Christian Herrmann

Europäische Impulse für die Jugendinformation

Die Vernetzungstagung von Eurodesk Deutschland und dem Jugendinfonetz fand vom 4. bis 5. Juni in Flörsheim statt. Die europaweite Entwicklung von Qualitätskriterien in der Jugendinformation, eine kritische Würdigung von Active Citizenship und der Relaunch des Europäischen Jugendportals standen im Vordergrund.

Teilnehmer/-innen der Eurodesk-Vernetzungstagung in Flörsheim
Der Zug für die Jugendinformation ist noch längst nicht abgefahren: Teilnehmer/-innen der Eurodesk-Vernetzungstagung in Flörsheim BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Wo liegt Flörsheim und warum macht man dort eine bundesweite Tagung? Das 20 000-Einwohner-Städtchen liegt zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Wer auf die malerische Altstadt am Main schaut, mag nicht glauben, dass es hier - wie überall - Probleme mit Alkoholismus und Drogen gibt. Die Mobile Beratung Flörsheim – kurz Mobflo – nimmt sich dieser Fälle an. Das Beratungszentrum hat jedoch längst sein Angebot erweitert und bietet das gesamte Spektrum von Jugendinformation an – inklusive der Mobilitätsberatung. Mit Stolz präsentierten Markus Singer und Mara Vorndran ihre Arbeit im Jugendtreff Güterschuppen. Wer die liebevolle Gestaltung des Jugendtreffs und Jugendinformationsbüros gesehen hat, versteht, dass hier außerordentlich engagierte Arbeit geleistet wird.

Einen ersten europäischen Akzent setzte Davide Capecchi, Direktor des europäischen Jugendinformationsnetzwerks ERYICA, der die Planung zu europäischen Qualitätskriterien in der Jugendinformation und daraus resultierender Projekte vorstellte. Eurodesk verfügt bereits über solche Qualitätskriterien in der Mobilitätsberatung, die aus einem längeren Qualitätsentwicklungsprozess hervorgegangen sind und jährlich überprüft und angepasst werden. Robert Helm-Pleuger stellte diese Qualitätskriterien vor. Wird es künftig konkurrierende Qualitätsmaßstäbe geben oder lassen sich Synergieeffekte erzielen? Die Diskussion konnte diese Frage nicht klären, sorgte aber erstmals in Deutschland außerhalb des kleinen Kreises der unmittelbar Beteiligten für Transparenz.

2013 ist das Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger, das den Gedanken einer aktiven europäischen Bürgerschaft – active citizenship – fördern soll. Für Benedikt Widmaier, Direktor der Akademie Haus am Maiberg, ein Grund über diese Begriffe und den angrenzenden Begriff der Zivilgesellschaft neu nachzudenken. Widmaier warf einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Begriffs Zivilgesellschaft von der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność, über den Sturz der kommunistischen Regime in Ost- und Mitteleuropa bis hin zum Fall der Berliner Mauer. Zivilgesellschaft sei damals als demokratisches Korrektiv außerhalb bestehender staatlicher Strukturen verstanden worden. Inzwischen sei jedoch ein Bedeutungswandel eingetreten. Von Seiten der Politik werde Zivilgesellschaft zunehmend als Kompensation für gesellschaftliche Pflichtaufgaben verstanden, aus denen sich der Staat zurückgezogen habe. Widmaier plädierte für eine Rückbesinnung auf vorhandene demokratische Strukturen, auf Parteien und Parlamente und leitet daraus auch einen Bildungsauftrag ab. Dass viele der Tagungsteilnehmer/-innen Widmaiers Thesen nicht folgen mochten, war sicher nicht überraschend. Wert, diskutiert zu werden, war sein Beitrag als Gelegenheit zur Positionsbestimmung in jedem Fall.

Am zweiten Tagungstag stellte Svenja Schumacher von Eurodesk Deutschland das neugestaltete Europäische Jugendportal vor. Das Portal stellt einen erkennbaren Fortschritt gegenüber seiner Vorgängerversion dar, die nicht über eine kommentierte Linkliste hinausging. Die Struktur der neuen Version orientiert sich an den Themen der EU-Jugendstrategie und stellt damit erstmals eigene Inhalte in den Mittelpunkt. Schumacher betonte, dass dies erst ein Anfang sei. Es sei an die Implementierung interaktiver Inhalte gedacht – bis hin zu einem eigenen Community-Bereich. Wesentlich für die inhaltliche und technische Weiterentwicklung sei nun die Rückmeldung der Nutzerinnen und Nutzer.

Allen Teilnehmer(inne)n war bewusst, dass sich das Jugendinfonetz seit dem Wegfall der koordinierenden Stellen bei IJAB in einer schwierigen Situation befindet. Der Einbettung in die Vernetzungstagung von Eurodesk und der damit verbundenen starken Ausrichtung auf europäische Themen und Mobilitätsberatung stehen einige Jugendinformationszentren kritisch gegenüber – dafür ziehen gerade diese Akzente andere an, die sich bisher an einem bundesweiten Austausch nicht beteiligt haben. Einig war man sich, dass eine Tagung im Jahresturnus die Maschen des Netzwerkes nur sehr lose zusammenknüpft. Regionalkonferenzen haben sich in Süddeutschland als wirksames Mittel des fachlichen Austauschs erwiesen, in anderen Teilen Deutschlands sind sie an den mangelnden Ressourcen gescheitert. Die Netzwerkpartner möchten in den kommenden Monaten inhaltliche Impulse setzen und gemeinsam an einem Produkt arbeiten, das einen Mehrwert für die Arbeit in den Jugendinformationszentren bietet. Dazu wurden zum Abschluss der Tagung erste Ideen gesammelt.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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