Marco Heuer

Fachkolloquium JiVE: „Internationalisierung der Jugendarbeit gewinnt an Dynamik“

Mit dem klaren Wunsch, das JiVE-Netzwerk auch über 2014 hinaus aufrecht zu erhalten und weiter auszubauen, ist das bundesweite Fachkolloquium am 19. Juni in Hannover zu Ende gegangen. Unter dem Motto „International und Europäisch: Aktuelle Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe“ diskutierten rund 60 Vertreter/-innen von Kommunen und Bundesländern, Jugendverbänden, Sportjugend, Trägern der Jugendsozialarbeit und Migrantenselbstorganisationen, wie sich die acht Teilinitiativen von JiVE künftig noch stärker international ausrichten und ihre Zusammenarbeit untereinander verstärken können. Ein zentrales Ergebnis: Auch mit anderen Ländern soll der Austausch über die Internationalisierung von Projekten vorangetrieben werden.

Teilnehmer/-innen des JiVE-Fachkolloquiums am 18. und 19. Juni 2013 in Hannover BildImage: Christoph Piecha

Christoph Kretschmer vom Jobcenter Mayen-Koblenz ließ keinen Zweifel daran, worauf es bei der erfolgreichen Vermittlung von benachteiligten Jugendlichen im internationalen Arbeitsmarkt noch immer besonders ankommt: persönliches Engagement. „Die Probleme bei der Integration lassen sich nicht mehr allein mit dem SGB II lösen, wir brauchen funktionierende Fach-Netzwerke, um die Menschen aufzufangen.“ Kretschmer und seine KollegInnen haben transnationale Projekte längst für sich entdeckt. Alle sechs Monate schicken sie 15 bislang unvermittelte junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren für ein mehrwöchiges Praktikum nach Frankreich. Ob im Hotel-und Gastronomiegewerbe, bei der Pflege oder in der Logistik – überall lernen die in Deutschland oft als Versager abgestempelten Jugendlichen zusätzliche interkulturelle und soziale Kompetenzen, die ihre beruflichen Start- und Integrationschancen verbessern. „Bei vielen unser TeilnehmerInnen macht es nach drei Monaten klick, da wird auf einmal ein Schalter umgelegt“, freute sich Kretschmer, für dessen Projektidee sich mittlerweile auch andere Jobcenter zu interessieren beginnen. Jedes Jobcenter arbeite zwar anders, so der gelernte Sozialarbeiter, wichtig sei es aber immer, „begeisterte Mitwisser an den Schaltstellen zu finden.“

Besser Chancen als Risiken betonen

Für eine verstärkte Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe sprach sich auch Herbert Wiedermann vom Landesjugendamt Hamburg aus. Dazu müssten die Kommunen dann aber internationale Ziele – wie den Umgang mit Migrant(inn)en, Städtepartnerschaften oder die Mitarbeit in europäischen Netzwerken – auch klar benennen. Dazu gehörten ein aufgeschlossenes Führungs-Management in der Stadt, genügend finanzieller Spielraum im Haushalt sowie klar festgelegte Zuständigkeiten für die Internationale Jugendarbeit – sei es beim Bürgermeister oder beim Jugendamt. Wiedermann verschwieg aber auch nicht die Schwierigkeiten: „Die größten Hindernisse für eine Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe sind psychologischer und mentaler Natur.“ Es sei Fakt, dass Jugendämter und Träger ohne internationale Erfahrungen häufiger Risiken und Hindernisse betonten als öffentliche und freie Träger mit internationalen Erfahrungen, so Wiedermann. Typische Hemmnisse seien zu geringe Finanzierungspotenziale, unzureichende Personalkapazitäten und mangelndes Know-How bei der Internationalisierung.

Die Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings, Hetav Tek, sprach von gewaltigen Herausforderungen angesichts von 138 Millionen jungen Menschen unter 24 Jahren in Europa. Die Internationalisierung der Jugendarbeit sei dem DBJR wichtig. Europa müsse mehr von den Chancen her gedacht werden, so Tek. „Wir brauchen auch Austauschprojekte, die einfach nur Spaß und Lust auf Europa machen.“ Die DBJR-Vorsitzende sagte, sie wolle sich auch für eine aktivere Lobbyarbeit in Brüssel und ein vereinfachtes Antragsverfahren einsetzen.

JiVE ist strukturell nachhaltig

Einig waren sich die Teilnehmenden des Fachkolloquiums, dass das JiVE-Projekt mit seinen Teilinitiativen in diesem Jahr deutlich an Dynamik gewonnen hat. Allein bei „Kommune goes International“ sind in 17 der 21 beteiligten Städte und Gemeinden lokale Entwicklungspläne ausgearbeitet und zum Teil auch über den Jugendhilfeausschuss vor Ort verabschiedet worden. Zwei Kommunen wollen bis September nachziehen. „JiVE ist strukturell nachhaltig. Wir sind auf einem guten Weg, wenngleich nach wie vor noch viel Überzeugungsarbeit nötig ist“, sagte Ursula Krickl vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Wichtig sei es, die jetzt erarbeiteten Strategien und Konzepte auch für die Zukunft zu nutzen. „Die Projektitis ist manchmal unser Problem, dabei müssen wir das Rad doch gar nicht jedes Mal neu erfinden.“

Netzwerk weiter ausbauen

Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik beim Bundesjugendministerium, würdigte JiVE als eine Initiative, deren Besonderheit gerade darin bestehe, dass es hier nicht um Auftragshandeln geht. „Die Träger arbeiten aus eigener Verantwortung, aus eigener Motivation – das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.“ Klein-Reinhardt schlug vor, den Namen JiVE auch über 2014 hinaus als Marke für die Netzwerk-Plattform beizubehalten. Ein Fachkolloquium mit allen Teilinitiativen sollte jedes Jahr stattfinden. „Das Bundesjugendministerium wird die Ergebnisse von JiVE konkret auswerten. Dann werden wir auch Vorschläge machen, wie es weiter gehen kann.“ Klein-Reinhardt sprach sich außerdem dafür aus, zentrale Ergebnisse im Bereich des non-formalen Lernens künftig noch stärker herauszuarbeiten und darzustellen. Denkbar sei auch ein eigener Bericht für die Bundesregierung.

Erfolgreiche Teilinitiativen

Die VertreterInnen der Teilinitiativen von JiVE gaben einen Einblick in ihre Arbeit. Bei „International.Interkulturell“ wird derzeit vor allem die Zusammenarbeit zwischen der Naturfreundejugend und der alevitischen Jugend ausgebaut. „Der Mehrwert liegt im Austausch. Gemeinsame Umweltprojekte bieten einen konkreten Anknüpfungspunkt“, so Tobias Thiele von der Naturfreundejugend Deutschland. Klare Aufgabentrennungen gibt es bei der Teilinitiative „Jugendsozialarbeit macht mobil“. „Die AWO kümmert sich um die Zertifizierung von Maßnahmen für benachteiligte Jugendliche, die BAG EJSA um den Fachkräfteaustausch. Die BAG-ÖRT erstellt einen Leitfaden für Führungskräfte und wir entwickeln neue Formate für benachteiligte Jugendliche“, sagte Daniela Keeß vom Internationalen Bund. Bei „Interkulturell goes on!“ steht die individuelle trägerspezifische Beratung im Mittelpunkt, bei der Teilinitiative „Diversitätsbewusste internationale Jugendarbeit“ der themenübergreifende Ansatz. „Wir wollen herausfinden, wie die eigenen Filter funktionieren, wo unsere blinden Flecken sind“, sagte Nina Schmidt von JUGEND für Europa.

Viel vorgenommen haben sich auch die Macher/-innen im „Modellprojekt – Grenzüberschreitende Lernmobilität ermöglichen“. Neben Zukunftskonferenzen in fünf verschiedenen Bundesländern wird eine Fachkräfteinitiative vorbereitet. In einer Textsynopse sollen zudem sämtliche Mobilitätshindernisse zusammengefasst und einer interministeriellen Arbeitsgruppe zugänglich gemacht werden. Optimistisch über die Teilinitiative der Sportjugend äußerte Peter Brinks, Referent beim Landessportbund Hessen. „Viele der Zielgruppe sind schon da. Wir müssen jetzt nur noch eine internationale Maßnahme draufsetzen.“ Und auch in der jüngsten Teilinitiative Inklusion sieht man sich für die Zukunft gut aufgestellt. „Behindert ist schließlich nicht das Individuum, sondern oft die Gesellschaft“, so Martina Drabner von der BAG Katholische Jugendreisen.

Motivation hochhalten

Für die Zeit nach Ende der JiVE-Förderung haben sich die Projektverantwortlichen der Teilinitiativen viel vorgenommen. So wollen sie beispielsweise ihren Bedarf an das Netzwerk künftig stärker kommunizieren, Multiplikatorenschulungen in der eigenen Organisation fortsetzen und erstellte Arbeitsmaterialien für andere Einrichtungen weiter optimieren. Wichtig bleibt aber vor allem wohl das Engagement und die Motivation der Träger und Initiativen. „Ich habe keinen Zweifel, dass wir das hinbekommen“, so Albert Klein-Reinhardt vom Bundesjugendministerium, „Wenn ich sehe, was für einen tollen kollegialen Austausch Sie untereinander haben, dann bekommt man schon einiges hin.“



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