Christian Herrmann

Fachtag „Reach out“: So erreicht man junge Menschen für mehr internationalen Austausch

Etwa 45 Expertinnen und Experten der Internationalen Jugendarbeit und der Jugendinformation hatten sich am 21. September in den Räumen der Robert Bosch Stiftung zum Fachtag „Reach out“ in Berlin versammelt. Ihr gemeinsames Interesse: Wie können Informationen zu Auslandsaufenthalten passgenau der vielfältigen Zielgruppe Jugend nahegebracht werden?

Eine Gruppe von jungen Menschen hört zu.
BildImage: Christian Herrmann

„Expertinnen und Experten brauchen wir, um die Frage der Zielgruppenansprache beantworten zu können“, sagte Albert Klein-Reinhardt vom Bundesjugendministerium in seiner Begrüßung. „Wir brauchen Sie mit Ihrer Erfahrung, wir brauchen aber auch die Expertise von Jugendlichen, um mehr über ihre Motivation und Interessen zu erfahren.“

Veränderungen brauchen Dialog und Austausch, wenn sie erfolgreich sein sollen. „Wir wollen ein Ort des Austauschs, ein Haus des Dialogs sein“, sagte Karin Karlsson vom Gastgeber Robert Bosch Stiftung, die den von IJAB durchgeführten Fachtag gefördert hat.

Evaldas Rupkus, der „Reach out“ maßgeblich für IJAB vorbereitet hat, und Moderatorin Anneli Starzinger bereiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das vor, was sie vom Tag zu erwarten hatten: 3 neue Studien und möglichst praxisnahe Überlegungen, was aus ihnen zu schlussfolgern ist.

Forschung deckt Geisterhypothesen auf

Den ersten Aufschlag machte Andreas Rosellen von transfer e. V., der „Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“ – kurz auch als „Zugangsstudie“ bekannt – vorstellte. Dieses mehrjährige, aus mehreren Einzelstudien bestehende Projekt hat sich damit befasst, welche Jugendlichen internationale Angebote wahrnehmen und welche nicht und warum das so ist. Junge Menschen kennen internationale Angebote vor allem als Klassenfahrt. Außerschulische Angebote kennen sie oft nicht.

Die „Zugangsstudie“ schneidet einen liebgewonnen Zopf ab und hat damit Aufsehen im Fachdiskurs erregt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und der Nichtteilnahme an internationalen Angeboten. Stattdessen haben die Forscherinnen und Forscher eine Reihe von „Geisterhypothesen“ entdeckt, die sich über alle sozialen und kulturellen Milieus verteilen. Dazu gehören „das ist sehr teuer“, „man muss sehr gut in der Schule sein, um mitzudürfen“ oder „man muss sehr gute Sprachkenntnisse haben“.

Die „Zugangsstudie“ macht aber auch Hoffnung, denn sowohl junge Menschen, die bereits an einem internationalen Angebot teilgenommen haben, wie auch diejenigen, die dies bisher nicht getan haben, zeigen Interesse am Angebot der Internationalen Jugendarbeit. Wie kann man sie informieren und begeistern?

Angebote sind oft nicht „sexy“

Genau an diese Frage knüpfte Matthias Rohrer vom Jugendforschung und Kulturvermittlung e. V. an. „Die Alten bestimmen die Kommunikation und erreichen die Jungen nicht mehr“, konstatiert er. Junge Menschen hätten oft den Eindruck, ein Angebot würde sich nicht an sie richten – wenn sie denn überhaupt Informationen erreichen. Und die Auftritte vieler Träger seien irgendwie „nicht sexy“. Er rät dazu, soziale Medien stärker in den Fokus zu richten – und zwar diejenigen, auf denen junge Menschen auch tatsächlich anzutreffen sind. Wichtig sei es auch zu verstehen, dass es nicht „die Jugend“ gäbe. Angebote müssten auf unterschiedliche Milieus und Interessengruppen zugeschnitten sein und entsprechend beworben werden. Rohrer bezweifelt, ob junge Menschen durch den Anspruch „zu helfen“ zu gewinnen seien. Ergebnisse – beispielsweise eines Freiwilligendienstes oder eines Workcamps – müssten konkret erfahrbar sein und zugleich einen Nutzen bringen. Der muss nicht zwingen materiell sein – es kann auch darum gehen, ein Abenteuer zu erleben oder neue Freunde zu finden.

Mehr Unterstützung wird gewünscht

Evaldas Rupkus von IJAB präsentierte seine Synopse über die Jugendinformationsangebote in Deutschland zu Auslandsaufenthalten. 735 Angebote wurden dabei erfasst – auch geografisch. Mit im Blick hatte Rupkus bei seiner Untersuchung nicht nur die Angebote, die in der Jugendarbeit bekannt sind – wie etwa das Eurodesk-Netzwerk –, sondern auch Handwerkskammern und Beratungsangebote der Bundesagentur für Arbeit. „Je besser die Einbindung der Informationssangebote in unterschiedliche und vielfältige Netzwerke, desto umfänglicher ist die Beratung“, lautet Rupkus' Schlussfolgerung. Ähnlich wie bei Rohrer wirft der Einsatz sozialer Medien bei ihm Fragen auf. Facebook ist der verbreitetste Kanal, der von Beratungseinrichtungen genutzt wird –, aber genau dieses soziale Netzwerk wird von Jugendlichen seit Jahren verlassen. Alarmierend auch: Viele Beratungseinrichtungen sehen sich an der Obergrenze ihrer Kapazität. Sie wünschen sich mehr zentralisierte Unterstützung bei der Weiter- und Fortbildung, der Interpretation von Forschungsergebnissen, valide recherchierten Beratungsmaterialien und Vernetzung.

Öffentlichkeitsarbeit größer denken

Was folgt aus all diesen Erkenntnissen? In Arbeitsgruppen wurde dieser Frage nachgegangen. Als Schlüsselelement wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit für die Angebote Internationaler Jugendarbeit betrachtet. Sie soll zugleich zentralisierte Kampagne, angepasst an die Wünsche und Vorstellungen der Träger, und zielgruppenspezifisch diversifiziert sein. Erste Anhaltspunkte, wie das aussehen könnte, lieferte bereits im vergangenen Jahr die Kampagne #internationalheart. Jetzt aber wollen alle größer denken.

Wie das aussehen kann, bedarf weiteren Nachdenkens. „Sie haben sicher nicht erwartet, auf alle Fragen eine Antwort zu finden“, sagte Moderatorin Anneli Starzinger zum Abschluss, „aber Sie haben Ihren Willen zum Ausdruck gebracht, künftig Synergien zwischen den unterschiedlichen Netzwerken zu schaffen“. Die Ergebnisse des Fachtags sollen nun in ein Gesamtkonzept einfließen.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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