Verena Münsberg

Deutsch-türkischer Motivationskick - Fachprogramm „Migrationsarbeit in Deutschland und in der Türkei“

Fachprogramm „Migrationsarbeit in Deutschland und in der Türkei“ vom 12. bis 19. Juni 2010

Die Teilnehmer/-innen des Fachprogramms BildImage: IJAB

Besuch aus Antalya. Mitarbeiter/-innen von Jugendmigrationsdiensten empfangen in Köln türkische Sozialarbeiterinnen. Die Wiedersehensfreude ist groß, schließlich hat die Gruppe bereits letztes Jahr in der Türkei zusammengearbeitet. Diesmal wollen die deutschen Fachkräfte ihre Tätigkeit vorstellen und mit den Kolleg(inn)en über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Migrationsarbeit beider Länder diskutieren.
Schnell entsteht eine konstruktive und entspannte Arbeitsatmosphäre. Einige Theorie über die Geschichte der Migration in Deutschland sowie die Arbeit der Jugendmigrationsdienste (JMD) bildet den Einstieg. Ein Workshop über „Kultur und Identität“ setzt anschließend bei den biografischen Erfahrungen der Fachkräfte an. In einer sehr dichten und persönlichen Atmosphäre berichten sich Deutsche und Türkinnen von ihrer Kindheit und Jugend und den eigenen ersten Erlebnissen mit Fremdheit. In einem Gespräch im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) informiert Sabine Schulte-Beckhausen, Referatsleiterin des Referats Chancengleichheit und Integration, die Gruppe über das Programm „Jugend stärken“. Der kurze Vortrag mündet bald in ein lebhaftes Gespräch. Sowohl Deutsche als Türkinnen nutzen die Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu gewinnen. Auch Sabine Schulte-Beckhausen hat sichtlich Spaß an dieser Begegnung mit den sehr professionellen und interessierten türkischen Kolleginnen.

Zu Gast beim JMD

Am dritten Tag starten dann die Hospitationen. Zwei Tage lang stehen Information und Austausch mit den Kolleg/-innen vor Ort auf dem Programm. Vier deutsch-türkische Gruppen machen sich auf den Weg zu Jugendmigrationsdiensten in Essen, Düsseldorf, Bonn und Köln. Die Szene in Essen erinnert an ein orientalisches Kaffeehaus: Zehn Menschen an einem Tisch, sie diskutieren, lachen. Auf dem Tisch Tee und süßes türkisches Gebäck. So oder so ähnlich dürfte es heute auch an den drei weiteren Standorten von JMDs aussehen.

Bilge Colak berichtet den Besucher(inne)n, dass der JMD in Essen von einer einzelnen evangelischen Kirchengemeinde getragen wird. „Dies ist eher ungewöhnlich“, sagt er, die Jugendmigrationsdienste in evangelischer Trägerschaft würden zumeist von größeren Diakonie-Standorten initiiert und betrieben. „Beim JMD Essen steht die aufsuchende Sozialarbeit im Mittelpunkt unserer Arbeit“, erklärt Colaks Kollege Jens Buschmeier. „Wir verstehen die Situation, die Schwierigkeiten des Einzelnen erst richtig, wenn wir ihn oder sie auch einmal zu Hause, im normalen Lebensumfeld, getroffen haben“. Eine andere Form, mit jungen Migrant(inn)en zu arbeiten ist das Projekt JuMiLo. Die Idee: Junge Migrant(inn)en als Lotsen einzusetzen. Ihre eigenen Erfahrungen im neuen Land geben schon länger in Deutschland lebende junge Migrant(inn)en dabei an ihre Altersgenossen weiter. Die Probleme junger Migranten sind bundesweit die Gleichen, erfahren die türkischen Sozialarbeiterinnen in Essen: Der ungeklärte Aufenthaltsstatus, die Frage nach der geeigneten Schulform, die Mühe einen passenden Ausbildungsplatz zu finden, der insbesondere den eigenen Kenntnissen der deutschen Sprache entspricht.

In Essen steht heute auch der Besuch der Ausländerbehörde auf dem Programm. Irritiert sind die türkischen Gäste von den Sicherheitsschleusen und Taschenkontrollen am Eingang des Gebäudes. Und auch davon, dass, obwohl die Migrantenorganisationen in Essen in dem Gebäude ein gemeinsames Büro für Erstberatung unterhalten, die Ausländerbehörde die Fachkompetenz der dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen kaum in Anspruch nimmt. „Die schauen leider zu selten über ihren Tellerrand“, bedauert Bilge Colak die Zusammenarbeit mit dem Amt. Dabei ist die Einrichtung des Angebotes der Erstberatung durch die Migrantenorganisationen ein Ergebnis des neuen Zuwanderungsgesetzes aus dem Jahr 2005.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die türkischen Kolleginnen ziehen nach den Hospitationstagen eine positive Bilanz. Die Integrationsbemühungen seien deutlich zu erfahren, sagt eine der Sozialarbeiterinnen. Auch wenn noch nicht alles reibungslos funktioniere, „besonders gefällt mir, dass staatliche Institutionen und freie Träger sozialer Arbeit überhaupt zusammenarbeiten.“ Dies sei wichtig, weil nur so auch eine gewisse gegenseitige- und Selbstkontrolle funktioniere, betont sie. Inhaltlich kann sie keine großen Unterschiede zur sozialen Arbeit in der Türkei feststellen. Der grundsätzliche Unterschied läge darin, dass die Ausgangssituation sich in Deutschland und der Türkei unterschieden. “Während zu euch die Menschen aus anderen Ländern kommen, müssen wir auf eine starke Binnenmigration innerhalb der Türkei reagieren“. Menschen mit einem geringeren Bildungsstand, mit konservativ-traditionellen Werten kämen aus ländlichen, aus strukturschwachen Gegenden in die großen Städte.

Eine ihrer Kolleginnen ist nach den Praxistagen bei den JMD begeistert über die seltene Möglichkeit, sich überhaupt mit Kolleginnen und Kollegen aus einem anderen Land einmal austauschen zu können. Viele Ansätze Migrant(inn)en zu helfen seien in Deutschland und der Türkei tatsächlich ähnlich, betont die Sozialarbeiterin, die in Antalya Menschen in einem Problem belasteten Stadtteil ihre Begleitung und Unterstützung anbietet. Doch sie stellt auch Unterschiede in der Arbeit fest: „Bei uns wird immer die ganze Familie in den Hilfeprozess mit eingebunden“. So bekommen die Kinder eines Migrantenpaares Hausaufgabenhilfe angeboten soweit nötig, Frauen werden über ihre Rechte aufgeklärt, „auch gehen wir mit den Menschen ins Kino und Theater, um ihnen die Vielfalt von Kultur näher zu bringen“, erklärt sie.

Mit einem kulturellen Highlight enden auch die Praxistage des deutsch-türkischen Fachkräfteaustausches: Zum Abschluss treffen sich die Teilnehmenden in Düsseldorf. Der dortige JMD führt das Theaterstück Jeruville auf. Aus Schiffscontainern bauen sich sozial, kulturell und religiös unterschiedliche Jugendliche eine eigene Stadt und spielen darin Theater. Trotz der sprachlichen Barriere sind die türkischen Kolleginnen ebenso wie die Deutschen fasziniert und begeistert – die Energie der jungen Schauspieler/-innen teil sich auch nonverbal mit. Und so reist eine müde, aber zufriedene Gruppe spätabends zurück nach Köln…

Teilhabe ermöglichen!

Die Woche ist wie im Flug vergangen. Der Austausch über den eigenen Arbeitsalltag mit all seinen Herausforderungen, Problemen und Besonderheiten soll am letzten Tag noch einmal vertieft werden. Dabei geht es zunächst um eine klare Standortbestimmung. Wie ähnlich sind Zielgruppen und Methoden? Wie gehen Deutsche und Türk(inn)en an ihre sozialarbeiterischen Aufgaben heran? Die Gruppe denkt dabei nicht nur an die jüngsten Eindrücke in den deutschen Einrichtungen, sondern reflektiert auch noch einmal die Hospitationen in Antalya.

Trotz der Unterschiede zwischen Binnen- und zwischenstaatlicher Migration sind die Lebensbedingungen der Zielgruppen sehr ähnlich: sie müssen Zugänge zur Gesellschaft finden und dabei unterstützt werden. So herrscht denn auch Einigkeit darüber, dass sich viele der sozialarbeiterischen Ansätze nicht wesentlich voneinander unterscheiden: Deutsche wie Türk(inn)en versuchen mit niedrigschwelligen Angeboten und vertrauensbildenden Maßnahmen Kontakt herzustellen und dann umfassend zu beraten. Für die Kontaktaufnahme nutzen die deutschen Kolleg(inn)en vielerorts ansprechende Flyer und Broschüren. „Tolle Sachen habe ich da gesehen – das nehme ich auf jeden Fall als Anregung mit nach Hause!“, schwärmt eine türkische Kollegin.

In Deutschland haben die Jugendmigrationsdienste jedoch noch weitere Aufgaben, weil das deutsche Jugendhilfesystem viele verschiedene Behörden und Spezialangebote kennt: sie vermitteln die Jugendlichen weiter und bemühen sich zudem um die interkulturelle Öffnung der Partner vor Ort. In der Türkei hingegen sind die Sozialarbeiter/-innen für sämtliche Anliegen gleichermaßen zuständig. „Wir machen alles alleine und an einem Ort, deshalb finde ich das deutsche Vorgehen manchmal etwas verwirrend“, gesteht eine türkische Teilnehmerin.  

Deutsch-türkische Teamsitzung

Und wie agieren die deutschen und türkischen Fachkräfte in konkreten Situationen? Fallbeispiele aus Deutschland und der Türkei kommen auf den Tisch und drei gemischte Fachgruppen diskutieren mit viel Elan mögliche Lösungsansätze. Dabei debattieren sie insbesondere über die rechtlichen Möglichkeiten, die in beiden Ländern den Rahmen der Arbeit bestimmen. Ein entscheidender Unterschied: Die deutsche Jugendsozialarbeit agiert auf freiwilliger Basis und kann deshalb nur Empfehlungen aussprechen, die Türk(inn)en haben als Vertreter/-innen des Sozialamtes zum Beispiel die gesetzlich festgelegte Möglichkeit, gefährdete Jugendliche aus deren Familien herauszunehmen. „Unsere Gruppe hat eine regelrechte Teamsitzung abgehalten – wir haben ganz konkret an dem Fall gearbeitet und uns sehr intensiv beraten“, freut sich ein deutscher Teilnehmer. Und seine türkische Kollegin ergänzt: „Es ist doch sehr motivierend, wenn die ausländischen Kolleg(inn)en das eigene Vorgehen grundsätzlich als richtig bestätigen.“

Mehr Action bitte!

Wie kann es nun gemeinsam weitergehen? Eine geeignete Plattform ist der Community-Bereich im Onlineforum „Youth and European Social Work (YES)“ der BAG Evangelische Jugendsozialarbeit. Hier können Fachkräfte sich und ihre Projekte in einem Profil vorstellen und miteinander diskutieren. Der Clou: Die geposteten Beiträge werden übersetzt, so dass beide Seiten problemlos kommunizieren können. Auf diese Weise könnte das Forum ein Ort werden, sich Anregungen und kollegiale Hilfe für konkrete Problemstellungen über die Grenzen hinweg zu organisieren. Auch Veranstaltungshinweise sowie Arbeitshilfen und Materialien, die für die deutschen und türkischen Kolleg(inn)en gleichermaßen interessant sind, können hier ausgetauscht werden. Eine gute Möglichkeit, dadurch das deutsch-türkische Netzwerk auszubauen und weitere Multiplikator(inn)en zu gewinnen. Bislang ist im Forum noch wenig los – dies soll sich ab jetzt ändern!  

Zukunftspläne

Der deutsch-türkische Fachaustausch wird weitergehen, so lautet das Signal aus der Politik. Ideen und Wünsche für eine künftige gemeinsame Arbeit sind bei den Fachkräften auch schon da: mehr Hospitationen sollte es für beide Seiten geben, möglichst über mehrere Wochen. Die Sozialarbeiter/-innen aus Deutschland könnten dann in einer türkischen Familie leben und den Alltag kennen lernen, um in Deutschland mit einem erweiterten Verständnis für die türkische Kultur erfolgreicher arbeiten zu können. Sozialarbeiter/-innen aus den neuen Bundesländern sollten verstärkt über den Fachkräfteaustausch informiert werden. Hier bestehe ein dringender Bedarf, türkischen Fachkolleg(inn)en auf Augenhöhe zu begegnen. Zudem wünschen sich die Teilnehmenden, dass junge Ehrenamtliche in beiden Ländern, die kurz vor einem Studium im Bereich Sozialarbeit stehen, in den Kreis integriert werden. Eine weitere Idee: Die türkischen Stadtteilzentren könnten eine Art Vor-Integrationsarbeit leisten und jene Gruppen informieren und beraten, die nach Deutschland weiterreisen wollen.

Erfolgreich? Evet!

Das Fazit am Ende einer arbeitsreichen und intensiven Woche fällt positiv aus. Der Austausch in der Gruppe und der Mix aus Theorie und Praxis habe einen wertvollen Einblick geliefert und Verständnis für die Arbeitsbedingungen der Kolleg(inn)en hervorgerufen: „Wenn ich in Deutschland arbeiten würde, würde ich genauso arbeiten!“, sagt eine türkische Teilnehmerin. Energie und Motivation für ihre Arbeit vor Ort haben beide Gruppen gewonnen – und das gute Gefühl, nicht allein zu sein mit den täglichen Anforderungen, bei allen strukturellen und kulturellen Unterschieden ähnliche Sichtweisen zu haben.   


Text: Verena Münsberg (IJAB), Yorck Weber (BAG EJSA)



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