Dr. Dirk Hänisch

Internationale Fachtagung zu „Social Media in der Jugendarbeit“

In Erfurt diskutierten am 07./08.06.2011 rund 30 Expert(inn)en und Praktiker/-innen der Jugendarbeit aus der Türkei, Deutschland, Finnland und Estland, Vertreter/-innen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der türkischen Generaldirektion für Jugend und Sport sowie des Europarats über "Social Media in der Jugendarbeit".

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung "Social Media in der Jugendarbeit" in Erfurt BildImage: IJAB / Hupfeld

Die zweitägige internationale Fachtagung fand im Rahmen des deutsch-türkischen Programmzyklus zum Thema "Öffentlichkeitsarbeit und Neue Medien" statt. Mit der Tagung wurden die Ergebnisse aus den beiden Vorgängerprogrammen aufgegriffen und weiterentwickelt. Gleichzeitig wurde eine Brücke zum Zukunftsthema E-Partizipation geschlagen. Damit reichte das Themenspektrum von Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung über Jugendmedienschutz und Medienkompetenz bis hin zu Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen im Web 2.0. Geprägt war die Tagung insbesondere durch das professionelle Fachniveau der Themenbeiträge und durch eine intensive Arbeitsatmosphäre. Tenor aller Teilnehmenden: Das veränderte Kommunikations- und Medienverhalten der Jugendlichen und die zunehmende Bedeutung der sozialen Medien in der Lebenswelt junger Menschen stellen alle Verantwortlichen der Jugendarbeit vor vielfältige und neue Herausforderungen und Fragen. Gleichzeitig bieten soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. eine Chance zu mehr Partizipation junger Menschen.

Ute Karger vom Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit und Albert Klein-Reinhardt vom BMFSFJ eröffneten die Tagung mit Grußworten. Von Seiten des BMFSFJ wurde dabei insbesondere vor dem Hintergrund des Eckpunktepapiers zur Internationalen Jugendpolitik auf den Pilotcharakter dieser Fachtagung für künftige themenorientierte multilaterale Programme der nächsten Jahre hervorgehoben. Durch die Teilnahme der estnischen und finnischen Vertreterinnen wurden Erkenntnisse aus vorangegangenen Fachprogrammen zum Thema Partizipation aufgegriffen und zusammengeführt. Die Einbeziehung des Europarates eröffnete außerdem die Möglichkeit der Rückspiegelung der Tagungserkenntnisse in die dortigen Strukturen.

Schwarmkommunikation und Partizipation

Der einleitende Fachbeitrag des Medienexperten Jürgen Ertelt (Projekt Jugend online bei IJAB) „Ändern sich Gesellschaften durch Social Media (und wenn ja, wann)?“ war ein eindrucksvoller Einstieg zur gesellschaftlichen Bedeutung der sozialen Netzwerke. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen im Mittelmeerraum kann den sozialen Medien durchaus eine Initialfunktion für gesellschaftliche Veränderungsprozesse zugesprochen werden. Ein Video-Clip über eine Facebook-Statistik und eine kartografische aufbereitete Statistik der Twitternutzung im Zusammenhang mit der Wiener Studentenaktion „unibrennt“ belegen sehr gut das enorm hohe Verbreitungstempo von Nachrichten durch Multiplikation innerhalb der verschiedenen sozialen Netzwerke: die Schwarmkommunikaton. Trotz der Marktdominanz von Facebook und einiger datenschutzrechtlicher Fragen eröffnen sich hier neue Chancen für eine (nichtkommerzielle) Partizipation von Jugendlichen. Laut einer BITKOM-Umfrage (vgl. Link S.8) erklären 84 % der Jugendlichen, sie würden sich gerne partizipativ bei Lokal- und Kommunalbelangen einbringen. Die Schussfolgerungen lauteten dementsprechend: Es geht nicht um Medienkompetenz an sich, sondern um die Befähigung der Mitwirkung Jugendlicher in der digitalen Gesellschaft – und zwar gleichberechtigt auf gleicher Augenhöhe.

Rückblick und Resümee

Christiane Reinholz-Asolli (IJAB) und Vildan Görbil (GSGM – Generaldirektorat für Jugend und Sport, Türkei) gaben im Anschluss daran einen Überblick über die bisherige Entwicklung und den Stand des bisherigen Fachkräfteaustausches zwischen Türkei und Deutschland zum Thema „Öffentlichkeitsarbeit und Neue Medien“. Dieses Thema ist unter anderem aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass die sozialen Medien heute eine sehr große Bedeutung für die Jugendarbeit besitzen und nicht nur Risiken, sondern neue Chancen bieten können. Vom Fachkräfteaustausch versprechen sich daher beide Seiten Impulse und neue Erkenntnisse für die jeweilige nationale Jugendpolitik.

Social Media und Öffentlichkeitsarbeit

Einen wichtigen Input zum Thema „Nutzung von Social Media zu Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung“ leistete Jörg Eisfeld-Reschke (ikosom – Institut für Kommunikation in Sozialen Medien) mit seiner Präsentation. Er formulierte und begründete zehn Erfolgsfaktoren für die Nutzung von Social Media und demonstrierte sie anhand von drei Good-Practice-Beispiele der NGO-Webseiten www.greenaction.de, www.fb.com/redcross und www.2aid.org. Alle drei genannten Seiten nutzen Social Media zur schnellen und unbürokratischen Mobilisierung ihrer Anhänger. Dialog, Rückkopplung und „Viralität“ sind die charakteristischen Kennzeichen der drei Beispiele.

Arbeitsgruppen zu Social Media – Austausch der Teilnehmenden untereinander

Arbeitsgruppenphasen ermöglichten den direkten Meinungsaustausch der Teilnehmenden zu Fragen zum Transfer in die Praxis der Jugendarbeit. In drei Arbeitsgruppen diskutierten sie die vier Fragen „Welche eigenen Erfahrungen haben Sie im Rahmen Ihrer Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit mit Social Media gemacht?“, „Welche Erfolgsfaktoren sind Ihnen in der Praxis begegnet? Wie beurteilen Sie die öffentliche Aufmerksamkeit und die Reichweite von Social-Media- Aktivtäten?“ und „Welche Ansätze und Methoden wollen Sie in Zukunft in ihre Arbeit integrieren? Welche Modelle beurteilen Sie kritisch?“. Die Arbeit in kleineren Gruppen wurde am zweiten Tag fortgesetzt. Dort ging dann um die Frage, wie Jugendarbeit im und mit dem Netz aussehen kann. Drei Arbeitsgruppen suchten Antworten auf die Fragen: „Welche neuen Chancen bietet eine internetgestützte Jugendarbeit?“, „Vor welchen Herausforderungen steht eine internetgestützte Jugendarbeit zum Beispiel in Bezug auf Risiken im Bereich Jugend- und Datenschutz?“, „Welche Gelingensfaktoren müssen im Rahmen der pädagogischen Arbeit mit Social Media erfüllt sein, um eine wirksame Jugendarbeit im Netz praktizieren zu können?“ und „Welche neuen Chancen bietet die Einbeziehung von Social Media in die Jugendarbeit für die Partizipation junger Menschen?“. Die wichtigsten Gruppenergebnisse wurden anschließend dem Plenum vorgestellt und dort diskutiert.

Praxisbeispiele pädagogischer Arbeit im Web

Welchen Stand und welches Niveau die pädagogische Arbeit im Web 2.0 mittlerweile erreicht hat, spiegelten die vier Praxisbeispiele aus Deutschland, der Türkei, Finnland und der EU. Hier ist insbesondere „Webhelm“ (www.webhelm.de) bemerkenswert, das Niels Brüggen (JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) präsentierte. Mithilfe des Peer-to-Peer-Education-Ansatzes versucht dieses Kooperationsprojekt, junge Menschen für einen selbstverantwortlichen Umgang mit dem Internet zu stärken. Jugendliche entwickeln dort zusammen mit Medienpädagog(inn)en multimediale Produkte und Materialien, die aus ihrer Sicht geeignet sind, Diskussionen unter Gleichaltrigen anzustoßen. Sie finden damit die entsprechende Akzeptanz in der Altersgruppe. Das Projekt ist ein sehr anschauliches Beispiel, welches Partizipationspotenzial Web 2.0 besitzt.

Ein weiteres gelungenes Beispiel, das u.a. den Vorsprung Finnlands auf diesem Gebiet der Nutzung sozialer Netzwerke widerspiegelt und zeigt, dass man dort überall ist, wo auch die Jugendlichen vor Ort sind, bot Hanna Wahlman (Finnish Society of Media Education, FSME). Sie zeigte anhand des mehrjährigen laufenden Projekts „Verkkoterkkari“ („Web Nurse“) die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftler/-innen und Praktiker/-innen an einem Projekt in mehreren sozialen Netzwerken zwecks Wissensaustausch. Im konkreten Fall geht es um Jugend(sozial)arbeiter, die bei Fragen der Gesundheitsvorsorge Web-Nurses über soziale Netzwerke konsultieren können.

Özgür Mehmet Kütküt (STGM – Civil Society Development Center, Türkei) schilderte in seiner Präsentation nicht nur die NGO-Webseitenszene in der Türkei, sondern auch die Webseitensperren durch staatliche Eingriffe und zeigte, dass die Bewegung „Fass mein Internet nicht an“ 50.000 Menschen in Istanbul dank sozialer Netzwerke mobilisieren konnte. Seine Präsentation atmete gewissermaßen den Geist des Aufbruchs, der im Januar/Februar in den nordafrikanischen Staaten begann. Den Abschluss der Präsentationsreihe bildete das EU-Projekt klicksafe (www.klicksafe.de), vorgestellt von Dilek Atalay (klicksafe, c/o Landesanstalt für Medien NRW). Ziel von klicksafe ist die Förderung der Sicherheit im Internet durch Medienkompetenz, die Vermittlung von kompetenter und kritischer Internetnutzung sowie das Aufzeigen von Chancen und Risiken.

Jugendmedienschutz

Im Zusammenhang mit den vielfältigen negativen Begleiterscheinungen im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken gerät der Jugendmedienschutz immer wieder in den Blickpunkt. Elisabeth Seifert (Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern e.V.) stellte das Konzept des erzieherischen Jugendschutzes vor, bei dem die Betonung auf den Begriff „befähigen“ liegt, der auch entsprechend im KJHG verwandt wird. Der geeignete Handlungsansatz gegen jugendgefährdende Inhalte, Cyber-Mobbing, Kostenfallen, Persönlichkeitsverletzungen etc. in sozialen Netzwerken ist daher nicht in Verboten, sondern in der Förderung der Medienkompetenz für Kinder, Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte zu suchen. Eine ganz andere Sichtweise nahm dagegen der türkische Kollege Ömer Boz (TIB – Turkish Telecommunication Agency) ein, der in seinem Statement Internetfilter zum Schutz der Kinder und Jugendlichen befürwortete und darin auch keine Zensur erblicken konnte. Diese Position, die vom Ansatz her an die vergangene und mittlerweile beendete Debatte in Deutschland um Netzsperren erinnerte, war allerdings bei den türkischen Teilnehmenden keineswegs unumstritten.

ePartizipation als neue Form der Jugendbeteiligung

Den dritten Themenschwerpunkt der Fachtagung eröffnete Dr. Ulrike Wagner (JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) mit einem grundlegenden Beitrag zur ePartizipation in der Jugendarbeit in Deutschland. Sie präsentierte den derzeitigen Stand der Arbeitsergebnisse, die in der Unterarbeitsgruppe „Partizipation“ im Rahmen des Projekts Dialog Internet (BMFSFJ) bisher erarbeitet wurden. Neben einer grundlegenden Arbeitsdefinition von Partizipation und Medienkompetenz richtete sich der Fokus des Beitrages auf Handlungsansätze und Aussagen zu Qualitätskritierien, die noch zu entwickeln sind.

Hanjo Schild (Koordinator des Youth-Partnership-Joint-Programms zwischen dem Europarat und der EU beim Direktorat für Jugend und Sport des Europarats) stellte anschließend die jugendpolitischen Schwerpunkte und Aktivitäten des Europarats auf dem Gebiet der Partizipation vor. Seine Ausführungen schlossen mit drei Empfehlungen: 1. Es darf keine digitale Ausgrenzung geben, 2. Mehr Wissen und Forschung, mehr Austausch ist notwendig, um Qualitätsstandards und –kriterien zu entwickeln und 3. ePartizipation ist kein Ersatz für „echte“ Partizipation, sondern dient als Ergänzung dieser.

Das Thema ePartizipation war auch Gegenstand bei der anschließenden Podiumsdiskussion, an der sich Björn Bertram (Landesjugendring Niedersachsen), Özlem Ezgin (Community Volunteers Foundation TOG, Türkei), Ute Trentini (BMFSFJ), Mustafa Cenk (Abteilung Jugend beim Generaldirektorat für Jugend und Sport – GSGM, Türkei) und Hanjo Schild (Europarat) beteiligten. Hier zeigte sich vor allem, dass das Thema in Deutschland bereits in ein konkretes Arbeitsvorhaben mündet. Ute Trentini (BMFSFJ) verwies in ihren Ausführungen auf ein geplantes Modellprojekt, das ab Juli 2011 mit ePartizipation beschäftigen wird. Dort wird es um die Fragen gehen, wie kann ePartizipation vorangebracht werden, welche Tools werden entwickelt, welche Partner einbezogen und wie wird der Transfer in die Kommunen ermöglicht. Auch die Frage der Umsetzung von Qualitätskriterien wird ein Thema sein. Das Projekt wird im Rahmen der Umsetzung der EU-Strategie national, aber auch mit Blick auf den Austausch und die Zusammenarbeit einen multilateralen Charakter haben. Frau Trentini betonte in diesem Zusammenhang, wie wichtig gerade der internationale Austausch ist, um gemeinsam neue, innovative Projekte im Bereich ePartizipation zu entwickeln.

Hinsichtlich der Frage, was die türkischen Fachkolleg(inn)en aus dem Austausch mitnehmen und welche Folgen die Fachtagung über Soziale Medien für die türkische Jugendarbeit habe, betonte Mustafa Cenk (GSGM) die Bedeutung des Themas und führte aus, dass alle bisherigen Treffen wichtig waren. Über 80 Provinzen der Türkei würden auf die neuen Erkenntnisse und Ergebnisse gewissermaßen warten. Das GSGM bereitet zu diesem Thema eine Fortbildung vor und beabsichtigt, in allen größeren Städten und Provinzen Weiterbildungen zu veranstalten. Im kommenden Jahr wird man über weitere Schritte sprechen können. Özlem Ezgin (TOG) betonte im weiteren Verlauf der Runde, dass die sozialen Medien für die türkische Jugendarbeit sehr wichtig sind. Sie sieht in ihnen ein Mittel oder Werkzeug für direkte Demokratie.

Hanjo Schild äußerte, dass er hinsichtlich der Sozialen Medien noch großen Engagementbedarf für den Europarat sieht. Insofern war in seinen Augen diese Tagung bemerkenswert, da sie Neuland betritt und zeigt, in welche Richtung weitergedacht werden sollte. Der Bereich Neue Medien muss in Zukunft jugendpolitisch stärker berücksichtigt werden.

Das Schlusswort bei der Tagung hatte Albert Klein-Reinhardt (BMFSFJ). Er dankte den Organisatoren für eine gelungene Fachtagung, die allen Teilnehmenden wichtige und viele Eindrücke vermittelt hat. Das Thema Social Media bleibt ein zentrales und wichtiges Thema. Durch die Neuen Medien bekommt das Mitspracherecht junger Menschen eine neue Gewichtung und es ergeben sich für die Zukunft innovative Möglichkeiten, die Gesellschaft mitzugestalten.



Social Media Fachkonferenz Erfurt 2011

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