Christian Herrmann

Nach 40 Jahren immer noch von Japan begeistert

Dieter Wartig war 1972 mit einem Jugendaustausch von IJAB in Japan. Woran erinnert er sich 40 Jahre später? Linda Beider, die zur Nachhaltigkeit im deutsch-japanischen Austausch forscht, möchte das wissen und wir durften zuhören.

Dieter Wartig und Linda Beider
Dieter Wartig und Linda Beider BildImage: Christian Herrmann

Im Büro von Dorothea Wünsch, die den Japanaustausch bei IJAB betreut, ist es heute eng. Dieter Wartig erzählt, wie er 1972 mit einem Jugendaustausch von IJAB nach Japan kam, und Linda Beider, die zur Nachhaltigkeit und Wirkung des deutsch-japanischen Fachaustauschs forscht, hört ihm aufmerksam zu. Im Rahmen ihres Sozialmagamentstudiums an der Hochschule Niederrhein schreibt sie an ihrer Masterarbeit. Dazu wird sie die Teinehmer/-innen der themenorientierten Japanprogramme von IJAB seit 2005 befragen. Dieter Wartig ist also nicht im engeren Sinne ihre Zielgruppe, aber sie möchte sich ein erstes Bild darüber machen, was man bei einer solchen Reise erlebt und zugleich etwas über die Geschichte des Japanaustauschs erfahren.

Mit 139 Teilnehmer/-innen und 20 Betreuer(innen) flog Dieter Wartig damals über die Polarroute nach Tokio und reiste dann weiter per Zug und Bus nach Kyoto, Kobe, Osaka und Yokohama. 24 Tage lang wurde ein Land bereist, das für die meisten Deutschen damals noch fremd und exotisch war. Dieter Wartig musste sich – wie alle anderen Teilnehmer/-innen auch – bewerben, um einen der begehrten Plätze zu bekommen. Die Bewerbungsmappe besitzt er noch heute. Wartig, der 1972 für das Jugendsozialwerk des IB arbeitete, erinnert sich an seine damaligen Mitreisenden: „Das waren vor allem junge Arbeitnehmer, Lokomotivführer, Gärtner, alle möglichen Berufe waren da vertreten. Sogar Bonsai-Spezialisten aus Schwaben“ fügt er hinzu und lacht.

„An den 13. April 1972 – auf den Tag genau ist das 40 Jahre her – kann ich mich sehr genau erinnern“ sagt Dieter Wartig. „Das war einer der ganz seltenen Tage, an denen der Fujiyama von Tokio aus zu sehen war. Der Smog war so schlimm, dass der Berg immer im Dunst lag. Die japanischen Zeitungen berichteten darüber, wenn es mal nicht so war.“ Die japanische Industrieproduktion und ihre Folgen für Mensch und Natur entwickelten sich zu einem Thema des Aufenthalts. Auf dem Programm standen Besuche bei der Industrie- und Handelskammer, einer Werft, bei Toshiba und Sony. Besonders beeindruckt ist Dieter Wartig von den japanischen Baustellen bis heute: „Das kann man sich nicht vorstellen, wie die gebaut haben“ staunt er. „An den Autobahnen wurde nachts gearbeitet. Wir sind einmal über eine gefahren, die hatte unter uns schon zwei Bahnen und über uns wurde gerade die vierte Bahn gebaut“. Gegen die Probleme, die der Boom der japanischen Wirtschaft mit sich brachte, regte sich erstmals zaghafter Widerstand. „In den Zeitungen gab es Bilder von verstümmelten Kindern, das lag an den Umweltgiften. Laut demonstrieren, das war nicht die Art der Japaner, aber schweigen wollten sie auch nicht mehr“ erinnert sich Wartig.

Dieter Wartig hat ein Fotoalbum mitgebracht, das er nach seiner Japanreise zusammengestellt hat. Bei vielen Bildern kommen Erinnerungen auf: „Wir hatten eine blonde Teilnehmerin in der Gruppe. Zu der kamen dauernd die japanischen Kinder und fragten, ob sie ein Haar haben dürften“. Linda Beider, die im Mai mit IJAB nach Japan fahren wird, schaut ihn amüsiert an. „Mit meinen 1.90 Metern bin ich natürlich überall aufgefallen“ fährt Wartig fort und deutet dabei auf ein Foto, das ihn inmitten einer Gruppe traditionell gekleideter japanischer Frauen zeigt. Die Damen reichen ihm so eben bis zur Brust. 

Gerne erinnert sich Dieter Wartig noch immer an die Gastaufenthalte in japanischen Familien. Zweimal war die Gruppe privat untergebracht. „Die Fenster waren aus Papier, nicht aus Glas, und ich durfte im Zimmer der Tochter schlafen, die war solange bei ihrem Bruder untergebracht. Das Zimmer war gerade doppelt so groß wie die Matte, auf der ich schlief.“ Die Enge in vielen japanischen Haushalten beschäftigt ihn noch immer. „Für die Wohnung gab es grüne Schlappen und für Bad und Toilette rote. Einmal hab ich das vergessen und kam mit den roten Schlappen ins Wohnzimmer. Niemand hat etwas gesagt, sie haben nur alle fassungslos auf meine Füße gestarrt. Mein Kopf muss so rot wie die Schlappen geworden sein.“ Dorothea Wünsch muss lachen. Auch wenn die Japanprogramme von IJAB heute völlig anders sind, haben sich manche interkulturelle Erlebnisse nicht verändert. 

IJAB führt schon lange keinen Jugendaustausch mit Japan mehr durch. Stattdessen findet Fachkräfteaustausch statt, der sich auch multilateral entwickelt. So fand im Februar dieses Jahres ein gemeinsamer Austausch zu Fragen des bürgerschaftlichen Engagements und der sozialen Aktivitäten in den Bereichen Jugend, behinderte und ältere Menschen statt, an dem sich neben deutschen und japanischen Fachkräften auch Kolleg(inn)en aus Dänemark und Neuseeland beteiligten. Am 12. Mai wird wieder eine deutsche Delegation mit IJAB im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nach Japan aufbrechen. Die Zusammenarbeit von schulischer und non-formaler Bildung wird thematisch im Mittelpunkt stehen. Linda Beider freut sich schon darauf, die begeisterten Erzählungen von Dieter Wartig haben bei ihr Wirkung gezeigt. 

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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