Christiane Reinholz-Asolli

Öffentlichkeitsarbeit und Neue Medien in der Jugendarbeit oder: "Was nicht im Netz stattfindet, ist nicht passiert!"

Erfahrungen und Beobachtungen während eines deutsch-türkischen Fachkräfteaustausches zu Jugendarbeit und Social Media

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachprogramms mit der Türkei zum Thema Jugendarbeit und Social Media bei der Arbeit
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachprogramms mit der Türkei zum Thema Jugendarbeit und Social Media bei der Arbeit BildImage: Zeynep Altundag

Samstag, 2.10.: Spannung liegt im Raum. Es ist die erste Begegnung von deutschen und türkischen Fachkräften im Rahmen eines fünftägigen Fachprogramms - immer eine besondere Atmosphäre... Heute fühlt sich jedoch alles anders an: Nicht alle Augen schauen erwartungsvoll auf die begrüßende Referentin, sondern auf den Bildschirm des Laptops vor sich; das Klappern von Tastaturen begleitet die Willkommensworte und die Programmvorstellung – gewöhnungsbedürftig...!

Thema und Ziel

Seit über zehn Jahren kooperieren IJAB und GSGM bei der Durchführung von deutsch-türkischen Fachkräfteaustauschen zu verschiedensten Themen. Aber diesmal ist alles etwas anders. Das Thema "Neue Medien" ist nicht nur Programminhalt, sondern bestimmt auch die Seminarform: Schon vor Programmbeginn eröffnen wir eine Facebook-Gruppe, auf der die teilnehmenden deutschen und türkischen Fachkräfte das Programm kontinuierlich begleitend dokumentieren und kommentieren können. Diese Plattform wird eine zweite, virtuelle Ebene des Programms parallel zum "realen" Seminargeschehen bilden.

Wir betreten also sowohl mit diesem Thema als auch mit Methodik und Dokumentation für uns Neuland. Ein anspruchsvolles Vorhaben – und dann auch noch mit deutsch-türkischer Komponente! Vorweg sei gesagt, dass unsere Unternehmung, zwar durchaus mit kleineren und größeren Ecken und Kanten, unter dem Strich erfolgreich gelungen ist. Nötig ist dafür in einem erheblich umfassenderen Maß als normalerweise praktiziert das Einholen von Know-how. Die enge Kooperation im Hause bietet sich an: Das IJAB-Projekt Jugend online beschäftigt sich mit den verschiedensten Aspekten der Nutzung von Social Media im Rahmen von Jugendarbeit und hat sich in den Jahren seines Bestehens großen Respekt in den einschlägigen Netzwerken erworben.

Worum geht es bei diesem Fachkräfteaustausch?

Social Media verändern die Kommunikation, die Informationsgewinnung, das Demokratieverständnis und die Vernetzung vieler Menschen. Umweltaktivisten, Dritte-Welt-Organisationen und Menschenrechtsinitiativen nutzen diese Kanäle bereits erfolgreich, um sich für ihre Themen Gehör zu verschaffen, sich mit anderen zu vernetzen und sogar Gelder zu akquirieren. Vor allem bei jungen Menschen finden sie damit Anklang. Die Jugendarbeit hat bisher die damit einhergehenden Probleme des Jugendmedienschutzes und der Veränderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen thematisiert. Für ihre eigenen Ziele hat sie Social Media bisher jedoch nur selten genutzt.

Neue Medien bieten neue Möglichkeiten auch für die Jugendarbeit, seine Anliegen deutlich zu machen und sich Gehör zu verschaffen. (Man denke nur an die Kölner Kampagne "Keine Kürzung für Kurze"...) In unserer Fachkräftebegegnung geht es um die Frage, ob und wie die Neuen Medien eingesetzt werden können, um auf die Angebote von außerschulischer Jugendarbeit aufmerksam zu machen. Wie können Fachkräfte diese Netzwerke bedienen und sie zur eigenen Informationsgewinnung nutzen? Ein Schwerpunkt des Programms liegt darin, die technische Seite dieser Kommunikationsformen kennen zu lernen und zeitgleich praktisch umzusetzen. Daneben informieren sich die Teilnehmenden über die Chancen und auch Grenzen dieses Zugangs anhand von Beispielen aus der Praxis. Der zweite Themenstrang besteht aus der deutsch-türkischen Begegnung: Die Fachkräfte tauschen sich über möglicherweise existierende Unterschiede in der Herangehensweise an Social Media in Deutschland und der Türkei aus und diskutieren mit Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie Jugendarbeit in beiden Ländern gestaltet wird und was junge Menschen hier und dort bewegt.

Die Gruppe

Wie bei diesem Thema zu vermuten, sind deutsche und türkische Teilnehmende vergleichsweise jung. Von deutscher Trägerseite sind sowohl klassische Jugendverbandsstrukturen, der Sport und die offene Jugendarbeit als auch Fachorganisationen aus der Migrationsarbeit bzw. dem Jugendschutz vertreten. Der breitgefächerte berufliche Background der Teilnehmenden spiegelt sich in den ganz verschiedenen Lernzielen der einzelnen Gruppenmitglieder wider. So ist beispielsweise das Element des deutsch-türkischen Fachdialogs im Vergleich zum Aspekt einer technikorientierten Fortbildung zu Neuen Medien von der Bedeutung für die einzelnen Fachkräfte sehr unterschiedlich gewichtet.

Die türkische Gruppe ist mit Anfang bis Mitte/Ende Zwanzig selbst für türkische Verhältnisse noch ausgesprochen jung. Dennoch sind über die Hälfte der Teilnehmenden schon berufstätig; in der Jugendarbeit sind sie alle ehrenamtlich engagiert. Im Vergleich zu ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen verfügen sie im Schnitt über größere Routine und Fertigkeiten in Bezug auf Neue Medien und nutzen diese unbefangener und spontaner. Zwar führt das jugendliche Alter manchmal dazu, dass sich die Teilnehmenden mehr als Jugendliche als in der Rolle als Fachkraft angesprochen fühlen. Doch die jugendlich-lockere, durchweg säkulare, dem eigenen Staat und Gesellschaft gegenüber recht kritische Art der türkischen Gruppe erstaunt die deutschen Kolleginnen und Kollegen und kommt bei ihnen sehr gut an. Dieser positive Effekt auf den Gruppenprozess überwiegt am Ende eine dann und wann vermisste Tiefe der Diskussion.

Ergebnisse / Fazit

Für ein abschließendes Fazit ist es noch zu früh, da im Februar 2011 der zweite Programmteil mit der gleichen Gruppe, diesmal in der Türkei stattfinden wird. Der gemeinsame Lern- und Annäherungsprozess in der Gruppe hat erst begonnen. Es besteht sehr berechtigter Anlass zu der Vermutung, dass sich zwischen beiden Seminaren sowohl in der Gruppe als auch individuell viel entwickeln wird – besonders bei den sehr jungen Teilnehmenden. In den fünf Seminartagen sind enorm viele Themen an die Oberfläche gekommen, die in der Kürze der Zeit nur berührt werden konnten. Diese Eindrücke werden in den Köpfen bleiben, reifen und Früchte tragen. Auf dieser Basis werden die Diskussionen im zweiten Programmteil inhaltlich eine andere Dimension und Tiefe erhalten.

Wie soll es weiter gehen?

Besonders die deutschen Teilnehmenden brauchen noch mehr Anleitung und kreative Ideen, wie sie mit ihren Organisationen ganz konkret die nächsten Schritte ins Web 2.0 gehen können. Beispiele von good practice spielen hierbei eine wichtige Rolle. Da in der Jugendarbeit solche Beispiele rar sind, wären in einem nächsten Schritt Beispiele aus der NGO/NPO-Szene zu analysieren und auf ihre Übertragbarkeit hin zu prüfen.

Weiterhin ist im Programmverlauf deutlich geworden, dass die parallel zum "realen" Seminargeschehen verlaufende Kommentierung und Weiterführung des Diskussions- und Lernprozesses in der Facebook-Gruppe eigene Zeit braucht, wenn sie von fachlich brauchbarer Qualität sein soll. Neben einem in normalem, d.h. hohem Tempo ablaufenden Fachprogramm ist die Aufrechterhaltung eines Diskussionsstrangs im Web nicht machbar bzw. verläuft dann eher in seichteren Bahnen.

Das Seminar ist ausdrücklich ausgerichtet auf die Beleuchtung der Chancen, die Social Media für die Jugendarbeit bieten. Dennoch hat sich gezeigt, dass gerade bei den deutschen Fachkräften das Bedürfnis nach deutlicher Benennung und Diskussion der Risiken und Gefahren besteht. Thematisiert werden müsste nach Wunsch der Teilnehmenden in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Vorbildfunktion von Multiplikator(inn)en in der Jugendarbeit: Wie präsentiere ich mich privat in einer Online-Community, zu der auch die Jugendlichen Zugang haben, mit denen ich arbeite?

Was haben wir erreicht?

Das Programm hat bis jetzt deutlich dazu beigetragen, dass die beteiligten Fachkräfte die Neuen Medien besser kennen, praktisch ausprobieren konnten und jetzt souveräner mit Techniken und Netzwerken umgehen. Besonders diejenigen, die erst jetzt ihre ersten Schritte in diesen Medien getan haben, sind nun eher in der Lage zu entscheiden, in wieweit sie sich auf Social Media einlassen wollen.

Es ist ein lebendiger, offener und kritischer deutsch-türkischer Dialog entstanden. Sowohl die deutschen Teilnehmenden als auch externe Referenten sind überrascht und angetan von der offenen und kommunikativen Art der türkischen Gruppe. Das Bild von der Türkei ist facettenreicher geworden.

Das Programm hat Appetit auf mehr gemacht. Nach eigener Aussage verspüren die Teilnehmenden nun großes Interesse, den angerissenen Themen weiter auf den Grund zu gehen. Dies bezieht sich sowohl auf die Situation im jeweils anderen Land als auch auf die Nutzung von Social Media.

"Youth Work and New Media", die Facebook-Gruppe zu unserer Veranstaltung, ist für alle Interessierten offen. Innerhalb von drei Tagen hatte diese Gruppe über 150 Mitglieder, die das Seminargeschehen mit verfolgen und sich (selten) auch einmal zu Wort melden. Sicher ist hier aus verschiedenen Gründen (noch) nicht der Ort einer fachlich fundierten Auseinandersetzung. Dennoch ist die Tatsache nicht zu unterschätzen, dass auf diese Art eine ungewöhnlich große Anzahl von Menschen mit unserem Fachprogramm in Kontakt gekommen sind, von denen die Mehrheit wohl kaum über klassische Wege wie Berichte o.ä. erreicht worden wäre.



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