Verena Münsberg

JiVE hat Drive

„Gemeinsam.International.Teilhabe junger Menschen ermöglichen“ – unter diesem Motto stand die Auswertungstagung zum Projekt „JiVE. Jugendarbeit international – Vielfalt erleben“ am 14. und 15. November 2010 in Bonn.

BildImage: Fotostudio Heupel (Bonn)

Rund 85 Teilnehmende aus neun Ländern blickten dabei auf drei Jahre erfolgreicher Projektarbeit zurück und diskutierten, wie sich JiVE in Zukunft in der Praxis weiterentwickeln lässt. Bei aller Unterschiedlichkeit - in einem Punkt waren sich alle einig: JiVE hat Drive!

Als wichtigen Meilenstein für JiVE bezeichnete Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, in ihrer Eröffnungsrede die Tagung. „Unser Ziel war es, junge Menschen mit Migrationshintergrund für den internationalen Austausch zu gewinnen und zu begeistern. Und basierend auf diesen Erfahrungen den Blick gleichfalls in die Zukunft zu richten“, führte sie aus und beschrieb damit gleich zu Beginn ein wesentliches Anliegen: Nach dreijähriger Pilotphase hatten IJAB und JUGEND für Europa zur Auswertungs- und Valorisierungstagung eingeladen, um JiVE inhaltlich weiterzuentwickeln und die begonnene Netzwerkarbeit zu verstetigen.

Wissenschaftliche Auswertung als Basis

Eine wichtige Grundlage hierfür bildeten die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung durch Prof. Andreas Thimmel. Thimmel, Professor für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Köln mit Schwerpunkt Internationale Jugendarbeit, hatte dabei mit seinem Team die drei Teilprojekte von JiVE – Internationale Jugendbegegnungen/Interkulturell on Tour, Fachkräfteaustausch und Europäischer Freiwilligendienst – umfassend begleitet. „Das bedeutet, dass wir sehr intensiv mit den Akteuren zusammengearbeitet und auch mitten im Prozess die Ergebnisse zurückgespielt haben. So konnten die Beteiligten bereits mit den Zwischenergebnissen arbeiten“, stellte Thimmel heraus. Dem Projekt bescheinigt Thimmel gute Erfolge: „Wir konnten in allen Teilprojekten und unterschiedlichen Formaten große Lerneffekte nachweisen.“

JiVE – nachweislich erfolgreich

Insbesondere die internationalen Jugendbegegnungen haben jungen Menschen mit Migrationshintergrund ermöglicht, sich mit Deutschland als Heimat positiv auseinanderzusetzen. Umgekehrt seien auch deutsche Jugendliche dafür sensibilisiert worden, welchen Beitrag sie zur Integration leisteten. Der Fachkräfteaustausch sei als Feld der Fort- und Weiterbildung der sozialen Arbeit etabliert. „Wir konnten feststellen, wie wertvoll die trägerübergreifende Organisation und Durchführung eines solchen binationalen Fachkräfteaustauschs ist, wie wichtig die Länderexpertise und die langfristige Pflege des ausländischen Partners sind“, so Thimmel. Dem Europäischen Freiwilligendienst bescheinigte der Wissenschaftler ein besonderes Entwicklungs- und Orientierungspotential. „Er eröffnet den Jugendlichen sowohl personale als auch soziale Entwicklungsräume.“

Stark im „Tandem“

Die guten wissenschaftlichen Ergebnisse wurden auch in der Praxis bestätigt. In insgesamt vier Fachkolloquien analysierten und diskutierten Fachkräfte und Projektbeteiligte am ersten Veranstaltungstag ihre Erfahrungen aus dem Projekt JiVE. Themen waren der Mehrwert internationaler Jugendarbeit als non-formales Bildungsangebot, die interkulturelle Öffnung, die Einbeziehung Jugendlicher mit Migrationshintergrund sowie die internationale Netzwerkarbeit und Kooperation. Dabei wurden insbesondere die Coaching- und Beratungsangebote von JiVE gelobt und der „Tandemansatz“ hervorgehoben, in dem kleinere Träger mit etablierten Trägern zusammenarbeiten. „Das ist ein großer Gewinn, da viele Migrantenorganisationen relativ jung sind und auf ehrenamtlichen Strukturen aufbauen“, betonte Mehmet Ata von der DIDF-Jugend und Moderator eines Fachforums. „Wenn JiVE dazu beiträgt, dass sie von größeren Trägern lernen und die Strukturen sich festigen, ist das sehr wertvoll.“ Hervorgehoben wurden weiterhin die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit von Jugendsozialarbeit und internationaler Jugendarbeit sowie eine stärkere Implementierung der internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene.
JiVE hat darüber hinaus die Potenziale der internationalen Jugendarbeit in ihrer Gesamtheit sichtbar gemacht – jenseits der Grenzen einzelner Formate. Diesen fachlichen Zusammenhang zwischen internationalen Jugendbegegnungen, bilateralem Fachkräfteaustausch und Europäischem Freiwilligendienst aufzuzeigen, ist ein wichtiges Ergebnis des Projekts.

JiVE 2011 - 2013 mit drei Teilinitiativen

Genau diesen Aspekten soll mit der Weiterentwicklung von JiVE Rechnung getragen werden, wie Anneke Schlummer, IJAB, und Christof Kriege, JUGEND für Europa, am zweiten Veranstaltungstag ausführten. Drei Hauptziele definierten sie für die Fortführung von JiVE: Neben einer stärkeren Beteiligung von benachteiligten jungen Menschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und der Förderung von Chancengleichheit sei die Schaffung nachhaltiger Verbindungen zwischen internationaler Jugendarbeit einerseits und Jugendsozialarbeit, Migrantenselbstorganisationen und Vereinen junger Migrantinnen und Migranten sowie kommunaler Jugendhilfe andererseits von Nöten.

Erreicht werden sollen diese Ziele durch Teilinitiativen:
1) „Kommune goes international“ - Stärkung der internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene
2) Festigung und Weiterentwicklung der Kooperation von Migrantenselbstorganisationen/Vereinen junger Migrantinnen und Migranten und Trägern der internationalen Jugendarbeit
3) Fachdiskussion Integration und Diversity-Ansatz

Wie diese in der Praxis umgesetzt werden könnten, diskutierten die Fachkräfte im Anschluss in Workshops.

Zusammenarbeit mit den Kommunen stärken

Die kommunalen Spitzenverbände stärker als Partner zu adressieren – darin sehen die Akteure eine Möglichkeit, die internationale Jugendarbeit in den Kommunen wieder stärker zu verankern. Dies sei zwingend notwendig, denn dadurch könnten junge Migrantinnen und Migranten, aber auch sozial benachteiligte Jugendliche besser erreicht werden. Dr. Herbert Wiedermann vom Landesjugendamt Hamburg und Referent im Workshop „Internationale Jugendarbeit und kommunale Jugendhilfe“ sieht in der engen Verzahnung in erster Linie eine Chance für die Kommunen selbst. „Eine Kommune, die sich in Europa oder einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig aufstellen will, braucht internationale Jugendarbeit zwingend“, so Wiedermann. „Wir brauchen Kinder und Jugendliche, die in der Lage sind, sich in dieser globalen Welt zu bewegen“. Die Workshopteilnehmer regten weiterhin an, die Kooperation mit Unternehmen vor Ort zu verstärken. Wichtig ist hier die Jugendhilfe vor Ort in ihrer Gesamtheit in den Blick zu nehmen und mit den verschiedenen Akteuren zusammenarbeiten.

Erfolgsfaktor „Vernetzung“

Den Blick auf die Gemeinsamkeiten richten – das ist das Erfolgsrezept für die „Nationale und internationale Vernetzung relevanter Akteure“, die gleichzeitig Thema eines weiteren Workshops war. „Vernetzt arbeiten heißt gemeinsam arbeiten“, so der Tenor der Gruppe. Das setze allerdings eine kritische Selbstreflexion voraus. Träger und Verbände müssten ihre Potenziale darstellen können, sich gleichzeitig aber die eigenen Grenzen bewusst machen: „Was kann ich gut, was weniger?“ Auch sei neben der persönlichen Ebene der Zusammenarbeit die strukturelle Absicherung wichtige Voraussetzung. „Sonst heißt es am Ende: Leute weg – Kooperation futsch“, so ein Teilnehmer.

Internationale Jugendarbeit schafft Lernanlässe

Wie kann die internationale Jugendarbeit in die pädagogische Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen eingebettet werden? Damit beschäftigte sich eine weitere Workshop-Gruppe und betonte die notwendige Zusammenarbeit mit der Jugendsozialarbeit. Internationale Jugendarbeit biete zwar vielfältige, ganzheitliche und stärkende Lernanlässe für Benachteiligte, müsse aber dabei aber unbedingt anschlussfähig an unterschiedliche sozialarbeiterische Settings sein. „Wir brauchen eine lebensweltorientierte Beteiligung – Jugendliche sind gleichsam Partner und Akteure“, so Moderator Manfred von Hebel, JUGEND für Europa. Grundvoraussetzung sei hierfür eine größer Flexibilität in der Programmgestaltung hinsichtlich Zeit, Finanzierung und Personal.

Empowerment durch Diversity

Ein weiterer Workshop nahm benachteiligte Jugendliche in den Blick, diesmal jedoch unter dem Blickwinkel von „Diversity und Empowerment“. Diversitätsorientierte Jugendarbeit, so der Tenor, kann dabei helfen, Diskriminierung aufzuheben. Die Referentin Anne Sophie Winkelmann erklärte: „Dem diversitätsbewussten Ansatz geht es darum, der Komplexität der Begegnungssituation gerecht zu werden und den Blick auf Kultur sowie auf andere möglicherweise in der konkreten Situation relevante Differenzlinien und Zugehörigkeiten zu erweitern. Dabei ist die Möglichkeit zur Selbstdefinition und die Bewusstmachung der herrschenden Machtverhältnisse und ihrer Mechanismen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Empowerment.“ Implementiert werden kann dieser Ansatz in der internationalen Jugendarbeit durch die gemeinsame Teamerausbildung mit dem ausländischen Partner und die Schaffung von Räumen für Identitätsarbeit mit Jugendlichen im Rahmen der internationalen Begegnungen.

JiVE als Marke etabliert

Lob gab es zum Abschluss vom Förderer: „JiVE ist zu einem Markennamen geworden – nicht nur, dass er auf die internationale Jugendarbeit verweist, sondern darüber hinaus auf die Bedeutung von Vielfalt und Differenz“, sagte Albert Klein-Reinhardt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Mit Blick auf die Zukunft ist sich Klein-Reinhardt sicher: „Mit JiVE kann sich eine jugend- und gesellschaftspolitische Initiative entwickeln, die sich für Bildung, Teilhabe und Integration von benachteiligten jungen Menschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einsetzt und damit auf die Förderung von Chancengleichheit zielt.“

Gute Argumente also für die Fortführung. Und das Fazit der Akteure? „JiVE hat eine Vision“, so ein begeisterter Teilnehmer. Und aus Sicht eines Vertreter einer Migrantenselbstorganisation heißt das: „Mit JiVE können wir aus der Mitte heraus selbst entscheiden, selbst definieren, was wichtig ist, was gemacht werden muss und was nicht. Ohne JiVE können wir das nicht.“

Über JiVE 2011-2013

Aus dem Projekt JiVE (2008-2010) hat sich eine gesellschaftspolitische Initiative entwickelt, die sich für die Integration benachteiligter Jugendlicher und jugendlicher Migrantinnen und Migranten einsetzt. Das Projekt startet nun in die zweite Phase (2011-2013).
Hauptziele:
1. Mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund für die Angebote der internationalen Jugendarbeit gewinnen.
2. Netzwerk zwischen internationaler Jugendarbeit mit Trägern der Jugendsozialarbeit, Migrantenselbstorganisationen, Vereine Jugendlicher mit Migrationshintergrund, Kommunen u.s.w. erweitern.
3. Chancengleichheit für benachteiligte Jugendliche und junge Menschen mit Migrationshintergrund fördern.

JiVE 2011 – 2013 wird in drei Teilinitiativen praktisch umgesetzt:
1. „Kommune goes international“: U.a.Stärkung der internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene, Qualifizierung von Fachkräften vor Ort, Vernetzung mit Jugendsozialarbeit/ Jugendmigrationsdiensten.
2. Festigung und Weiterentwicklung der Kooperation von Migrantenselbstorganisationen/Vereinen junger Migrantinnen und Migranten und Trägern der internationalen Jugendarbeit: u.a. Ausbau und Stärkung des vorhandenen Netzwerkes, Qualifizierung von Fachkräften von MSO/VJM als neue Zielgruppen der internationalen Jugendarbeit.
3. Fachdiskussion Integration und Diversitätsbewusste-Ansätze: u.a. Fachlicher Austausch über Konzepte von Integration und Diversität sowie zum Empowerment, Trainings zu diversitätsorientierter internationaler Jugendarbeit.

JiVE. Jugendarbeit international – Vielfalt erleben wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und aus Mitteln des EU-Programms JUGEND IN AKTION. Träger sind IJAB und JUGEND für Europa.

Weitere Informationen unter www.jive-international.de

Text: Christina Marx (crossrelations)



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