Dorothea Wünsch

Multilateraler Fachkräfteaustausch mit Japan

Deutsche, japanische, dänische und britische Fachleute informieren sich gegenseitig über soziale Aktivitäten und bürgerschaftliches Engagement. IJAB dokumentiert Erfahrungsberichte und Gespräche.

Mit Freunde bei der Sache: Japanische Fachkräfte in Deutschland
Mit Freunde bei der Sache: Japanische Fachkräfte in Deutschland BildImage: Dorothea Wünsch   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Vom 4. bis zum 19. Februar 2013 besuchten auf Einladung des Büros des japanischen Ministerpräsidenten (Cabinet Office) 13 deutsche Fachkräfte, die mit älteren Menschen, Behinderten und Jugendlichen arbeiten, Japan.

Der Aufenthalt diente der Qualifizierung junger Führungskräfte sozialer Organisationen und der Schaffung von internationalen Kontakten zu Fachkolleg(inn)en aus Dänemark, Großbritannien und Japan. Im Fokus stand dabei der multilaterale Austausch über Themen wie bürgerschaftliches Engagement und soziale Aktivitäten von Jugendlichen, Behinderten und älteren Menschen. Das Programm sollte dazu beitragen, die internationalen Erfahrungen und Kenntnisse der Träger von sozialen Aktivitäten zu fördern und durch die neuen Impulse einen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu leisten. Neben fachspezifischen Einrichtungsbesuchen und Seminaren fand ein großes Diskussionsforum zum Thema „Vernetzung und Zusammenarbeit von Non-Profit Organisationen (NPOs), staatlichen Akteuren, Unternehmen und der Bevölkerung auf lokaler Ebene“ statt.

Weitere Informationen bieten die untenstehenden Teilnehmendenberichte:

Dem Programm in Japan ging ein einwöchiger Aufenthalt von neun jungen japanischen Fachkräften in Deutschland voraus, der vom 8. bis 16. Oktober 2012 zum Thema „Soziale Aktivitäten mit Jugendlichen – Ausbildung und Qualifizierung von Mitarbeitern der Jugendarbeit in Deutschland“ in Berlin und Hamburg stattfand.  Neben der Vorstellung von  Systemen und Curricula der Ausbildung sowie Weiterbildungsmöglichkeiten wurden die Ausbildungsinhalte auch vor dem Hintergrund der Anforderungen in der Praxis diskutiert. Bestandteil des Programms war auch eine halbtägige JULEICA-Schulung.

Besonders beeindruckt waren die japanischen Gäste von dem ausdifferenzierten System der Kinder- und Jugendhilfe sowohl im Hinblick auf die Finanzierung, Rollenverteilung zwischen öffentlichen und freien Trägern, Angebote als auch Qualifizierung von Fachkräften. In Japan ist Jugendarbeit bzw. außerschulische Jugendbildung nicht so verankert. Bildung ist vor allem Schulbildung. Die Bedeutung von Jugendarbeit wird zunehmend erkannt, aber es fehlen die Fachkräfte. In Japan gibt es zwar die Qualifikation zur/-m Sozialarbeiter(in), jedoch entspricht diese Ausbildung nicht dem Bedarf vieler NPOs im Jugendbereich. Die japanischen Gäste waren vom breiten Spektrum der Qualifizierungsmöglichkeiten – von den universitären Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Sozialpädagogik/Sozialarbeit, zur Qualifizierung von Ehrenamtlichen über die JULEICA und vielfältige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten – und dem hohen Grad an Professionalität und Fachlichkeit fasziniert.

In den Gesprächen mit den deutschen Fachkolleg(inn)en wurde deutlich, dass abgesehen von den fachlichen Qualifikationen weitere Aspekte im beruflichen Kontext eine wichtige Rolle spielen. Dabei wurde der Aspekt der Motivation besonders hervorgehoben, der u.a. durch die Förderung der Eigeninitiative, die Teilhabe an Entscheidungsprozessen und die Verantwortungsübernahme für die eigene Arbeit befördert wird. Aber auch die Bedeutung von Prozessorientierung in der Arbeit und Teamarbeit haben die japanischen Fachkräfte als Impulse für ihren japanischen Arbeitskontext mitgenommen. Gleichzeitig ist auch die Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Organisationen als ein wichtiger Aspekt benannt worden. Mit ihren in Deutschland gewonnen Erfahrungen wollen die japanischen Fachkräfte dazu beitragen, das Selbstverständnis bzw. ein gemeinsames Verständnis von Jugendarbeiter(innen) in Japan zu entwickeln und weiter zu befördern.

IJAB hat mit der Teilnehmerin Frau Miyuki ISE vom MANABONOTANE Network ein Gespräch geführt.

Was ist Ihnen am Leben in Deutschland aufgefallen?

Ich habe viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan wahrgenommen. In vielen Dingen hat sich Deutschland so nah und vertraut angefühlt. Das Engagement der Jugendarbeiter und ihre Arbeit für und mit jungen Menschen zur Förderung der Selbstständigkeit sind sehr ähnlich.

Was machen Sie beruflich?

Ich bin stellvertretende Direktorin vom MANABONOTANE-Network und arbeite als Career Education Coordinator in Schulen und mit Bewohner(inne)n im Stadtteil („Community“). Im Jahr 2007 wurde der Career Education Promotion Plan in Zusammenarbeit zwischen dem Wirtschaftsministerium (METI), Bildungsministerium (MEXT) und Arbeitsministerium (MHLW) Japans verabschiedet, um die Career Education bzw. die Vorbereitung auf den Beruf zu fördern. Career Education wird seit etwas mehr als zehn Jahren in Japan diskutiert.

Das MANABONOTANE-Network wurde 2007 in Sendai, der Hauptstadt der Provinz Miyagi gegründet, um das Programm des japanischen Wirtschaftsministeriums zur Förderung der Career Education an Grundschulen umzusetzen. Als Career Education Coordinator arbeite ich sowohl mit Schulen als auch mit der Community eng zusammen. Auf der einen Seite führe ich Aktivitäten im Stadtteil durch, um Menschen zu motivieren und  zu mobilisieren, ehrenamtlich Projekte mit Schüler(inne)n an Schulen durchzuführen. Gleichzeitig biete ich Workshops im Sinne vom „Career Guidance“ an Schulen an. Dabei steht die Verknüpfung von schulischem Lernen und dem realen Leben im Vordergrund. Die Aktivitäten verfolgen die Zielsetzung, Schüler(innen) zu befähigen, ein selbständiges Leben zu führen und sie auf ihre berufliche Tätigkeit vorzubereiten.

Welches sind aktuelle Herausforderungen in der Arbeit mit Jugendlichen in Japan?

Die Zusammenarbeit der beteiligten Akteure ist eine große Herausforderung. In Japan sind viele verschiedene Akteure für die Belange von jungen Menschen zuständig. Es gibt Netzwerke mit regelmäßigen Treffen. Aber die Treffen könnten optimiert werden. Und besonders wichtig ist es, das Wohl und die Interessen der Kinder und Jugendlichen nicht aus den Augen zu verlieren. Auch die Reflexion der Angebote und der eigenen Arbeit ist wichtig, um junge Menschen optimal unterstützen zu können.

Das Verhältnis zwischen öffentlicher Verwaltung und NPOs ist in Japan nicht auf gleicher Augenhöhe. Die Förderung der Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig für die NPOs, um die eigene Arbeit auch gegenüber den öffentlichen Akteuren sichtbarer und transparenter zu machen. Professionelle Kommunikation- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Lobbyarbeit sind von großer Bedeutung.

Wo haben Sie in Deutschland interessante Anknüpfungspunkte für Ihre Arbeit und für die Jugendarbeit in Japan gefunden?

Die gesellschaftliche Verankerung von sozialem Lernen und die Förderung der Eigenständigkeit von jungen Menschen waren für mich Schlüsselaspekte des Deutschlandbesuches. Ganz besonders deutlich wurde dies bei den Besuchen der Jugendfeuerwehr Hamburg und beim Kinder- und Jugendbeirat Ahrensburg. In den Gesprächen mit den Jugendlichen wurde deutlich, wie sehr sie sich verbunden fühlen mit ihrem Stadtteil bzw. ihrer Stadt. Aus dieser Verbundenheit resultiert ein hohes Maß an Motivation zum Engagement und zur aktiven Mitgestaltung. Beim Kinder- und Jugendbeirat Ahrensburg wurden sehr konkrete Beispiele von Partizipationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft und in der Kommunalpolitik vermittelt. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendlich sind in Japan begrenzt. 

Die Selbstverständlichkeit von sozialem Lernen und die Bedeutung der Vermittlung von sozialen Kompetenzen auch in der Familie und Schule möchte ich noch stärker in den japanischen Kontext einbringen. Ich habe eine klare Vorstellung von meiner Rolle. Ich möchte mich als Jugendarbeiterin für junge Menschen in der Gesellschaft einsetzen und so zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Jeder Mensch hat besonderen Kompetenzen, mit denen er die gesellschaftliche Entwicklung befördern kann und somit als Mensch Wertschätzung erfährt.

Die Jugendlichen sind Hauptakteure in der Gesellschaft. Sie haben in der „Community“ eine wichtige Rolle. Durch gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme an den Planungen wird die Lebendigkeit sowie Liebe zum Stadtteil entfaltet und das Selbstbewußtstein sowie die Motivation sich weiterzuentwickeln und weiterzubilden gefördert. Die Aufgabe der Jugendarbeit ist diese Motivation zu unterstützen und zu beflügeln.

Das Büro des japanischen Ministerpräsidenten führt das multilaterale Qualifizierungsprogramm mit dem Titel „Young Core Leaders of Civil Society Groups Development Program“ seit 2002 in Japan und verschiedenen Partnerländern durch. Die deutsche Seite ist seitdem regelmäßig eingeladen worden, sich daran zu beteiligen. IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit koordiniert dieses Programm auf deutscher Seite im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


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