Ansgar Drücker

Anders als erwartet

Im Osten der Türkei fand eine internationale Jugendbegegung der Naturfreundejugend Deutschlands und des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland statt. Sie erwies sich als intensives Erlebnis in einer überwältigenden Umgebung. Und: Im anatolischen Hochland ist manches anders, als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet hatten.

Pause im anatolischen Hochland
BildImage: Ansgar Drücker

InterKulturell on Tour

Das Projekt „InterKulturell on Tour“ (September 2007 bis Dezember 2009) diente dem Aufbau von Kooperationsstrukturen zwischen der Internationalen Jugendarbeit und Migrantenselbstorganisationen. Projektträger waren das Service-, Beratungs- und Qualifizierungsbüro transfer e.V., IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., JUGEND für Europa – Deutsche Agentur für das EU-Programm JUGEND IN AKTION sowie die bundesweiten Träger Naturfreundejugend Deutschlands, Deutsche Sportjugend und VIA e.V. Das Projekt wurde aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes und aus dem EU-Programm „JUGEND IN AKTION“ gefördert und von der Fachhochschule Köln unter Leitung von Prof. Andreas Thimmel wissenschaftlich begleitet (www.interkulturell-on-tour.de).

Durch die gemeinsame Planung, Durchführung und Auswertung internationaler Jugendbegegnungen bzw. Jugendreisen konnten nachhaltige Kooperationen und Netzwerke zwischen Jugendverbänden und Migrantenselbstorganisationen aufgebaut werden: Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund unternahmen gemeinsame Aktivitäten, die Spaß machten, und entwickelten Beziehungen auf Augenhöhe. Durch die gemeinsame Durchführung von Jugendbegegnungen bauten auch die beteiligten Organisationen Kooperationsstrukturen auf. Diese Strukturen bleiben auch nach Ende des Projektes wirksam und tragen so zu einer nachhaltigen Vernetzung bei. Die Ergebnisse des Projekts wurden im „Leitfaden InterKulturell on Tour“ zusammengefasst, der als Buchveröffentlichung im Wochenschau Verlag erschienen ist.

Angeregt durch das Projekt InterKulturell on Tour fand im Sommer 2009 eine gemeinsame Jugendbegegnung des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland und der Naturfreundejugend Deutschlands mit jungen Alevitinnen und Aleviten in der Provinz Tunceli (Dersim) statt. Diese am dünnsten besiedelte Provinz der Türkei liegt zwischen den Bergketten des anatolischen Hochlandes und wird vom Euphrat umflossen. Es handelt sich um die einzige Provinz mit alevitischer Mehrheitsbevölkerung.

Die Begegnung war durch das Nebeneinander von spektakulären Landschaftseindrücken und einer angespannten politischen Lage mit der kaum auszublendenden Präsenz von Straßensperren und Militärposten geprägt. Die Provinz ist seit über 70 Jahren Schauplatz politischer, kriegerischer und kultureller Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Staat und der einheimischen Bevölkerung bzw. teilweise der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Am Abend der Ankunft in der Provinz Tunceli trifft die Gruppe zum ersten Mal zwei „Dedes“ (alevitische Geistliche), die parallel in Deutschland und der Türkei leben. Einer von ihnen hält eine beeindruckende Begrüßungsrede, in der er sich besonders an die Frauen der Gruppe richtet. Er ermutigt sie, sich auch dann weiter für die alevitische Sache und den Verband einzusetzen, wenn sie einmal heiraten und Kinder bekommen sollten. Denn es bringe Organisationen weiter, wenn Frauen – auch in Führungsrollen – beteiligt seien. Die jungen Männer in der Gruppe ruft er auf, diese wichtige und notwendige Rolle der Frauen zuzulassen statt sie zu bekämpfen. Diese unerwartete thematische Schwerpunktsetzung beeindruckt die deutschen und türkischen Teilnehmenden gleichermaßen und stellt erste Erwartungen über Einstellungen in dieser ländlichen Provinz wirksam in Frage.

Für zwei Tage unternimmt die Gruppe einen Ausflug in die Berge – eingeleitet durch eine eineinhalbstündige und für einige als halsbrecherisch anmutende Fahrt ins Bergdorf Dağbek und einen Begrüßungsabend bei sternenklarem Himmel. Dort kocht die Gruppe gemeinsam mit der gastgebenden Familie ein Gericht namens Şire Sac, das aus gerolltem ganz dünnen Brot, das anschließend in ca. 2 cm lange Abschnitte geschnitten und in eine Art Wok gestellt wird, besteht. Es wird mit einer Mischung aus Ayran und Knoblauch sowie mit geschmolzener Butter übergossen und erhitzt. Das gemeinsame Essen aus den großen Pfannen ist ein erster Impuls für einen intensiven Austausch und die Begegnung auf persönlicher Ebene.

Nach dem Essen sitzt die Gruppe zusammen mit Einheimischen von neun Uhr abends bis halb drei Uhr nachts im Kreis am Lagerfeuer, isst und trinkt, erzählt und singt. Die kurdischen und türkischen Lieder werden mit Saz und Bağlama (türkische Laute) begleitet. Es gibt in dieser Region Bären und Wölfe. Wenn die Hunde bellen, ist daher plötzlich Stille und alle lauschen, ob Gefahr droht – diesmal nicht im politischen Sinne.

Am nächsten Morgen steht die Gruppe gegen sechs Uhr auf. Es gibt ein sehr herzhaftes Frühstück: gegrillte und pürierte Auberginen, einen Eintopf aus Paprika, Peperoni, Tomaten und Knoblauch sowie Rührei, Gurken und Tomaten. Dann bricht die Gruppe auf und passiert auf dem Weg einige armenische Gräber aus der Zeit vor dem Armenier-Genozid zwischen 1913 und 1919. Die Wanderung führt zu einem Bergsee, um den herum noch einige Eisfelder den heißen Sommer überstanden haben. Auf dem Weg nach oben wird die Luft immer dünner und kühler. Die Gruppe fällt zwar weit auseinander, aber alle, die es sich vorgenommen hatten, schaffen – zum Teil mit letzter Kraft – den anstrengenden Aufstieg zum See. Zwei junge Frauen bleiben unten und hüten den ganzen Tag Schafe – auch sie sind abends sehr zufrieden mit ihrem Tag.

In der Auswertung werden die beiden Tage der Bergwanderung von vielen Teilnehmenden als die intensivsten und stimmungsvollsten beschrieben – auch aufgrund der Vermischung sehr emotionaler Eindrücke mit persönlichen Grenzerfahrungen, intensiven persönlichen Begegnungen und Gesprächen, einer spektakulären naturräumlichen Umgebung sowie der Präsenz historischer und politischer Aspekte auch in dieser abgelegenen Bergwelt.

Das Beispiel dieser internationalen Jugendbegegnung verdeutlicht, dass interkulturelles Lernen bei intensiver Vorbereitung und durch Nutzung von Kontakten junger Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland und ihrer Organisationen, auch in außergewöhnlichen Umgebungen sehr gut gelingen kann.



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