werden nun in die weitere Strategieentwicklung des Projekts VISION:INKLUSiON (www.vision-inklusion.de) einfließen und können beim Fachforum „Chancen eröffnen – Auf dem Weg zu einer inklusiven Internationalen Jugendarbeit“ am 03. Juli 2017 in Hannover diskutiert werden. Außerdem ist zu hoffen, dass die durch das Programm entstandenen Netzwerke auch zukünftig die Projekt-Webseite sowie Konferenzen und Workshops mit internationalen, multidisziplinären Impulsen bereichern.



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