Christian Herrmann

Europäischer Freiwilligendienst wird als wertvolle Lebenserfahrung von Jugendlichen wertgeschätzt

Die Fachhochschule Köln legt einen Teilbericht der Evaluation des Projektes „JiVE – Jugendarbeit international – Vielfalt erleben“ vor. Gegenstand ist der Europäische Freiwilligendienst (EFD) und sein Beitrag zu einer stärkeren Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Der Bericht geht auch der Frage nach, welche Strategien und Aspekte zu einer interkulturellen Öffnung des EFD beitragen können.

Freiwillige
BildImage: sewaburkina   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0

Im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung der Autorin Yasmine Chehata, Projektleiter Prof. Dr. Andreas Thimmel und den Mitarbeiterinnen Kathrin Hirschmann und Stefanie Weiß stehen die strukturelle und die personale Ebene, das heißt die Organisationen, die im EFD aktiv sind bzw. die, die es noch nicht sind, sowie die Freiwilligen selbst.

Die zentralen Ergebnisse und Perspektiven für die zukünftige Programmentwicklung des EFD werden im Bericht in Form von kurzen Zusammenfassungen dargestellt. Es konnten vier Hauptthesen identifiziert werden, die als Anlass für weiterführende Diskussionen verstanden werden dürfen.

Eröffnung des Zugangs und persönliche Ansprache

Ausgangspunkt für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Idee einen Europäischen Freiwilligendienst zu absolvieren, waren in aller Regel persönliche Kontakte. Die Mehrheit der befragten Jugendlichen erfuhr aus dem näheren Umfeld (Familie, Peergroup, persönliches Netzwerk) vom EFD und konnte sogar auf Informationen aus erster Hand zurückgreifen. Ehemalige Freiwillige stellen eine wichtige Informationsquelle für die Jugendlichen dar. Insbesondere wenn Jugendliche nicht auf eigene, positive Mobilitätserfahrungen zurückgreifen können und das Umfeld diese auch nicht vorlebt, sind persönliche Schilderungen wertvoll. Entsende- und Aufnahmeorganisationen sind gefragt, aktiv auf die Jugendlichen zuzugehen und ihnen Lust auf eigene Erfahrung von Mobilität zu machen, sie aber gleichzeitig über die Herausforderungen aufzuklären.

EFD als Orientierungsraum und Brücke

Der EFD dient den Jugendlichen als Orientierungsphase. Sie befinden sich oftmals in einer Lebensphase, die aus Umbrüchen besteht. Der EFD markiert den Übergang von einem Abschnitt in den nächsten. Zudem geht es darum, die eigene „Komfortzone“ zu verlassen. Um diesen Schritt wagen zu können, brauchen viele Jugendliche eine sichere und verlässliche Basis, die der EFD bieten kann. Das individuelle Sicherheits- und Unterstützungsbedürfnis der Jugendlichen muss von den Entsende- und Aufnahmeorganisation beachtet werden.

Gleichzeitig wird den Jugendlichen Raum für Selbstbildungsprozesse geboten. Die Seminare übernehmen in diesem Sinne ebenfalls eine Brückenfunktion. Die gesammelten und teilweise schwer greifbaren Erfahrungen und Entwicklungen können in diesem Rahmen reflektiert werden. Über einen gewinnbringenden und effektiven Austausch mit anderen Freiwilligen können Reflektionsprozesse erleichtert und angeschoben werden. Dadurch werden die Erfahrungen intensiver nutzbar und treten teilweise überhaupt erst in das Bewusstsein. Eine Ausgewogenheit aus Begleitung und Freiraum, die sich am realen Bedarf der Jugendlichen orientiert, ist dabei zentraler Aspekt.

Unterstützend wirkt hierbei die Zufriedenheit mit der Einsatzstelle. Besonders wichtig ist, dass sich die Jugendlichen als wertgeschätzt empfinden und gewissenhaft in angemessene Aufgabenbereiche eingeführt werden, die ihnen erlauben eigenständig zu arbeiten und sich auszuprobieren. Die Aufnahmeorganisation bietet den Jugendlichen oftmals Rückhalt in der Gemeinschaft. Insbesondere bei der Vermittlung zwischen Gastland und Freiwilligen kommt ihnen eine entscheidende Rolle zu. Die Begleitung durch MentorInnen sollte stärker in den Blick genommen werden. Nicht immer fühlen sich die Jugendlichen adäquat betreut.

Es zeigt sich deutlich, dass der EFD an die aktuelle Lebenssituation der Jugendlichen anknüpfen können muss. Er sollte eine Brücken- und Orientierungsfunktion in Bezug auf die Lebensphase der Jugendlichen einnehmen. Der aktuelle und zukünftige Nutzen für die Jugendlichen muss klar ersichtlich werden.

Die Europäische Dimension ist ausbaufähig

Aus Sicht der Jugendlichen wird das Profil des EFD klar beschrieben: Ein Auslandsaufenthalt mit sozialem Charakter. Europa definiert sich dabei über die Begegnungen mit Menschen verschiedener europäischer Länder und die Möglichkeit der Reisefreiheit. Damit ist Europa in den meisten Fällen durchaus mit positiven Bildern besetzt, aber die politische Ebene wird nicht tiefer gehend reflektiert. Das Thema Europa scheint auch auf den Seminaren nur vereinzelt im Vordergrund zu stehen. Dabei kann Europa als Reflexionsfolie im Sinne politischer Bildungsprozesse für Erfahrungen genutzt werden. Der Zugang hierzu erfolgt über die emotionale Verbundenheit der Jugendlichen mit dem Erlebten.

EFD als wertvolle Erfahrung, die allen zugänglich gemacht werden sollte

Der EFD wird als wertvolle Lebenserfahrung von den Jugendlichen wertgeschätzt. Er hat durchweg positive Effekte auf die Entwicklung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es finden Lern- und Bildungsprozesse auf verschiedenen Ebenen statt. Insbesondere im Erfahren von Umgangsmöglichkeiten mit krisenhaften und problematischen Situationen entwickeln die Jugendlichen Bewältigungsstrategien und Selbstvertrauen. Berufliche Ziele werden benannt und die Bereitschaft zur Mobilität, sowie zum freiwilligen Engagement werden im EFD angeregt. Eine Fremdsprache gelernt zu haben, ist für die Jugendlichen besonders wichtig, sich den „Herausforderungen des Lebens“ gestellt zu haben, darauf sind sie stolz. Trotz schwieriger Erlebnisse und Konflikte, die alle Jugendlichen hatten, blicken sie durchweg positiv auf ihre Zeit im EFD. Kritisch setzen sie sich auch mit der TeilnehmerInnenstruktur des EFD auseinander. Sie formulieren den Wunsch, dass diese Erfahrung allen Jugendlichen offen steht und der Zugang zum EFD erleichtert wird. Die Praxis des Bewerbungsverfahrens gerät dabei in die Kritik. Sie stellt einen Selektionsmechanismus dar, der schwer zu bewältigen ist. Hürden werden in den geforderten Fremdsprachenkenntnissen und der Komplexität des Verfahrens gesehen. Die Systematik aus Entsende- und Aufnahmeorganisation wirkt undurchsichtig und erschließt sich nicht auf Anhieb. Wo liegen die Zuständigkeiten und wo kann ich Hilfe erwarten? Wie kann ich die Informationen der Datenbank sinnvoll nutzen? Dies sind einiger der Fragen, mit denen sich die Bewerber befassen müssen. Dieser Problematik sahen sich auch die befragten Jugendlichen gegenüber. Besonders bei der Projektauswahl ist nicht ersichtlich, wie die „inoffiziellen“ Wege zwischen Entsende- und Aufnahmeorganisation verlaufen. Mehr Transparenz ist an allen Schaltstellen des EFD wünschenswert.

>> Der vollständige Bericht kann hier im PDF-Format heruntergeladen werden



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