Christian Herrmann

Internationale Jugendarbeit – „wir müssen da mehr rein“

Wie Internationale Jugendarbeit für mehr junge Menschen mit schlechten Startchancen geöffnet werden kann, ist eine der Schlüsselfragen der letzten Jahre. Die JiVE-Fachtagung „Vielfalt erleben“ ging am 22. Juni in Bonn der Frage nach, was Kommunen davon haben wenn dies gelingt. Im Fokus standen dabei die Inklusion junger Geflüchteter und die Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt – aber auch die übergreifende Frage, was internationaler Austausch in der Gesellschaft bewirken kann.

Viele Menschen sitzen in einem Raum und hören einem Vortrag zu.
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

„Internationale Jugendarbeit kann junge Menschen in heterogenen Gesellschaften stärken“, stellte IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber in ihrer Begrüßung fest, „gerade diejenigen, die besondere Unterstützung brauchen“.  Manfred von Hebel vom Mitveranstalter JUGEND für Europa erinnerte daran, dass viele Europäische Programme, darunter auch das neue Europäische Solidaritätskorps nur mit den Trägern vor Ort und den Kommunen umgesetzt werden können und Thomas Thomer, Unterabteilungsleiter für Kinder und Jugend im Bundesjugendministerium rief in Erinnerung, wie wichtig es gerade jetzt sei, sich interkulturell zu öffnen. Damit waren in der Eröffnung wichtige inhaltliche Säulen der Fachtagung sichtbar geworden: Die Öffnung der Internationalen Jugendarbeit für neue Zielgruppen, die Orientierung auf die kommunale Ebene und die gesellschaftspolitischen Implikationen des Arbeitsfelds.

Inklusion durch Aneignung von Raum

Dr. Bettina Reimann vom Deutschen Institut für Urbanistik beschäftigte sich in ihrem Impulsvortrag mit kommunalen Herausforderungen und Handlungsoptionen in Bezug auf sozialen Zusammenhalt und Vielfalt. Zwar stimme es, dass in den großen Städten besonders viel Zuwanderung anzutreffen sei, aber auch im ländlichen Raum bestehe inzwischen ein Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von 11 %.  Kommunen könnten gar nicht anders, als sich mit Zuwanderung und Vielfalt zu beschäftigen. Dabei gäbe es drei Handlungsräume für Kommunen: Wohnungsmarkt, Arbeitsmarkt und soziale Integration. Besonders bei  der sozialen Integration und dem Übergang in den Arbeitsmarkt sieht Reimann Anknüpfungspunkte für Jugendarbeit – und damit auch für die Internationale Jugendarbeit.

Ein strategischer Hebel für Integration ist für Reimann die „Aneignung von Raum“, ihr besonderes Augenmerk gilt „Integrationsquartieren“, also den Orten in denen sich Zuwanderer bevorzugt niederlassen. Reimann sind Aktivierung und Beteiligung wichtig. Nur wenn man Menschen miteinbeziehe und nicht nur über sie rede, könne man die Aneignung von Raum erfolgreich ermöglichen. Und: Es sei wichtig immer die gesamte Bevölkerung zu adressieren, auch die Alteingesessenen.

Alles hat einen politischen Kern

Welche Wirkungen hat Internationale Jugendarbeit und welchen Nutzen hat sie dadurch für die Gesellschaft? Dieser Frage ging Benedikt Widmaier von der Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz nach. Widmaier unterscheidet zwischen unterschiedlichen Kompetenzen, die im internationalen Austausch erworben werden können. Dazu gehören selbstbezogene Effekte, wie beispielsweise größere Sicherheit im Umgang mit ungewohnten Situationen, aber auch soziale und politische Kompetenzen.

Während sich in Forschung und Diskurs der vergangenen Jahre das Interesse hauptsächlich auf die persönlichkeitsbildende Wirkung Internationaler Jugendarbeit gerichtet hat, schieben sich nun angesichts der aktuellen Herausforderung soziale und politische Effekte in den Vordergrund.  Widmaier möchte sie gestärkt sehen. Ähnlich wie Reimann setzt er dabei auf Partizipation, aber auch auf die Aufmerksamkeit von Pädagoginnen und Pädagogen für soziale und politische Aspekte. „Ihr Projekt muss kein explizites politisches Thema haben“, sagte Widmaier, „aber alles hat einen politischen Kern und wir müssen ihn mehr in unsere Reflektion einbeziehen“.

Querschnittsaufgabe schafft neues Selbstbewusstsein

Internationale Jugendarbeit und ihre Verankerung in den Kommunen, ihr Beitrag in einer vielfältigen Gesellschaft und für den Übergang in Arbeit waren Gegenstand von Workshops. Dabei wurden themenübergreifende Gemeinsamkeiten festgestellt: Internationale Jugendarbeit muss als Querschnittsaufgabe verstanden werden, sie muss politisch gewollt sein und sie muss von Fachkräften – zum Beispiel im Rahmen eines Fachkräfteaustauschs – erlebt werden, um ihre Wirkung nachvollziehbar zu machen und zu begeistern. „Die, die am Ruder sind, müssen wollen“, sagte eine Teilnehmerinnen. Oft war von „Haltung“ die Rede, einer Haltung, die sensibel ist für die Vielfalt der Gesellschaft, die über Ländergrenzen hinausschaut und die bereit ist, auf Herausforderungen aus der Perspektive von Europäern und Weltbürgerinnen zu reagieren. Jugendarbeit kommt dabei unausweichlich in Kontakt mit anderen Handlungsfeldern – das löste bei einigen Bedenken in Bezug auf mangelnde Augenhöhe aus. Aber es gab auch Antworten darauf: „Dadurch, dass wir Lösungen für andere anbieten konnten, sind wir interessant geworden und haben neues Selbstbewusstsein gewonnen“.

Alle sollten eine internationale Erfahrung machen können

Vieles von dem, was in den Workshops angesprochen wurde, fand sich in der abschließenden Podiumsdiskussion wieder: vor allem die Begeisterung der Akteure und ihr Wille, andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen und Internationale Jugendarbeit auch dort wirksam werden zu lassen, wo sie noch nicht angekommen ist. Europeer Natalie Chirchietti erzählte, wie sie bei anderen Jugendlichen für die Teilnahme an Freiwilligendiensten wirbt. Hans Jürgen Hartmann von der Stadtförderung Bonn möchte Internationale Jugendarbeit breit aufgestellt sehen, „größer als SGB VIII“, wie er betonte. Akhila Kunstmann von der IHK weiß, wieviel Motivationsarbeit oft nötig ist, um Jugendliche beispielsweise für ein Auslandspraktikum zu begeistern: „Ich höre dann immer, das ist doch nicht für mich, ich hab doch schlechte Noten“.  Kunstmann weiß aber auch, wie befriedigend es ist, wenn das Praktikum erfolgreich war.

Das vielleicht schönste Statement kam von Dr. Tagrid Yousef vom Kommunalen Integrationszentrum Krefeld: „Von vielen Förderprogrammen habe ich hier das erste Mal gehört. Ich merke, was für Möglichkeiten es gibt, wir müssen mehr in die Internationale Jugendarbeit rein. Alle sollten eine internationale Erfahrung machen können.“

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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