Christian Herrmann

Wir haben uns von zwei sehr unterschiedlichen Seiten her auf den Weg gemacht

Vom 25. November bis 8. Dezember waren japanische Fachkräfte aus schulischer und außerschulischer Bildung in Deutschland unterwegs. Die durch IJAB betreute Gruppe erkundete deutsche Schulen und Angebote des non-formalen Lernens. In Bonn traf sie mit der deutschen Gruppe zusammen, die im Frühjahr in Japan zu Gast war. Was unterscheidet die Bildungssysteme beider Länder und was kann man voneinander lernen?

Fachprogramm Japan, Bonn 2012
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

„Man lernt etwas über die eigene Kultur, wenn man woanders hingeht“ sagte eine der deutschen Teilnehmerinnen über ihre Erfahrungen in Japan. Was lernen Deutsche, wenn sie nach Japan gehen, und Japaner, wenn sie nach Deutschland gehen, über formale und non-formale Bildung in beiden Länder? Die Diskussion am 6. Dezember im Bonner CJD zeigte, wie streng getrennt die japanischen Gäste beide Bildungsbereiche in Deutschland erleben, aber auch, welche Vorzüge sie der Arbeit der freien Träger abgewinnen. Sie schätzen die Unabhängigkeit mit der freie Träger in Deutschland agieren, wie selbstbewusst und motiviert sie ihre Arbeit gestalten. Diese Wahrnehmung erstreckt sich auch auf die Arbeit der einzelnen Mitarbeiter/-innen. Der japanischen Delegation fällt auf, wie viel in Deutschland diskutiert wird und mit welcher Selbstverständlichkeit Kolleg(inn)en eigene Meinungen und Vorschläge einbringen. Auch die Kultur des Ehrenamtes und ihre Verbreitung und Verwurzelung in der Gesellschaft nehmen sie positiv wahr. In den Schulen, die besucht wurden, interessiert sie die selbstständige Arbeit in Kleingruppen, die selbstgesteckten Lernziele und die Einbeziehung der Eltern.

Die deutschen Japanbesucher/-innen haben eine Erklärung, warum das so gut ankommt: In Japan ist Teilzeitarbeit praktisch unbekannt, weil die Lebenshaltungskosten hoch und das Einkommen aus einer Vollzeitstelle daher zwingend notwendig ist. Zudem ist der Leistungsdruck hoch. „Ein japanischer Lehrer macht praktisch zwei volle Stellen“ fasst ein deutscher Teilnehmer zusammen. Die japanischen Gäste bestätigen dies. Für ehrenamtliches Engagement bleibt einfach keine Zeit. „Bei meiner ersten Lehrerstelle war ich jeden Tag nur acht Stunden zuhause“ sagt einer von ihnen.

Das deutsche Schul- und Bildungssystem wirft in der Wahrnehmung der japanischen Delegation jedoch auch Fragen auf. Das hohe Gewicht des kognitiven Wissens im Schulstoff irritiert sie. Man müsse doch auch „das Innere der Kinder erreichen“. Damit ist nicht nur die Beziehung zwischen Lehrer(inne)n und Schüler(inne)n gemeint, vielmehr wird auf ein ganzheitliches Bildungsverständnis angespielt, in dem musische Bildung, Kultur und Naturerleben einen hohen Stellenwert besitzen. Sie sind überzeugt, dass non-formale und außerschulische Bildung hierbei eine wichtige Rolle spielen können, dafür müssten mehr Kooperationen geschaffen werden.

Die deutsche Delegation hingegen hat in Japan ein Schulsystem erlebt, das von den Teilnehmer(inne)n als sehr ganzheitlich, aber auch als sehr zentralisiert beschrieben wird. Zwar gibt es zahlreiche außerschulische Bildungseinrichtungen und sogenannte Outdoor Learning Center mit erlebnispädagogischen Elementen, Auftraggeber sind aber fast ausschließlich Schulen. Ein föderales System, das zur Diversifizierung von Schultypen und Lerninhalten führt gibt es nicht, alles ist staatlich zentralisiert. Die japanischen Besucher nehmen sehr wohl die Vorteile des deutschen Föderalismus im Hinblick auf Flexibilität und Vielfalt wahr, sehen aber auch die Nachteile, wenn es darum geht, erfolgreiche Experimente flächendeckend bekannt zu machen und umzusetzen, sowie vergleichbare Standards zu implementieren. Diese Nachteile kennen natürlich auch die deutschen Fachkräfte. „Wir haben uns von zwei sehr unterschiedlichen Seiten her auf den Weg gemacht“, beschreibt einer der Japanreisenden die Veränderungen der Bildungssysteme in beiden Ländern, „und wahrscheinlich liegt das, was wir am Ende erreichen werden irgendwo in der Mitte“.

Viele Unterschiede in den Bildungssystemen Deutschlands und Japans mögen kulturell begründet sein. Damit bei solchen Mutmaßungen nicht einfach nur Stereotypen verfestigt werden, ist der interkulturelle Austausch ein wichtiger Bestandteil. Die japanischen Teilnehmer/-innen waren ein paar Tage in deutschen Familien untergebracht. Übereinstimmend beschreiben sie dies als wichtigen Höhepunkt der Reise. Viel Gastfreundschaft haben sie gespürt, sagen sie. Auch dass die Deutschen ihre Projekte mit einem Lächeln präsentiert hätten, habe ihr gefallen, ergänzt eine Teilnehmerin.

Zu den interkulturellen Beobachtungen am Rande gehört auch diese: Die Art und Weise wie Deutsche und Japaner ihre Reiseeindrücke schildern, könnte unterschiedlicher nicht sein. Beide haben eine Präsentation vorbereitet. Während die deutsche Gruppe sich auf einen Vortragenden verständigt hat, der die Präsentation mit einer frei gehaltenen Rede begleitet, sprechen die Japaner nacheinander zu jeweils von ihnen vorbereiteten Passagen. Die Texte lesen sie ab – vom Notebook oder Tablet-PC. In der Präsentation zeigt die deutsche Delegation zum Abschluss ein Gruppenfoto, die Japaner haben ein Video geschnitten. Über diese Unterschiede in Teamarbeit und Technologienutzung nachzudenken, lohnt sich.

Weitere Informationen zum Aufenthalt der japanischen Gäste in Deutschland sind im beigefügten Bericht zu finden (pdf-Download). Der vorangegangene Besuch der deutschen Fachkräfte in Japan im Mai 2012 ist unter www.ijab.de/aktivitaeten/internationale-zusammenarbeit/japan/japan/a/show/fachaustausch-zum-thema-zusammenarbeit-von-schulischer-und-non-formaler-bildung/ dokumentiert.

Vom 11. bis zum 25. Mai 2013 ist ein Studienprogramm für deutsche Fachkräfte in Japan geplant. Weitere Informationen sowie die Ausschreibungsunterlagen finden Sie in Kürze auf ijab.de.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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