Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung

Marlene Resch

Internationaler Fachaustausch zur Radikalisierungsprävention: Narrative hinterfragen und Netzwerke bilden

Vom 23. bis 27. September 2019 kamen deutsche und tunesische Fachkräfte zusammen, um über Wege der Radikalisierungsprävention zu sprechen. Im internationalen Austausch wurde jener Dialog gelebt, der auch mit den Jugendlichen in beiden Ländern notwendig ist, um für eine friedvolle Gesellschaft einzustehen.

Mehrere Menschen sitzen an Tischen und sprechen miteinander.
BildImage: Marlene Resch

Bunt beschriftete Zettel an einer Wäscheleine visualisieren die zahlreichen Erwartungen und Impulse der Teilnehmenden des zweiten internationalen Fachaustauschs zur Radikalisierungsprävention. Fachkräfte aus Tunesien und Deutschland sind für fünf Tage in Frankfurt am Main zusammengekommen, um sich über ihre Arbeit und Ansätze in der Präventionsarbeit auszutauschen. Mit einem dichten Programm und viel Motivation starten sie am 23. September in ihr Programm: neue Ansätze kennenlernen, Methoden austauschen und Projektbesuche stehen auf der Agenda.

Einige der Teilnehmenden kennen sich bereits von einem vorherigen Austausch in Tunis, andere sehen sich bei diesem Projekt von CCAB und IJAB zum ersten Mal. Also geht es erstmal darum, sich und die Projekte gegenseitig kennenzulernen: Eine Vorstellungsrunde mit den wichtigsten Eckpunkten der Arbeitsbereiche der Teilnehmer/-innen gibt eine erste Idee, was mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Bereich der Radikalisierungsprävention der beiden Länder sein könnten. Während die tunesischen Teilnehmenden Angestellte des Ministeriums für Jugend und Sport sind, kamen von deutscher Seite sowohl staatliche als auch nicht-staatliche Akteure zusammen. Gemeinsam ist ihnen die Aufgabe, Jugendarbeiter in ihrer praktischen Arbeit mit Jugendlichen zu unterstützen. Dazu zählen auch Fortbildungen und Beratung im Feld Extremismusprävention.

Die tunesische Jugend setzt ein Zeichen

Nach dem Kennenlernen der Menschen und Projekte bleiben jedoch noch Fragezeichen zum Partnerland. Wie funktioniert Jugendarbeit in Tunesien? Wie ist die politische Situation? Welche Herausforderungen gibt es? Um diese Fragen zu klären, zeigt die tunesische Gruppe im Anschluss an die Selbstvorstellung in einem Kurzvortrag die aktuellen Entwicklungen in Tunesien auf. Ein kurzer Abriss von der Revolution 2011 bis heute macht deutlich, wie präsent das Thema Radikalisierung in der tunesischen Gesellschaft ist - und wie die Primärprävention vor allem bei Themen der demokratischen Teilhabe ansetzt.

Besonders die vergangene Präsidentschaftswahl beschäftigt die tunesischen Fachkräfte, da mit dem Verfassungsrechtler Kaïs Saïed gerade von den jungen Wähler/-innen ein Kandidat abseits des Establishments viele Stimmen bekam, der keine politische Vorerfahrung hat. Auch dies sei Ausdruck der Frustration der Jugend und des Misstrauens gegenüber der Politik, das den Weg in radikale Gruppierungen begünstigen könne, erklären die Tunesier. Die Wahlergebnisse seien eine große Überraschung und ein bewegendes Zeichen gewesen: „Diese Wahl kann helfen, den Jugendlichen zu zeigen, dass sie partizipieren müssen, wenn sie etwas verändern wollen“, sagt Naceur Mehdaoui vom CCAB.

Praxis und Forschung müssen besser zusammenarbeiten

Einen Überblick über Extremismus in Deutschland gibt es dann bei der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Dazu gibt es noch Einblicke in die neuesten Arbeiten im Bereich Extremismusforschung: Manjana Sold spricht über die Rolle von Social Media bei der Radikalisierung von Jugendlichen und Clara-Auguste Süß stellt ihr Forschungsprojekt zu islamistischer Radikalisierung in Tunesien vor. Nach dem Input gibt es noch Zeit zu diskutieren und sich vor allem die Frage zu stellen: Wie können Wissenschaft und praktische Arbeit besser verknüpft werden? Sowohl in Deutschland als auch in Tunesien wünschen die Fachkräfte sich einen intensiveren Dialog, um besser von den Erfahrungen des anderen Akteurs lernen zu können.

Beim deutsch-tunesischen Fachaustausch kriegen die Teilnehmenden Einblick in beides: In die Forschung und in die Praxis. Denn am nächsten Tag besuchen sie die Bildungsstätte Anne Frank, eine Einrichtung mit Ausstellungen und Workshops, die demokratische Teilhabe und Reflexion von Stereotypen und Narrativen anregen sollen. Dort können die Teilnehmenden präventive Bildungsarbeit am eigenen Leib erleben. Mit vielen erlebnispädagogischen Elementen hält das Museum den Menschen den Spiegel vor: Durch eine „rassistische Brille“ erkennen man, wie alles eine Frage der Wahrnehmung ist, ein Kartenspiel zeigt, dass der vermeintlich deutsche Gartenzwerg eigentlich aus der Türkei stammt und eine Weltkarte visualisiert die Geschichte der Migration und macht deutlich, dass diese schon immer dazu gehört - und das nicht nur in eine Richtung.

Die Teilnehmer/-innen probieren neugierig alle Formate aus, um im Anschluss gemeinsam zu überlegen, wie die Methoden auf ihre eigene Arbeit übertragbar sind. Inspiriert von diesem Besuch planen die Teilnehmenden ein gemeinsames Methoden-Handbuch zu erstellen: Jeder und jede solle einige exemplarische Methoden, die er bereits erfolgreich genutzt hat, zusammentragen und für die anderen anschaulich aufarbeiten, so dass diese bei Gelegenheit übernommen werden können.

Wie umgehen mit Religion?

Weitere Einblicke in die Arbeit deutscher NGOs gibt der Besuch bei KUBI - Verein für Kultur und Bildung e.V., der sich vor allem für die Unterstützung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten einsetzt. Im Gespräch über die Erfahrungen der Mitarbeiter/-innen wird deutlich, wie notwendig allumfassende Ansätze in der Präventionsarbeit sind. Angeregt durch ein Projekt von KUBI kommt die Gruppe erstmals auf das Thema Kooperationen mit Moscheen zu sprechen, was ein wichtiger Impuls für weitere Diskussionen sein wird. Denn zurück in den Seminarräumen werden Themen für Arbeit in Kleingruppen gesammelt - und dieses wird eines davon sein: Welche Rolle spielt die Religion in der Präventionsarbeit? Und inwiefern kann oder sollte mit Moscheen kooperiert werden?

Am kommenden Tag wird dies diskutiert. Schnell stellt sich heraus, dass Jugendarbeit und Moscheen in Tunesien strikt getrennt sind: „Jugendarbeit in Moscheen ist für mich eine fremde Idee“, sagt eine der tunesischen Teilnehmerinnen. Religion werde zwar selbstverständlich thematisiert und es werden auch Imame zum Dialog in die Jugendzentren eingeladen, aber das bleibe stets außerhalb des Kontexts der Moschee.
In Deutschland sei es wichtig auch die muslimische Jugendarbeit in Moscheegemeinden zu fördern, heißt es von deutscher Seite. „Christliche Jugendarbeit ist hier ganz selbstverständlich, da sollte auch geschaut werden, wie man muslimische Gemeinden in der Etablierung von Jugendarbeit unterstützen könne.“ Wichtig sei jedoch auch, dies von „Prävention“ zu unterscheiden. Das könne sonst zu einer Stigmatisierung der Gemeinden führen. Klar sei, dass etwas getan werden müsse, um den Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass der Islam zu Deutschland gehört - und auch die nicht-muslimische Gemeinschaft in Deutschland besser über den Islam aufzuklären, betont ein Teilnehmer aus der deutschen Gruppe.

Dialog ohne Bewertung

Einen Raum für Dialog über Themen wie Religion und Identität möchte auch das Violence Prevention Network (VPN) bieten. Am letzten Tag trifft die Gruppe zwei der Trainer/-innen des Vereins, die von ihrer vielseitigen Arbeit erzählen: Workshops in Schulen, für Lehrpersonal und Interventionen mit bereits auffällig oder straffällig gewordenen Menschen. An Fallbeispielen erklären sie ihren Umgang mit radikalisierten Menschen, der stark auf Dialog setzt: „Im Endeffekt ist alles was wir tun, reden. Aber ohne Bewertung, wir gehen nicht in eine Diskussion, sondern versuchen zu verstehen. Und im besten Fall führt es dazu, dass die Person selbst reflektiert und versteht.“ Besonders für die tunesischen Teilnehmer/-innen sind die Erfahrungsberichte von VPN wertvoll, da sie ähnliche Arbeit aus ihrem Land kaum kennen: „In Tunesien arbeiten wir hauptsächlich in der Primärprävention und wenig mit Leuten, die bereits radikalisiert sind. Das ist bisher allein Aufgabe der Polizei. Deswegen ist es umso interessanter, etwas über diese Arbeit zu lernen.“, sagt ein tunesischer Teilnehmer.  

Die Projektbesuche wie der beim Violence Prevention Network haben die Teilnehmer/-innen dazu angeregt, auch ihre eigene Arbeit zu reflektieren: Was können sie leisten? Wo gibt es Verbesserungsbedarf? Wo können sie von anderen lernen? Neben diesen Impulsen und neuen Erkenntnisse bleibt vor allem ein Netzwerk, das nun über Grenzen hinweg reicht. Mit der geplanten Arbeit am Methoden-Manual bleibt dies womöglich bestehen - und trägt zum Voneinanderlernen bei.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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