Christian Herrmann

Jugendaustausch mit Nordafrika benötigt Verstetigung, Nachhaltigkeit und langfristige Perspektiven

Etwa 40 Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit aus Tunesien, Marokko, Ägypten und Deutschland kamen vom 28. bis 30. November 2015 in Bonn zusammen, um eine Bilanz der im Zuge der „Transformationspartnerschaften“ des Auswärtigen Amts begonnenen gemeinsamen Projekte zu ziehen, sich zu vernetzen und Vorschläge für die Zukunft des Jugend- und Fachkräfteaustauschs zwischen Deutschland und Nordafrika zu machen.

BildImage: Jörg Heupel

Es sind die Bilder der letzten Tage, Wochen und Monate, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der vom Auswärtigen Amt geförderten multilateralen Konferenz zur Wirkung von internationalem Jugendaustausch auf Demokratie und Zivilgesellschaft vor Augen haben, die immer wieder zu leidenschaftlichen Debatten führen. Der Krieg in Syrien und die daraus resultierende Flüchtlingsbewegung, die Terroranschläge von Paris, die Repression in Ägypten, die Verhängung des Ausnahmezustands in Tunesien.

„Es gibt in meinem Land keine Tradition des Dschihadismus“, sagt ein Teilnehmer aus Tunesien. „Es sind die jungen Leute, die voller Hoffnung nach Europa gegangen sind, sich in prekären Verhältnissen wiederfanden und sich in Moscheen mit Imamen aus Pakistan, Afghanistan oder Saudi-Arabien radikalisiert haben. Sie bringen den Terror nach Europa und zu uns, in ihre Herkunftsländer. Es ist ein Problem, das wir gemeinsam haben und das wir nur gemeinsam lösen können.“

Es sind Statements wie diese, die verdeutlichen, wie aktuell der Austausch mit Nordafrika ist, wie dringend nötig er ist. Jugendarbeit setzt an den prekären Verhältnissen junger Menschen an, Internationale Jugendarbeit an Vorurteilen und Feindbildern. Internationale Jugendarbeit wird den Terror nicht aus der Welt schaffen können, aber sie kann etwas zu den Perspektiven junger Menschen beitragen, sie dabei unterstützen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sie in einer gemeinsamen Welt stark machen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bonner Nordafrika-Konferenz beschwören in den 2 ½ Tagen der Veranstaltung immer wieder einen gemeinsamen Blick auf gemeinsame Herausforderungen herauf und verbinden ihn mit Fragen und Wünschen an die Politik.

Versuch einer Zwischenbilanz

„Wie hat sich der Jugend- und Fachkräfteaustausch seit dem Arabischen Frühling entwickelt, was hat er für die Förderung der Demokratie und die Entwicklung der Zivilgesellschaft geleistet?“ fragt IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber in ihrer Begrüßung. Gemeinsam mit den Teilnehmer(inne)n aus Tunesien, Marokko, Ägypten und Deutschland möchte sie einen Rückblick und einen Ausblick wagen. Doch bereits an der Begrifflichkeit scheiden sich die Geister. Demokratie, Zivilgesellschaft, Menschenrechte – niemand unter den Konferenzteilnehmer(inne)n stellt sie in Frage und auch das Verständnis dessen, was damit gemeint ist, ist weitgehend einheitlich. Aber sie denken angesichts der Bedingungen in ihren Ländern in kleineren Schritten und sie wehren sich gegen die Vorstellung, die Gefährdung von Demokratie und Menschenrechten sei ein exklusives Problem ihrer Länder.

Moderator Eike Totter gibt den Anwesenden Gelegenheit ihre Organisation, ihr Projekt, ihre Arbeitsbedingungen auf einem Plakat vorzustellen. Das ist wichtig, denn die meisten nordafrikanischen Teilnehmer/-innen haben zwar einen deutschen Partner, der auch während der Konferenz anwesend ist, aber weder kennen sich die Nordafrikaner/-innen untereinander, noch hat irgendwer im Raum einen Überblick über die Gesamtheit der Projekte.

„Was ist gut gelaufen?“ möchte Moderator Totter von den Anwesenden wissen. Einiges. Der BUND hat sich gemeinsam mit seinem tunesischen Partner für den Schutz der Atlaswälder stark gemacht, beide Organisationen haben sich mit der Zivilgesellschaft und staatlichen Behörden vernetzt. Das Gustav-Stresemann-Institut beteiligte sich in Ägypten an „Cultural Committees“, die zwischen Christen und Muslimen vermitteln konnten. Die Mitarbeiter/-innen des Jugendzentrums in Osterholz-Scharmbeck konnten sehen, wie ihre Jugendlichen verändert aus Marokko zurückkehrten. Freiwillige aus Köln haben gemeinsam mit tunesischen Freiwilligen „Urban Gardening“ auf vermüllten Brachen in Tunis betrieben. Vieles mehr ließe sich benennen. Aber es gibt eben auch Hindernisse – kleine, die sich mit mehr Abstimmung und Unterstützung beheben lassen, aber auch größere, die von den Projektpartnern nicht allein gelöst werden können und in den Rahmenbedingungen der Transformationspartnerschaften und Internationaler Jugendarbeit insgesamt begründet sind.

„Wir leisten eine Arbeit unter Bedingungen, die es eigentlich verunmöglichen, was wir tun“, so fasst Moderator Eike Totter die Stimmung der Teilnehmer/-innen zusammen. Dazu gehören die vielfältigen Probleme der Visa-Vergabe, widersprüchliche Aussagen zur Beteiligung von benachteiligten Jugendlichen, fehlende Anschlussfinanzierung, fehlende langfristige Perspektiven über das bisher definierte Ende der Transformationspartnerschaften in 2017 hinaus. Darüber hinaus gibt es Fragen, die sich nicht zwingend auf der Ebene des einzelnen Projektes stellen, wohl aber auf der Ebene von Stärkung der Zivilgesellschaft insgesamt. Dazu gehört die mangelnde Vernetzung der Projektpartner in den Programmländern untereinander.

Teilnehmer/-innen sprechen Empfehlungen aus

Die Konferenz erweist sich als konstruktiver Prozess. „Ihre Offenheit für den Dialog hat das möglich gemacht“, wird IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber später über den Verlauf sagen. Erst in Kleingruppen, dann im Plenum werden mögliche Punkte für ein Empfehlungspapier zusammengetragen und diskutiert. Es entsteht ein Dokument, das für sich in Anspruch nehmen kann, aus der Praxis des Jugend- und Fachkräfteaustauschs zu stammen und die Erfahrungen der durch die Transformationspartnerschaften geförderten Projekte lösungsorientiert zu reflektieren.

Zu den Empfehlungen gehört der Wunsch, dass die Unterstützung der Zivilgesellschaft unabhängig vom Regierungshandeln in den nordafrikanischen Partnerländern sein muss. Informationen über das Förderprogramm, seinen Verlauf und die geförderten Projekte müssen transparent und öffentlich verfügbar sein. Hilfreich wären Forschungsmittel für die Evaluation von Projekten. Dies und viele weitere Punkte werden von IJAB zu einer langfristigen Vision für den deutsch-nordafrikanischen Austausch zusammengefasst und mit dem Auswärtigen Amt und der Politik diskutiert werden. Das Papier kann als PDF heruntergeladen werden und enthält auch Empfehlungen, die unabhängig von der Diskussion um Rahmenbedingungen Eingang in die Praxis des Jugend- und Fachkräfteaustauschs finden können. Die Empfehlungen liegen auch auf Arabisch vor.

Es sind viele positive Kommentare, die in der Abschlussrunde zu hören sind. Nahezu einhellig ist der Wunsch nach einem weiteren Vernetzungstreffen im kommenden Jahr und es sind die nordafrikanischen Teilnehmer/-innen, die vehement für ein Zusammenkommen in ihren Heimatländern werben. „Kommen Sie zu uns, machen Sie sich selbst ein Bild“, sagen sie. Die deutschen Teilnehmer/-innen haben das gerne gehört.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Multilaterale Konferenz zur Wirkung von internationalem Jugendaustausch auf Demokratie und Zivilgesellschaft, Bonn 2015

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