Marco Heuer

Migration in Kassel – Spurensuche einer internationalen Jugendbegegnung

Woher kommen Zuwanderer? Welche Gründe führen zu Ab- und Zuwanderung und welche Sehnsüchte und Ängste sind damit verbunden? Mit solchen und vielen weiteren Fragen haben sich 60 junge Europäerinnen und Europäer während einer internationalen Jugendbegegnung in Kassel beschäftigt, für deren Organisatoren die JiVE-Teilinitiative "Kommune goes International" der Anstoß war. Marco Heuer hat sich die Annäherung an das Thema einen Tag lang angeschaut – bei einem Stadtspaziergang durch Kassel.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des internationalen Tanz- und Theaterprojekts in Kassel
Voller Elan: die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des internationalen Tanz- und Theaterprojekts in Kassel BildImage: Phileas Schönberg

Es ist sommerlich warm an diesem Freitagvormittag im August. Vor dem Stadtmuseum Kassel trifft sich eine junge internationale Gruppe zu einem Spaziergang der besonderen Art. Migration heute, lautet das Thema. Niemand hat eine Ahnung, was ihn in den nächsten zweieinhalb Stunden erwartet. Roma aus Istanbul sind dabei, Jugendliche mit Migrationshintergrund aus Polen und England, aber auch Denisa und Germo. Studenten, die in den Ferien freiwillig der Frage nachgehen, wie das mit der Migration in Deutschland denn nun wirklich läuft. Die 21-jährige Rumänin aus Cluj und der 23-jährige Este aus Pärnu haben sich bewusst für Kassel entschieden. Zum Thema Migration wollen beide in den nächsten eineinhalb Wochen arbeiten – die eine in einem Theaterworkshop, der andere in einem Tanzprojekt. Wieder andere haben sich für Hip Hop und Rap entschieden. Am Ende aber wollen sie eine gemeinsame Aufführung für ein unbekanntes Kasseler Publikum stemmen, ihre „Migration Stories“ erzählen, so wie sie sie für richtig halten, so wie sie sie erleben. 60 junge Menschen aus neun verschiedenen Ländern.

Migration macht neugierig

„Warum kommen überhaupt noch so viele Türken nach Deutschland, wenn die Neonazis schon so viele ihrer Landsleute ermordet haben“, fragt Germo. Die Frage ist nicht provokativ gemeint, eher neugierig, mit Unverständnis gemischt. Wohl auch, weil Migration in Estland bislang keine Rolle spielt. Doch schnelle Antworten will Ayșe Güleç, eine Deutsche mit türkischen Wurzeln, nicht geben. Die Pädagogin vom Kulturzentrum Schlachthof hat sich den Stadtspaziergang ausgedacht. „Migration ist immer auch ein Prozess von Transformation. Also haltet die Augen auf“, sagt Ayșe und gibt die Richtung vor. Vom jüdischen Aschrott-Brunnen, der im April 1939 von den Nazis zerstört und 1987 als Mahnmal neu errichtet wurde, geht es zu einer Sprachschule am Stern, dem Migrantenviertel von Kassel schlechthin. Deutsch- und Integrationskurse werden hier angeboten. Ali Dogan ist der Mann, der sich um alles kümmert. Als Dozent verdient er sein Geld, bei Wohnungssuche und Behördengängen seiner ausländischen Schüler hilft er ehrenamtlich mit. Germo ist beeindruckt von der Vielzahl der Aktivitäten im Haus. Der junge Este stellt Fragen. Viele Fragen. Von allen Teilnehmenden die meisten. Zuwanderungsgesetz, ein Integrationstest für Ausländer mit Fragen, die nicht mal Deutsche beantworten können – all das ist für ihn Neuland. Hier, in einer Stadt mit 40 Prozent Migrationsanteil und mehr als 150 Nationalitäten. „Man muss die Möglichkeiten im System kennen, sonst kann man sie nicht nutzen“, sagt Ayșe knapp. Der Trupp setzt sich wieder in Bewegung. Nächste Station: die Änderungsschneiderei von Osman Kocabay. „25 Jahre Betriebsjubiläum“, steht auf einer Plakette im Schaufenster. „Ich mag so was sehen“, freut sich Ayșe. Osman ist für sie das Paradebeispiel für gelungene Integration. Ob er sich in der Türkei nicht wohler fühlen würde, will Rumänin Denisa wissen. „Ich nicht“, sagt Osman, „aber meine Eltern wollten 1984 wieder zurück nach Istanbul. Sie kamen dort finanziell aber nicht mehr auf die Beine. Nach sechs Jahren sind sie zurück nach Kassel.“

Anstoß durch "Kommune goes International"

Im Kulturhaus Dock 4 feilt Karl-Heinz Stark derweil an den letzten Details des Seminarkonzepts für die nächsten Tage. Er ist Projektkoordinator für Internationale Jugendbegegnungen beim Kommunalen Jugendbildungswerk Kassel. Gerade diese Jugendbegegnung liegt ihm besonders am Herzen. Den Kooperationspartnern – Kulturzentrum Schlachthof und KulturNetz Kassel e.V. – geht es da nicht anders. „Wir haben in Kassel – nicht zuletzt dank unseres guten Netzwerks – schon viele internationale Projekte auf die Beine gestellt. "Kommune goes International" aber war der Anstoß, der uns noch mal richtig viel Schub gegeben hat“, versichert Stark und spricht von einer großen Herausforderung. „Wenn Du in einer international gemischten Gruppe mit ganz unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen Szenen, Choreografien und Texte einstudieren willst, ist das kein Selbstläufer. Zum Glück stehen uns in allen künstlerischen Workshops professionelle Tänzer und Theatermacher zur Seite.“ Stark hat hart dafür gearbeitet, dass am Ende wirklich alle neun Länder dabei sein konnten. „Die türkischen Jugendlichen bekamen ihre Visa erst einen Tag vor der Reise ausgestellt. Die Behörden hatten Angst, dass die arbeitslosen Roma in Deutschland bleiben würden“, erzählt der Projektkoordinator noch immer kopfschüttelnd, „glücklicherweise konnten wir am Ende das deutsche Konsulat in Istanbul für uns gewinnen“.

Sensibilisierung für die Nachbarschaft

Denisa und Germo sind auf ihrem Spaziergang in der Holländischen Straße 82 angekommen. Vor einem Gemischtwarenladen bleiben sie stehen. „Hier ist es passiert“, sagt Stadtführerin Ayșe. „Hier wurde der Türke Halit Yozgat am 6. April 2006 von Neonazis erschossen. Früher gab es dort ein Internetcafé.“ NSU – davon hat kaum einer der ausländischen Teilnehmer bislang gehört. Mit Neonazis aber können alle etwas anfangen. Sie sind schockiert. So mancher hier ist älter als Yozgat wurde. „21, genau so alt wie ich“, murmelt dagegen Denisa und schweigt. Sie ist nicht die einzige.

Geschichten erzählen und dokumentieren

Am Abend zuvor in der großen Halle von Dock 4. Die jungen Europäer tauschen ihre Migrationserfahrungen aus, malen Pfeile auf eine große Weltkarte und spinnen – im buchstäblichen Sinne – Netze über Kontinente hinweg. Da berichtet der deutsche Jugendliche von seinen Urgroßeltern, die vor 150 Jahren aufgrund der damaligen Arbeitslosigkeit nach Russland ausgewandert waren. Und von seinen Eltern, die vor 20 Jahren aus dem gleichen Grund nach Deutschland eingewandert sind. Da schildert eine junge Frau, die schon viele Jahre in Italien lebt, ihren verzweifelten Versuch, von den Behörden zu Hause endlich einen italienischen Pass zu bekommen. Als Kind war sie aus dem Iran eingewandert. Doch den italienischen Pass bekommt sie nicht. Karl-Heinz Stark hört sich alle ihre Geschichten an. „Wir wollen von- und miteinander lernen“, sagt er. „Wir wollen mit unseren künstlerischen Workshops Ein- und Auswanderung emotional erlebbar machen.“

Mehrwert durch Migration

Mittagspause in der Kasseler Uni-Mensa. Verschnaufen, austauschen. Auch Germo und Denisa kommen ins Gespräch. „Ich hätte nicht gedacht, welche Rolle Migration in Kassel spielt“, sagt Germo. „Ohne die ausländischen Zuwanderer könnte nach 22 Uhr doch niemand mehr in der Stadt essen gehen. Und ein Taxi bekäme man sicherlich auch nicht mehr so leicht.“ Denisa stimmt zu. „Und ich hätte nicht geglaubt, dass in einer Stadt wie Kassel gerade die Migranten für so viel gute Stimmung sorgen. Dass das Miteinander mit den Deutschen im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert, freut mich besonders.“

Am Nachmittag sitzen Germo und Denisa das erste Mal in ihren Workshops. Germo wird die nächsten Tage an einem Tanzprojekt arbeiten, Denisa sich als Schauspielerin ausprobieren – zusammen mit den Jugendlichen aus den anderen sieben Ländern. Viel Freizeit werden sie nicht haben. „Das wusste ich aber vorher“, sagt Germo und macht diese Handbewegung, die unmissverständlich deutlich macht: alles gar kein Problem. Denn – darin sind sich die Teilnehmenden dieser Jugendbegegnung einig – ein internationales Tanz- und Theaterprojekt mache nun mal so viel Spaß, da sei die Freizeit eben Teil der Arbeit.



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