Eggert Hardten

Deutsch-Türkischer Jugendaustausch: Tun wir schon genug?

Im Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ging es in den letzten Monaten hoch her. Dem Jugendaustausch zwischen beiden Ländern hat das geschadet. Wie nehmen Akteure, die seit langem im deutsch-türkischen Jugendaustausch aktiv sind, die Lage wahr? Eggert Hardten vom Verein Mostar Friedensprojekt hat vom 22. bis 29. September an einer von IJAB organisierten Partnerbörse und Trägerkonferenz zwischen Partnern im Jugendaustausch in Antalya teilgenommen und lässt uns an seinen Gedanken teilhaben.

BildImage: eathprod   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0


Eggert Hardten, Foto: privat

Eggert Hardten ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Mostar Friedensprojekt. http://www.mostar-friedensprojekt.de/

„Wir tun doch schon genug!“ ist mein Gedanke, als ich den Aufruf zur Trägerkonferenz von IJAB sehe. Auf jedem unserer Jugendaustausche haben wir Teilnehmer aus der Türkei. Teilnehmer unserer Jugendgruppen sind oft türkischer Abstammung. Über einen Kontakt mit der Uni Bursa haben wir  2016 und 2017 je vier Kurzzeit-EFDler bei uns. IJAB appelliert in seinem Aufruf: „Ein Geflecht vielfältiger Beziehungen verbindet uns mit der Türkei. Die Bedingungen auf politischer Ebene sind zur Zeit schwierig. Aber gerade das macht die Pflege von Partnerschaften umso bedeutsamer.“ Wir Potsdamer haben durch unser Engagement in Bosnien diesen Außenblick auf die EU und Deutschland entwickelt. Wir sind für den EU-Beitritt der Türkei, sehen das aber aus einer exklusiven Balkanperspektive, denn Entwicklung und Frieden scheinen uns direkt verbunden mit dem EU-Erweiterungsprozess. Unsere türkischen Aktivisten drängen auch auf mehr Kontakte mit der Türkei. Also mitmachen. In Frankfurt/Main bietet uns IJAB einen halben Tag Einführung und Kennenlernen, bevor wir gemeinsam in die Türkei nach Antalya fliegen.

Alle Bedenken kommen zur Sprache

Die Gewitterziegen und das Rote Kreuz aus Bremen, der Polizeisportverein Aachen, der Verband für Kinder- und Jugendarbeit Hamburg, der Bayerische Landes- und Münchner Kreisjugendring, unser Verein Mostar Friedensprojekt e.V. und die Kultur&Art Initiative Detmold – was die Teilnehmer vereint ist unsere ausgeprägte Regionalität, unsere Unterschiedlichkeit in der Organisationsform, die Individualität unserer Ansätze und die Knappheit unserer Ressourcen sowohl an Leuten als auch an Geld. Sechs unserer zwölf Teilnehmer haben türkische Wurzeln, vertreten aber keine „türkischen“ Organisationen. Ich hatte Vereine türkischer Migranten erwartet. Berliner auch nicht. Die qualifizierteste Teilnehmerin, Nadine, ist auch die Jüngste. Sie hat an der neugeschaffenen Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul studiert und arbeitet bei Internationale Begegnung in Gemeinschaftsdiensten e.V., Stuttgart. In einer festen Verbindung ist die Jugendpflege Lauenburg von Friederike, sie kooperiert mit der Gemeinde Tokat.  Die Erfahrenste ist Saliha, die Vertreterin der Bonner Jugendverwaltung. Sie war bereits bei der ersten deutsch-türkischen Konferenz Ende der 1990er dabei. Eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde Mersin geht darauf zurück. Keine der Organisationen, die damals teilnahmen, berichtet sie, kooperieren heute noch mit der Türkei. In der Vorbereitung kommen alle Bedenken zur Sprache, die durch die politischen Entwicklungen beeinflusst sind. Wir sind jetzt informiert, wie sich diese Zusammenarbeit in den 1990ern entwickelt hat. Wir wissen, dass wir auf staatlich eingebundene Partner treffen sollen.

Flug Frankfurt – Antalya, Luxustaxi bis nach Alanya, Einchecken im Hotel. Ich war schon oft in der Türkei, touristisch nie. Grandioses Zimmer, Überfülle an Essen, Touristen in Badelatschen, Bars, die Brandung vom Strand her. Es wirkt irreal, hier eine Konferenz des Ministeriums über Jugendbegegnungen zu veranstalten. An unseren Tischen stehen kleine Landesflaggen. Süß. Wir sitzen jetzt gefühlt drei Tage im September in einem Stuhlkreis mit Vertretern von 12 deutschen, 14 türkischen Teilnehmern, eine Begleiterin und ein Begleiter aus dem türkischen Jugendministerium, unserer Begleiterin von IJAB, vier Dolmetschern, zwei türkischen Trainern, einer deutschen Trainerin. Im Hintergrund werkeln zwei IT-Guys einer privaten Firma. Die Leitung durch Vertreter des Ministeriums für Jugend empfinde ich im ersten Moment als zu staatstragend, Banner rechts und links. Aber vielleicht ist dieses Statement wichtig, hier und heute.

Für die wenigen Tage, die wir haben, gibt es ein enges Programm mit bekannten Elementen: Stuhlkreis, Namensspiele, Vorträge, World Café, Diskussionsrunden über Jugendarbeit, ein Ausflug in ein staatliches Jugendzentrum, wenig Erholung über den Tag neben den opulenten Essenspausen. Unsere Trainerin und ihre beiden türkischen Kollegen, haben sich über Wochen vorbereitet. Wir stellen fest: Die ziehen das durch. Unsere Gruppenleiterin vom IJAB und zwei Vertreter des Jugendministeriums sitzen mit uns im Stuhlkreis. In solch einem Format lässt sich kaum vorstellen, was jeder macht. Mir fehlt eine Karte der Türkei mit Pinnadeln. Ich möchte mir alle Namen merken. Gott sei Dank, hatten wir den halben Tag in Frankfurt. Dadurch gibt es eine gewisse Verbundenheit unter uns Teilnehmern aus Deutschland. Die Teilnehmer aus der Türkei kennen sich sowieso. Sie haben den gleichen Arbeitgeber. Und der sitzt mit im Raum. „Elephant in the room“, denke ich. Die Zusammensetzung der türkischen Seite ist im Vergleich mit der Deutschen Seite fast monoton.

Im Jugendzentrum: alles piccobello

Zwölf staatliche Jugendzentren, zwei Sport- und Jugendclubs. Fast alle Teilnehmer sind männlich – die einzigen Damen sind nur Vertretung für ihre männliche Leitung. Am zweiten Tag kommt ein weiterer Abgesandter des Ministeriums, hält einen Vortrag über Jugendzentren. „Among the public institutions planning and organizing leisure time activities for young people in Turkey, the youth centres under the Ministry of Youth and Sports come first”, lese ich in der Strategie des Ministeriums. Ein Besuch im Jugendzentrum von Alanya zeigt uns schnell: Neues Gebäude, piccobello sauber, hier ist Geld geflossen. Dann führt man uns herum - Schachraum, Vortragsräume, Tanzraum, Malraum, Bibliothek mit Filmvorführungstechnik. Einige adrette Jugendliche sitzen in der Vorhalle, im Tanzraum präsentiert man uns türkischen traditionellen Tanz, im Folkloreraum mit passendem Mobiliar, Teppichen und Bildern spielen uns junge Musiker auf traditionellen Instrumenten türkische Waisen vor. Unsere türkisch-deutschen Teilnehmerinnen müssen ein wenig mit ihren Gefühlen kämpfen, singen leise mit.

Ich bin von der tollen Sporthalle beeindruckt, in der währenddessen geschlechtergemischt Basketball gespielt wird. Im oberen Stockwerk machen einige Jugendliche ihre Hausaufgaben. Trotzdem, denke ich, Jugendarbeit wird im Ministerium wohl als „organisierbar“ verstanden. Soweit sind meine Vorurteile bestätigt. Hier ist Outreach kaum möglich, Jugendliche mit wirklichen Problemen bleiben ausgeblendet. Ob das bei ihnen auch so aussieht, frage ich meinen türkischen Kollegen vom Jugendzentrum Bartin. Er lacht: Genauso. Und fügt gleicht ein, dass es schon ein Problem wäre, Jugendliche zu binden, sie in sein Jugendzentrum zu bekommen. Das ist die Feinarbeit, die hier nicht „gezeigt“ werden kann. Schnell sind wir in ein Gespräch verstrickt über offene Jugendarbeit, Mangazeichnen, Online-Spiele, einige Nerds in seiner kleinen Stadt, die gerne programmieren.

Im Programm war eine „Fair“ angekündigt. Ich habe mich gut vorbereitet. Mit meinem ehemaligen Freiwilligen aus Cankiri haben wir auf einem Austausch in Estland einen tollen Jugendaustausch entworfen über Insekten (und Rassismus). Ich bin mit Büchern über das Thema eingedeckt. Unseren Banner habe ich mitgeschleppt. Meine türkischen Freiwilligen aus Bursa haben einen Film über Potsdam gedreht. Am dritten Tag ist dann zwar der Raum vollgehängt mit Flipchartpapier, den Präsentationen aller Vereine auf Kork-Pinbrettern mit Photos von uns, Flugblättern. Material stapelt sich auf den Tischen davor. Aber alles eher im Stil eines Trainingskurses. Irgendwie hatte ich das mit dem Wort Messe falsch verstanden.

Deutsche Offenheit hat türkische Höflichkeit getroffen

Wir sind uns näher gekommen. Die Namen sitzen jetzt so ungefähr. Deutsche Offenheit hat türkische Höflichkeit getroffen. Wir haben uns abgecheckt und die ersten Verbindungen geknüpft. Für unseren Verein bedeutete dies die sofortige Einbindung meines Kollegen aus Bartin in einen Antrag auf Jugendaustausch. Thema: die Bedeutung lokaler und individueller Familiengeschichte für das Selbstbild von Jugendlichen, Spielort Bosnien-Herzegowina. Dafür beantragt er einen Austausch für seine Nerds bei der deutsch-türkischen Jugendbrücke. Sie sollen in Berlin und auf der Hannover Messe den Duft der weiten Welt schnuppern. Wir schließen auch einen Pakt mit Aydin und deklarieren im Erasmus+-Antrag deren Jugendzentrum als Veranstaltungsort für unser Jugendaustausch über Insekten. Mit Tokat reichen wir gemeinsam im Europäischen Freiwilligendienst einen Antrag bei der türkischen Nationalagentur ein. Meine KollegInnen aus Deutschland stimmen überein, dass wir einen Fachkräfteaustausch organisieren müssen, um unseren Kollegen aus der Türkei die Befindlichkeiten deutscher Jugendarbeit näherzubringen. Unser Kollege aus Rize muss einfach erfahren, warum die Jugendabteilung des bayerischen Alpenvereins ein optimaler Partner und was ein Landesjugendring ist. Die deutsche Seite vereinbart, enger zusammenzuarbeiten um die türkische Seite besser unterstützen zu können und den eigenen Mangel an Ressourcen wettzumachen.

Am letzten Abend sitzen wir im Restaurant mit Blick auf das Meer und die Festungsmauern von Alanya. Unsere zwei Konferenzleiter aus dem Ministerium in Ankara, die Vertreterin von IJAB, zwei Simultandolmetscher und ihre besten zwei Studenten, vierzehn Vertreter von Jugendzentren aus der ganzen Türkei, unsere deutsche Trainerin, zwei türkische Trainer, und wir 12 Vertreter aus Deutschland. Nur, wir sehen uns nicht mehr in diesen Rollen, alle haben jetzt Namen, Identitäten und Geschichten. Drei Tage im ewigen Stuhlkreis haben ihre Wirkung nicht verfehlt.



Kommentare ( 1 )

Sema Almila S.

Wie schön, dass man nicht aus politischen Gründen respektive Meinungsverschiedenheiten mit den Fingern auf andere Staaten zeigt und dann den Kontakt zu den Menschen dort abbricht.
Ich gratuliere den den Pädagogen aus Deutschland insbesondere dafür, dass sie sich international einsetzen für die Jugendlichen und zusätzlich zu dieser tollen Kooperation beitragen.

Kulturen sind bereichernd, noch schöner ist es, wenn wir voneinander lernen. Und umso mehr wir voneinander lernen, desto mehr bauen wir unsere Vorurteile ab! Zumindest sehe ich darin eine Bemühung "unsererseits".

Kommentare schreiben

Noch 1000 Zeichen

Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter