Christian Herrmann

JiVE-Fachkolloquium 2015: Internationale Jugendarbeit stellt sich der Arbeit mit jungen Flüchtlingen

Neben dem Austausch und der Vernetzung der einzelnen JiVE-Teilinitiativen untereinander, standen die Themen Flucht und Migration und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen für die Internationale Jugendarbeit im Fokus des diesjährigen JiVE-Fachkolloquiums, das am 20. und 21. Oktober 2015 in Bonn stattfand.

Angeregte Diskussion auf dem JiVE Fachkolloquium BildImage: Marcus Gloger | IJAB

Internationale Jugendarbeit hat sich in ihrer Geschichte immer aktuellen Erfordernissen angenommen. Das ist auch 2015 der Fall, dem Jahr, in dem der Zustrom von Flüchtlingen alle anderen Themen in den Schatten stellt. Die Öffnung der Internationalen Jugendarbeit für junge Flüchtlinge war bereits im Frühjahr in die Arbeitsplanung von JiVE aufgenommen worden – zu einem Zeitpunkt also, als der Umfang der Fluchtbewegung aus Syrien und anderen Ländern noch nicht absehbar sind.

Auch Albert Klein-Reinhardt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) verwies in seinem Grußwort zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung darauf, dass die Initiative JiVE sich mit diesem Fachkolloquium einem zentralen, hochaktuellem Thema widme, das aber gleichzeitig auch auf die Ursprünge von JiVE zurückführe: War es doch eine zentrale Erkenntnis der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojektes (2008-2010) durch die Fachhochschule Köln, dass die Internationale Jugendarbeit in ganz besonderer Weise zur Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund beitrage. Natürlich stelle es eine Herausforderung dar, die vielen Flüchtlinge zu integrieren, dabei könne die Internationale Jugendarbeit aber, so Klein-Reinhardt,  ganz eigene Anregungen leisten, auch um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken.

In vier Workshops versuchte sich das Fachkolloquium diesen Herausforderungen und Chancen der Arbeit mit jungen Flüchtlingen anzunähern. Good-Practice-Projekte wurden dabei zu Rate gezogen, aber auch aktuelle Debatten, wie die um Diversität.

Dass diejenigen jungen Flüchtlinge, die in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind, jedoch gar nicht die Zielgruppe für Internationale Jugendarbeit sein können, wurde in der Diskussion schnell deutlich. „Für Internationale Jugendarbeit müssen die Jugendlichen aus einer stabilen Situation kommen, ihr Ankommen in Deutschland muss abgeschlossen sein“, so schilderte Christina Gerlach, Geschäftsbereichsleiterin bei IJAB, eines der Diskussionsergebnisse des von ihr moderierten Workshops. „Die Erstaufnahmeeinrichtung ist der falsche Ort für Internationale Jugendarbeit“ wusste Harald Landskröner vom Jugendamt der Stadt Dortmund zu berichten, „denn es sind gerade die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, die als erste umverteilt werden“.

Offen für neue Kooperationen

Zielgruppe sind also diejenigen, die schon etwas länger in Deutschland sind und deren Leben wieder in stabileren Bahnen verläuft. Für sie sahen die Teilnehmenden des Fachkolloquiums die Chance, Mobilität wieder positiv zu erleben und im Sinne von Bildungsgerechtigkeit an den Möglichkeiten der Gesellschaft teilzuhaben. Nina Schmidt, die sich in ihrer Masterarbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und ihrem Engagement in Bereich der Internationalen Jugendarbeit beschäftigt hat, ging sogar noch weiter: „Sie haben die Chance, den Kompetenzerwerb, den sie während der Flucht erlebt haben, zu reflektieren und aus einer schlimmen Erfahrung etwas positives zu ziehen.“

Ansgar Drücker vom IDA e. V. sah Chancen für das Arbeitsfeld Internationale Jugendarbeit insgesamt. Die Arbeit mit jungen Flüchtlingen ermögliche Kooperationen über die strukturellen Grenzen des Arbeitsfeldes hinaus, beispielsweise in den Bereichen Antirassismusarbeit, politische Bildung und Demokratieerziehung. Annette Klasing vom Bremer Lidice-Haus wies auf die politische Dimension der Arbeit mit Flüchtlingen hin und will sie als Standpunkt gegen Rechtsextremismus und Populismus verstanden wissen. Andere Teilnehmende wünschen sich in diesem Zusammenhang auch mehr Reflektion über die Außenwirkung rassistischer Proteste. Sie hätten in internationalen Medien zu einem negativen Deutschlandbild beigetragen, das in Projekten der Internationalen Jugendarbeit berücksichtigt werden müsse.

Inwiefern es für die Arbeit mit jungen Flüchtlingen einer besonderen Qualifizierung bedarf, blieb in der Diskussion offen. Während einige Teilnehmende auf die besonderen Herausforderungen der Arbeit mit traumatisierten jungen Menschen verwiesen, neigten andere zu der Auffassung, mögliche Probleme seien auch aus anderen Kontexten bekannt. Claudia Mierzowski, Koordinatorin von JiVE bei IJAB, wünschte sich jedenfalls eine Unterstützung und nötigenfalls Qualifizierung der Träger für die anstehenden Aufgaben.

„Internationale Jugendarbeit at home“

Was für Anregungen geben die Teilnehmenden des Fachkolloquiums der jugendpolitischen Initiative JiVE mit auf ihren zukünftigen Weg? Viele empfahlen die Erweiterung des Aktionsradius um neue Partner, die bereits jetzt in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind. Deutlich wurde auch, dass der Erfahrungsschatz Internationaler Jugendarbeit nicht zwingend an Mobilität geknüpft sein muss: sie verfügt über ein breites Repertoire von Methoden, das in die Flüchtlingsarbeit eingehen kann. Ein Teilnehmer prägte dafür den Begriff „Internationale Jugendarbeit at home“. Gerade in die Qualifizierung von Trägern außerhalb des eigentlichen Handlungsfeldes Internationale Jugendarbeit sollte dieser Erfahrungsschatz Eingang finden. Eine Aufgabe, die JiVE in 2016 angehen wird.



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