Christian Herrmann

Deutsch-Türkischer Fachausschuss tagte in Köln

Vom 6. bis 9. Oktober 2015 schmiedeten Vertreterinnen und Vertreter deutscher und türkischer Ministerien und zivilgesellschaftlicher Organisationen, die im Jugend- und Fachkräfteaustausch beider Länder aktiv sind, in Köln Pläne für die Zukunft der bilateralen Zusammenarbeit. Das Kennenlernen der Praxis von Jugendarbeit im turnusmäßig wechselnden Gastgeberland ist Teil des Konzepts des gemeinsamen Fachausschusses. Am 7. Oktober 2015 stand ein Besuch beim Jugendwerk Köln auf dem Programm.

In der Küche des Jugendwerks Köln
Deutsch-türkischer Fachausschuss: zu Besuch beim Jugendwerk Köln BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Seit 1994 gibt es ein jugendpolitisches Abkommen zur Zusammenarbeit zwischen dem deutschen und dem türkischen Jugendministerium. Man will sich gegenseitig über die aktuelle Jugendpolitik informieren und den deutsch-türkischen Jugendaustausch unterstützen. Jedes Jahr findet in diesem Zusammenhang auch der deutsch-türkische Fachausschuss statt – in der Türkei und in Deutschland im Wechsel, in verschiedenen Städten. Hier treffen sich deutsche und türkische Vertreterinnen und Vertreter der Ministerien und anderer Organisationen, die im Jugendaustausch aktiv sind. Sie werten die Zusammenarbeit des Vorjahres aus und setzen Schwerpunkte für das nächste Jahr. IJAB – als Fachstelle für Internationale Jugendarbeit – organisiert diese Treffen.

Einblicke in die deutsche Kinder- und Jugendhilfe

Für beide Seiten ist der Fachausschuss auch immer eine Gelegenheit, die Jugendarbeit im jeweils anderen Land kennen zu lernen und besser zu verstehen. In diesem Jahr tagte man in Köln und besuchte das Jugendwerk Köln – eine Einrichtung, die im Übergang zwischen Schule und Beruf aktiv ist.

Doch schon die typische Arbeitsfeldbezeichnung „Übergang zwischen Schule und Beruf“ trifft auf die Arbeit des Jugendwerks Köln nur eingeschränkt zu. „Viele unserer Jugendlichen sind Schulabbrecher“, wusste Kirsten Kuhn beim Rundgang durch die Einrichtung zu berichten, „bei uns haben sie die Möglichkeit, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen“. Die Einrichtung verfügt über eine große Palette von Angeboten, die den jeweiligen Lebenslagen der Jugendlichen angepasst sind. Im Programm „Schule XXL“ werden Förderschüler begleitet, in der Produktionsschule und der Jugendwerkstatt werden Jugendliche auf den Beruf vorbereitet und in Ausbildung vermittelt, ausbildungsbegleitende Hilfen sorgen dafür, dass diese Vermittlung auch nachhaltig ist und gelingt.

Herzstück der Einrichtung sind die Werkstätten. Eine Kfz-Werkstatt, Werkstätten für Holz- und Metallverarbeitung, eine Küche und eine Lackiererei betreibt man. „Kfz-Mechaniker ist der Traumberuf der männlichen Jugendlichen in Deutschland“, erklärte Kirsten Kuhn ihren deutschen und türkischen Gästen. „Bei uns merken sie oft, dass damit hohe Ansprüche zu erfüllen sind. Wir beraten dann auch zu den Alternativen.“

Göksel ist 17 und arbeitet in der Holzwerkstatt – manchmal zieht es ihn aber auch in die Küche. Stolz erklärte er auf Türkisch, was die anderen Jugendlichen für den deutsch-türkischen Fachausschuss zubereitet haben. Bei manchen Details seiner deutsch-türkischen Wirklichkeit reicht dennoch das türkische Vokabular nicht aus. Gibt es ein türkisches Wort für „Streuselkuchen“? Der Dolmetscher musste über eine adäquate Übersetzung nachdenken. Ob er gerne hier ist, wollte ein Mitglied der türkischen Delegation wissen. Ja, das ist er, so Göksel. Die anderen Jugendlichen standen etwas schüchtern in den Ecken, hielten ihre Rolle als bewirtende Gastgeber aber tapfer durch und waren am Ende vielleicht auch ein wenig stolz auf ihre selbstgebackenen Kuchen.

„Wir sind ein typisches Beispiel für die deutsche Kinder- und Jugendhilfe“, erklärte Anette Nowinski, die Geschäftsführerin des Jugendwerks Köln. Vor 35 Jahren wurde die Einrichtung von der evangelischen Kirchengemeinde in Köln-Klettenberg ins Leben gerufen – mitten in einer Zeit hoher Jugendarbeitslosigkeit. „Unsere Vorstellung ist, dass die Gesellschaft ihre Probleme selber löst. Das erklärt die hohe Anzahl der freien Träger in Deutschland. Der Staat garantiert durch finanzielle Förderung, dass dies auch gelingt. Wir nennen das Subsidiaritätsprinzip.“ Jugendhilfe – schnell und einfach erklärt.

Internationale Jugendarbeit – eine Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen

Emre Kacar vom Generaldirektorat im türkischen Ministerium für Jugend und Sport versuchte Schlussfolgerungen aus dem Gesehenen und Erlebten zu ziehen. „Manches ist ähnlich, manches ist anders als in der Türkei. Der wichtigste Unterschied ist vielleicht, dass es in Deutschland – gemessen an der Gesamtbevölkerung – weniger Jugendliche gibt als bei uns. Wir haben eine sehr junge Bevölkerung.“ Die Statistik gibt ihm Recht. Was erhofft er sich von den diesjährigen Gesprächen des Fachausschusses? „Wir haben seit dem letzten Fachausschuss unsere Programme zu „train the trainer“ intensiviert, resümierte er das vergangene Jahr. „Wir möchten viel mehr Jugendaustausch zwischen Deutschland und der Türkei“, formulierte er seine Wünsche für die Zukunft. Aber es geht Kacar nicht nur um Quantität: Train the trainer – die Qualifizierung der Fachkräfte im Jugendaustausch – möchte er auf hohem Niveau weiterführen.

Der deutschen Seite ist neben dem Jugendaustausch der Fachkräfteaustausch ein wichtiges Anliegen. Man hofft dabei das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendhilfe abdecken zu können. Als wichtiges Zukunftsthema wird zudem die Flüchtlingsarbeit betrachtet. Die Türkei hat damit schon einige Jahre länger Erfahrungen sammeln können und bietet sich daher als Kooperationspartner an.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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