Dorothea Wünsch

Soziale Aktivitäten und bürgerschaftliches Engagement – multilateraler Fachkräfteaustausch in Japan

Gemeinsam mit Kolleg(inn)en aus Dänemark, Neuseeland und Japan nahmen deutsche Fachkräfte am Programm „Young Core Leaders of Civil Society Development Program“ teil. Im Fokus stand der multilaterale Austausch über Themen wie bürgerschaftliches Engagement und soziale Aktivitäten in den Bereich Jugend, behinderte und ältere Menschen.

Die japanischen Teilnehmenden am NPO Management Forum BildImage: Dorothea Wünsch

Auf Einladung des Büros des japanischen Ministerpräsidenten (Cabinet Office) nahmen vom 6. bis zum 21. Februar 2012 zwölf deutsche Fachkräfte aus den Bereichen sozialen Aktivitäten mit älteren Menschen, Behinderten und Jugendlichen am Programm „Young Core Leaders of Civil Society Development Program“ in Japan teil. Ziel des Programms ist es, die Managementkompetenzen der NPOs weiter zu stärken und den Erfahrungsaustausch sowie die Vernetzung mit nationalen und internationalen Partnern zu fördern. Das Büro des japanischen Ministerpräsidenten führt und finanziert das multilaterale Qualifizierungsprogramm seit 2002 in Japan und verschiedenen Partnerländern durch, seit 2008 ist Deutschland regelmäßig eingeladen an dem Programm mitzuwirken.

In der ersten Woche stand ein großes Diskussionsforum zum Thema „Management gemeinnütziger Organisationen“ in Tokio auf der Agenda. Die Teilnehmenden aus dem Jugendbereich reisten in der zweiten Programmhälfte nach Kyoto, um dort gemeinsam mit japanischen Kollegen und Kolleginnen aktuelle Themen und Herausforderungen der Jugendarbeit zu diskutieren.

Die Jugendarbeit in Japan in der Vergangenheit

Viele Jahre lang war Jugendarbeit in Japan weitgehend „Aktivitäten von Jugendgruppen“ überlassen, die darauf abzielten, die persönliche Entwicklung junger Menschen durch Outdoor-Unternehmungen und Gruppenaktivitäten zu fördern. Insbesondere in den 60iger und 70iger Jahren erreichten Aktivitäten beispielsweise von Pfadfinder(innen)organisationen vor dem Hintergrund wachsenden materiellen Wohlstands und vermehrter Freizeit in Folge des stetig hohen Wirtschaftwachstums ihren Höhepunkt.

Die Auswirkungen des sozialen und ökonomischen Wandels

In der Folgezeit jedoch gingen solche Aktivitäten einhergehend mit dem umfassenden sozialen und ökonomischen Wandel, rückläufigen Geburtenraten und veränderten Lebensstilen der Bevölkerung immer mehr zurück. Die Probleme der jungen Menschen hingegen wurden immer vielfältiger und schwieriger zu lösen; Verhaltensweisen wie Jugendkriminalität zählen hierzu ebenso wie das Schulschwänzen und der Rückzug aus der Gesellschaft (Hikikomori). Das Konzept der Förderung der Entwicklung von Jugendlichen und die Ansätze dafür befinden sich derzeit an einem Wendepunkt. Insbesondere auch da die Funktion (Fähigkeit zum erzieherischen Einwirken auf Jugendliche) lokaler Gemeinwesen, die zu den Hauptakteuren herkömmlicher Jugendentwicklung/Jugendarbeit zählen, an Bedeutung verloren hat.

Neues Jugendgesetz

Mit dem Ziel die unterschiedlichen Problematiken Jugendlicher anzugehen wurde im April 2010 der nationale Act on Promotion of Development and Support of Children and Young People von der japanischen Regierung verabschiedet. Dieses Gesetz spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Jugendarbeit in Japan. Die Umsetzung ist systematisch bis auf Lokalebene vorgesehen. Präfekturen bzw. Kommunen sind aufgefordert, gemäß der neuen nationalen Vorgaben Kinder- und Jugendpläne aufzustellen und verstärkt koordinierende Strukturen aufzubauen. In der Gestaltung der Angebote sollen Non-Profit-Organisationen (NPOs) noch stärker Aufgaben übernehmen.

Stärkung der NPOs

Die japanische Regierung hat das Potenzial von NPOs im sozialen Bereich und beim Aufbau einer harmonischen Gesellschaft erkannt und somit ein großes Interesse an der Weiterentwicklung des NPO-Sektors. Das entspricht dem „New Public“-Konzept der japanischen Regierung, das eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen staatlichen Akteuren und NPOs bei der Implementierung von sozialen Aktivitäten vorsieht. Seit Inkrafttreten des Gesetzes zur Förderung gemeinnütziger Organisationen (Act to Promote Specified Nonprofit Activities) im Jahr 1998 sind weitere Schritte unternommen worden, um die Rahmenbedingungen für NPO-Aktivitäten zu verbessern und die Gründung von NPOs zu erleichtern. So ergeben sich für sie gute Chancen, sich im Rahmen der Umsetzung eine gute Position in der Jugendarbeitsstruktur zu schaffen. Eine große Herausforderung für NPOs ergibt sich hinsichtlich der Finanzierung, da sie sich nicht auf staatliche Unterstützung verlassen können.

Die Umsetzung der nationalen Jugendstrategie am Beispiel Kyotos

In Kyoto konnten sich die Fachkräfte aus dem Jugendbereich im Rahmen von Einrichtungsbesuchen und Seminaren ein Bild von der Umsetzung der Jugendstrategie auf kommunaler Ebene machen. Die systematische Herangehensweise beeindruckte die internationalen Gäste. Im Oktober 2010 richtete die Stadt Kyoto auf der Grundlage des nationalen Gesetzes das Beratungszentrum Comprehensive Consultation Center und den Local Council ein. Desweiteren entsteht derzeit, gefördert durch die Partnerschaft zwischen öffentlichen und privaten Organisationen, ein neues Netzwerk für Jugendarbeit. Dafür steht exemplarisch die Stiftung Kyoto City Youth Service Foundation, die als Jugendhilfeeinrichtung speziell mit der Koordinierung von Förderprogrammen beauftragt ist. In der Jugendarbeit gewinnt das Motto „Räume für junge Menschen schaffen” zunehmend an Bedeutung.

Besuchte Einrichtungen 

  • Kyoto ARU – Fachorganisation für gesellschaftlich zurückgezogene Jugendliche (Hikikomori). 
    Hikikomori („sich einschließen“, „gesellschaftlicher Rückzug“) bezeichnet ein vor allem in Asien auftretendes soziales Phänomen, bei dem sich Menschen vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen. Definiert werden Hikikomori  als Menschen, die sich weigern, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, sich in ihre Wohnung oder ihr Zimmer einschließen, aus der Gesellschaft und der Familie zurückziehen und den Kontakt auf ein Minimum (z.B. auf das Internet) reduzieren. In manchen Fällen dauert dieser freiwillige Rückzug über Jahre oder sogar Jahrzehnte, wobei vor allem junge Menschen von diesem Phänomen betroffen sind.
    Zum Bericht von Alexander Hofmann, MIKO (Menschen in Kooperation) e.V. (pdf-Dokument)
  • Kyoto Foundation for Positive Social Change – Bürgerstiftung zur Unterstützung von NPO-Aktivitäten im Jugendbereich
    NPOs sind meistens klein, beruhen auf ehrenamtlichem Engagement und sind mit geringen Finanzmitteln ausgestattet. Die japanische Regierung setzt bei dem Ausbau des NPO Sektors auf Stiftungen und die Verankerungen einer Spendenkultur in der japanischen Gesellschaft.
  • Kyoto City Youth Service Foundation – Koordinationsstelle für Akteure der Jugendarbeit in Kyoto und Betreiber von Jugendzentren 
    Zum Bericht von Daniela Gonser, Stadtjugendring Ahrensburg (pdf-Dokument).
  • Kyoto Big Brothers and Sisters Foundation – Angebote für Jugendliche durch ehrenamtlich aktive Studierende
    Zum Bericht von Johannes Glaser, Arbeiterwohlfahrt Friedrichshain Kreuzberg e.V. / AWO Jugendwerk (pdf-Dokument).

Weitere Teilnehmer-Eindrücke: bitte hier klicken (pdf-Dokument).

Bericht von Sandra Fietkau "Auf dem Weg zu einer Gesellschaft für Alle - Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderung in Japan": bitte hier klicken (pdf-Dokument).

Ein Bericht zum Fachaustausch „Soziale Aktivitäten mit älteren Menschen“ von Ragnar Hönig, Abteilungsleiter beim Sozialverband Deutschland e.V. ist in den BAGSO-Nachrichten 03/2012 auf den Seiten 51 und 52 zu finden.



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