Christian Herrmann

Die Freiheit festhalten

“Freiheit muss man leben, nicht nur davon erzählen!”, war einer der bewegendsten Sätze auf dem deutsch-nordafrikanischen Match-Making-Seminar in Berlin, zu dem IJAB im Rahmen der Transformationspartnerschaften des Auswärtigen Amtes eingeladen hatte. Drei Tage lang, vom 27. bis 29. November, diskutierten die rund 60 Teilnehmer/-innen aus Ägypten, Marokko, Tunesien und Deutschland über mögliche neue bi- und multinationale Projekte im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Ein vielsprachiges Brainstorming, in dessen Ergebnisse die Teilnehmerinnen und Teilnehmer große Hoffnungen setzen.

Lebhafte Diskussionen beim Match-Making-Seminar Nordafrika in Berlin
Lebhafte Diskussionen beim Match-Making-Seminar Nordafrika in Berlin BildImage: Sebastian Jabbusch   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

“Die Welt schaut auf die Jugend Nordafrikas!”, erinnerte IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber bei der Begrüßung in Anspielung an den arabischen Frühling und seine ermutigenden Auswirkungen für einen demokratischen Wandel in der Region. Die Veranstaltung solle diese Entwicklung unterstützen und nachhaltige Projektenideen auf den Weg bringen, die gemeinsam und auf Augenhöhe erarbeitet würden.

Herzliche Worte fand auch Bertram von Moltke, Referatsleiter Kultur und Medien und internationaler Jugendaustausch, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Namen des Auswärtigen Amtes begrüßte. „Die Saat soll nun aufgehen und Früchte tragen. Wir möchten diesen Prozess mit Ihnen in Gang bringen.”

Ein Hauch der arabischen Revolution schwang auch in den Beiträgen der Teilnehmer/innen mit, als sie die aktuelle jugendpolitische Situation ihrer Heimatländer darstellten: “In Tunesien macht die Jugend einen großen Teil der Bevölkerung aus. Die Jugend hat die Revolution angeführt und die Parolen formuliert, die die arabische Welt erobert haben. Unsere Jugend ist voll feuriger Lebendigkeit. Sie hat sich aus Zwängen befreit, die sie seit Jahrzehnten gefesselt hatten und will nun die Freiheit festhalten, um die Demokratie zu verankern”, erzählte Néji Jomaa vom Verein “Citoyennete pour Tous” voller Stolz und Optimismus. Der Übergang zur Demokratie dürfe jedoch nicht ewig dauern. Viele Jugendliche seien bereits enttäuscht. In einer Umfrage sei ermittelt worden, dass sich viele vorstellen können, nach Europa auszuwandern oder gar nach Syrien in den Dschihad zu ziehen, sollte sich nichts verändern.

Dem pflichtet der Marokkaner Hicham Belkouch vom Institut Prometheus pour la Démocratie et les Droits Humains bei. In Marokko wollen aktuell rund 33 % der Jugendlichen das Land verlassen. Die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Analphabetismus habe daher bei ihnen die größte Priorität.

George Ramzi Rafla von der ägyptischen “Abgad Hawaz Stiftung” stellte ebenfalls Bildung und Beschäftigung als Priorität in den Vordergrund: „50 Prozent der jungen Menschen sind arbeitslos und trotzdem müssen wir mangels Fachleuten für viele Aufgaben Experten aus dem Ausland nach Ägypten holen”. Anregend fand er die dezentrale und stark ausdifferenziere Struktur der Bildungsträger in Deutschland.

Im Verlauf der drei Tage wurde intensiv miteinander geredet: Vorstellungsrunden, Praxisbeispiele, Ländergruppengespräche, Kooperationsgespräche, Finanzierungsberatung, Partnerdiskussionen und Pausengespräche. Ein Sprachengewirr aus arabisch (in verschiedenen Dialekten), englisch, französisch und deutsch wurde durch Sprachhelfer/-innen sowie zwei Dolmetscher aufgefangen.

In dieser Zeit entstanden neue Projektideen. So will das Potsdamer Verein Hochdrei einen Austausch mit Marokko planen, das Kinderprojekt “Radijojo” erwägt eine Ausdehnung seiner Aktivität nach Tunesien und  die Deutschen Pfadfinder/Innen haben einen neuen Kooperationspartner gefunden.  

Am Ende der drei Tage stand trotzdem fest, dass es nicht so schnell geht. „Wir müssen jetzt Projekte entwickeln. Das kann man nicht in 24 Stunden machen, denn sonst leidet darunter die Qualität”, sagte Jamal Touissi, Association Chantiers de la Citoyenneté aus Markoko.

In der Abschlusspräsentation sprach Ahmed Bastawy aus Ägypten ganz offen auch die Sorgen an. Er wüsste noch nicht, ob Ägypten 20 % Eigenanteil bei der Finanzierung aufbringen kann. Und nicht nur Geld wünsche er sich. Für Ägypten sei auch das Know How sehr wichtig. Lernen könnte hingegen Deutschland beim Einsatz von Social Media, wie Facebook. In den arabischen Ländern habe sich dies als selbstverständliches Werkzeug durchgesetzt.

Alle Länder betonen, dass die Schwierigkeit der Visa-Erteilung eine hohe Hürde sei, gerade bei langfristigen Projekten. “Manchmal haben wir das Gefühl nur mit einer Sicherheitsbrille angeschaut werden”, äußerte sich ein Teilnehmer verärgert. Längere Visa-Laufzeiten, Kontaktbüros in den Botschaften und Datenbanken über kooperationsbereite Partner in Deutschland und Europa standen auf der Wunschliste.

Die weitere Zusammenarbeit kann vor allem mit den Mitteln des Auswärtigen Amtes im Rahmen der Transformationspartnerschaften realisiert werden. Rund eine Million Euro stehen dafür im kommenden Jahr zur Verfügung, wie Niels Meggers als Leiter des Geschäftsbereichs für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit berichtete. Deutsche Partner können diese Mittel demnächst beim Außenministerium beantragen. Weitere Informationen zur Finanzierung finden Sie hier: http://www.ijab.de/aktivitaeten/internationale-zusammenarbeit/a/show/wichtige-foerderinformationen-zum-austausch-mit-nordafrika/.

Stimmen zum Match-Making-Seminar

Mirco Reimer von “RadiJojo”

“Wir kommen aus Berlin und machen Radio mit Kindern für Kinder. Erfahrungen haben wir bereits mit einem Projekt in Marokko gemacht. Die Konferenz war für mich super, da ich nochmal einen aktuellen Einblick in die Situation in den Ländern bekommen habe. Wir können uns vorstellen, dass wir unser Projekt jetzt auch noch in andere Länder ausdehnen. Die Tagung war auf jeden Fall sehr hilfreich.”

Judith Gehrke, Referentin für Internationales bei der Grünen Jugend

“Ich fand die Tagung toll, wobei ich ja leider nur zwei Tage dabei war. Sie hat mir geholfen, dass ich mich in dem Feld etwas sicherer fühle. Wir selbst hatten bereits einen Austausch mit Tunesien zum Thema Feminismus organisiert. Es tat gut zu sehen, dass alle anderen Organisationen vor den gleichen Herausforderungen stehen, wie wir auch”.

Helmut Swoboda, Bund der Deutschen Pfadfinder/-innen

“Wir haben auf der Konferenz neue Partner gefunden, konkret einen kritisch orientierten Verein aus Marokko. Zudem konnte ich hier meine schon bestehenden Kontakte vertiefen. Eine solche Austausch-Konferenz habe ich schon mir seit 2006 gewünscht. Ich hab' hier viel gelernt, obwohl ich ja schon seit vielen Jahren in diesen Ländern unterwegs bin. Für die Netzwerkarbeit und als Weiterbildung für Förderungen ist das unerlässlich. Etwas kurz kam mir die Vorstellungen der Vereine.

Ahmed Bastawy, Ro2yati Training Agency (Ägypten)

Die von mir gegründete Agentur unterstützt und berät soziale Initiativen. Ich fand die Konferenz fast hilfreicher für die Vernetzung der nationalen Teilnehmer, als für die internationale Vernetzung. Ob eine internationale Vernetzung wirklich funktioniert hängt jetzt ganz stark von den nächsten Schritten ab. Eine Follow-up- Veranstaltung in einem Jahr wäre wichtig. Ganz konkret habe ich viele Ideen für internationale Projekte, die ich gerne über meine Agentur abwickeln möchte. Dies ist aber von einer funktionierenden Finanzierung abhängig.

Verena Burger, “HochDrei e.V.”, Potsdam

Unser Verein arbeitet bisher vor allem mit Osteuropa und Polen. Auf der Konferenz hab ich mich hauptsächlich mit den Vertretern aus Tunesien und Marokko unterhalten, die gut französisch können, auf Grund der Kolonialgeschichte. Konkret wollen wir jetzt ein Projekt mit einem Partner aus Marokko in der Stadt Rabat zum Thema “Partizipation junger Menschen” beginnen.

Rokia Achmal, Forum de la Citoyenneté (Marokko)

Mein Eindruck ist durchweg positiv. Zunächst war dies mein erster Kontakt mit deutschen Organisationen überhaupt und damit unter kulturellen Aspekten interessant. Die Deutschen ticken nochmals anders als Amerikaner und Franzosen, mit denen ich bisher mehr zu tun hatte. Zweitens fand ich den Austausch mit den anderen arabischen Ländern spannend. Drittens fand ich gut, dass bei der Tagung sehr wenig frontal vorgetragen wurde, sondern wir viel Interaktion hatten. So hab' ich auch ein neues Projekt mit dem Verein HochDrei anstoßen können.

Jamal Touissi, Association Chantiers de la Citoyenneté (Marokko)

Ich bin zum ersten Mal in Deutschland. Wir haben bereits einige Ideen für gemeinsame Projekte mit der Organisation “democray now” zum Thema elektronische Demokratie. Das ist für uns komplett neu, aber sehr spannend. Bei dieser Konferenz habe ich viele neue Ideen mitgenommen, z. B. zum Studentenaustausch, den wir jetzt an der Uni bewerben wollen. Unser Ziel ist es definitiv, dass jetzt Projekte realisiert werden, das ist sehr wichtig.

Lilia Lahmar, Association Tanitarts (Tunesien)

Mit Deutschland hatten wir bisher noch keine Austausche organisiert. Ich persönlich war schon auf vielen Festivals, aber noch nicht in Deutschland. Für mich sind konkrete Projekte und die Finanzierungsmöglichkeiten sehr wichtig, nicht nur die Gespräche. Dies ist hier aber gelungen. Konkret ist meine Idee mit jungen Leuten aus Europa in die ärmeren Stadtteile von Sousse zu gehen, um dort mit ihnen Kunst, Animation und Spiele mit den Kindern zu machen. Kunst kann nämlich Werte transportieren, was mir sehr wichtig ist.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter